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Ausgabe 3/12


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Tätergedenken im Vulkanland

Lokalaugenschein in Feldbach (Steiermark), wo auch heute noch Gedenkfeiern für Wehrmachtseinheiten stattfinden und PolitikerInnen, wie auch Angehörige des Bundesheeres, daran teilnehmen

 

In der österreichischen Zeitgeschichtsforschung haben bereits eine Handvoll Personen, ausgehend von Kriegerdenkmälern und lokaler Thematisierung von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg, österreichische Vergangenheitspolitik herausgearbeitet. Ob sich seit der Arbeit von Sieglinde Rosenberger und Reinhold Gärntner über Kriegerdenkmäler 19911 mancherorts etwas an der Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg, auf ‚Pflicht‘ und ‚Heldentum‘, geändert hat, vermögen wir nicht zu sagen. Auf Basis eines konkreten regionalen Falls müssen wir aber zum Schluss kommen, dass das Meiste unverändert, und manches noch viel erschreckender als erwartet ist. Als Beispiel dient uns Feldbach, eine südoststeirische Stadt im gleichnamigen Bezirk, der seit dem kürzlich unternommenen Versuch, mit dem Nachbarbezirk zum Bezirk „Vulkanland“ zusammengelegt zu werden, einen kurzen Aufmerksamkeits-Schub erfahren hat.

 

„Täglich fuhr der Zug mit den Stellungsarbeitern um 6:30 Uhr vom Bahnhof Feldbach ab.“2

 

Mit dem Zusammenbruch der Ostfront wurde in Ostösterreich mit dem Bau der‚Reichsschutzstellung‘ vulgo ‚Südostwall‘/‚Ostwall‘ begonnen. Zum Zweck des Anlegens von Panzer- und Schützengräben wurden ZivilistInnen und kriegsgefangene Soldaten herangezogen, dazu mehrere Tausend ungarische Jüdinnen und Juden.3 Feldbach nahm dabei eine zentrale Funktion ein: hier befanden sich die Bauleitung eines Abschnitts, Dienststellen der für den Bau zuständigen ‚Organisation Todt‘, ein Kasernen- und Lagerkomplex der Waffen-SS und ein wichtiger Bahnhof für den Transport der Arbeitskräfte.4 Nach dem Baubeginn an der ‚Reichsschutzstellung‘ wurde spätestens Anfang 1945 eine größere Zahl jüdischer ZwangsarbeiterInnen in Feldbach untergebracht: ein Teil kam in das aufgelassene Kloster, die Mehrheit kam in einen eigenen Bereich des SS-Lagers. Es lassen sich eine Vielzahl Übergriffe, Erschießungen und Massaker in der Gegend belegen – alleine die lange Liste der bekannten Massengräber spricht für sich.5 Am 25. März 1945 kam eine größere Zahl Gefangener direkt in Feldbach zu Tode; diese befanden sich in Eisenbahnwaggons, während der Bahnhof von alliierten Fliegern angegriffen wurde. Der Angriff forderte einige Tote, vor allem aber Verletzte. Die überlebenden jüdischen Zwangsarbeiter mussten die Verletzten und Toten auf einen LKW laden, wurden zum Mühldorfer ‚Judenfriedhof‘ gebracht und alle dort ermordet. Das „Drama vom Bahnhof“ stellt sich in der Dorfgeschichte hingegen anders dar. An den Toten dieses Angriffs hätten klarerweise die Alliierten Schuld, andere Tote hätte es nicht gegeben. Einer Lokalchronik ist zu entnehmen: „Das grauenhafte Blutbad bei der Beschießung des ‚Judenzuges‘ durch den Tieffliegerangriff der Amerikaner im Bahnhof von Feldbach ist für mich persönlich ein unvergeßliches Ereignis. Es gab viele Tote, zahlreiche Verletzte, schreckliches Angstgeschrei, durchlochte und blutbespritzte Waggons.“6 Dass die meisten Toten dieses Tages von örtlichen Nazis und der SS erschossen wurden, kommt in dieser Geschichte nicht vor.7

 

„Die Maschinenpistole als Serum gegen Flecktyphus“8

 

Die Zeitgeschichtsforschung hat in den letzten Jahren zahlreiche Massaker in der Südoststeiermark herausarbeiten können.9 Sehr oft handelt es sich dabei um die Ermordung von aufgrund katastrophaler hygienischer Bedingungen erkrankten ZwangsarbeiterInnen. So etwa am 13. Februar 1945, als 41 erkrankte jüdische Zwangsarbeiter von „einem SS-Kommando aus Feldbach“ in der Nähe von St. Anna am Aigen ermordet wurden.10 Die Erschießungen wurden teils von örtlichen Parteifunktionären, vor allem aber von Verbänden der Waffen-SS durchgeführt. Die Nicht-Kranken wurden ab Ende März 1945 auf Todesmärsche Richtung Mauthausen getrieben, wobei es hier erneut zu systematischen Erschießungen von Gefangenen kam.11

 

Fragwürdiges ‚Helden‘-Gedenken

 

Mehrere steinerne Erinnerungszeichen in Feldbach symbolisieren die tradierte Lokalgeschichtsschreibung. In Feldbach-Gniebing befindet sich ein Denkmal für Fallschirmjäger, einer Spezialeinheit der Wehrmacht. Zunächst erinnert dieses Denkmal an die Eroberung Kretas im Mai 1941 durch bayrische und österreichische Fallschirmjäger und Gebirgsjäger unter der Leitung des österreichischen Generals Alexander Löhr. Schon bei der Eroberung wandten die Besatzer extrem brutale Mittel an, dem folgte der berüchtigte Befehl Kurt Students: „Als Vergeltungsmaßnahmen kommen in Frage: 1.) Erschiessungen 2.) Kontributionen 3.) Niederbrennen von Ortschaften […] 4.) Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete.“12 Diese Kriegsverbrechen stellten einen Vorgriff auf den später folgenden Einsatz gegen ‚Banden‘ am Balkan und in Kärnten/Koroška dar. Der zweite Bezug, den das Denkmal und die jährlich stattfindenden Feiern behandeln, stellt die Rückeroberung der bereits von den Alliierten befreiten Stadt Feldbach durch Wehrmacht und (Waffen-)SS im April 1945 dar. Diese war für das ‚Dritte Reich‘ eine propagandistische Erfolgsmeldung zu einem Zeitpunkt, zu dem etwa Wien gerade befreit worden war. Am Denkmal selbst steht geschrieben: „Hier kämpften und fielen in den ersten Apriltagen des Schicksalsjahres 1945 deutsche Fallschirmjäger. Getreu ihrem Eid und Gehorsam der beschworenen Pflicht.“ Und in der Einladung eines bundesheernahen Vereins13 zur Feier ist zu lesen: „Galt es doch […] den Vorstoß der Roten Armee in das Raabtal zu stoppen und damit die vielen Flüchtlinge, Verwundeten und zurückflutenden Heeresverbände vor einer Katastrophe zu bewahren. Der heldenhafte Einsatz der Fallschirmjägertruppe bei der Rückeroberung Feldbachs in der Osterwoche 1945 war daher für die Überlebenden ehrende Verpflichtung, ihren gefallenen Kameraden eine würdige Erinnerungsstätte zu schaffen.“ Mit der gleichen historischen Begründung – Schutz der nach Oberösterreich Fliehenden – lädt auch die Stadt Feldbach zur Feier.14 Nur wer floh da, den es zu schützen galt? Zum einen die aus dem Balkan zurückströmenden Verbände der Wehrmacht und der SS, die versuchten, von den Westalliierten statt von der Roten Armee gefangen genommen zu werden. Und, zum anderen, die Todesmärsche aus den vielen Außenlagern des KZ-Mauthausen und weiterer Stätten von Zwangsarbeit: Ab März 1945 wurden die beim ‚Ostwall‘-Bau zwangsarbeitenden Gefangenen auf Todesmärsche Richtung Oberösterreich getrieben, die nicht mehr marschfähigen ArbeiterInnen wurden dabei von den Wachmannschaften ermordet. Eines der größten Massaker fand am Präbichl, nahe Graz, statt, bei dem rund 200 Menschen eines Todesmarschs erschossen wurden.15 Nicht nur feiern GemeindevertreterInnen, Veteranenverbände und Bundesheer hier also eine militärische Operation, die sich klar gegen die Befreiung Österreichs richtete. Vielmehr noch wird dabei auch ausgeklammert, dass diese sowohl den Rückzug von Wehrmacht und SS als auch die Todesmärsche deckte und möglich machte. Der oben zitierte „heldenhafte Einsatz der Fallschirmjägertruppe“ verlängerte das NS-Regime für einen ganzen Landstrich um mehrere Wochen: bis zum 8. Mai 1945.

 

Damit nicht genug, denn in der Stadt Feldbach befinden sich noch weitere Denkmäler: An gleich drei Stellen wird etwa einer 1943 gegründeten Freiwilligen-SS-Einheit gedacht, die 1945 im Raum Feldbach aktiv war. Diese wurde als ‚14. SS-Freiwilligen-Division Galizien‘ aufgestellt, mehrmals umbenannt, zuletzt am 25. April 1945 in ‚1. Ukrainische Division der Ukrainischen National-Armee‘. Sie trug diesen Verbandsnamen nur bis zum 8. Mai, also lediglich vierzehn Tage. Diese Bezeichnung macht das Gedenken an diese Einheit unverdächtig, die Verbandsbezeichnung schmückt die Gedenksteine, sodass auch Bürgermeister, Nationalratsabgeordnete und Bundesheer-Verbände an den Kameradschaftsfeiern getrost teilnehmen können: Zwei der Gedenksteine befinden sich am Feldbacher Pfarrplatz und in der nahen Gedenkkapelle, ein dritter am Mühldorfer Friedhof. Gleichzeitig gibt es zur ehemaligen Waffen-SS-Kaserne in der Stadt keinerlei Aufarbeitung und auch die zahlreichen Massaker in und um Feldbach, beziehungsweise durch Feldbacher Verbände, finden keinerlei Erwähnung.

 

Man muss also zum Schluss kommen, dass sich die von Veteranen-Verbänden geprägte Sicht auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg auf allen Ebenen durchgesetzt hat. Nicht nur die vielen steinernen Denkmäler zeugen davon, sondern auch die unhinterfragte Reproduktion durch Institutionen der Zweiten Republik: Das Bundesheer nutzt diese jährliche Gedenkfeier verunglückten Rekruten zu gedenken – die Anwesenheit von Ritterkreuzträgern stellt dabei genauso wenig einen Widerspruch dar wie die Tatsache, dass das Denkmal „deutschen Fallschirmjägern“ gewidmet ist. Eine Abgeordnete zum Nationalrat beehrte die ‚Kreta-Feier‘ mit ihrer Anwesenheit ohne daran Anstoß zu nehmen, dass neben ihr die Veteranen-Organisation der Waffen-SS ‚Kameradschaft IV‘ stand.16 Auch die Stadt Feldbach präsentiert dieses Geschichtsbild auf ihrer Webseite.17 Die positive Bezugnahme einer Gebietskörperschaft auf Operationen der Wehrmacht und der SS, die darüber hinaus die Befreiung Österreichs um Wochen zurückwarf, stellt faktisch einen vergangenheitspolitischen Skandal dar. Da die Gedenksituation – um mit Rosenberger/Gärtner auch zu schließen – in den meisten österreichischen Dörfern wie auch die zentrale Gedenkstätte der Republik im Burgtor des Wiener Heldenplatzes dem gleichen,18 ist Empörung nicht wirklich zu erwarten.

 

Gerhard Roth beschäftigte sich ausführlich mit der Südoststeiermark und kam 1990 zum Schluss: „Nicht wenige Österreicher sagen heute: ‚Wir haben den Krieg verloren‘, und identifizieren sich damit nachträglich mit den Nazis. Daß Österreich den Krieg gewonnen hat, in dem die Nazis ihn verloren, ist nicht allgemeines Gut.“ Franz Vranitzkys Schuldeingeständnis, die Erosion der Opferthese oder die gesetzliche Anerkennung der meisten Opfergruppen, haben im lokalen Gedächtnis keinerlei Spuren hinterlassen. Die erwähnte „ehrende Verpflichtung, […] gefallenen Kameraden“ auf ewig ein Andenken zu bereiten, ist ungebrochen.

 

L. Berwald, M.N. Thaler (Pseudonyme)

haben beide Politikwissenschaft an der Universität Wien studiert; leben und arbeiten in Wien

 

1 Reinhold Gärnter/Sieglinde Rosenberger, Kriegerdenkmäler.Innsbruck 1991.
2 Rudolf Grasmug, Der Mann mit dem steifen Bein. Die NS-Zeit im Raum Feldbach und die Judenerschießung am 25. März 1945 am ‚Russenfriedhof‘ am Fuße des
Steinbergs, in: Wolfram Dornik/Rudolf Grasmug/Peter Wiesflecker, Hg., Projekt Hainfeld. Beiträge zur Geschichte von Schloss Hainfeld, der Familie
Hammer-Purgstall und der gesellschaftspolitischen Situation der Südoststeiermark im 19. und 20. Jahrhundert, Innsbruck/Wien 2010, 208-229, 208.
3 Eleonore Lappin-Eppel/Franz Josef Schober, Der Einsatz ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter im Stellungsbauabschnitt V Feldbach. Ein Überblick über
die derzeitige Forschungslage, in: Wolfram Dornik/Rudolf Grasmug/Peter Wiesflecker, Hg., Projekt Hainfeld. Beiträge zur Geschichte von Schloss
Hainfeld, der Familie Hammer-Purgstall und der gesellschaftspolitischen Situation der Südoststeiermark im 19. und 20. Jahrhundert, Innsbruck/Wien 2010, 174-207, 178.
4 Lappin-Eppel/Schober: Einsatz, 177, 198f.
5 Claudia Theune/Tina Walzer, Jüdische Friedhöfe. Kultstätte, Erinnerungsort, Denkmal, Wien u.a. 2011, 22-24.
6 Othmar Karrer/Johann Praßl, So war es 1945. 50 Jahre Kriegsende in der Südoststeiermark 1945- 1995, Schriften aus dem ‚Museum am Tabor‘ Feldbach,
Feldbach 1995, 65.
7 Lappin-Eppel/Schober: Einsatz, 199f; Grasmug: Mann, 208f.
8 Die Maschinenpistole als Serum gegen Flecktyphus in: Neue Steirische Zeitung, 12.8.1945. Zit. n. Lappin-Eppel/Schober: Einsatz, 184 (FN 51).
9 Lappin-Eppel/Schober: Einsatz; Grasmug: Mann; Eleonore Lappin-Eppel, Die Todesmärsche ungarischer Jüdinnen und Juden durch die Steiermark, in:
Heimo Halbrainer/Gerald Lamprecht/Ursula Mindler,Hg., NS-Herrschaft in der Steiermark, Wien u.a. 2012, 385-412.
10 Lappin-Eppel/Schober: Einsatz, 184.
11 Lappin-Eppel/Schober: Einsatz, 201, 181, 185, 191f., 196.
12 Marlen von Xylander, Die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Freiburg i. B. 1989, 32; Alexandra Marianne Stefan, Deutsche Kriegsverbrechen auf Kreta 1941-1945, unveröffentlichte phil. Diplomarbeit, Universität Wien 1999, 58f.
13 Die Feier wird von zwei Vereinen ausgerichtet, dem Militär Fallschirmspringer Verbund Ostarrichi und der Kameradschaft vom Edelweiß. Siehe dazu auch Falter 34/12, 9-11.
14 Vgl. Webseite der Stadt Feldbach (http://www.feldbach.at/index.php/aktuelles-a-neues/archiv/514-fallschirm2011, 05.09.2012); die Stadt Feldbach ist
auch im Besitz des Kreta-Denkmals und unterstützt die jährliche Feier.
15 Lappin-Eppel/Schober: Einsatz, 201.
16 In den Jahren 2007 bis 2012 waren Bundesheer-Angehörige anwesend, bis 2011 auch in Uniformoder Ausgangsuniform. 2011 hielt für den 2009 verunglückten Bundesheer-Angehörigen Patrick Wolf der damals frisch ernannte Kommandant des Aufklärungs- und Artilleriebataillons 7/AAB7 Oberst Klaus Jäger die Festansprache. An dieser Feier war auch die Nationalratsabgeordnete Sonja Steßl-Mühlbacher anwesend, ebenso mehrere Ritterkreuzträger, darunter Viktor Vitali und Max Zastrow, darüber hinaus der Bürgermeister von Gniebing-Weissenbach Manfred Promitzer, der Feldbacher Altbürgermeister Karl Deutschmann und der Feldbacher Vizebürgermeister Erwin Klobasa. Siehe Webseite der Kameradschaft vom Edelweiß
(vgl. http://www.kameradschaftedelweiss.at/seiten/ortsverbaende/feldbach/ berichte/ kameradengedenken/2011/bericht_kameradengedenken_2011.htm, 05.09.2012).
17 Vgl. Homepage der Stadt Feldbach (http://www.feldbach.at/index.php/aktuelles-a-neues/archiv/514-fallschirm2011, 05.09.2012)
18 Der Standard vom 04.02.2012, 35; M.N. Thaler,Das bessere Österreich..., in: Zur Kritik...001/2012, 26-32, abrufbar unter: http://www.d-day.mobi/?page_id=15