AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/12


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

vor.gelesen | rezensionen

Die Freiheit kam im Mai

Iakovos Kambanellis, Ephelant-Verlag, Wien 2010

 

Im Vorwort zur ersten Auflage dieses Buchs im Jahr 1963 schrieb Kambanellis: „Dies ist eine ‚wahre‘ Geschichte, wie ich sie wiedererlebte, in den Stunden, in denen ich alte Notizen wiedersah und versuchte, mich an sie zu ‚erinnern‘“ (S. 5). Der Autor und Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen verfasste sein Buch Mauthausen (Titel der griechischen Originalausgabe) erst zwanzig Jahre nach der Befreiung des Lagers. Dennoch hatte er sich bereits im Mai 1945 Notizen gemacht, weniger um eine Publikation vorzubereiten als die Langeweile im befreiten Mauthausen zu vertreiben. Und daher rührt der zitierte Satz des Vorworts, der als Leseanleitung verstanden werden kann. Denn Kambanellis schildert eindringlich, aber mit Distanz, Geschehnisse aus Mauthausen. Dabei legt er seinen Schwerpunkt auf die Tage der Befreiung und die Wochen danach, als die ehemaligen noch lebenden Häftlinge der Reise in die (neue) Heimat harrten. Diese Fokussierung entstand aus der politischen Situation heraus: „Nach der Ermordung Kennedys im November 1963 und nach Chruschtschows Fall, der wenig später folgte, stiegen die Spannungen des Kalten Krieges wieder an, dem Frieden ging es überhaupt nicht gut. Das war der Moment, in dem ich realisierte, dass ich das Bildnis der Nachkriegswelt in seiner unausgereiften Form gesehen hatte – im Sommer 1945, im Mikrokosmos des befreiten Mauthausen“ (S. 8). So erzählt Kambanellis episodenartig Geschichten aus dem Lagerleben, wobei sich Szenen aus der KZ-Haft und dem befreiten Mauthausen abwechseln und aufeinander Bezug nehmen. Er versucht dabei politische Meinungen in der Zeit der Haft und die Konstruktion von Identitäten nach der Befreiung zu beschreiben. Beim Lesen gewinnt man Einblicke in die moralische und politische Auffassung des Autors wie auch anderer Menschen, die ihm wichtig waren.

Kambanellis selbst wurde im Jahr 1943 als griechischer Widerstandskämpfer verhaftet und nach Mauthausen gebracht. Die Monate nach der Befreiung verbrachte er als Sprecher der Griechinnen und Griechen vor Ort. Durch diese Arbeit stieß er immer wieder, trotz aller Versuche Nationalität zu überwinden, auf unüberbrückbar scheinende Identitätsmerkmale. Durch zahlreiche Beispiele gewährt er Einblicke in Identitätsfragen und politische Meinungen im befreiten Mauthausen, welche von vielen Widersprüchen geprägt waren. So exemplifiziert er dies unter anderem an der Benennung der sich ständig ändernden Fußballteams, denn er verstand nicht, warum die ehemaligen Häftlinge Internationalität forderten, aber in kleinen Alltagsdingen, wie beim Zusammensetzen der Fußballteams, stets auf die Kategorie Nationalität zurückgriffen.

Kambanellis geht auch auf politische Auseinandersetzungen im ehemaligen Lager ein, wenn er zum Beispiel über handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Polen berichtet, die über die ideologische Ausrichtung ihres Landes (kommunistisch oder nicht?) stritten. Er zeigt inseinem Buch verschiedene Ansätze ehemaliger Häftlinge auf, wie sie mit der Vergangenheit, aber vor allem mit der Zukunft, umgingen oder auf sie zugingen.

Die Freiheit kam im Mai bietet nicht nur einen Einblick in Erlebnisse von Opfern des Nationalsozialismus, sondern regt auch zum Nachdenken über die Nachkriegswelt an. Es ist verwunderlich und umso erfreulicher, dass dieses Buch erst im Jahr 2010 auf Deutsch erschienen ist. Leider verstarb Iakovos Kambanellis nur ein Jahr danach.

 

Magdalena Neumüller

 

 

Wehrmachtsjustiz. Kontekt, Praxis, Nachwirkungen

Peter Pirker/Florian Wenninger (Hg.), Braumüller, Wien 2011

 

Im vorliegenden Sammelband wird vor dem Hintergrund aktueller Debatten rund um Wehrmachtsdeserteure versucht, neben einer breit gefächerten Thematisierung der historischen Aufarbeitung, auch politische Akzente zu setzen. In neunzehn Beiträgen werden biografische, regionale, rechtshistorische sowie politik-, erinnerungs- und geschlechtergeschichtliche Aspekte der Desertion und Militärjustiz als auch ihre Nachwirkungen in der Zweiten Republik durchleuchtet. Zunächst behandelt Ilse Reiter-Zatloukal die Entstehung der österreichischen und deutschen Militärjustiz als Sondergerichtsbarkeit und zeigt etwa auf, wie lange bereits in der Militärjustiz der Schutz von Disziplin, Gehorsam und ‚Manneszucht‘ gegenüber „Gerechtigkeitsdenken“ (S. 17) Vorrang hatte. Daran anknüpfend gibt Detlef Garbe einen Überblick darüber, wie die Wehrmachtsjustiz eine an diesem Zweck orientierte „Abschreckungsjustiz“ (S. 29) verfolgte, die aber eben keine Diskontinuität darstelle. Auf welchen rechtlichen Grundlagen die Ahndung ‚wehrkraftzersetzender Delikte‘ erfolgte, erörtert Wolfgang Form, der betont, dass es im NS-Regime „nicht ausschließlich um das Brechen eines Gesetzes, sondern ebenso um den Tätertyp einer Person, um einen angeborenen oder dauerhaft konditionierten Handlungshintergrund“ (S. 61) ging. Walter Manoschek bietet eine empirisch-statistische Darstellung der Strukturen der Wehrmachtsjustiz und ihrer Opfer. Biografische Beispiele für Militärjustizrichter behandeln Claudia Bade, Thomas Geldmacher und Thomas Riegler. Bade entkräftet dabei etwa apologetische Beteuerungen, wonach die Militärjustiz ein „politikferner Bereich des NS-Staates“ (S. 77) gewesen sei, Geldmacher veranschaulicht die Schwierigkeit, die Motivlagen der Richter zu rekonstruieren und Riegler blickt genauer auf die Verfolgung sogenannter ,Selbstverstümmler‘ in Wien. Eine weitere Regionalstudie verfasste Lisa Rettl, die sich mit den Rahmenbedingungen und Motiven der überdurchschnittlich hohen kärntner-slowenischen Desertionen beschäftigt.
Dem wichtigen Aspekt der Denunziation geht Ela Hornung nach. Einen interessanten Zugang eröffnen auch Magnus Koch und Maria Fritsche, die die Bedeutung tiefwurzelnder Männlichkeitsbilder beleuchten. Internationale und vergleichende Perspektiven bringen Michael Bryant und Gerard Oram ein, die sich mit der US-amerikanischen beziehungsweise britischen Militärjustiz auseinandersetzen. In beiden Fällen spielte öffentlicher Unmut über die enorme Diskrepanz zwischen zivilen und militärischen Prozessen eine Rolle und in den USA vor allem die Frage, ob in einer rechtsstaatlichen Demokratie „,scrupulous adherence to written laws‘ den ,laws of necessity, of self-preservation, of saving our country when in danger‘ weichen müsste“ (S.210), wie etwa der Zitierte (Thomas Jefferson), aber auch spätere US-Präsidenten meinten. Abschließend beschäftigt sich David Forster mit der lange Zeit vernachlässigten sozialrechtlichen Fürsorge und Entschädigung der Opfer der NS-Militärjustiz, Hannes Metzler beschreibt die politischen Hintergründe und Kontroversen rund um die Rehabilitation von Wehrmachtsdeserteuren in Österreich und Ulrich Baumann blickt auf ähnliche Debatten sowie die öffentliche Meinung zur Desertion in der BRD ab 1949. Heimo Halbrainer und Maria Wirth schließen dann mit der Frage des Umgangs mit der Wehrmachtsjustiz in der Steiermark nach 1945 und mit einer Analyse der Debatte, die Der Standard-Herausgeber Oscar Bronner mit einem Artikelzu NS-Richtern 1965 lostrat.

 

Insgesamt bietet der Sammelband einen breiten Überblick über den bisherigen Forschungsstand und über noch offene Fragen. Die zahlreichen Literaturverweise machen die unterschiedlichen Beiträge darüber hinaus zu einem guten Ausgangspunkt für weiter- und tiefergehende Recherchen.

 

Philipp Selim