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Ausgabe 4/12


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,Jüdische' Studierende im Nationalsozialismus - von Ausgrenzung und Vertreibung

Lebenswege vertriebener Medizinstudierender der Universität Wien

 

Die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) startete im Wintersemester 2012/13 das vergleichende Lehrprojekt Hochschulen in der NS-Zeit. Derzeit werden an zehn Universitäten Lehrveranstaltungen angeboten, in denen Studierende, von Lehrenden angeleitet, eine Publikation zur vergleichenden Universitätsgeschichte erarbeiteten.1 Die Veranstaltungen in Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien setzen inhaltlich weit vor dem März 1938 und der sogenannten ‚(Selbst-)Gleichschaltung‘ der österreichischen Universitäten an. Darüber hinaus wird den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermöglicht, den Blick über die Jahre 1938 bis 1945 hinaus auf die Universitätslandschaft und ihre Akteurinnen und Akteure in der Zweiten Republik zu richten.

Fragen nach der Bedeutung von Umbrüchen, Kontinuitäten und Traditionen sowie deren Auswirkungen stehen neben weiteren vergleichend zu bearbeitenden Themenkomplexen im Mittelpunkt des ÖH-Projekts. In den Lehrveranstaltungen geht es nicht zuletzt auch um die Frage nach dem Umgang mit der NS-Zeit nach Kriegsende: die Tatsache, dass Auseinandersetzung und Selbstreflexion erst spät einsetzten, wird aufgegriffen und nach den Erinnerungsformen der Institutionen und ihrer VertreterInnen nach 1945 soll gefragt werden. Insbesondere anhand von Einzelschicksalen lassen sich solche Forschungskomplexe bündeln und exemplarisch bearbeiten, beispielsweise anhand der Biografien von Rosl Ebner (geb. Rosa Marie Kraus) und Kurt Elias.

 

Universitätspolitik anno 1938: Antisemitismus, systematische Diskriminierung und Gewalt

 

Beide begannen ihr Studium im Austrofaschismus, einer Zeit der „gesinnungsstaatlichen Hochschulreform“2 mit Pflichtvorlesungen zur „weltanschaulichen und staatsbürgerlichen Erziehung“ und „über die ideellen und geschichtlichen Grundlagen des österreichischen Staates“.3 Sie inskribierten beide Medizin; zum Zeitpunkt des sogenannten ‚Anschlusses‘ studierte Ebner im siebten, Elias im zweiten Semester. Die kontinuierliche Stärkung antidemokratischer Tendenzen aus der Periode des Austrofaschismus wurde nun, im März 1938, um die klerikale Dimension reduziert, gleichzeitig aber um den ‚völkischen‘ Gedanken und um eine rassistische Komponente erweitert. Sowohl Ebner als auch Elias wurden als jüdisch (fremd-)definiert und mussten ihr Studium im Sommersemester 1938 unfreiwillig abbrechen.4 Bis zum sogenannten ‚Novemberpogrom‘ 1938 bestand an der Universität Wien noch der im Mai eingeführte Numerus clausus von zwei Prozent für ‚jüdische‘ Studierende. Im Fall der Medizinischen Fakultät wurden hierfür 56 Plätze für weitaus mehr BewerberInnen berechnet und ebenso viele Personen ausgewählt. Dreizehn Studierende wurden jedoch nachträglich wieder ausgetragen, die frei gewordenen Plätze wurden nicht nachbesetzt. In den Unterlagen von zwei Studenten konnte im Archiv der Universität Wien der Eintrag „Zulassung widerrufen am 12. Juli 1938 (Dachau)“5 als Grund für ihre Streichung von der Liste festgestellt werden. Im Anschluss an ihre Festnahme veranlasste Eduard Pernkopf, Dekan der Medizinischen Fakultät und späterer Rektor der Universität Wien, unaufgefordert die Überprüfung aller Studierenden auf seiner Fakultätsliste durch die Gestapo Wien.6 Im November 1938, kurz nach Semesterbeginn, wurden die Rektoren der österreichischen Universitäten darüber informiert,7 dass inländische ‚jüdische‘ Studierende die Hochschulen nicht mehr betreten durften. Ab diesem Zeitpunkt gab es auch an der Universität Wien keine ‚jüdischen‘ Studierenden mehr, der Numerus clausus wurde obsolet. Im Wintersemester 1938/39 gab es noch 68 Studierende an der Universität Wien, die nach den Nürnberger Gesetzen als ‚Mischlinge‘ definiert wurden. 53 von ihnen fielen in die Kategorie ‚Mischlinge ersten Grades‘ und fünfzehn von ihnen wurden als ‚Mischlinge zweiten Grades‘ fremddefiniert. Sie durften bis Ende 1939 „unter Vorbehalt des Widerrufes“ weiter an der Universität studieren, die Mehrzahl tat dies an der Medizinischen Fakultät. Ab 1940 hatten alle Studierenden, die als ‚Mischlinge‘ kategorisiert wurden, um Studienbewilligungen im Reichserziehungsministerium in Berlin anzusuchen. Das formalisierte Zulassungsverfahren wurde in den Folgejahren schrittweise verschärft, dennoch erhielten viele die Genehmigung zum Studium oder zur Promotion. ‚Mischlingen ersten Grades‘ war es unter diesen Bedingungen jedoch kaum noch möglich ein Studium aufzunehmen, weiterzuführen oder gar abzuschließen – wenn, dann meist nur bei gleichzeitigem Berufsverbot.8

 

Zuerst ausgegrenzt, dann vertrieben: 2.230 Studierende wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik und aus ‚rassischen‘ Gründen von der Universität Wien vertrieben

 

Kurt Elias war zu diesem Zeitpunkt, wie auch seine Schwester Hanna Elias (verh. Kapit), die Studentin an der Philosophischen Fakultät war, und ihr Vater Herbert, Privatdozent (ao. Prof.) für Innere Medizin,9 bereits von ‚ihrer‘ Universität vertrieben worden. Rosl Ebner gelang es mit Hilfe einer Scheinehe und der dadurch erworbenen französischen Staatsbürgerschaft Österreich zu verlassen und sich über Paris auf den Weg nach London zu machen.

Für das Projekt Hochschulen in der NS-Zeit gilt es, diese Lebenswege stellvertretend für viele andere zu erforschen. Rund 2.230 HochschülerInnen (das entspricht 23 Prozent aller Studierenden) der Universität Wien wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und aus ‚rassischen‘ Gründen von der Universität Wien vertrieben.10 Sieben Prozent der vertriebenen Studierenden der Universität Wien starben im Holocaust.11 Nicht so das Geschwisterpaar Hanna und Kurt Elias: beide konnten ihr Studium in den USA fortsetzten. Die Geschichte von Hanna Elias befindet sich seit 2002 in der Austrian Heritage Collection,12 Kurt Elias wurde 2006 zu seinen Erinnerungen befragt.13 Rosl Ebner begann in den frühen 1980er Jahren ihre Erinnerungen festzuhalten und für nachfolgende Generationen zu dokumentieren.14 Über ihr vorzeitiges Studienende in Österreich fanden sowohl Elias als auch Ebner klare Worte. Ebner beschrieb es so: „Ich war also auf einmal als Jüdin mit nur noch wenigen jüdischen gleichaltrigen Freunden beisammen, besser gesagt, wenig beisammen, man hatte ja Angst, dass das auffallen könnte im Haus oder wo man halt war, wenn eine Gruppe beisammen ist. Also ganz persönlich, ganz individuell, eben als Atom ohne echte Ideologie hat man sich halt [...] recht verloren gefühlt und es ist kein Wunder, dass viele sich selbst umgebracht haben. Vor allem, wenn du 23 Jahre alt bist.“15 Elias äußerte folgendes: „Das Lernen und Wissen war wichtig für mich. Früh, und das ist ein Teil meines jüdischen Erbteils, früh hab ich gelernt, dass man mir alles wegnehmen kann, außer was ich weiß. Mein Wissen kann man mir nicht wegnehmen. Geld, was immer, kann man mir wegnehmen.“16 Rosl Ebner emigrierte nach Großbritannien. In London engagierte sie sich im Austrian Self Aid. Sie kam mit ihrem zweiten Ehemann Hugo Ebner 1946 zurück nach Österreich, konnte ihr Medizinstudium erfolgreich beenden und führte ihre eigene Praxis. Sie starb 1994 in Wien. Kurt Elias emigrierte 1938 in die USA, studierte ab 1941 am New York Medical College, promovierte 1944 und arbeitete als Arzt in den USA. Er starb 2010, im Alter von 91 Jahren.17 Weder Elias noch Ebner gehören zu den ‚prominenten‘ Emigrantinnen und Emigranten, ihre Geschichte reiht sich in die vieler ein, die im weiteren Sinne um 1938 Mitte zwanzig waren und in dieser Zeit ihre Persönlichkeitsentwicklung erfuhren. Ihre Biografien stehen also in enger Verbindung mit den Zeitereignissen, auch an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.

 

Zahlreiche offene Fragen und Forschungsdesiderate

 

Für die Studierenden des Projekts Hochschulen in der NS-Zeit können die lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen von Ebner und Elias einen Impuls geben,
sich intensiv mit der Geschichte der aus ‚rassischen‘ Gründen vertriebenen Studierenden auseinanderzusetzen. Darüber hinaus mögen diese beiden Biografien auch einen Anlass bieten, die aktuelle universitäre und geschichtspolitische Erinnerung an den Ausschluss von 2.230 Studierenden als Untersuchungsgegenstand zu wählen.

Zwei Gedenk- und Erinnerungsprojekte seien hier genannt, die im Zusammenhang mit den beiden vorgestellten Biografien stehen und im Sinne des ÖHProjekts Objekt der Forschung und kritischen Auseinandersetzung sein können. 2008 ließ die Medizinische Universität Wien ein Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus errichten. Die Inschrift lautet „13. März 1938. Im Gedenken an die vertriebenen Universitätslehrer und Studenten“.18 2009 wurde das Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938 vorgestellt, das seitdem laufend erweitert wird. Hier wird sowohl Rosl Ebner also auch Kurt Elias in kurzen biografischen Skizzen gedacht.

2013 soll ein Sammelband das Projekt Hochschulen in der NS-Zeit dokumentieren. Forschungsdesiderate gibt es zur Genüge, auch im Hinblick auf die vergleichende Geschichte der österreichischen Universitäten, wie zuletzt die Tagung Der lange Schatten des Antisemitismus. Kritische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert im Oktober 2012 aufzeigte.19 Auch in Zukunft werden die Orte der Forschung und Lehre selber Objekte der kritischen Betrachtungen sein, umso erfreulicher, dass jetzt verstärkt Studierende aktiv in diese Auseinandersetzung miteinbezogen werden. Die Projektergebnisse und -erfahrungen können so ‚von unten‘ weiter zur Selbstreflexion der Disziplinen anregen.

 

Linda Erker

Historikerin, Assistentin in Ausbildung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, Dissertationsprojekt ‚Gesäuberte‘ Hochschulen. Die Universitäten Wien und Madrid im Faschismus; Lehrende im Projekt Hochschulen in der NS-Zeit; stv. Obfrau des Vereins GEDENKDIENST

 


1 Hochschulen in der NS-Zeit, http://zeitgeschichte.oeh.ac.at (26.10.2012).
2 Helmut Schelsky, Einsamkeit und Freiheit. Idee und Gestalt der deutschen Universität und ihrer Reformen, Düsseldorf 1971, 122 f.
3 Vgl. Bundesgesetzblätter für den Bundesstaat Österreich (BGBl.) 266 und 267 aus 1935.
4 Im Wintersemester 1937/38 gab es an der Universität Wien 9.180 Studierende, vgl. Herbert Posch/ Doris Ingrisch/Gert Dressel, „Anschluß“ und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien, Wien 2008, 48.
5 Vgl. Posch, „Anschluß“, 113 f.
6 Vgl. ebd., 114; die Fotografie der Antrittsvorlesung Eduard Pernkopfs in SA-Uniform im April 1938 ist bereits zu einer Bildikone für die Geschichte der österreichischen Universitäten während des Nationalsozialismus geworden, vgl. Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte/Bildarchiv, Signatur: S283-30. Zurzeit arbeitet Michael Hubenstorf vom Institut für Geschichte der Medizin an einem umfassenden Lexikon österreichischer Nazi-ÄrztInnen.
7 Vgl. Archiv der Universität Wien, S.Z. 901 ex 1937/38.
8 Vgl. Posch, „Anschluß“, 156 f.; vgl. Vortrag Jüdische ‚Mischlinge‘ als Studierende an der Universität Wien 1938-1945 von Katharina Kniefacz im Rahmen der 9. Österreichischen Zeitgeschichtetage am 5.10.2012. Posch und Kniefacz haben ihre Forschungen zur Studienzulassung sogenannter ‚Mischlinge‘ an der Universität Wien noch nicht beendet, sie gehen zurzeit davon aus, dass die derzeit bekannten Zahlen nach Abschluss der Untersuchung nach oben korrigiert werden müssen.
9 Vgl. Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938, http://gedenkbuch.univie.ac.at, Eintrag zu Herbert Elias(26.10.2012).
10 Posch, „Anschluß“, 153.
11 Ebd., 33.
12 Vgl. Austrian Heritage Collection (AHC) Interview with Hanna Elizabeth Kapit; AHC 1950, Leo Baeck Institute New York.
13 Herbert Posch/Doris Ingrisch/Werner Lausecker/ Gert Dressel, Bildungsbiographien und Wissenstransfers. Studierende der Universität Wien vor und nach 1938, online unter: www.univie.ac.at/zeitgeschichte/uni38 (26.10.2012).
14 Rosl Ebner, Manuskript. Unveröffentlichte Autobiographie, Wien 1981-1986, Quelle im Besitz der Familie Ebner sowie der Verfasserin.
15 Ebd., 36.
16 Kurt Elias, zit. nach: Posch, „Anschluß“, 213.
17 Vgl. Gedenkbuch, Eintrag zu Kurt Elias (26.10.2012).
18 Vgl. Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus,
http://www.meduniwien.ac.at/homepage/content/allgemeine-informationen/geschichte-der-medizinischen-universitaet-wien/mahnmal-fuer-opfer-des-nationalsozialismus/?Fsize=0 (26.10.2012).
19 Vgl. http://www.univie.ac.at/zeitgeschichte/11-10-12-konferenz-%E2%80%9Eder-lange-schatten-des-antisemitismus%E2%80%9C (26.10.2012).