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Ausgabe 4/12


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Eine Woche in der alten Heimat - ein Rückblick auf die Survivor Austria Tour 2012

Gespräche und Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an Wiener Schulen

 

„Im Juli 1938 ist es mir gelungen aus Wien zu flüchten. Damals habe ich in mein Tagebuch geschrieben: ‚Adieu Wien, die Stadt die ich liebte, aber jetzt nie mehr wieder sehen will.‘ Heute jedoch macht es mir große Freude wieder in Wien zu sein, wo mich die Bevölkerung begrüßt und ich mich wieder zu Hause fühle.“ So antwortete die Holocaust-Überlebende Scarlett Epstein auf die Frage, wie es für sie sei, in ihre ehemalige Heimat zurückzukehren. Sie konnte rechtzeitig aus Österreich flüchten und schaffte es, dem NS-Terror und dem Tod zu entkommen. Ähnliche Schicksale mussten Harry Bibring, Otto Deutsch, Freddie Knoller und George Vulkan erleiden, allesamt gebürtige Wiener mit jüdischen Wurzeln, die heute in Großbritannien leben und dort als Zeitzeugen an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen ihre Geschichte erzählen.

 

Von 5. bis 11. November 2012 reiste diese Gruppe nach Wien, um österreichischen Schülerinnen und Schülern ihre Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus – ergreifende Geschichten, die von Antisemitismus, Gewalt, Flucht und Migration erzählen – zu schildern. Gleichzeitig wurden in den Gesprächen die Gefahren von Rassismus und Intoleranz thematisiert. Das Datum wurde bewusst so gewählt, um der Novemberpogrome von 1938 gedenken zu können. Für die meisten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
war es nicht das erste Mal, dass sie in diesem Rahmen nach Wien kamen – 2003, 2005, 2007 und 2010 fanden bereits ähnliche Survivor Austria Tours statt. Geplant und durchgeführt wurde die Reise, wie in den Jahren zuvor, von Gedenkdienstleistenden am London Jewish Cultural Centre (LJCC) und vom Verein GEDENKDIENST. Moritz Wieser, Gedenkdienstleistender am LJCC im vergangenen Jahr, organisierte die Rahmenbedingungen und ich durfte die letzten Planungsschritte übernehmen und die Gruppe schlussendlich nach Wien begleiten. Die Schulbesuche wurden von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Vereins GEDENKDIENST koordiniert, allen voran von Johann Kirchknopf. Ermöglicht wurde das Projekt durch die großzügige finanzielle Unterstützung des Nationalfonds der Republik Österreich und des Zukunftsfonds der Republik Österreich.

 

Es ist äußerst erfreulich, dass die Survivor Austria Tour auch in diesem Jahr ein voller Erfolg war und wir zahlreiche SchülerInnen in verschiedenen Altersgruppen erreichten. Insgesamt sprachen die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu über 600 Interessierten – nicht nur SchülerInnen – bei sechzehn verschiedenen Veranstaltungen. Um einige Highlights zu nennen: Harry Bibring, Freddie Knoller und George Vulkan sprachen im Anschluss an Vorführungen des Films See you soon again in den Wiener Village Cinemas. Für Harry Bibring und Scarlett Epstein war es auch in diesem Jahr ein besonderes Erlebnis, an ihren
ehemaligen Schulen, dem Amerlinggymnasium und dem Erich Fried-Gymnasium, zu sprechen. Weitere Schulen, an denen Gespräche stattfanden, waren das Akademische Gymnasium Wien, die Franz-Jonas-Europaschule, das Gymnasium Kundmanngasse und die BAKIP10. Beim Mittwochstreffen des Vereins GEDENKDIENST gab es die Möglichkeit, den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen spezifische Fragen, etwa zu ihrer Kindheit in Wien oder ihrer Flucht nach Großbritannien, zu stellen. Insgesamt war auch ein reges Medieninteresse an der Tour festzustellen.

 

Schließlich waren es auch emotionale Eindrücke und Momente, die uns im Gedächtnis bleiben werden: Alle fünf besuchten die Orte ihrer Kindheit, genossen die Fahrten mit der ‚guten alten Wiener Bim‘ oder freuten sich über eine heiße Rindssuppe mit Nudeln. Wir blicken auf eine überaus erfolgreiche Survivor Austria Tour 2012 zurück und hoffen, dass Freddie, George, Harry, Otto und Scarlett noch viele Jahre diesen wichtigen Beitrag zu Erinnerungspolitik und historischpolitischer Bildung leisten können.

 

 

Moriz Kopetzki

Leistet derzeit Gedenkdienst am London Jewish Cultural Centre (LJCC) in London