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Ausgabe 4/12


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Rede zum Gedenken an die Opfer der ,Reichskristallnacht'

Am 9. November 2012 fand vor dem ehemaligen Aspangbahnhof im 3. Wiener Gemeindebezirk aus Anlass des Novemberpogroms 1938, das sich heuer zum 74. Mal jährte, eine Kundgebung zum Gedenken an die Opfer und zur Mahnung vor aktuellen faschistischen Tendenzen statt. Zahlreiche Organisationen riefen im Vorfeld zu dieser Veranstaltung auf, unter ihnen der Verein GEDENKDIENST. Isabella Riedl, Geschäftsführerin von GEDENKDIENST, hat bei der Kundgebung eine Rede gehalten, die wir nachstehend abdrucken.

 


Sehr geehrte Damen und Herren!

Mein Name ist Isabella Riedl und ich spreche heute als Vertreterin des Vereins GEDENKDIENST zu Ihnen. Eine zentrale Aufgabe des Vereins ist die Entsendung von zivildienstpflichtigen Männer – und in den letzten Jahren auch vermehrt von jungen Frauen – an Holocaust-Gedenkstätten, an wissenschaftliche Einrichtungen und Museen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen sowie an Altenpflegeeinrichtungen, in denen Überlebende des Holocaust leben. Der Verein GEDENKDIENST ist zudem auch in Österreich aktiv, indem er in der historisch-politischen Bildungsarbeit tätig ist und sich auf wissenschaftlicher Ebene mit den nationalsozialistischen Verbrechen und deren Auswirkungen auseinandersetzt. Oft besuchen MitarbeiterInnen des Vereins Schulen, um dort Workshops zu Themen wie Antisemitismus, Rechtsextremismus oder Geschichtspolitik abzuhalten. Wir organisieren auch regelmäßig mehrtätige Studienfahrten mit Schülerinnen und Schülern, Jugendgruppen und Erwachsenen an Holocaust-Gedenkstätten, etwa an die Gedenkstätte in Oświęcim/Auschwitz. Gedenktage für die Opfer des Nationalsozialismus sind für uns sehr stark mit der Auseinandersetzung über Kontinuitäten der NS-Ideologie in der österreichischen Gesellschaft verbunden.

 

Heute vor 74 Jahren, im ‚Anschluss‘-Jahr 1938, brannten die Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November zahlreiche Synagogen in ganz Wien nieder. Viele Geschäfte und Wohnungen, die im Besitz von Menschen waren, die von den Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten als jüdisch definiert wurden, wurden geplündert und zerstört. 6547 Jüdinnen und Juden wurden in Wien verhaftet, 3700 davon in das Konzentrationslager Dachau deportiert.

 

Wir sind der Ansicht, dass es mehrere Gründe gibt den 9. November als Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus stärker im Stadtgedächtnis zu verankern. Der ausschlaggebendste Grund ist wohl, dass der Novemberpogrom kein Verbrechen war, das an einem weit entfernten Ort, wie etwa Auschwitz, begangen wurde. Nein, diese Verbrechen fanden hier in Wien statt. Niemand kann sagen, nichts davon gewusst oder gesehen zu haben. Die damalige Gesellschaft hat in den meisten Fällen widerstandlos den Verbrechen an ihren jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn zugesehen. Viele haben auch bereitwillig an den Schikanen, Plünderungen und Zerstörungen mitgewirkt. Gleichgültigkeit gegenüber ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern sowie das bewusste Wegschauen waren ebenso gängige Reaktionen.

 

Antisemitismus war und ist in der österreichischen Gesellschaft stark verwurzelt. Ressentiments, Ablehnung und Hass gegenüber der jüdischen Bevölkerung gab es lange vor dem Nationalsozialismus. An dieser Stelle möchte ich an die Bilder ‚straßenwaschender‘ Jüdinnen und Juden in den Märztagen 1938 erinnern. Diese niederträchtige Demütigung, die unmittelbar nach dem ‚Anschluss‘ vielerorts in Wien zu sehen war, ging in den meisten Fällen auf die Initiative von eifrigen österreichischen Nazis zurück, die dazu nicht erst von der Parteiführung aufgefordert werden mussten.

 

Wir gedenken heute auch jener Menschen, die vom Aspangbahnhof in die Vernichtungslager im besetzen Polen und im heutigen Weißrussland deportiert wurden und dort in vielen Fällen sofort nach ihrer Ankunft ermordet wurden. An dieser Stelle sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, wie diese Menschen zu Opfern wurden: Es ist von zentraler Bedeutung, die nationalsozialistischen Verbrechen nicht als ‚Naturkatastrophe‘ erscheinen zu lassen, sondern als Verbrechen, die Menschen an anderen Menschen verübt haben. Die Geschichte der Opfer kann nicht erzählt werden ohne ihre MörderInnen zu benennen und die Umstände ihres Todes zu beleuchten. Es gilt, die Motive und Ideologien, die hinter den Taten der TäterInnen standen, zu verstehen, um diesen, wann immer sie heute auftauchen, entschieden entgegentreten zu können.

 

Ideologische und weltanschauliche Konzepte wie Faschismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus sind nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten keineswegs aus den Köpfen der Bevölkerung verschwunden. Nicht nur in Österreich, sondern auch in vielen anderen europäischen Staaten, war insbesondere in den letzten Jahren ein Erstarken der extremen Rechten zu beobachten. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und steigender Armut ist unseres Erachtens die Gefahr besonders groß, dass rechtsextreme Parteien wieder an Zulauf gewinnen. Umso dringlicher scheint es daher, dieser Entwicklung offen und entschieden entgegenzutreten. 2013 steht uns in Österreich ein Wahlkampf bevor, der vonseiten der FPÖ, wie schon so oft, mit nationalistischen, antimuslimischen Kampagnen einhergehen wird. Traurig ist, dass sich viele ÖsterreicherInnen von den Inhalten der FPÖ angesprochen fühlen. Beschämend ist, dass sich einige österreichische Parteien noch immer nicht in aller Deutlichkeit von der FPÖ distanzieren und offen Gegenstandpunkte beziehen.

 

Die Szenen, die sich in Wien ab März 1938 fast täglich abspielten – nämlich die vielseitige Demütigung und offene Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden –, dürfen sich nicht wiederholen! Die Aufforderung Niemals vergessen! darf nicht zu einer inhaltlosen Floskel verkommen! Dafür trägt unsere Generation in einer Zeit, in der es immer weniger Überlebende der nationalsozialistischen Verbrechen gibt, die diese Mahnung aussprechen können, mehr Verantwortung denn je.

 

 

Isabella Riedl

Geschäftsführerin des Vereins GEDENKDIENST