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Ausgabe 4/12


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Welche Herausforderungen, Chancen und Probleme bringt der Einsatz von Videointerviews mit Zeitzeug_innen für die Vermittlungsarbeit mit sich?

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus gehören Gespräche mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen für viele Schüler_innen zu den mitunter prägendsten Erfahrungen. Der Verein GEDENKDIENST organsiert seit vielen Jahren Zeitzeug_innengespräche, sei es für Schulklassen oder für Teilnehmer_innen an Studienfahrten. Leider gibt es immer weniger Überlebende, die noch in der Lage sind, ihre Geschichte und Erfahrungen weitergeben zu können. Dieser Umstand stellt, vor allem für die Vermittlungsarbeit auf Studienfahrten des Vereins GEDENKDIENST, aber auch für die alltägliche Bildungsarbeit eine große Herausforderung dar, müssen doch die Erzählungen und Erfahrungen der Zeitzeug_innen auch für die nächsten Generationen zugänglich gemacht werden. Daher wurden viele Gespräche auf Tonband- und Videoaufnahmen festgehalten.1 In den letzten Jahren wurden für diese Materialien vermehrt pädagogische Leitfäden erarbeitet, um die Interviews für den Schulunterricht aufzubereiten.

 

Im Frühjahr 2012 veranstaltete der Verein GEDENKDIENST einen Workshop zum
Thema Herausforderungen, Chancen und Probleme betreffend den Einsatz von Überlebenden-Videointerviews in der Vermittlungsarbeit zum Nationalsozialismus. Als besondere Herausforderungen, die es beim Einsatz von Videomaterial in Vermittlungsprozessen zu bedenken gilt, wurden folgende Punkte von den Teilnehmer_innen genannt: Der Einsatz von Videointerviews in der Bildungsarbeit erfordert eine richtige und teilnehmer_innenorientierte Anleitung und ausreichend Zeit für die Auseinandersetzung mit den Interviews, andernfalls wird es den Teilnehmenden schwer fallen, sich auf das Videointerview einzulassen. Es gilt zu bedenken, dass Videointerviews mit Überlebenden meist nicht mit speziellen filmischen Effekten versehen sind und somit ein ungewohntes Format für viele Jugendliche darstellen. Bevor die Videos zum Einsatz kommen, sollten die Teilnehmenden nach ihren Erwartungen und Befürchtungen gefragt werden. Wichtig ist es, dass sie verstehen, dass Zeitzeug_innen keine Geschichtsbücher sind, sondern immer ihre eigene, subjektive Geschichte erzählen und dass Überlebende der nationalsozialistischen Verbrechen nicht per se vorurteilsfreie Menschen sind. Außerdem sollten Informationsmaterialien und Nachschlagewerke zum historischen Kontext zur Verfügung gestellt werden. Ob und wie erfolgreich der Einsatz von Videos mit Zeitzeug_innen in Vermittlungsprogrammen ist, hängt vor allem von den Arbeitsaufträgen zur Analyse der Interviews durch die Teilnehmenden und von einer teilnehmer_innen- und handlungsorientierten Nachbereitung ab.

 

Der Einsatz von Videointerviews bietet die Chance auf Multiperspektivität in der Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus. So können in Kleingruppen beispielsweise verschiedene Interviews mit Vertreter_innen unterschiedlicher Opfergruppen sowie mit Helfer_innen und Retter_innen angesehen, analysiert und anschließend präsentiert werden. Videointerviews ermöglichen es auch, explizit auf das Leben der Zeitzeug_innen vor und nach der Zeit des Nationalsozialismus einzugehen, was bei einem Zeitzeug_innengespräch mitunter sehr schwierig ist. Der Einsatz von Videointerviews ermöglicht außerdem ein kritischeres Hinterfragen des Gesagten vonseiten der Teilnehmenden. Die Arbeit mit Videointerviews kann durch die richtige Anleitung und Begleitung die Kompetenzfähigkeit (Methoden-, Sach-, Frage, Orientierungs-, Urteils- und Handlungskompetenz)2 der Teilnehmenden stärken. Probleme in der Arbeit mit Videointerviews von Überlebenden bereitet mitunter der Umstand, dass viele Aufnahmen noch unzugänglich für die Vermittlungsarbeit sind. Die Gefahr, dass die Auseinandersetzung mit den Biografien Überlebender für die Teilnehmenden zu keinem zufriedenstellenden Abschluss führt, ist dann besonders groß, wenn die historische Kontextualisierung fehlt beziehungsweise die Arbeitsaufträge nicht zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Biografie und dem Video an sich auffordern.

 

Abschließend haben sich die Teilnehmer_innen im Rahmen des Workshops Ausschnitte aus drei verschiedenen Zeitzeug_inneninterviews, die unterschiedlicher nicht sein konnten, angesehen und darüber diskutiert, welches der Interviews sie am ehesten in der Vermittlungsarbeit einsetzen würden und welche besonderen Herausforderungen, Chancen und Probleme jedes einzelne Interview in sich birgt.

 

 

Isabella Riedl


studiert Geschichte und Latein (Lehramtsstudium) an der Universität Wien, leistete 2010/11 als Geschwister-Mezei-Fonds-Freiwillige Gedenkdienst an der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz, seit September 2012 Geschäftsführerin des Vereins GEDENKDIENST

 


1 So werden beispielsweise im Rahmen des Projekts Austrian Heritage Collection seit 1996 Interviews mit österreichischen Holocaust-Überlebenden, die heute in den USA leben, geführt. Die Interviews führen österreichische Gedenkdienstleistende des Vereins GEDENKDIENST, die für ein Jahr am Leo Baeck Institut in New York arbeiten. Mit dem Projekt The Austrian Heritage wird dieses langjährige Projekt nun auch in Israel durchgeführt und soll schließlich auf einer Internetplattform öffentlich zugänglich gemacht werden.
2 Vgl. Heinrich Ammerer/Elfriede Windischbauer, Hg., Kompetenzorientierter Unterricht in Geschichte und Politischer Bildung. Diagnoseaufgaben mit Bildern, Wien 2011.