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Ausgabe 4/12


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vor.gelesen | rezensionen

NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse

Heimo Halbrainer/Gerald Lamprecht/Ursula Mindler (Hg.), Böhlau Verlag, Wien 2012

 

Ja, diese Zusammenschau war überfällig. Die Steiermark ist nicht nur dieses im eigenen Selbstverständnis so renitente Bundesland hinter dem Semmering, sondern auch eine der historisch spannendsten österreichischen Regionen: mit der zweitgrößten Stadt Österreichs und damit einem maßgeblichen urbanen Raum, mit Industrieregionen und Gegenden starker bäuerlicher Prägung.

Und doch klaffte lange Zeit gerade in der steirischen Historiografie eine beträchtliche Lücke, wie die HerausgeberInnen einführend erläutern: Kritische Studien zur Zeitgeschichte gab es kaum, die Landesgeschichtsschreibung wurde hegemonial von jenen betrieben und geschrieben, die bereits vor 1945 mit ihren geschichtswissenschaftlichen Exegesen Aufmerksamkeit gesucht hatten; ergo stand nicht die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf der Tagesordnung, sondern Geschichte(n) zu Mittelalter und Neuzeit.

Wie generell in Österreich waren die Jahre 1985/1986 auch eine Zäsur für die steirische Zeitgeschichtsschreibung, kritische Auseinandersetzungen entstanden im Umfeld der Universität Graz und erfuhren Schritt für Schritt Institutionalisierung und Anerkennung. Dennoch existierte bislang kein gesamthafter Blick auf die NS-Zeit in der Steiermark (allein die räumliche Eingrenzung ist schwierig zu treffen, hatte doch der Reichsgau Steiermark eine andere geografische Ausgestaltung als das heutige Bundesland). Mit dem Sammelband NS-Herrschaft in der Steiermark wurde ein Schritt in die richtige Richtung gesetzt. An dieser Stelle ist wohl ein Kompliment an die HerausgeberInnen angebracht, zählen sie doch seit Jahren zu den Motoren der historischen Forschung in der Steiermark. Mit NS-Herrschaft in der Steiermark ist ihnen ein solider Sammelband gelungen, der die NS-Zeit in der Steiermark aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

Neben einem richtungsweisenden Aufsatz von Wolfgang Benz zum allgemeinen Status quo der NS-Forschung findet sich ein Kapitel zur Wegbereitung des ,Anschlusses‘, das insbesondere die Jahre 1933 und 1934 in den Fokus nimmt und sowohl den 12. Februar 1934 als auch den Juliputsch desselben Jahres als wichtige Grundbedingung für den österreichischen und steirischen Weg in den Nationalsozialismus nachzeichnet. Die Steiermark wurde durch beide Ereignisse in ihren Grundfesten erschüttert, es wäre jedoch spannend gewesen, noch einen Schritt früher anzusetzen und die Rolle des steirischen Heimatschutzes zu durchleuchten, der ein Wegbereiter für den Nationalsozialismus in der Steiermark war.

Die Bedeutung der Mannen rund um Putschisten Walter Pfrimer wird bei Lektüre des Aufsatzes von Martin Moll über die Kontinuitäten der steirischen NS-Eliten und NS-Eliten in der Steiermark sichtbar; er zeigt spannende gruppenbiografische Zusammenhänge auf und ebenso interessant ist die Frage, wie es den Eliten gelang, lokale ,steirische‘ Identitäten zu erhalten und gleichzeitig einen nationalsozialistischen Mustergau zu etablieren.

Auch insgesamt stimmt die Gewichtung der Themen: Täter-, Opfer- und Widerstandsgeschichte kommen ebenso zur Sprache wie regionale Spezifika (Südburgenland, Untersteiermark, etc.). Und es zeigt wohl auch einen tiefgreifenden Wandel in der Geschichtsschreibung, wenn das umfassendste Kapitel jenes zur Nachkriegsgeschichte ist. Insofern ist diese Publikation
geeignet, die weitere kritischhistorische Auseinandersetzung zu befeuern.

 

Klaus Kienesberger

 

 

 

Homo Homini Lupus

Kantante von Alfred Hochedlinger

Text von Werner Wöckinger

Chor der Pfarre musica viva, mit Orchester (2011)

 

Im November 2007 wurde bei einer Gedenkfeier zur Erinnerung an die Ankunft der ersten Häftlinge im Konzentrationslager Mauthausen erstmals ein Teil der Kantate Homo Homini Lupus aufgeführt. Das vom Mauthausener Lehrer für Religion und Musik Alfred Hochedelinger komponierte und vom ebenfalls aus Mauthausen stammenden Autor Werner Wöckinger mit Text versehene Stück beschreibt den Leidensweg der Häftlinge in Mauthausen von deren Ankunft bis zur Befreiung. Im Jahr 2010 wurde die gesamte Kantate mit dem Mauthausener Chor musica viva uraufgeführt und erschien 2011 auf CD. Beim ersten Hören mag diese Form der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in Mauthausen irritieren: Der musikalische Stil erinnert ein wenig an ein Musical und damit an ein Genre, das nicht unbedingt für tiefgehende Auseinandersetzungen mit politischen und historischen Themen bekannt ist. Doch Aufbau und Inhalt des fünfteiligen Werks zeigen, dass hinter dieser Komposition einiges an Beschäftigung mit der Geschichte des KZ Mauthausen und der Bedeutung der NS-Verbrechen für die Gegenwart steht.

 

Der erste Teil behandelt die Ankunft der Häftlinge in Mauthausen, ihre Degradierung zu einer Nummer. Es wird auch ein Bezug zum Titel der Kantate hergestellt: der Alltag im KZ zeigt, dass „der Mensch dem Menschen ein gieriger Wolf“ sei. Die folgenden Teile thematisieren den KZ-Alltag – die Appelle, die Vernichtung durch Arbeit im Steinbruch, die Gewalt, die Morde, die Hoffnungslosigkeit vieler Häftlinge. Es folgt das Lied zur Befreiung, aus dem Freude, aber auch Erschöpfung und Trauer ob dem erlittenen Leid spricht. Bemerkenswert ist vor allem der letzte Teil der Kantate, der die Frage stellt, ob der Mensch wirklich ein Wolf sei und was heute aus den Verbrechen von Mauthausen abgeleitet werden könne. Das ziemlich pathetische Lied nimmt Bezug auf den von Rassist_innen wiederholt mehr oder weniger offen herbeigesehnten ,Kampf der Kulturen‘, Gewalt zwischen Staaten aber auch im ,privaten‘ Bereich der Familie, manipulative Politiker_innen, die Angst und Hass schüren sowie die trostlose Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Europa. Am Ende stehen die Aufforderung, nicht nur von einer besseren Welt zu träumen, sondern menschlich zu handeln und die nicht beantwortete Frage, ob der Mensch dem Menschen tatsächlich ein Wolf sei (lat. homo homini lupus).

 

Es mag sein, dass manchen Hörer_innen diese Form der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen etwas plakativ erscheint. Doch verdient dieses Projekt aus zwei Gründen unsere Aufmerksamkeit: Erstens zeigt die Verschränkung von Musik und Text, dass es hier nicht um eine massentaugliche Aufbereitung oder Vereinfachung eines komplexen Themas geht, sondern um eine vorsichtige Suche nach neuen kulturellen Formen der Auseinandersetzung. Zweitens ist es bemerkenswert, dass dieses Projekt in Mauthausen entstanden ist und Menschen, die an diesem Ort leben, ein Stück Geschichte aufgreifen, über das gerade dort zu lange nicht gesprochen wurde.

 

Peter Larndorfer