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Ausgabe 1/13


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Zu spät?!

Ein Denkmal für homosexuelle NS-Opfer lässt in Wien weiter auf sich warten

 

Seit Jahren wird in Wien immer wieder über ein Denkmal in Erinnerung an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus diskutiert – bisher ohne Ergebnis. Im Folgenden wird der Frage, warum – acht Jahre, nachdem von Seiten der Stadtregierung die Wichtigkeit eines solchen Gedenkorts bekundet wurde und auch eine Reihe von Schritten zur Realisierung gesetzt wurden – nach wie vor kein dauerhaftes Denkmal für diese Opfergruppe in Wien existiert, nachgegangen. Die Forderung, ein solches Denkmal rasch umzusetzen, schließt sich daran an. Welchen Anforderungen ein Entwurf für einen Gedenkort gerecht werden sollte oder könnte, kommt ebenfalls zur Sprache.

 

Als Homosexuelle verfolgte Personen galten noch Jahrzehnte nach Ende des ‚Dritten Reichs‘ nicht als Opfer des NSRegimes. Da homosexuelle Handlungen in Österreich bis 1971 unter Strafe standen, wurden vom NS-System wegen ihrer Homosexualität verfolgte Personen in der Zweiten Republik nicht nur nicht entschädigt, sondern als rechtmäßig verurteilte Straftäter_innen betrachtet. Schätzungen zufolge wurden zwischen 1933 und 1945 10.000 bis 15.000 Männer als Homosexuelle inhaftiert und mit dem Rosa Winkel gebrandmarkt. Etwa die Hälfte überlebte die Internierung nicht. Über die Auswirkungen der antihomosexuellen NS-Politik auf Frauen ist die Forschung indes nach wie vor uneins, da keine systematische Verfolgung homosexueller Frauen gegeben war und die Diskriminierungsformen hier schwieriger zu fassen und zu belegen sind. Über die Lebenssituation und über die Verfolgung von Transgender-Personen im Nationalsozialismus ist kaum etwas bekannt; dies stellt ein Forschungsdesiderat dar.1

 

Erst durch jahrelanges Engagement und auf Druck von Homosexuellen-Initiativen konnte 1984 die weltweit ersteGedenktafel für diese Opfergruppe in der Gedenkstätte Mauthausen eingeweiht werden und erst im Jahr 2005 wurden Homosexuelle in die Liste der verfolgten Gruppen des Opferfürsorgegesetzes aufgenommen. Es zeigt sich also, dass es nach 1945 nicht nur eine Kontinuität der strafrechtlichen Verfolgung, die etwa in Form eines Vereinsverbots bis in die Mitte der 1990er Jahre andauerte, gab, sondern sich auch die gesellschaftliche Diskriminierung nach 1945 fortsetzte.

 

Zur Vorgeschichte des Denkmals

 

Im sogenannten Gedankenjahr 2005, das die Feierlichkeiten zu 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag sowie zehn Jahre EU-Beitritt in einem groß angelegten Jubiläumsjahr vereinen sollte, hieß es nun erstmals, Wien solle ein Mahnmal für homosexuelle und transgender Opfer des Nationalsozialismus erhalten. Die Wiener Stadtregierung ließ dafür auf Initiative des Stadtrats für Kultur und Wissenschaft, Andreas Mailath-Pokorny, und der damaligen für Antidiskriminierung zuständigen Stadträtin, Sonja Wehsely, einen internationalen Wettbewerb ausschreiben, der im Rahmen von Kunst im öffentlichen Raum Wien (KÖR) veranstaltet wurde und zu dem sieben Künstler_innen eingeladen wurden. Als Ort für das geplante Denkmal war der Morzinplatz, also der historische Ort, an dem die Gestapo-Leitstelle ihren Sitz hatte, gewählt worden, an dem sich bereits das Denkmal für die Opfer des Faschismus befindet. Ein eigens eingesetztes Community Board mit Vertreter_innen von lesbisch-schwulen und Transgender- Einrichtungen in Wien wurde zwar in den Diskussionsprozess über die vorgelegten Wettbewerbsbeiträge miteinbezogen, die Entscheidung oblag allerdings einem von KÖR eingesetzten Beirat.

 

Im Jahr 2006 wurde der Siegerentwurf der Öffentlichkeit präsentiert: Der Künstler Hans Kupelwieser, der bereits verschiedene Denkmale zur Erinnerung an den Nationalsozialismus entworfen hatte (etwa das Denkmal Standpunkt Geschichte (2004) zur Erinnerung an die ehemalige Hietzinger Synagoge oder das Mahnmal auf dem Jüdischen Friedhof in Krems (1995)), hatte mit seinem Entwurf Rosa Platz den Wettbewerb für sich entscheiden können. Das Projekt sah ein 400 Quadratmeter großes Bassin mit rosa eingefärbtem Wasser vor, durch das sich der Schriftzug „QUE(E)R“ als Relief ziehen sollte. Einerseits sollte die Farbe Rosa an die Stigmatisierung homosexueller Männer in Konzentrationslagern durch den Rosa Winkel und die spätere Aneignung der Farbe durch die Schwulenbewegung der 1970er Jahre erinnern. Andererseits sollte – wie es in der Jurybegründung hieß – durch die Wahl des stark von Tourist_innen frequentierten Orts „ein deutliches ästhetisches Statement für die Offenheit einer mitteleuropäischen Metropole formuliert“2 und durch die ebenerdige Gestaltung ein „Treffpunkt, Ort der Kontemplation oder ganz einfach ein angenehmes Nass für strapazierte Füße“3 geschaffen werden.

 

Die Auswahl des Entwurfs löste unterschiedliche Reaktionen, vor allem auch Kritik vonseiten verschiedener Teile des erwähnten Community Boards, aber auch anderer Aktivist_innen und Interessierter, aus:4 so wurde die Größe des Beckens problematisiert, die in keinem angemessenen Verhältnis zu Gedenkorten für andere Opfergruppen stünde, besonders im direkten Vergleich zum ebenfalls am Morzinplatz aufgestellten, relativ klein gehaltenen Denkmal für die Opfer des Faschismus. Auch wurde die Frage nach der Sinnhaftigkeit und Legitimität des aus dem angloamerikanischen Raum kommenden Begriffs queer im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Opfer des NS-Regimes aufgeworfen, da die Bedeutungsverschiebung, die der Begriff von der diffamierenden Bezeichnung hin zur selbstbewussten Aneignung erfahren hat, im deutschsprachigen Raum nicht nachvollziehbar sei und vielleicht gar nicht verstanden werde. Ebenso wurde überlegt, ob der Einsatz der Farbe Rosa bei gleichzeitiger Verwendung des Begriffs queer, der landläufig mit schwulen Identitäten assoziiert wird, nicht zum Unsichtbarmachen lesbischer Frauen beitragen würde.

 

Generell wurde aber vor allem kritisiert, dass die Vertreter_innen des Community Boards zwar kurze Kommentare zu den Entwürfen abgeben konnten, es aber untersagt war, sich untereinander darüber auszutauschen. Problematisiert wurde außerdem, dass sich die Stadt Wien zu keinem Zeitpunkt einer öffentlichen Diskussion gestellt hatte.

 

Als Termin für den Baubeginn wurde zunächst Sommer 2007 angekündigt. Doch dieser Sommer und weitere Monate verstrichen ohne dass offiziell zum nicht erfolgten Baubeginn oder dem Grund der Verzögerung Stellung genommen wurde. Auf Anfrage wurden „technische und künstlerische Detailfragen“, die noch zu klären seien, genannt, und mitgeteilt, die Fertigstellung werde für das Jahr 2008 erwartet.5

 

Im Frühjahr 2008 wurde schließlich öffentlich, dass Kupelwiesers Projekt nicht umgesetzt werden würde. Nach vielen Sitzungen mit der Verwaltung, die Bedenken wegen der Verträglichkeit des für das Wasser vorgesehenen Farbstoffs gehabt habe, sei es zu dieser Entscheidung gekommen, so der Künstler. Aus dem Büro von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hieß es, dass keine alltagstaugliche Farbe gefunden werden konnte und der Entwurf in seiner ursprünglichen Form damit nicht verwirklicht werden könne.

 

In den nächsten Monaten folgten in den Medien widersprüchliche Aussagen darüber, bis wann oder ob überhaupt Kupelwieser mit einem Folgeauftrag oder einer Abänderung des ursprünglichen Entwurfs beauftragt werde und wann dieser präsentiert werden solle. Auch eine Neuausschreibung in Zusammenhang mit einer Neugestaltung und Sanierung des Morzinplatzes stand im Raum.

 

Temporäre Installationen anstelle eines Denkmals?

 

Im Jahr 2010 wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass statt eines dauerhaften Denkmals für homosexuelle und Transgender-Opfer des NS-Regimes temporäre Kunstprojekte auf dem Morzinplatz entstehen sollten. Mit einer wöchentlich für die Dauer einer Stunde eingerichteten Installation der Künstlerin Ines Doujak mit dem Titel Mahnwache, die bis zum Oktober 2010 zu sehen war, wurde die Reihe künstlerischer Interventionen eröffnet. Seit Juli 2011 wurde die Pflanzeninstallation ZU SPÄT von Carola Dertnig gezeigt, die, aus besonders widerstandsfähigen Pflanzen geschaffen, „als mahnender, an viele Versäumnisse erinnernder Aufruf zu lesen“6 sein kann, wie es in der Beschreibung heißt. Mitte Mai wird mit dem Projekt Schwule Sau von Jakob Lena Knebl schließlich die bereits dritte Installation auf dem Morzinplatz vorgestellt, in der über die Aneignung abwertender Begriffe wie ‚schwule Sau‘ oder ‚Mannweib‘ „den Bezeichnungen die verletzende Schlagkraft“7 entzogen werden soll.

 

Trotz dieser temporären Bespielung gibt es von offizieller Seite immer wieder Ankündigungen, es werde ein neuer Anlauf für ein Denkmal gemacht. So wird derzeit an einem Leitbild zur Umgestaltung von Schwedenplatz und Morzinplatz gearbeitet und in diesem Zusammenhang weiterhin auch ein Denkmal in Aussicht gestellt. Ebenso wird berichtet, dass der ursprüngliche Standort aus technischen Gründen nicht geeignet sei und deshalb ein anderer Ort zur Realisierung gefunden werden müsse.8 Dass es tatsächlich möglich ist, einen technisch nicht umsetzbaren Denkmalsentwurf für einen technisch nicht verantwortbaren Standort zu prämieren, hätte die Stadt Wien damit bewiesen.

 

Die Diskussion darüber, ob der Morzinplatz überhaupt ein geeigneter Ort für ein solches Denkmal ist, könnte in diesem Fall neu geführt werden. Als ein Ort, der durch die Erinnerung an die Täter_innen geprägt ist und von dem Bedrohung und Verfolgung für die Opfergruppe ausging, eignet er sich einerseits gut als Gedenkort. Andererseits könnte das Denkmal aber ebenso an einem historischen Ort homosexueller Subkultur entstehen: damit würden die Verfolgten in ihren Lebenswelten und -praxen in den Mittelpunkt gerückt werden. Zugleich müsste aber darauf geachtet werden, durch eine solche Ortswahl den Blick nicht auf eine bestimmte Form gelebter Sexualität zu verengen und zugleich andere Formen, Orte und Praxen auszublenden. Zentral für die Standortwahl muss selbstverständlich auch die Frage sein, ob das Denkmal an dem für ihn vorgesehenen Ort für viele Menschen sichtbar ist und es die Möglichkeit gibt, sich damit auseinanderzusetzen.

 

Über die Kategorie Geschlecht nachdenken

 

Doch die Frage des Orts ist nicht die einzige, die bei einer Neuausschreibung relevant sein müsste. Ein neuer Anlauf könnte sich ebenso – vielleicht inspiriert durch die Debatten um die ursprünglich fehlende Repräsentation lesbischer Frauen im Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen – mit der Frage nach einem Gedenken auseinandersetzen, das nicht nur die anti-homosexuelle Politik des NS-Regimes thematisiert, sondern auch Geschlechterverhältnisse reflektiert. Gerade hinsichtlich der Gruppe der homosexuellen NS-Opfer ist eine solche Reflexion zentral, denn während homosexuelle Männer massiver strafrechtlicher Verfolgung bis hin zu Internierung und Ermordung in Konzentrationslagern ausgesetzt waren, wurden homosexuelle Frauen im Großteil des ‚Dritten Reichs‘ – allerdings mit Ausnahme der ‚Ostmark‘ – nicht strafrechtlich verfolgt. Dennoch waren sie ähnlichen repressiven Maßnahmen wie der Überwachung und Schließung von Lokalen, der Zwangsauflösung von Vereinen und dem Verbot von Zeitschriften sowie der ständigen Möglichkeit, denunziert zu werden, ausgesetzt. Im ehemaligen Österreich war die Situation, wie erwähnt, anders: hier blieb auch nach dem ‚Anschluss‘ der Paragraf 129 I lit. b StG 1852 in Kraft, der die ‚Unzucht zwischen Personen gleichen Geschlechts‘ und damit auch zwischen Frauen unter Strafe stellte, auch wenn Männer zahlenmäßig wesentlich intensiverer Verfolgung ausgesetzt waren. Gerade weil also in Wien die Verfolgung lesbischer Frauen möglich war und inzwischen auch belegt ist, muss ein zukünftiges Denkmal auch dieser Gruppe gerecht werden, anstatt sie unter männliche Erfahrungswelten zu subsumieren.

 

Was soll und kann ein Denkmal leisten?

 

Das Gedenken an diese Opfergruppe sieht sich also generell der Herausforderung gegenüber, einen Umgang mit der Differenz zwischen jenen, derer gedacht werden soll, zu entwickeln, ohne die Opfer entweder zu ‚analogisieren‘ oder ihre Unterschiede zu hierarchisieren. Eine historische Genauigkeit, die verständlich und kommunizierbar bleibt, ist daher unerlässlich und, zugegebenermaßen, eine komplexe Anforderung an ein Denkmal. Gerade deshalb scheint ein Konzept, das viel Information und Wissen zu diesem Themenkomplex bereitstellt und die Möglichkeit zur Interaktion und Reflexion einschließt, wichtig. Ebenso zentral wäre, dass der Prozess der Entscheidungsfindung nicht hinter verschlossenen Türen, sondern für Interessierte offen und transparent ablaufen sollte. Der Wettbewerb könnte beispielsweise von Diskussionsveranstaltungen, Workshops und aktivistischen Interventionen begleitet werden und damit ein Grundstein für eine dauerhafte Auseinandersetzung mit dem Gedenkort in Wien gelegt werden.

 

Denn nur so kann ein Denkmal über seine Materialität hinaus wachsen.

 

 

Elisa Heinrich

hat Geschichtswissenschaft und Genderstudies in Wien studiert und ihre Abschlussarbeit über identitätspolitische Fragen im Gedenken an homosexuelle NS-Opfer verfasst. Seit März ist sie als Doktorandin in einem Projekt zur Erinnerungs- und Erfahrungsgeschichte der Südtiroler Option 1939 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck tätig.

 

 

1 Bemerkenswert ist, dass die Stadt Wien in ihrem Mahnmals-Vorschlag (siehe weiter unten) diese Personengruppe, zumindest namentlich, berücksichtigen möchte.

 

2 http://www.publicartvienna.at/files/11_j.html, 08.03.13 (Jurybegründung auf Kunst im öffentlichen Raum).

 

3 http://www.publicartvienna.at/files/11.html, 08.03.13 (Projektbeschreibung ebd.).

 

4 Vgl. dazu das Protokoll „Queer in rosa Farben“ - Diskussionsveranstaltung zum ‚Rosa Platz‘ im W23 am 02.04.2008 (http://queer.raw.at/veranstaltungen/saison2007bis2008/queer-in-rosa-farben/, 27.02.2013) und Marty Huber, Hurra, ein pinkes Pinkelbecken! Zum Denkmal für lesbischwule und transgender Opfer des Nationalsozialismus in Wien, in: Kulturrisse 03/10 (2006), 62-63.

 

5 Vgl. Email der Antidiskriminierungsstelle der Stadt Wien an die Verfasserin vom 16.08.2007, Betreff: „Ihre Anfrage Frage zum L-S-TG-Mahnmal Morzinplatz (WA 150/07)“.

 

6http://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/projekte/schwedenplatz/pdf/gedaechtnisareal-2.pdf, 08.03.13.

 

7 http://www.koer.or.at/cgi-bin/koer/index.pl?id=434&year=&cat=&district=&koer=&permanent=&searchstr=Sau&artist=&lang=de(25.04.13).

 

8 Vgl. Peter Traschkowitsch, Mahnmal für homosexuelle Opfer?, in: http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2013/03/Jahrgang-2012-Quartal-2.pdf ,08.03.13(Projektbeschreibung ebd.).