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Ausgabe 1/13


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Zwischen Erinnern und Vergessen?

Im Gespräch mit Prof. Rudolf Sarközi, Obmann des Kulturvereins Österreichischer Roma, über österreichische Erinnerungskultur anno 2013

 

Am 27. Jänner jährte sich die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee zum 68. Mal. Dieser Tag gilt seit dem 3. Oktober 1996 in der Bundesrepublik Deutschland als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und ist ein staatlicher Gedenktag. Während dieser Tag seit 2005 auch international als Gedenktag begangen wird, war man in Österreich diesbezüglich eher zögerlich – bis heute ist es kein staatlicher Gedenktag. In diesem Jahr setzte das Bündnis Jetzt Zeichen setzen! auf Grund dessen zum zweiten Mal eine Gedenkveranstaltung am Heldenplatz für diesen Tag an. Mit dieser Gedenkfeier und besonders mit weiteren Veranstaltungen stellte man sich auch gegen den Akademikerball, die Nachfolgeveranstaltung des Balls des Wiener Korporationsrings (WKR), einem Verband (schlagender) Burschenschaften. Diesem Ball, der einem Treffen des rechten österreichischen und europaweiten Milieus in elegantem Gewand gleichkommt und dieses Jahr am 1. Februar abgehalten wurde, sollte ein Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus entgegengesetzt werden. Kurz zuvor, am 25. Jänner, gedachte das Österreichische Parlament mit der Uraufführung der Oper Spiegelgrund von Peter Androsch der Opfer der NS-Verbrechen. Sowohl Antisemitismus, als auch die Verfolgung von politisch Andersdenkenden und die eugenisch begründeten Morde wurden dabei thematisiert. Eine Gruppe, die in der NS-Vernichtungspolitik von einem spezifischen Verfolgungsapparat enteignet, deportiert, ausgebeutet und ermordet wurde, wurde nicht explizit erwähnt: im sogenannten ‚Zigeunerlager‘ oder auch ‚Zigeunerfamilienlager‘ in Auschwitz-Birkenau wurden Burgenlandroma, Sinti, Manouches, Lovara und Kalderaš und andere als ‚Zigeuner‘ ermordet. Keine Vertretung dieser Gruppe wurde zu Gedenkveranstaltungen eingeladen.

 

Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Roma und Sinti – einige aktuelle Beispiele aus Österreich

 

Am 24. Oktober 2012 wurde in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas im Rahmen einer Gedenkveranstaltung eingeweiht. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte nicht nur die historische Verantwortung, sondern auch ein Entgegenwirken gegen den aktuellen Antiziganismus in Europa. Ein politisches Doppelgesicht, welches seinesgleichen sucht, denn der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) setzt sich seit Oktober 2012 für eine schärfere Vorgehensweise gegen Roma aus Südosteuropa ein. Diese würden Asylmissbrauch betreiben und sollten abgeschoben werden.1

 

Und wie gestaltet sich die Erinnerungskultur in Österreich?

 

Österreichische Roma und Sinti wurden als ‚Zigeuner‘ und als erste geschlossene Gruppe im Jänner 1942 im Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno ermordet, nachdem sie im November 1941 in das Ghetto von Łodz deportiert worden waren. 5.007 Menschen – ältere Personen, Frauen und über die Hälfte Kinder – wurden über Fürstenfeld, Hartberg, Mattersburg, Rotenthurm und Oberwart mit der Bahn verschleppt, niemand überlebte. Mit dem burgenländischen Zwangsarbeitsmodell und dem ‚Zigeunerlager‘ Lackenbach hatte diese Vernichtungspolitik einen österreichischen Stempel. Daher sind lokale und regionale Erinnerungsorte von hoher Bedeutung. Sie zeigen, dass die Vertreibungen, Deportationen und Ermordungen nicht weit weg passierten. In Österreich gibt es lokale Gedenkstätten, wie etwa in Lackenbach, Salzburg und Villach. In Wien gibt es den Romaplatz, den Lovara- sowie den Sintiweg im 21. und den Barankapark im 10. Wiener Gemeindebezirk. Einige Erinnerungsorte sind bekannt – andere kaum. Doch wie hält es sich mit der Frage nach einem bundesweiten Erinnerungstag oder einem nationalen Denkmal, mit dem der im Nationalsozialismus als ‚Zigeuner‘ ermordeten gedacht werden könnte? Für Prof. Rudolf Sarközi, Obmann des Kulturvereins Österreichischer Roma (KV Roma), fällt dieser österreichweite Gedenktag auf den 5. Mai, die Befreiung von Mauthausen. Im Grunde sei es inzwischen ein internationaler Gedenktag, weil Delegationen aus allen Ländern, aus denen Menschen nach Mauthausen deportiert wurden, auch am Mahnmal für die Roma und Sinti zahlreich Blumenschmuck niederlegen – teilweise mit militärischem Ehren, wie Sarközi erklärt. „Man hat auf uns nicht vergessen, aber man muss sich auch darum bemühen, nicht vergessen zu werden.“ Wie etwa im Fall eines Mahnmals in Salzburg,2 das jahrzehntelang nicht berücksichtigt worden war und viele nicht einmal wussten, wofür es steht. Seit zehn Jahren organisiert der KV Roma, seit Kürzerem zusammen mit dem Verein Ketani aus Linz, eine Gedenkveranstaltung. Schulen werden in die jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung eingebunden: Schüler*innen singen Lieder und tragen Verse vor – „sie wissen worum ’s geht, und das ist ganz wichtig“, betont Sarközi.

 

In Buchkirchen (Oberösterreich) erwirkte die Zusammenarbeit zwischen dem Verein Ketani und dem KV Roma im vergangenen Jahr, dass dort ein Mahnmal errichtet werden wird. Die Entscheidung dafür war von den Gemeindepolitiker*innen einstimmig getroffen worden, jedoch hatte man sich nicht auf einen Aufstellungsort einigen können. „Ich bin dagegen“, so Sarközi, „dass irgendwo im Rathaus hinter einem Gummibaum oder einer Schlingpflanze eine Gedenktafel aufgehängt wird, dann hat sie zwar ihren symbolischen Zweck erfüllt, aber es registriert keiner.“ Letztendlich sollen zwei Gedenksteine auf der Hauptstraße Richtung Kirche vor einem Altersheim eingelassen werden. Der Großteil der Bevölkerung geht diesen Weg fast täglich. Prof. Sarközi resümiert:

 

„Es ist heute nach wie vor möglich, Gedenkstätten zu errichten – nur muss man dahinter sein. Das Wesentliche ist: in Österreich ist es nun einmal so, dass man auf Kriegerdenkmäler mehr Wert legt, solange sich nicht eine Interessensgruppe – ob das die Freiheitskämpfer, Opferverbände, die ÖVP-Kameradschaft oder der KZ-Verband ist – dafür einsetzt.“

 

2012 wurde in Weiz am Weizberg (Steiermark) eine Gedenkstätte errichtet. Neben anderen war die kürzlich verstorbene Ceija Stojka dabei federführend. Das Denkmal stellt eine durchbrochene Achse eines Waggons auf zwei Schienen dar, als Zeichen des Lebens wurde daneben ein Kirschbaum gepflanzt. Es ist eine einfache Gedenkstätte, in der die Täter und die Deportationen durch die Bahn symbolisiert werden. Ähnlichkeit zum Mauthausener Denkmal der Roma und Sinti lässt sich erkennen, bei dem eine Schiene ebenfalls eine wesentliche Rolle spielt.

 

Vertuscht, verdrängt und vergessen

 

Anders liegt der Fall in Kemeten (Burgenland): hier ist ein Gedenken bis heute nicht möglich. Von den mehr als 200 Kemeter Roma kamen nur fünf nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Die meisten wurden über Lackenbach oder direkt aus dem Ort nach Łodz deportiert, 47 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Diese Geschehnisse hätten durch eine Neugestaltung der Gemeindechronik, eine Stahlskulptur aus Metallplatten, erwähnt werden sollen. Es wurde schon eine Einigung erzielt, aber plötzlich war es wieder aus. Sarközi bringt es auf den Punkt: „Ich lasse nicht zu, dass unsere Opfer beleidigt werden! Ich habe Verständnis, wenn alles seine Zeit braucht, dass man darüber reden und Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.“ Aber die politischen Entscheidungen in Kemeten sprechen dafür, dass eine Erinnerung an die ermordeten Roma und Sinti bis heute nicht überall in Österreich möglich ist.

 

Die Gedenkstätte Lackenbach als quasi-nationales Denkmal

 

Eine regionale Gedenkstätte, die für Österreich zentral wurde, befindet sich in Lackenbach, wo das größte ‚Zigeunerlager‘ des NS-Regimes errichtet wurde. Seit 1990 findet jedes Jahr im Herbst eine Gedenkveranstaltung mit Repräsentant*innen des Bundeslandes und der Republik Österreich statt. Ein mediales Echo verzeichnet aber weder die Gedenkveranstaltung in Lackenbach noch jene in Mauthausen. Das jährliche Gedenken an die vier ermordeten Burgenlandroma, die 1995 in Oberwart durch eine Sprengfalle von Franz Fuchs starben, erfährt im Gegensatz dazu wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Die Frage, ob diese Gedenkveranstaltung eine Art Ersatz für einen österreichweiten Gedenktag sei, verneint Prof. Sarközi jedoch.

 

Abschließend äußert er den Wunsch, dass beim Gedenken an die Befreiung von Auschwitz am 27. Jänner in den kommenden Jahren auch an das ‚Zigeunerlager‘ in Auschwitz-Birkenau erinnert werden möge.

 

In diesem Punkt ist Prof. Sarközi vollumfänglich zuzustimmen. Jedoch müssen den politischen Forderungen, dass aus der historischen Verantwortung heraus gegen Antiziganismus aktiv vorgegangen werden müsse, wie bei öffentlichen Gedenkfeiern oft betont wird, auch Taten folgen. Abgesehen von einem Fingerzeig auf die EU-Mitgliedsstaaten Ungarn, Rumänien und Bulgarien sowie auf andere Staaten in Ost- und Südosteuropa, wird Gegenteiliges forciert: Eine immer drastischere Abschiebepolitik in Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien gegen sogenannte Armutsflüchtlinge aus Osteuropa; in Österreich Bettelverbote sowie Verbote sich im öffentlichen Raum aufzuhalten. Dass zunehmend restriktive Politik und Diskriminierung gegen ärmere soziale Schichten eben auch viele Roma trifft, zeigt offen das Doppelgesicht einer postnazistischen Gesellschaft.

 

 

Marius Weigl

Historiker, arbeitet derzeit an einem Dissertationsvorhaben über Antiziganismus in Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) in Wien.

 

 

Der Kulturverein Österreichischer Roma (KV Roma) wurde 1991 gegründet. Auf eine Initiative des Vereins, in Zusammenarbeit mit dem Verein Roma aus Oberwart und mit dem Wiener Verein Romano Centro, wurde im Zuge einer parlamentarischen Anhörung im Unterausschuss für Volksgruppen des Verfassungsausschusses am 2. Juli 1992 erwirkt, dass die Volksgruppe der Roma am 16. Dezember 1993 als eine nationale Minderheit anerkannt wurde.

 

Die jahrelange politische Arbeit von Prof. Rudolf Sarközi, Gründungsmitglied und Obmann des KV Roma, trug zur Wahl der Roma als Vertreter im Volksgruppenbeirat bei.

 

Weitere Informationen: http://www.kv-roma.at/ KV Roma, Hg., Vom Rand in die Mitte. 20 Jahre Kulturverein Österreichischer Roma, Oberwart 2011.

 

1 Vgl. Heribert Prantl, Damals ermordet, heute verfolgt. Süddeutsche.de vom 24. Oktober 2012, http://www.sueddeutsche.de/politik/denkmal-fuer-sinti-und-roma-damals-ermordet-heute-verfolgt-1.1504526 (07.03.2013); Friedrich betont „Schwachstellen“ in Bulgarien und Rumänien, Süddeutsche. de vom 7.3.2013, http://www.sueddeutsche.de/politik/diskussion-um-schengen-erweiterung-friedrich-betont-schwachstellen-in-bulgarienund-rumaenien-1.1618174 (07.03.2013).

 

2 In der Stadt Salzburg wurde am 14. Dezember 1985 zur Erinnerung an das ‚Zigeunerlager‘ Maxglan an seinem ersten Standort, dem Gelände einer Pferderennbahn, heute Ignaz-Rieder-Kai, ein Mahnmal errichtet. Aus einem symbolisierten Schornstein flackert eine flammenartige Hand in den Himmel empor.