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Ausgabe 1/13


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Heldenplatz - Ballhausplatz

Zur Neukontextualisierung eines zentralen Orts offizieller österreichischer Erinnerungskultur

 

Es ist den Diskussionen über die Kranzniederlegung deutschnationaler Burschenschaften am 8. Mai zu verdanken, dass ein praktisch vergessenes Denkmal wieder jene Aufmerksamkeit erhalten hat, die ihm aufgrund seiner staatlich-repräsentativen Funktion zukommt: das österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg.

 

Rechter und linker Flügel des Burgtors: Symbol antagonistischer Sichtweisen auf die österreichische NS-Vergangenheit

 

Die Krypta für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurde 1934 im rechten Flügel des Burgtors eröffnet. Diese Manifestation ständestaatlicher Geschichtspolitik wurde nach 1945 durch die Anbringung der Jahreszahlen 1939 bis 1945 auch den österreichischen Soldaten der Wehrmacht gewidmet. Wann diese Erweiterung erfolgt ist und wann die Totenbücher mit den Namen der Gefallenen, darunter auch SS-Angehörige, in der Krypta aufgelegt wurden, werden die Ergebnisse eines gerade angelaufenen Forschungsprojekts zeigen. 1965 wurde im linken Flügel des Burgtors ein Weiheraum für die Opfer im Kampfe für Österreichs Freiheit (so die Widmung) eingerichtet – das erste offizielle Denkmal der Republik Österreich für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Von den Opfern der ‚rassischen‘Verfolgung sollte hier wie auch in der österreichischen Denkmallandschaft generell noch jahrzehntelang geschwiegen werden.

 

Die räumliche Trennung dieser beiden Denkmäler hat symbolische Qualität: Woran hier erinnert und wessen hier gedacht wird, lässt sich nicht in eine gemeinsame Geschichte und in ein gemeinsames Gedenken integrieren. Vielmehr werden hier die unvereinbaren Widersprüche des österreichischen Gedächtnisses im Umgang mit der NS-Vergangenheit sichtbar: Die beiden Gedenkstätten verweisen auf antagonistische Sichtweisen, die sich bereits kurz nach Kriegsende formiert haben und bis heute bestimmend sind.

 

Der Widerstand gegen das NS-Regime, 1945 als Basis des neuen Österreich gefeiert, war nur kurze Zeit identitätsstiftend. Unter dem Vorzeichen von Kaltem Krieg und Re-Integration der ehemaligen Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten veränderten sich die geschichtspolitischen Rahmenbedingungen. Seit Ende der 1940er Jahre wurden die österreichischen Soldaten der Wehrmacht zunehmend als ‚tapfere Helden‘, die ‚die Heimat‘ in ‚treuer Pflichterfüllung‘ gegen den ‚Feind aus dem Osten‘ verteidigt haben, geehrt – 1945 waren sie noch als Opfer eines sinnlosen Eroberungskriegs betrauert worden. WiderstandskämpferInnen galten nun als ‚VaterlandsverräterInnen‘, als ‚Kameradenmörder‘ und generell als Kommunismus-verdächtig. Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 und dem Abzug der Alliierten verschärfte sich diese Stimmung: Widerstandsdenkmäler wurden ‚entschärft‘, Projekte zur Würdigung von Opfern politischer Verfolgung angefeindet und zu verhindern versucht.

 

Insofern war die Einrichtung des am 27. April 1965 eröffneten Weiheraums für den Widerstand ein durchaus mutiges Signal der Bundesregierung, das sich auch gegen das in der politischen Kultur der Nachkriegsjahrzehnte vorherrschende Entgegenkommen gegenüber den ‚Ehemaligen‘ richtete. Nach den heißen geschichtspolitischen Debatten der 1960er Jahre wurde es aber still um das österreichische Heldendenkmal, obwohl es der Ort von zentralen, wenngleich öffentlich kaum beachteten staatlichen Gedenkzeremonien ist: Am Nationalfeiertag legen Bundespräsident und Bundesregierung Kränze in beiden Gedenkräumen nieder, am 27. April gedenkt das Bundesheer der Wiederrichtung der Republik Österreich im Jahr 1945.

 

Seit 2002 nutzen Burschenschaften das Heldendenkmal am 8. Mai als Gedenkort

 

Seit 2002 steht das Heldendenkmal allerdings regelmäßig im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Im April 2002 demonstrierten Rechtsextreme und Burschenschaften auf dem Heldenplatz gegen die Wehrmachtsausstellung; sie taten dies mit Plakaten, auf denen „Großvater wir danken dir“ und „Wehrmachtssoldaten – wir gedenken Eurer Heldentaten“ zu lesen war. Am 8. Mai 2002 wurde von schlagenden Burschenschaften unter Teilnahme von Rechtsextremen erstmals eine Totengedenkfeier für die Wehrmachtssoldaten abgehalten, die erwartungsgemäß auf starke öffentliche Kritik stieß. Jährlich wiederholte sich nun das gleiche Schauspiel: Der Heldenplatz wurde am 8. Mai weiträumig abgesperrt, Gegendemonstrationen der Zugang zum Platz verweigert, die Burschenschaften durch ein massives Polizeiaufgebot abgeschirmt, sie konnten den Platz exklusiv für ihre ‚Heldenehrung‘ nutzen.

 

Es bedurfte einer Initiative von Ariel Muzikant, dem damaligen Präsidenten und heutigen Ehrenpräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), um dieses unwürdige Ritual zu durchbrechen. Muzikant stellte 2011 ein Ansuchen für die Abhaltung eines Totengedenkens im Weiheraum für den österreichischen Freiheitskampf. Dem Argument, dass die Opfer des Nationalsozialismus wohl ein ebenso großes Anrecht auf Ehrung haben wie die Wehrmachtssoldaten, konnte man sich wohl nicht verweigern. Die Bannmeile Heldenplatz war damit erstmals durchbrochen. Im Jahr darauf wurde der 8. Mai von einer Plattform zivilgesellschaftlicher Initiativen als Fest der Befreiung begangen. Damit wurde im Mai 2012 ein erster Schritt zu einer längst überfälligen Neudefinition des Kriegsendes getan.

 

Die offizielle österreichische Geschichtspolitik hatte allerdings bislang eine klare Haltung zu diesem Gedenktag vermieden, vielmehr: der 8. Mai spielte in Österreich, im Unterschied zu den meisten europäischen Staaten, praktisch keine Rolle. Ermöglicht wurde das Ausblenden von 1945 durch die Fokussierung auf 1955 – die Unterzeichnung des Staatsvertrags wurde als eigentlicher Tag der Freiheit gefeiert. Damit verband sich das zentrale geschichtspolitische Narrativ der Zweiten Republik: die Erfolgsgeschichte eines kleinen Landes, das den mächtigen Alliierten seine Freiheit abgerungen hatte. Anders als ‚1955‘ war ‚1945‘ ein geschichtspolitisches Minenfeld: Wurde Österreich besetzt oder befreit? Mit der Überschreibung von 1945 durch 1955 konnte dieses potentielle Konfliktfeld neutralisiert werden.

 

In der Bundesrepublik Deutschland hingegen stand das Bekenntnis zum 8. Mai als Tag der Befreiung, wie es der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes ablegte, am Beginn einer neuen Erinnerungskultur: So unterschiedlich die individuellen Erfahrungen des Kriegsendes gewesen sein mögen, worauf es ankommt ist, dass „es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, so Weizsäcker in seiner berühmten Rede.

 

Das Fest der Befreiung 2012 am Wiener Heldenplatz war ein erster Schritt zu einem neuen Verständnis des 8. Mai in Österreich und hat offenkundig einen neuen Gedenktag inauguriert – am 8. Mai 2013 wird das Fest der Freude auf dem Heldenplatz gefeiert. Im Mai 2012 ist auch das Verteidigungsministerium aktiv geworden. Die Debatte um das Heldendenkmal wurde aufgegriffen mit dem Ziel, die mit diesem Ort verbundenen militärischen Gedenkrituale kritisch zu reflektieren.

 

Aufarbeitung durch das Verteidigungsministerium

 

Dabei wurde einem Gerücht nachgegangen, das dem Heldendenkmal zusätzliche Brisanz verleiht: Der Bildhauer Wilhelm Frass, mit der Gestaltung des Denkmals für den unbekannten Soldaten in der Krypta betraut, behauptete nach dem ‚Anschluss‘ 1938 in einem Brief an den Völkischen Beobachter, er habe als überzeugter Nationalsozialist eine Kapsel mit NS-Parolen in einer Mulde im Sockel der Skulptur verborgen. Verteidigungsminister Norbert Darabos gab nun eine Untersuchung in Auftrag. Unter Einbeziehung des Bundesdenkmalamts, der Burghauptmannschaft und der Militärhistorischen Denkmalkommission wurde die Skulptur des Toten Kriegers im Juli 2012 geöffnet. Die dabei ans Tageslicht gekommene Kapsel enthielt allerdings nicht nur das Schreiben von Frass, sondern auch einen – offenkundig in Reaktion auf das Frass-Bekenntnis verfassten – Aufruf zum Frieden, der von seinem Mitarbeiter, dem Bildhauer Alfons Riedel, stammte. Die politischen Gegensätze der Entstehungszeit hatten sich – wenngleich im Verborgenen – in dieses Denkmal eingeschrieben.

 

Bereits Wochen vor der Untersuchung der Skulptur hatte Minister Darabos die Krypta schließen und die Vielzahl der dort aufbewahrten Objekte –Plaketten, Erinnerungsmedaillen, Standarten etc. – entfernen lassen, ebenso die Totengedenkbücher, die dem Staatsarchiv übergeben wurden. Die Entfernung der sichtbaren Verweise auf die militärische Traditionspflege, die diesen Ort geprägt hatte, kann als grundsätzliche Zäsur interpretiert werden. Heute beindruckt die Krypta durch ihre Leere, die real und symbolisch Raum für neue Gestaltungen und Deutungen eröffnet.

 

Dass es dabei zu kontroversen Debatten kommen wird, ist absehbar, denn das Heldendenkmal repräsentiert den zentralen Widerspruch des österreichischen Gedächtnisses: die Beurteilung des Kriegsdienstes in der nationalsozialistischen Wehrmacht. Diese Sollbruchstelle warauch der eigentliche Auslöser der Waldheim-Debatte, die sich an seiner Aussage, „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als Hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt“, entzündete. 1986 war der Auftakt zu einem Perspektivenwechsel in der Erinnerungskultur, getragen von einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher und staatlicher Initiativen. Auch im Bundesheer lässt sich dieser Paradigmenwechsel beobachten. Das Heldendenkmal blieb davon allerdings lange unberührt. Erst 2012 hat die Kritik an der unreflektierten Form des Gedenkens an die Gefallenen der Wehrmacht zu Reaktionen geführt. Die heutige Leere der Krypta, die Öffnung der Skulptur des Toten Kriegers, die Entfernung der Kapsel mit dem NS-Bekenntnis des Künstlers Wilhelm Frass sind starke Zeichen, die den Weg für eine Neugestaltung geöffnet haben.

 

Mit dem Beschluss, das Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz, also in unmittelbarer Nähe, zu errichten, steht das Heldendenkmal nun allerdings in einem veränderten Kommunikationsraum. Wie sich diese beiden Denkmäler zueinander verhalten werden,ist noch offen, eines allerdings zeichnet sich bereits ab: Das Beziehungsgeflecht, durch das die beide Projekte verbunden sind, wird einen nachhaltigen Spannungsbogen erzeugen. Diese Konstellation wird – so steht zu hoffen – dem entgegenwirken,was Robert Musil als zentrale Eigenschaft von Denkmälern beschrieben hat: dass sie unmittelbar nach ihrer Errichtung unsichtbar werden.

 

 

Heidemarie Uhl

Historikerin und Kulturwissenschafterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte; zahlreiche Veröffentlichungen zu Gedächtnistheorie und -kultur sowie zur österreichischen/ europäischen Identitäts- und Geschichtspolitik.