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Ausgabe 1/13


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Ein Plädoyer für die Gegenwart

Über Vermittlungsarbeit zwischen Raum und Zeit

 

Kulturvermittlung kann den Anstoß dazu geben, etwas Bekanntes anders zu sehen, als wir es immer gesehen haben. Jedes Stück Stadt, jedes Viertel, jeder Ort, egal ob Wiese oder Denkmal, kann ein zu vermittelnder Ort werden. Es gilt, die richtigen Fragen zu stellen, um das scheinbar Offensichtliche zu dekonstruieren. Alltäglich präsente und auf den ersten Blick versteckte Fragmente können neu zusammengesetzt, derselbe Raum anders gelesen werden. Von diesen Gedanken ausgehend, diskutiert der Artikel, wie Vermittlung im Spannungsverhältnis zwischen Raum und Zeit agieren kann. Fokussiert werden drei Wiener Orte: Der Judenplatz, das Haus Zirkusgasse 22 in der Leopoldstadt und das Schaudepot des Jüdischen Museums Wien (JMW). Am Ende steht die Frage, was Vermittlung an diesen Orten für die Auseinandersetzung mit KZ-Gedenkstätten bedeutet.

 

Am Judenplatz befindet sich das von Rachel Whiteread entworfene und im Jahr 2000 der Öffentlichkeit übergebene Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah. Unmissverständlich hat es den Platz verändert und den Raum neu besetzt. Die Erinnerung ist räumlich geworden und kann nicht umgangen, ausgeklammert oder ignoriert werden. Das Architekturzentrum Wien beschreibt Whitereads Arbeit mit folgenden Worten: „Sie materialisiert das Ungreifbare, die Lufträume unterhalb oder innerhalb all jener alltäglichen Gegenstände, die für unser Leben essentiell und selbstverständlich sind.“1 Die Künstlerin selbst sieht es als ihr Anliegen, „die menschliche Wahrnehmung der Welt umzudrehen und das Unerwartete aufzuzeigen.“2

 

Direkt unter dem Mahnmal birgt der Judenplatz auch die Reste der 1421 zerstörten mittelalterlichen Synagoge, welche im zeitgleich mit dem Mahnmal als Teil des Jüdischen Museums eröffneten Museum Judenplatz zugänglich sind. Aufgrund der klaren Beziehung, die sich aus dem Mahnmal und der Grabung ergibt, können die Zerstörung der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Wien und die Erinnerung an die Schoah gemeinsam wahrgenommen werden. In diesem räumlichen und zeitlichen Beziehungsgeflecht ergeben sich für die Vermittlungsarbeit des JMW starke Anknüpfungspunkte. Die Vermittlung findet im Spannungsfeld zwischen als Gedenkort gestaltetem Raum, der historischen Dimension und der Wahrnehmung des Orts durch die BesucherInnen statt.

 

Die Zirkusgasse 22 im 2. Wiener Gemeindebezirk ist zunächst nur eine Adresse. An dieser steht ein öffentlicher Wohnbau aus der Nachkriegszeit. Bis zum November 1938 befand sich hier der sogenannte Türkische Tempel, die Synagoge der sephardischen jüdischen Gemeinde Wiens. Einzig eine kleine, kaum leserliche Tafel an der Fassade und ein Gedenkstein als Teil des Wegs der Erinnerung durch die Leopoldstadt deuten auf dessen Zerstörung während des Novemberpogroms von 1938 hin.3 An vielen anderen Orten der Stadt gibt es gar keine gestalterischen Eingriffe, welche auf in der NS-Zeit dort verortete Ereignisse verweisen. Die Vermittlung kann diese vordergründige Normalität aufbrechen. Der US-amerikanische Soziologe Jonathan Wynn etwa beschreibt die Arbeit von unabhängigen City-Guides in der Stadt New York als eigenständige Praxis, bei der im Rahmen eines Interaktionsprozesses die Stadt sowie der Blick auf diese hinterfragt werden.4 Dadurch kann sich die urbane Realität ein Stück weit verändern. Wynn bezieht sich hierbei auf das Konzept der „Urban Alchemy“ des Soziologen Jack Katz.5 Letzterer verwendet diesen Begriff, um einen Prozess zu beschreiben, bei dem sowohl aus dem Alltag bekannte als auch auf den ersten Blick nicht sichtbare Fragmente des urbanen Raums zu etwas Neuem zusammengesetzt werden. Wynn nimmt diesen Prozess bei verschiedenen kreativen Praktiken wahr, zum Beispiel bei Graffiti-KünstlerInnen, aber auch in der Arbeit von VermittlerInnen im Stadtraum.

 

Diesem Bild zufolge kann nicht nur ein baulich gestaltetes, materialisiertes Mahnmal dem Raum eine neue Bedeutung verleihen, sondern auch die andere Lesart vorhandener, ja vielfach bekannter Elemente. Die Vermittlung des JMW versucht in der Zirkusgasse, wie auch an anderen Wiener Orten, von der Adresse und dem dort Sichtbaren auszugehen, um einen Interaktionsprozess auf zwei Ebenen auszulösen: zum einen örtlich, durch Fragen an PassantInnen, Fragen an uns selbst und das Fotografieren des Orts, zum anderen zeitlich, durch die Gegenüberstellung der gegenwärtigen Situation, der eigenen Erwartungshaltung und der gesammelten Aussagen mit historischen Indizien. Es entsteht ein Interaktionsprozess, bei dem die Vermittlung die Art, einen urbanen Ort zu sehen, verändern kann, indem sichtbare und verborgene Aspekte in eine neue Relation zueinander gesetzt werden.

 

Das Schaudepot des JMW ist zugleich Stauraum und Ausstellungsfläche, in der die verschiedenen Sammlungen des Hauses gezeigt werden. Eine davon ist die Sammlung Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Unter anderem besteht diese aus jenen Ritualgegenständen, die sich in den österreichischen Synagogen befanden, die 1938 zerstört wurden. Im Schaudepot ‚erzählen‘ die Dinge: Wo waren sie, bevor sie ins Museum kamen? Wie kamen sie ins Museum? Wer hat sie geschaffen?

 

Museen erzählen durch ihr Sammeln und ihre Sammlungen auch über Verluste. Viele der im Schaudepot des Museums ausgestellten Objekte waren einmal – früher, nämlich bis zum November 1938 – in Verwendung, zum Beispiel im Türkischen Tempel in der Zirkusgasse 22. Wir können also die reale Adresse, in all ihrer Widersprüchlichkeit, mit Objekten im Museum verknüpfen. Solche Beispiele lassen sich in jeder Stadt vielfältig ausfindig machen.

 

Indem wir Gegenstände aus dem Schaudepot mit der Adresse Zirkusgasse 22 in Beziehung setzen, ergibt sich ein Dreieck aus gegenwärtigem Ort, individueller Erfahrung und ausgewählten Objekten. Im Rahmen dieses Interaktionsprozesses kann sich ein Raum öffnen, der mit Assoziationen überzogen wird: beim nächsten Passieren dieser Adresse, bei der nächsten Begegnung mit den Objekten und Geschichten kann der Raum wieder und wieder ‚betreten‘ und verändert werden. Dieser Vermittlungsprozess macht ein Stück Stadt zu einem ‚Gedenkraum‘.

 

Jeder Ort und jede Adresse enthält in der Gegenwart, von der wir ausgehen, da wir uns in ihr befinden, eine Vergangenheit, an die wir uns annähern, die uns angenehm oder unangenehm, näher oder ferner ist, zu der wir etwas sagen oder assoziieren können oder müssen. Was VermittlerInnen in diesem ‚Gedenkraum‘ sagen, verschweigen, unter den Teppich kehren oder darunter hervorholen, kann erinnert und auf eine weitere Adresse, Erzählung oder Begebenheit bezogen werden. Auch was andere AkteurInnen – PassantInnen, TouristInnen, Kinder, SeniorInnen mit und ohne Hund – sagen oder nicht sagen, kann ins Repertoire der möglichen Assoziationen aufgenommen werden.

 

Sowohl am Judenplatz als auch in der Zirkusgasse und im Schaudepot des JMW war der Ausgangspunkt unserer Überlegungen die gegenwärtige Situation. Gerade in KZ-Gedenkstätten hat man im Vergleich zu den meisten anderen Orten unmittelbarer und offensichtlicher mit Vergangenheit zu tun, noch dazu mit einer grässlichen, unvorstellbaren Vergangenheit, das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts erinnernd.

 

Beim Kuratieren und in der Vermittlung von Ausstellungen wird überlegt, wie man diese spezielle Vergangenheit erzählen, dar- oder ausstellen sollte. Was tun, wenn man nichts tun kann? Unser Beitrag ist ein Plädoyer für die Gegenwart. Gerade wenn die Vergangenheit derart mächtig ist, sollten wir uns der Gegenwart des Orts ausliefern: Wie sieht es hier aus? Wer ist hier? Wer tut was und was nicht? Wie wurde es, was es ist? Wem nützt das, wem schadet es? Wer zahlt und wer verdient? Dieser unmittelbare Bezug zur Gegenwart könnte die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“6 in einem einfachen und schlichten Satz beantworten: die eigene Anwesenheit. Ich bin jetzt hier, also hat es mit mir zu tun.

 

Vermittlung kann an jedem Ort als Interaktionsprozess verstanden werden, der im Spannungsverhältnis zwischen der individuellen Erfahrung, dem Ort selbst, der Geschichte des Orts und der eigenen Geschichte abläuft. In vielen Situationen kann dieser Prozess mit Objekten, Denk- und Mahnmälern, historischen Gegenständen oder Texten verknüpft werden. Kulturvermittlung ist ein Dialog zwischen verschiedenen Personen, zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem, Fernem und Nahem, Bekanntem und Unbekanntem, Eigenem und Fremdem. Das Gesprochene, Gesehene und Erfahrene schreibt sich in die Landkarte des individuellen Gedächtnisses ein. Überall.

 

 

Daniele Karasz

Assistent am Institut für Kultur- und Sozialanthropologe der Universität Wien, wo er derzeit zu Stadtentwicklung und Migration in Wien forscht. Er war lange Jahre in der Kulturvermittlung tätig und unterrichtet unter anderem im Forschungsfeld Museums- und Bildungsarbeit.

 

Hannah Landsmann

studierte Judaistik, Romanistik sowie Lehramt Deutsch und Geschichte und leitet seit 2000 die museumspädagogische Abteilung Kommunikation & Vermittlung des JMW. Sie berät Museen und Vermittlungsteams und hat zum Beispiel für das Kulturhauptstadtjahr Linz09 zeitgeschichtliche Vermittlungsprogramme entwickelt.

 

 

1 http://www.nextroom.at/building.php?id=3150http://www.nextroom.at/building.php?id=3150 <//a>(05.01.13).

 

2 Ebd.

 

3 http://www.steinedererinnerung.net/ (08.01.13).

 

4 Jonathan R. Wynn, City Tour Guides: Urban Alchemists at Work, in: City & Community 9/2 (2010), 45-164.

 

5 Jack Katz, Time for new urban ethnographies, in: Ethnography 11/1 (2010), 25-44.

 

6 http://www.trafo-k.at/prodetail.php?id=50&refer=proauswahl.php?p=1 (20.01.12).