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Ausgabe 1/13


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Auflösung unheimlicher Harmonie, oder:„Esperanza, Schiff der Alpen“

Die Gedenkstätte für NS-Opfer im Oberen Drautal in Kärnten

 

Im dichten Schneetreiben auf einem Feld nahe des Bahnhofs Greifenburg hat der Kulturverein kuland mit dem Künstler Hans-Peter Profunser am 28. Oktober 2012 die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus im Oberen Drautal eröffnet. Das Ereignis selbst war ungewöhnlich genug – es handelte sich um die Einweihung des ersten Denkmals für WiderstandskämpferInnen und Verfolgte in Kärnten westlich von Villach seit 1945. Überraschend und erfreulich war für die VeranstalterInnen, dass trotz unwirtlicher Bedingungen fast 200 Menschen an der Eröffnungsfeier teilnahmen.

 

Von der Konfrontation…

 

Das Denkmal hat eine lange Vorgeschichte und ist mit der Arbeit von kuland eng verbunden. kuland ist ein Kulturverein, der 1993 von einer Handvoll SchülerInnen, StudentInnen, jungen Arbeitern und Angestellten im Oberen Drautal gegründet worden ist, um die ‚unheimliche Harmonie‘ am Lande mit Konzerten, Lesungen, Filmen und Diskussionen herauszufordern. Die Untersuchung der Ursachen dieser ‚unheimlichen Harmonie‘ am Lande war Thema eines ersten gleichnamigen Veranstaltungszyklus, an dessen Ende im Jahr 1996 ein zweitägiges Symposium zu Aspekten des Austrofaschismus und Nationalsozialismus im Oberen Drautal stand. Damit war zwar ein Anfang gesetzt, aber einer, der an der lokalen Gesellschaft abprallte. Was blieb, war die Fortführung von gelegentlichen Recherchen in den folgenden Jahren, die zu Radioreportagen und Zeitungsberichten führten. Letzteres hatte zur Folge, dass Überlebende und Angehörige nach und nach Vertrauen fassten. Anfang der 2000er Jahre entstand für kuland damit eine neue Grundlage, sich mit der NS-Geschichte vor Ort intensiv zu beschäftigen. Von 2005 bis 2010 wurden im Rahmen des Projekts Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung schließlich die Namen von 39 Todesopfern eruiert und ihre Widerstands- und Verfolgungsgeschichten rekonstruiert. Der Verein brachte die Ergebnisse der Recherchen bei insgesamt neunzehn öffentlichen Veranstaltungen zur Sprache. Dabei suchten wir nicht nur die Zusammenarbeit mit Nachkommen und Verwandten der NS-Opfer, mit Überlebenden der NS-Verfolgung und ZeitzeugInnen, sondern luden auch SozialwissenschafterInnen, HistorikerInnen, PsychologInnen, PädagogInnen und KünstlerInnen ein. Wir wählten diesen breiten Zugang, um die offensichtlich großen Schwierigkeiten der gegenwärtigen Dorfgesellschaften abzubauen, sich mit dem Faktum massiver politischer Gewalt vor Ort auseinanderzusetzen. In Greifenburg verübte der lokale SA-Sturm im März 1938 unter Beteiligung großer Bevölkerungsteile beispielsweise pogromartige Ausschreitungen gegen politische GegnerInnen, die nach 1945 als die schwersten Gewalttaten während des ‚Anschlusses‘ in Kärnten bezeichnet wurden.

 

Neben der Recherche und der Vermittlung war die Veränderung des kulturellen Gedächtnisses eine dritte Dimension des Projekts. Die Biografien der NSOpfer wurden seit 2006 sukzessive den Gemeinden zur Verfügung gestellt und auf einer Webseite (http://nsopfer.kuland.org) zugänglich gemacht. Eine Folge war, dass die VerfasserInnen einiger neuer Gemeindechroniken das von kuland erarbeitete Wissen nicht mehr außer Acht lassen konnten.

 

…zur nachhaltigen Erinnerung

 

Für kaum eine der biografierten Personen fanden wir ein adäquates Erinnerungszeichen. Manche, die nach ihrem gewaltsamen Tod in Dellach und Greifenburg einfach als ‚Ehrlose‘ verscharrt wurden, haben bis heute kein Grab. Für diese Menschen einen Erinnerungsort zu schaffen, einen bleibenden und sichtbaren Anknüpfungspunkt für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinem Nachwirken, war bereits 1996 beabsichtigt aber mangels Unterstützung nicht zu realisieren gewesen. Auch siebzehn Jahre später war die Realisierung eines solchen Erinnerungsorts letztlich nur möglich, weil der in Berg im Drautal lebende Künstler Hans-Peter Profunser, der den Aktivitäten von kuland sehr früh Sympathie und Interesse entgegengebracht hatte, bereit war, sich mit hohem Engagement an unserem Projekt zu beteiligen. Profunser kennt die Dorfgesellschaften, ihre Potentiale, ihre sozialen und politischen Konstellationen genau. Viele seiner Arbeiten sprechen zudem soziale, ökonomische und politische Verhältnisse an, die repressiv wirken. Sie „bringen [...] etwas in der Seele des Betrachters zum Schwingen. Tabuisiertes wird so auf einmal Aussprechbares“.1

 

So weist Profunsers Skulptur alle Ebenen des Projekts Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung im Dreidimensionalen auf: Sie ist etwa 22 Meter lang, hat eine Höhe von zweieinhalb Metern und eine Breite von drei Metern. Die äußere, nach oben offene Form der Eisenstäbe symbolisiert den Zwang und die Enge des nationalsozialistischen Systems, aber auch den Ausschluss der Opfer aus dem Gedächtnis der Gesellschaft nach 1945 – ein Hinweis auf das zweite Element der NS-Herrschaft, die Zustimmung. Die vordere Front ist aufgerissen, um zu verdeutlichen, dass es möglich war, Zeichen des Widerstands zu setzen und Verfolgten zu helfen. Außerdem bietet dieser Aufbruch die Möglichkeit, sich den Verfolgten zu nähern.

 

Das begehbare Innere dominiert ein massiver Eisenkörper, in dem 40 Stahlkassetten eingearbeitet sind. Jede Lade enthält eine Glasplatte, auf der der Namen sowie die Geburts- und Todesdaten eingraviert sind. Unter den Opfern befinden sich 34 Männer, vier Frauen und zwei Mädchen; alle Frauen waren Opfer der Euthanasie, die beiden Mädchen waren Sinti.

 

BesucherInnen müssen die Laden herausziehen, um die Glastafeln lesen zu können. Diese Tätigkeit soll verdeutlichen, dass Erinnern ein bewusster Vorgang ist, der es ermöglicht, sich der Geschichte unserer Gesellschaft zu stellen und ihre Potentiale zu erkennen. In die Glasplatten sind, neben den persönlichen Angaben, Zitate eingraviert, die aus den von SchriftstellerInnen verfassten Texten zu den Biografien im Begleitbuch stammen.

 

Der Besuch der Gedenkstätte ist mit vielschichtigen sinnlichen Eindrücken verbunden: dem Hingehen zur Gedenkstätte, die auf einem freien Feld steht, dem Eintreten durch den Aufriss, dem Herausziehen der Laden, den Geräuschen, die von der Reibung der Lade mit dem Eisenkörper verursacht werden. Die Zitate laden zum Verweilen ein, werfen Fragen auf und können Assoziationen und Reflexionen auslösen. Profunsers Absicht ist es, „die Menschen vom passiven Umgang hin zu einem aktiven zu führen, die Menschen weg vom Zuschauen oder gar vom Wegschauen hin zu eigenen Aktivitäten zu bringen, eine Schulung der eigenen Wachsamkeit zu erreichen“.2

 

Symbol entschwundener und bestehender Hoffnung

 

Die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig wählte für ihren literarischen Text über den Sozialisten Hubert Mayr, der im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus gekämpft hatte und seit einer Mission für den britischen Kriegsgeheimdienst SOE im Jahr 1944 in Oberkärnten verschollen ist, den Titel „Esperanza, Schiff der Alpen. Ein Lied für Hubert Mayr als Auftakt zum Denkmal“. Die einem Landungsschiff ähnliche Gedenkstätte figuriert in Mischkulnigs Text als entschwundene Hoffnung, als das Schiff Esperanza, mit dem von Spanien nach Mexiko zu flüchten Hubert Mayr 1938 versagt geblieben ist: „Nun hab ich ja einen Hafen hier in den Bergen, ein Denkmal. Ich lehne es trotzdem ab, meine Perspektive einzunehmen, aus ihr heraus zu erzählen, was ich gedacht und gefühlt haben mochte, als mir die Flucht versagt war. Ich lehne jeden Rettungsversuch durch Projektion ab, da nichts Gerechtes zu unternehmen ist, als mein Scheitern und meinen Verlust im Glauben an den Widerstand anzuerkennen und zu bedauern.“ So hebt der Text an und im Weiteren figuriert das Denkmal als gestrandete Hoffnung, schließlich als Ort aufkeimender Hoffnung, wenn es heißt: „Opfere dich nicht, glühe, wie diese Gipfel an denen dieses Schiff zerschellt ist, und sage Zaun dazu, damit du ein Gehege zur Erinnerung hast. Das Denkmal. Und nun gehe, Du Ankerkind, an dir hängt die Zukunft. Was für ein guter Mann ich war? Gestorben fürs Vaterland, nein, für eine Muttersprache aus Sozialdemokratie und Internationalität. Gibt es Besseres, dann gib ihm Ausdruck. Du lebst. Ich glaube nicht mehr an den Himmel, doch kenne ich den Ursprung von Hoffnung, die mit dem Satz beginnt: Ich glaube an deine Kraft.“3

 

 

Peter Pirker

Historiker und Politikwissenschafter, Lehrbeauftragter an der Universität Wien, zahlreiche Publikationen, zuletzt: Subversion deutscher Herrschaft. Der britische Kriegsgeheimdienst SOE und Österreich, Göttingen 2012. www.peterpirker.at.

 

 

1 Henning Vogelsang, Der aus der Stille spricht, in: Hans-Peter Profunser, Begegnungen, Nendeln 2009, 18–19, hier 19.

 

2 Hans-Peter Profunser/Anita Profunser, Das Denkmal der Erinnerung, in: Peter Pirker/Anita Profunser, (Hg.), Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung. Die Opfer des Nationalsozialismus im Oberen Drautal, Klagenfurt/Celovec 2012, 82–90, hier 85.

 

3 Lydia Mischkulnig, Esperanza, Schiff der Alpen. Ein Lied für Hubert Mayr als Auftakt zum Denkmal, in: Ebd., 162–163.