AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/13


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Ein Denkmal sollte zur Reflexion anregen“

Ein Gespräch mit dem Künstler Ernst Logar über sein Projekt Ort der Unruhe, überholte Denkmalsbegriffe und die Frage, was Kunst im Zusammenhang mit der Erinnerung an die NS-Verbrechen leisten kann

 

Der Ort der Unruhe beschäftigt sich mit der vielschichtigen Geschichte der Belgierkaserne in Graz. Dabei handelt sich um die ehemalige SS-Kaserne Graz- Wetzelsdorf, die heute eine Einheit des Bundesheers beherbergt. Durch die Aufarbeitung der dort verübten Verbrechen (v. a. durch ein 2008 vom Bundesministerium für Landesverteidigung in Auftrag gegebenes Forschungsprojekt) ist der Ort seit 2011 auch eine Gedenkstätte: Im April 1945 verübte die dort stationierte Einheit der Waffen-SS eine Massenerschießung und verscharrte die Hingerichteten in Bombentrichtern. Diese wurden daraufhin (und kurz vor Ankunft der Alliierten) wieder ausgegraben und zum nahegelegenen Feliferhof, einem Schießplatz, verbracht. Da jedoch nicht alle exhumiert wurden, sollen heute noch menschliche Überreste auf dem Areal der Belgierkaserne liegen.

 

Ernst Logar, der sich bereits 2004 in einer Arbeit (Den Blick hinrichten (siehe: www.denblickhinrichten.at)) mit den NS-Verbrechen am Feliferhof und in der SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf beschäftigte, nimmt die Vielschichtigkeit dieses Orts in den Blick und stellt anhand dieses Beispiels offizielle Formen des Gedenkens zur Debatte. Besonders geht es ihm um die Ungewissheit, die von diesem Ort ausgeht: bisher wurde nicht vollständig geklärt, ob sich dort noch Überreste von Opfern (v. a. ungarische Jüdinnen und Juden, WiderstandskämpferInnen sowie britische und amerikanische Militärangehörige) befinden. Daher versteht Logar diesen Ort als „Ort der Unruhe“.

 

Die installative Arbeit Ort der Unruhe wurde Ende 2012 in der Medienwerkstatt Wien gezeigt und wird von 8. Mai bis 7. Juli 2013 im GrazMuseum (ehemaliges Stadtmuseum Graz) in Graz zu sehen sein.

 

GEDENKDIENST: Herr Logar, mit ihrem Projekt Ort der Unruhe haben Sie vergangenes Jahr in Form einer installativen Arbeit ein Nachdenken über das offizielle Gedenken angeregt. In Ihrem Projekt geht es darum, sich fragend und kritisch mit der Aufarbeitung der Verbrechen in der Grazer Belgierkaserne zu beschäftigen. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Ernst Logar: Mein Interesse an diesem Thema hat eine starke persönliche Komponente. 2004 begann ich mich damit auseinanderzusetzen, als ich in der Arbeit Den Blick hinrichten die Erschießung meines Großvaters Josef Logar, der am 7. April 1945 im Zuge dieser Verbrechen hingerichtet wurde, in den Mittelpunkt stellte. Bei meinen Recherchen für dieses Projekt kam ich zum ersten Mal mit der Geschichte der Belgierkaserne und des Feliferhofs in Berührung. Den Prozess der historischen Aufarbeitung dieser beiden historischen Orte, der bis in die 1980er Jahre zurückreicht, verfolgte ich von da an mit.

 

Was findet man heute in Erinnerung an die Ermordeten am Areal der Belgierkaserne?

2005 wurde zum ersten Mal beim Eingangstor bei der Belgierkaserne ein Gedenkstein enthüllt, um auf die Verbrechen am Kasernengelände hinzuweisen; dieser Stein wurde auf Anregung eines Militärangehörigen, dessen Vater dort ermordet wurde, aufgestellt. Eine durch Verteidigungsminister Norbert Darabos in Auftrag gegebene Studie, angeregt durch den persönlichen Einsatz einzelner Personen des Militärs als auch Grazer HistorikerInnen, wurde 2008 erarbeitet und stellte fest, dass in drei Bombentrichtern noch menschliche Überreste liegen müssten. 2011 wurde am Kasernengelände ein Gedenkhain eingeweiht, in dem sich ein Gedenkstein und die drei als Zierkieskreise markierten Bombentrichter befinden, die man durch historische Luftaufnahmen der Alliierten lokalisieren konnte. In Ergänzung zum Gedenkstein von 2005 werden im Text von 2011 die Opfergruppen benannt. Der Text ist aber im wahrsten Sinne des Worts nicht in Stein gemeißelt, sondern auf einer Glasplatte angebracht, sodass etwaige neue Forschungsergebnisse eingearbeitet werden könnten.

 

Welche Überlegungen flossen in die Gestaltung Ihrer installativen Arbeit ein? Wie thematisierten Sie die verschiedenen Ebenen dieses Orts, dieser Geschichte, dieses politischen Prozesses in der Arbeit?

In der Medienwerkstatt Wien wurde meine Arbeit Ort der Unruhe Ende 2012 erstmals gezeigt. Ich versuchte dabei, zum einen die Geschichte der Aufarbeitung des historischen Orts anhand eines Wandtexts zu rekonstruieren. Zum anderen versuchte ich mit Pressemeldungen seit den 1980er Jahren – also seit es über die Verbrechen eine Diskussion gab – die Entwicklung darzustellen. Im Besonderen widmete ich mich dabei auch den Bestrebungen, Mitte der 1990er Jahre am Feliferhof ein Denkmal zu errichten; damals gab es einen ausgeschriebenen Wettbewerb, den Jochen Gerz und Esther Shalev- Gerz gewannen. Nach ein paar Wochen wurde dieses Vorhaben jedoch vom damaligen steirischen Militärkommandanten abgedreht. Zudem sprach ich mit verschiedenen Personen über die historische Aufarbeitung der Verbrechen und die Realisierung des Denkmals, wobei die unterschiedlichen Standpunkte der Beteiligten und Ihrer Institutionen sichtbar werden. Dass bis heute nicht verifiziert ist, ob immer noch menschliche Überreste dort liegen, thematisiere ich in der Installation als besonders problematisch respektive kommt dieser Aspekt auch bei den Interviews, die Teil der Installation sind, zur Sprache.

 

Würden Sie kritisch sehen, dass es rund um die Gestaltung des Gedenkhains in der Belgierkaserne keinen ausgeschriebenen Wettbewerb gab und dass das Bundesheer mit dem Thema kaum an die Öffentlichkeit geht? Sehen Sie hierin ein Symptom für den kaschierenden Umgang mit der Geschichte des Orts, der sich auch im Ergebnis, also dem Gedenkhain, wie er 2011 eröffnet wurde, widerspiegelt?

Ja, denn es fehlen sowohl die notwendige öffentliche als auch eine heeresinterne Auseinandersetzung damit. Um das an einem Beispiel zu illustrieren: ein Tagesoffizier erzählte mir, dass er über den Gedenkhain Bescheid wisse, jedoch darüber in der Zeitung erfahren habe. Das sagt viel über die Beschäftigung des Bundesheeres mit dieser Geschichte aus. Oft, so scheint mir, wird nach außen vermittelt, es gäbe eine offene Diskussion darüber, aber viel passiert nicht. Ein zeitgemäßes Denkmal wäre auch aus diesem Grund ratsam gewesen – so, wie der Vorschlag von Jochen Gerz und Esther Shalev- erz: dieser Entwurf griff ein beim Militär übliches Ritual auf, nämlich das Fahnenhissen. Die auf den Fahnen aufgebrachten Texte sollten zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der militärischen Gegenwart auffordern.

 

Zentral ist in Ihrer Installation der in Anlehnung an Herder abgeänderte Satz „Wenn die Menschen schweigen, so werden die Steine nicht schreien.“ Geht es Ihnen also auch darum, den herkömmlichen Denkmalsbegriff zu hinterfragen und neue Formen des Gedenkens anzuregen?

Ich verwendete in der Installation auch einen Granitsteinkreis, gefüllt mit Zierkies, der den markierten Bombentrichtern in der Belgierkaserne nachempfunden ist. Was ich damit ausdrücken wollte, war, dass ein Denkmal zur Reflexion anregen sollte. In diesem Sinne hinterfrage ich den herkömmlichen Denkmalbegriff, weil Gedenksteine (oder Bombentrichter) nicht zur Interaktion oder Kommunikation anregen, sondern vorerst einen Ort markieren. Für mich ist klar, dass dies weder eine zeitgemäße Form des Gedenkens noch eine zeitgemäße Denkmalform ist. Zudem wäre die Einbindung der Öffentlichkeit, gerade im Fall der Belgierkaserne, zentral. Dass das schwierig ist auf Militärgelände, ist klar, aber das Thema ist von öffentlichem Interesse, daher müsste man darüber nachdenken. Und ein öffentlicher Denkmalwettbewerb würde diese Auseinandersetzung fördern und dementsprechende Lösungen anbieten.

 

Was an Ihren Arbeiten auffällt ist, dass Sie im Künstlerischen historisch arbeiten. Wie lässt sich das Verhältnis von Künstlerischem und Historischem in Ihrer Arbeit bestimmen?

Das Fundament für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema ist, sich mit den historischen Quellen eingehend zu befassen. Ich versuche dabei verschiedene Aspekte der Geschichte herauszuarbeiten, bei denen ich denke, dass sie wichtig und interessant sind. Dies sind Aspekte – man könnte sagen ‚Wahrheiten‘ – die von der Geschichtswissenschaft nicht abgedeckt werden können. Etwa bei meiner Arbeit Den Blick hinrichten, in der ich mich mit der Situation der Hinrichtung durch Erschießung in Form einer Rauminstallation auseinandersetzte. Hier brachte ich verschiedene Ebenen zusammen, einerseits ‚den Blick hinrichten‘, also hinschauen auf die Zeit des Nationalsozialismus und thematisierte andererseits den Blick des Delinquenten im Zeitpunkt seiner Erschießung, vor dessen Wahrheit sich die Hinrichter schützen wollen und der letztendlich hingerichtet, also zerstört wird. Solche Aspekte kann Kunst transportieren, während der Wissenschaft hier Grenzen gesetzt sind. Ich sehe mich nicht als Historiker, aber ich habe einen historisch- politischen Anspruch, der etwa an meiner Arbeit über die Kärntner PartisanInnen sehr deutlich wird.

 

Wenn Sie den Gedenkort SS-Kaserne Wetzelsdorf umgestalten oder ergänzen könnten, wie würden Sie das machen?

Etwas Konkretes kann ich aus dem Stehgreif nicht formulieren. DasDenkmal sollte jedenfalls einen Kommunikationsprozess anregen, denn der Gedenkhain ist eine bloße Markierung, eine Rettung vor dem Vergessen. Ein Denkmal jedoch müsste der Komplexität des Orts – als Tatort, als Friedhof, als militärisches Gelände – gerecht werden, mit allen Widersprüchen. Wie schon vorher erwähnt, würde ich einen Denkmalwettbewerb ausschreiben. Und vorab sollte abgeklärt werden, ob sich dort nun noch menschliche Überreste befinden.

 

Was ‚kann‘ Kunst – politisch, historisch, gesellschaftlich – und was ist die besondere Qualität von Kunst in Bezug auf die Aufarbeitung der NSVerbrechen? Was kann man mithilfe der Kunst ‚sagen‘, was mit anderen Mitteln schwer vermittelbar oder überhaupt kommunizierbar wäre?

Kunst kann immer nur so viel, wie ihr die Gesellschaft zuweist oder sag- und denkbar macht. Als Künstler kann ich bestimmte Aspekte herausarbeiten, die sich für mich mit einem bestimmten Objektivitätsanspruch verbinden. Kunst kann gewisse Dinge verdichten, wie ich in Bezug auf Den Blick hinrichten ja schon erklärte. Die Stärke der Kunst ist also, dass sie auch Ebenen, die nicht objektivierbar sind, verhandeln kann, die andere Bereiche, insbesondere die Wissenschaften, nicht berücksichtigen können. Was die Kunst zudem kann, ist, dass sie Geschichte womöglich mit allen Sinnen, also, wenn man so will ‚körperlich‘, erfahrbar macht und so einen Ausgangspunkt für einen intensiven Diskussionsund Reflexionsprozess anregen kann.

 

Herr Logar, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Adina Seeger.