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Ausgabe 1/13


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Denk mal! – Erinnerungskultur in Vorarlberg

„Für mich ist ‚Denkmal‘ ein lebenslanger Imperativ, der aus zwei Wörtern besteht.“

Fritz Grünbaum (1880 1941)

 

Die Gedenklandschaft Vorarlbergs hat sich seit den 1980er Jahren – befördert vor allem durch die Gründung der Johann-August-Malin-Gesellschaft und die Eröffnung des Jüdischen Museums Hohenems stark verändert. Seither wurden regional- und lokalgeschichtliche Themen im öffentlichen Diskurs verhandelt, was eine gesellschaftliche Sensibilisierung nach sich zog. Diese positive Entwicklung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis heute Lücken in der lokalen Erinnerungskultur vorhanden sind. Dass etwa Denkmäler für Frauen unterrepräsentiert sind, gilt es kritisch zu hinterfragen. Davon abgesehen sind in den letzten Jahren bemerkenswert viele Gedenkstätten in Vorarlberg eingeweiht worden – nachstehend werden einige von ihnen vorgestellt.

 

Erinnerung heute: eine Bestandsaufnahme anhand von vier Beispielen

 

Denkmäler dienen als Orte der Besinnung, des Nachdenkens und der Reflexion, sie dürfen irritieren und aufrütteln. Wie Fritz Grünbaum formulierte, können sie als Imperativ verstanden werden, als Lehre für die Gegenwart und als Mahnung für die Zukunft.

 

In jüngster Vergangenheit wurde Vorarlbergs Gedenklandschaft durch die Errichtung einiger neuer Erinnerungsstätten bereichert. Nicht unwesentlich zu diesem gesteigerten Erinnerungsbedürfnis hat dabei wohl die Seligsprechung des Provikars Carl Lampert am 13. November 2011 in Dornbirn beigetragen.

 

Layer: ein Denkort, kein Heldendenkmal für Carl Lampert (Dornbirn)

 

Geboren 1894 in Göfis, erhielt der von der katholischen Kirche als ,Glaubensmärtyrer‘ seliggesprochene Carl Lampert im Jahr 1918 die Priesterweihe. Seine erste Dienststelle trat er als Kaplan in der St. Martin Kirche in Dornbirn an, wo am 11. November 2012 der Denkort Layer eingeweiht wurde. 1939 zum Provikar der Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch ernannt, setzte er sich vehement für kirchliche Anliegen ein, weshalb er bald in Konflikt mit der örtlichen Gauleitung kam. Nach seiner ersten Verhaftung 1940 erhielt er ‚Gauverbot‘ und wurde nach Stettin zwangsversetzt. Dort setzte man einen Gestapo- Spitzel auf ihn an, der ihn später der Feindbegünstigung und des Spionageversuchs bezichtigte. Im Februar 1943 erneut verhaftet, wurde er zum Tode verurteilt und nach monatelanger Kerkerhaft im November 1944 in Halle (Saale) hingerichtet.1

 

Der Künstler Hubert Matt entwarf auf Initiative der Pfarre St. Martin, der Stadt Dornbirn und der Diözese den Denkort Layer. Mit seinem Titel soll er auf die Vielschichtigkeit des gesellschaftlichen Systems verweisen. Sieben Betonröhren mit Betondeckeln wurden dazu von Matt in Form eines siebenseitigen Polygons im Vorgarten des Pfarramts St. Martin eingegraben. Das Gelände, auf welchem sich die Installation befindet, ist uneben, die sieben Röhren bilden dort eine imaginäre plane Fläche. „Die Begradigung des Ortes ist nur angedacht, die Differenz bleibt offen.“2 Der Denkort Layer konfrontiert die Betrachter/-innen mit sichtbar und unsichtbar vernetzten Systemen und regt dazu an, über vermeintlich klare gesellschaftliche Strukturen nachzudenken.3

 

Ernst Volkmann – Dem Deserteur eine Halte-Stele (Bregenz)

 

69 Jahre nach seiner Hinrichtung, wurde dem ,standhaften‘ Katholiken und österreichischen Patrioten Ernst Volkmann, der sich geweigert hatte, auf Adolf Hitler den Fahneneid zu leisten und in den Krieg zu ziehen, im November 2010 ein Denkmal gewidmet. Die im Stil einer Bregenzer Bushaltestelle gehaltene Stele des Künstlers Georg Vith soll den gewohnten Alltag der Passant/-innen vermitteln, bei genauer Betrachtung jedoch auf Grund der anstelle von Abfahrtszeiten angegebenen biografischen Daten Ernst Volkmanns irritieren.4 Der Deserteur, der in der Wehrdienstleistung für Hitler-Deutschland „eine Vergewaltigung seiner sittlichen Freiheit“5 sah, beschloss für seine Haltung zu sterben. „Die Halte-Stele ist Sinnbild für die Entscheidung, die mit jeder Reise verbunden ist“,6 so Vith. Die Wahl des Standorts fiel auf den Platz neben dem Bregenzer Kriegerdenkmal, auf dem jahrzehntelang der Name Volkmanns unkommentiert unter den gefallenen Soldaten des Jahres 1941 zu lesen war.

 

Die Gedenkstele ergänzt eine im September 2007 an der Außenmauer der Pfarrkirche St. Gallus installierte Messingtafel, die sich in unmittelbarer Nähe der neuen Gedenkstätte befindet. Gemeinsam korrigieren sie das Bild des Deserteurs und zeigen kritisch die fragwürdige österreichische Gedenkkultur gegenüber NS-Justizopfern auf.

 

Paul Grüninger – Eine Brücke für den Helfer (Hohenems-Diepoldsau)

 

Im Andenken an den St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger, der von 1938 bis 1939 Hunderten Flüchtlingen das Leben rettete, indem er sie illegal in die Schweiz einreisen ließ, erfolgte am 6. Mai 2012 die feierliche Umbenennung des Grenzübergangs Hohenems-Diepoldsau in Paul Grüninger Brücke. Auf Initiative der St. Galler und Vorarlberger Grünen wurde somit einem Mann, dem jahrelang für sein mutiges Verhalten keinerlei Anerkennung zukam, im Rheintal ein Denkmal gesetzt. Die Brücke soll die Menschen und ihre gemeinsame Geschichte diesseits und jenseits des Rheins, aber auch Vergangenheit und Gegenwart, miteinander verbinden.7

 

Grüninger wurde bereits im Frühjahr 1939, nachdem sich der Chef der Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizei Dienst (EJPD), Heinrich Rothmund, bei der St. Galler Kantonsregierung über den „unkontrollierten Zustrom jüdischer Flüchtlinge in die Schweiz“8 beschwert hatte, seines Amts enthoben, fristlos entlassen und wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung vom Bezirksgericht St. Gallen verurteilt. Erst 1995 erfolgte, nach langjährigem Einsatz einzelner sozialdemokratischer Politiker/-innen, die Aufhebung des Urteils gegen Grüninger und somit seine posthume, rechtliche Rehabilitierung.9

 

Nebst zwei Straßenschildern befindet sich eine Erinnerungstafel auf der Brücke. Letztere wurde diesen Februar aus bis dato unerfindlichen Gründen abgerissen und in den Rhein geworfen. Es ist von Vandalismus auszugehen, wobei laut Schweizer Polizei beim jetzigen Stand der Ermittlungen noch nicht von einer bestimmten Tätergruppe gesprochen werden könne.10 Die Vorarlberger Grünen hingegen vermuten hinter der Tat einen „rechtsextremen Akt“.11 Mitte März wurde die Tafel wieder an ihrem ursprünglichen Platz auf der Brücke angebracht.

 

Erinnerungszeichen Fontanella-Faschina für Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen

 

In Reaktion auf im Sommer 2011 gefundene, von Kriegsgefangenen behauene Steine, hat sich in Fontanella eine Initiativgruppe um die Walser Mundartexpertin Elisabeth Burtscher formiert, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter/-innen, welche in den Jahren 1940 bis 1945 zum Bau der Faschinastraße und für landwirtschaftliche Arbeit herangezogen wurden, im Großen Walsertal ein Denkmal zu setzen.

 

Der Künstler Hubert Lampert, der mit seinem Konzept, welches vier behauene Steine integriert und mit religiöser Symbolik arbeitet, die Initiator/-innen überzeugte, übernimmt die Gestaltung des Gedenkorts.12 Die Erinnerungszeichen, wie sie im Herbst 2013 in Fontanella enthüllt werden sollen, sind in ihrer Art in Vorarlberg einzigartig. 2008 wurde in der Barbarakapelle auf der Bielerhöhe eine Gedenktafel für die verstorbenen Zwangsarbeiter der Illwerke angebracht. Daneben hat Silbertal (Montafon) im November 2010 einen Erinnerungsplatz errichtet, der nicht nur den gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege, sondern all jenen Menschen gewidmet ist, die in Silbertal zu NS-Opfern geworden sind.13

 

Gelebte Erinnerungskultur, vereinzelt ‚Schlussstrich‘-Stimmen

 

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Fritz Grünbaums „Denk mal!“ nicht an Aktualität verloren hat. Das Bedürfnis der breiten Bevölkerung, einzelne Mitbürger/-innen oder Personengruppen mittels Denkmälern zu würdigen, ist ungebrochen. Als Indiz einer sich verändernden Erinnerungskultur können die Erweiterung der Gedenklandschaft durch neue Erinnerungsstätten sowie die damit einhergehenden Rahmenprogramme gedeutet werden. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass noch in diesem Jahr – auf Initiative der Malin-Gesellschaft und der Vorarlberger Grünen – die Realisierung eines Deserteursdenkmals in Bregenz angedacht ist.

 

Bei aller Euphorie darf jedoch nicht übersehen werden, dass sich auch Stimmen des Ressentiments in Vorarlberg immer wieder zu Wort melden. Diese machen ihrem Unmut auffallend oft in Onlineportalen und Leserbriefrubriken lokaler Medien Luft. Nicht selten ist der Tenor dort von grundsätzlicher Ablehnung jeglicher Art des Gedenkens und der Forderung, einen ‚Schlussstrich‘ zu ziehen, geprägt. Dass Denkmäler nicht alleine der Erinnerung an Geschehenes dienen, sondern auch den Blick für gegenwärtige und zukünftige Verhältnisse schärfen können, wird hierbei in der Regel übersehen.

 

Bedauerlicherweise sind auch schon gewaltsame Vandalismus-Akte zu verzeichnen gewesen, die in ihrer Form und Symbolik auf einen rechtsradikalen Hintergrund hinweisen: Im Sommer 2012 wurden am Jüdischen Friedhof Hohenems mehrere Grabsteine umgeworfen. Die regen Erinnerungsbemühungen in Vorarlberg lassen aber dennoch hoffen, dass Fritz Grünbaums „Denk mal!“ lebendig bleibt, die noch vorhandenen Gedächtnislücken bald geschlossen werden und rechtsradikale Vorfälle zurückgehen.

 

 

Christine Jost

1984 in Hohenems geboren, Studium der Bildungswissenschaft in Wien, derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Jüdischen Museum Hohenems.

 

 

1 Vgl. http://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/projekt-seligsprechung/links-dateien/Biographie.pdf (11.03.2013).

 

2 http://www.st-martin-dornbirn.at/carl-lampert/denkort-layer.aspx (11.03.2013).

 

3 Vgl. ebd.

 

4 Vgl. http://vbgv1.orf.at/stories/481647(11.03.2013).

 

5 http://malingesellschaft.at/aktuell/veranstaltungen/gedenktafel-fur-ernst-volkmann (11.03.2013).

 

6 http://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/projekt-seligsprechung/artikel/gedenkstele-fuer-ernst-volkmann(11.03.2013).

 

7 Vgl. http://www.malingesellschaft.at/aktuell/medienarbeit-1/05.07.2011-eine-brucke-fur-den-lebensretter-paul-gruninger (11.03.2013).

 

8 Wulff Bickenbach, Gerechtigkeit für Paul Grüninger.Verurteilung und Rehabilitierung eines SchweizerFluchthelfers (1938-1998), Köln u. a.,2009.

 

9 Harald Walser, Paul Grüninger – Wenn Widerstand zur Pflicht wird, in: Neue am Sonntag vom 29.April 2012, 36-37, hier 36 f.

 

10 Vgl. http://www.vol.at/hohenems-erinnerungstafel-an-fluchthelfer-paul-grueninger-gestohlen/3499706 (11.03.2013).

 

11 http://vorarlberg.gruene.at/demokratie_kontrolle/artikel/lesen/88087/ (19.03.2013).

 

12 Vgl. http://www.vol.at/fontanella/zwangsarbeit-infaschina-und-fontanella/3424487 (11.03.2013).

 

13 Vgl. Bruno Winkler, Disparate Erinnerungswelten im Dorf – Silbertal bekommt einen Erinnerungsplatz, hat Respekt gewonnen und Gewissheit verloren, in: Kultur 9/2010, 54-55, hier 54 f.