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Ausgabe 1/13


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vor.gelesen|rezensionen

Flucht aus dem Todesblock. Der Massenausbruch sowjetischer Offiziere aus dem Block 20 des KZ Mauthausen und die „Mühlviertler Hasenjagd“. Hintergründe, Folgen, Aufarbeitung

Matthias Kaltenbrunner, StudienVerlag, Innsbruck 2012

 

Nachdem 1941/42 schon circa zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene der gezielten Vernichtungspolitik Deutschlands zum Opfer gefallen waren, beschloss die deutsche Führung, ihre Mordpolitik gegenüber Angehörigen der Roten Armee mit dem sogenannten ,Kugelerlass‘ 1944 fortzusetzen: deutsche Behörden sollten fortan kriegsgefangene sowjetische Offiziere, die Fluchtversuche begingen, in das Konzentrationslager Mauthausen überstellen. Hier würden Lagerleitung und Wachmannschaft diese ‚K-Häftlinge‘ im Block 20 (auch ‚Todesblock‘ genannt) entweder misshandeln, erschießen oder verhungern lassen. Die in Mauthausen festgehaltenen sowjetischen Offiziere waren die einzigen Häftlinge, denen ein Massenausbruch aus einem Konzentrationslager gelang. In den Wochen nach dem Ausbruch im Februar 1945 kam es im umliegenden Mühlviertel zu einer Menschenjagd, im Zuge derer die SS-Wachmannschaften des Lagers und die im Umfeld ansässige Zivilbevölkerung die Häftlinge jagten und ermordeten. Dieses Massaker ist heute unter dem Begriff ‚Mühlviertler Hasenjagd‘ bekannt.

 

Mit der Monografie Flucht aus dem Todesblock liefert Matthias Kaltenbrunner nun erstmals eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Ereignisse, ihres historischen Kontexts sowie der Aufarbeitung in Österreich und der Sowjetunion – sowohl in juristischer als auch erinnerungspolitischer Hinsicht. Der wohl interessanteste Teil seiner Studie behandelt die Aufarbeitung der Konstruktion der historischen „Meistererzählung“ durch sechs der acht heute bekannten Überlebenden, die bis heute den narrativen Rahmen der Erinnerung an die Massenflucht bildet. Den Überlebenden war es erst in der sogenannten ‚Tauwetterperiode‘ möglich, über ihre Erlebnisse zu berichten. Dank der russischen Journalistin Ariadna Sergeevna Jurkova, die sich um die Rehabilitation ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener bemühte, war es den Überlebenden des Mühlviertler Massakers erstmals möglich, ihre Geschichte der Öffentlichkeit unter anderem in Zeitungsartikeln oder öffentlichen Auftritten zu präsentieren. Diese ist allerdings, wie Matthias Kaltenbrunner herausarbeitet, eine „Meistererzählung“, die Anfang der 1960er Jahre von den genannten sechs Überlebenden bei einem gemeinsamen Treffen beschlossen wurde und wahrscheinlich nicht in allen Einzelheiten den historischen Tatsachen entspricht. Vielmehr ist sie sowohl durch den Konflikt zwischen den organisierten Gruppen der Funktionshäftlinge und sowjetischen Luftwaffenoffizieren im Block 20 als auch durch die sehr stark auf gewisse Tropen zurückgreifende sowjetische Erinnerungskultur an die Konzentrationslager geprägt ist.

 

Flucht aus dem Todesblock liefert damit nicht nur die umfassende Aufarbeitung eines historisch einzigartigen Ereignisses und der Erinnerung daran, sondern auch ein ungewöhnliches Beispiel dafür, wie historische Narrative konstruiert werden. Diese Monografie bietet somit allen, die sich mit nationalsozialistischen Verbrechen sowie ihrer Aufarbeitung und mit Erinnerungskultur beschäftigen, eine interessante und erkenntnisreiche Lektüre.

 

Johannes Breit

 

 

Ariadne 59 (2011). Gedenken und Erinnern. Perspektiven der Aufarbeitung des Nationalsozialismus

Stiftung Archiv der Deutschen Frauenbewegung, Kassel 2011

 

In der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und in Historisierungsprozessen der Nachkriegsgesellschaften spielen Geschlechterkonstruktionen eine entscheidende Rolle, so die zentrale Aussage der Redakteurinnen Silke Mehrwald und Laura Schibbe im Vorwort der im Mai 2011 erschienenen Ausgabe von Die Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte. Sie erscheint seit 1985 und widmet sich Emanzipationsbestrebungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Die vorliegende Ausgabe will aus der Perspektive der Geschlechterforschung die Gedächtniskonstruktionen in Nachkriegsgesellschaften analysieren und versucht in neun Beiträgen einen Querschnitt aus derzeit aktuellen Forschungsthemen zu präsentieren. Sie alle streben nicht an, die bisherige Geschichtsschreibung ‚auf den Kopf zu stellen‘, sondern wollen den geschlechtersensiblen Ansatz als Erweiterung im wissenschaftlichen Mainstream etablieren.

 

Aus der Fülle der Beiträge sei hier Insa Eschebachs Artikel Homophobie, Devianz und weibliche Homosexualität hervorgehoben, der für die Bildungsarbeit besondere Relevanz hat. Zu oft stellt sich nämlich in der Praxis heraus, dass der differenzierte Blick der Geschlechterforschung nicht in der Gedenkstättenpädagogik angekommen zu sein scheint.

 

Eschebach untersucht Berichte ehemaliger Insassinnen ebenso wie die Gedenkpraxis der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Diese ist als größtes ehemaliges Frauen-KZ bekannt und besonders in den letzten Jahren in den Fokus der Genderforschung gerückt. In kaum einem Erinnerungsbericht von Überlebenden, so die Autorin, komme weibliche Homosexualität positiv konnotiert vor: lesbisches Verhalten sei in der Lagergemeinschaft stigmatisiert worden – es galt etwa als Merkmal der sogenannten ‚Kriminellen‘ oder wurde ‚deutschen‘ Frauen zugeschrieben. Weit verbreitet war auch die Darstellung von Homosexualität als ‚Krankheit‘, die auf Deutungsmuster des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

 

Bis in die 1980er Jahre erinnerte die Gedenkstätte an ein Bild der entsexualisierten Frau und Mutter. Erst die politische Homosexuellenbewegungen lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit lesbischen Häftlingen zu. Seitdem ist die Erinnerung an Schwule und Lesben Teil des offiziellen Gedenkens in Ravensbrück. Sie konstatiert, dass dem lange gegenwärtigen Müttertopos des Gedenkens in Ravensbrück ein Bild der „unangepassten Weiblichkeit“, wie weibliche Homosexualität, entgegengestellt wird, das Homogenität aber wiederum dort konstruiert, wo es sich um unterschiedliche soziale Gruppen handelt. Die Herausforderung an Gedenkstätten sei daher, solchen Vereinfachungen, die Identitätspolitiken immanent sind, entgegenzuarbeiten und eine Vielfalt der Erinnerungen anzuerkennen.

 

Die Stärke dieser Ausgabe der Ariadne ist es, auf nur 82 Seiten eine Vielzahl von Themen anzuschneiden, in denen die Frage nach Geschlechterkonstruktionen noch nicht vom Mainstream der historischen NS Forschung aufgenommen wurde, seien es Frauen als SS-Helferinnen oder Frauen in der westdeutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Oft scheint jedoch der Begriff Geschlecht auf die Kategorien Frau und Weiblichkeit begrenzt zu sein – Männlichkeitskonstruktionen werden nicht analysiert, was dem Anspruch einer ganzheitlichen Analyse der Geschlechterbegriffe entgegenläuft.

 

Lukas Dünser

 

 

Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945-1955

Barbara Stelzl-Marx, Böhlau Verlag, Wien 2012

 

„Vor den Russen hatten wir panische Angst!“ Derlei Aussagen prägen die Erinnerung an sowjetische Alliierte in Österreich. Diesem Stereotyp geht die Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx, stellvertretende Institutsleiterin des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, in ihrer Habilitationsschrift auf den Grund. Sie zeichnet ein weitflächiges Bild der sowjetischen Besatzung in Österreich: vom Kriegsende und der Funktion des Besatzungsapparats ausgehend bietet es Einblick in das Leben der Besatzungsangehörigen – darunter Militärs, Diplomaten, Geheimdienstler, Journalisten, Dolmetscher, Erdölspezialisten sowie deren Familien – und reicht bis zur retrospektiven Auseinandersetzung von ZeitzeugInnen, etwa Veteranen, mit ihren Erfahrungen während der Besatzungszeit.

 

Neu daran: der Fokus auf die sowjetische Perspektive. Aus Sicht der Roten Armee wird die makro- und, erstmals detailliert, die mikrogeschichtliche Ebene der Besatzung dargestellt. Beschrieben werden sowohl die für die Stationierung ausschlaggebende Politik, Verwaltung, Wirtschaft und der Geheimdienst sowie unterschiedlichste persönliche Alltagserfahrungen der RotarmistInnen.

 

Das erste Kapitel behandelt den Besatzungsapparat in politischer, struktureller, organisatorischer wie auch personeller Hinsicht. Stelzl-Marx steckt damit den Rahmen für die Erlebnisse und Wahrnehmungen der sowjetischen Besatzungsangehörigen ab. Im nächsten Kapitel wird das sowjetische Alltagsleben in Österreich unter die Lupe genommen, etwa Disziplinar und Strafmaßnahmen wegen Plünderungen, Vergewaltigungen, Trunksucht, Desertion, Mord oder Spionage. Aber auch die nach wie vor tabuisierten Beziehungen zwischen sowjetischen Militärangehörigen und Österreicherinnen – sowohl gewalttätiger als auch romantischer Natur – werden mit viel Feingefühl thematisiert. Das dritte Hauptkapitel fasst die unterschiedlichen Formen der Erinnerung mit Bild-, Interview- und Pressematerial zusammen (z. B. die Armeezeitung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte.). Das umfangreiche Oral-History-Material zeigt Tabus, Stereotype und Topoi in der Erinnerung beziehungsweise in der Erfahrungsverarbeitung von ehemaligen sowjetischen Besatzungsangehörigen.

 

Die Interpretation des rezenten und vielseitigen Quellenkorpus großteils aus Moskauer Archiven und von Stelzl-Marx selbst produzierten Oral-History-Quellen ist mit den drei Hauptkapiteln klar strukturiert. Die Sprache ist nicht trocken, die Abbildungen gut platziert und der ausführliche Anhang benutzerfreundlich gestaltet mit Abkürzung-, Quellen-, Literatur- und Filmverzeichnis sowie Personen-, Orts- und erfreulicherweise einem Sachregister.

 

Das Themenfeld ist lange nicht ausgeschöpft, doch Stelzl-Marx liefert mit diesem Buch eine bemerkenswerte Erweiterung des Forschungsstands. Es ist ein politik-, militär-, wirtschafts-, sozial- und genderhistorisches sowie erinnerungskulturelles Mammutwerk zur österreichischen Nachkriegsgeschichte, das auch als Nachschlagewerk herangezogen werden kann. Zwar mag der gewaltige Umfang (865 Seiten) besonders auf Studierende einschüchternd wirken, doch in gut lesbarem Stil legt Stelzl-Marx eine hochwertige wissenschaftliche Darstellung der Vorgänge innerhalb der Roten Armee sowie der gegenseitigen Beeinflussung mit der österreichischen Zivilgesellschaft vor. Ein sehr düster konnotiertes Kapitel österreichischer Vergangenheit wird hier HistorikerInnen, Geschichtestudierenden und historisch Interessierten wissenschaftlich, bildhaft und packend zugänglich gemacht.

 

Florentine Kastner