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Ausgabe 2/13


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vor.gelesen|rezensionen

Im Schatten von Hitlers Heimat. Reiseführer durch die braune Topografie von Oberösterreich

 

Susanne Rolinek/Gerald Lehner/Christian Strasser, Czernin Verlag, Wien 2010

 

Mit dem Nachfolgeprojekt zu Im Schatten der Mozartkugel begründen Susanne Rolinek, Gerald Lehner und Christian Strasser im Czernin Verlag eine Reihe von Reiseführern, die sich mit Österreichs „brauner Topografie“ auseinandersetzen. Nach Salzburg steht mit Oberösterreich nun das Kernland des ,Deutschen Reichs‘ im Mittelpunkt: Von Hitlers ,Führerstadt‘ Linz über das deutschnational geprägte Innviertel bis hin zu den langjährigen Arbeiterhochburgen Steyr und Salzkammergut präsentiert das kompakte Buch insgesamt 64 Reiseziele in Oberösterreich, in denen sich die nationalsozialistische Vergangenheit gegenwärtig mehr oder weniger sichtbar manifestiert.

 

Reise- und Wanderführer als Vermittlungsinstrument sind zwar keine neue Idee und gehen in ihren Ansätzen sogar bis auf die 1970er Jahre zurück, als zum Beispiel der oberösterreichische Laienhistoriker Peter Kammerstätter begann, Geschichte zu erreisen und zu erwandern und dies auch in Materialsammlungen zu dokumentieren. Allerdings erweist sich dieser Ansatz weiterhin als spannend und wirkungsvoll und bleibt eine Möglichkeit, historisches Interesse zu wecken und zu fördern.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand: Der oder die NutzerIn entscheidet selbst über Auswahl der Inhalte, Intensität und Dauer der historischen Auseinandersetzung – ohne erhobenen Zeigefinger und pädagogisierenden Grundton. Die Wirkung entsteht aus dem Heutigen und Gegenwärtigen: Orte, die man selber nur allzu oft sieht und übersieht, wie zum Beispiel die Linzer Landstraße, entpuppen sich beim genaueren Hinschauen als historische Orte mit Abgründen, mehrfachen Bedeutungen und Manifestationen historischer Entwicklungen.

 

Deshalb eignet sich auch das vorliegende Buch hervorragend für Geschichtsinteressierte jenseits der einschlägigen HistorikerInnen-Community: Die Erinnerungsorte sind klug gewählt und umfassen das gesamte Spektrum faschistischer Vergangenheit in Oberösterreich. Sie betrachten die austrofaschistische Vorgeschichte ebenso wie die Nachkriegszeit und die Erinnerungsgeschichte bis heute, beziehen sowohl die Opfer-, TäterInnen- als auch die Widerstandsperspektive mit ein. Die Texte sind gut und verständlich geschrieben, dazu gibt es brauchbares Kartenmaterial sowie Verweise und Links zu weiterführender Literatur.

 

Fazit: ein guter Reiseführer zu den Orten der nationalsozialistischen Vergangenheit Oberösterreichs. Wer diese Form der historischen Annäherung schätzt, liegt mit einem Kauf goldrichtig.

 

 

Klaus Kienesberger

 

 

Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein – Eine politische Biografie

 

Brigitte Halbmayr, Braumüller, Wien 2012

 

Hermann Langbein (1912-1995) war zweifellos eine der bedeutsamsten politischen Figuren der Zweiten Republik. Als Spanienkämpfer, Widerstandskämpfer, Überlebender der Lager Dachau und Auschwitz und überzeugter Kommunist war es zu einem gewichtigen Anteil sein Einsatz, der zum Frankfurter Auschwitz-Prozess – einem der größten deutschen Nachkriegsprozesse – führte. In seiner Tätigkeit als Mitbegründer und Generalsekretär des Internationalen Auschwitz Komitees wurde er auf nationaler und internationaler Ebene zu einem wichtigen Vertreter der Opfer des Nationalsozialismus. Ebenso hinterließen Langbeins wissenschaftliche Arbeiten als Historiker ein wichtiges Erbe: Nicht nur lieferte er mit Menschen in Auschwitz einen eindrücklichen Bericht und eine erkenntnisreiche Analyse über die Lagergesellschaft in Auschwitz, es ist bis zu einem gewissen Grad ebenso Teil seines Verdiensts, den lange kaum berücksichtigten Massenmord an den als ‚Zigeuner‘ Verfolgten in die öffentliche Aufmerksamkeit zu rücken.

 

Die Soziologin und Politologin Brigitte Halbmayr legt mit ihrer 2012 erschienenen Biografie eine exzellente Darstellung des Lebens der politischen Ikone Langbein vor, die sich durch ihren sorgfältigen Umgang mit der historischen Person Langbein und den vorhanden Quellen, wie zum Beispiel den privaten Briefen oder Dokumenten aus seinem eigenen Archiv, auszeichnet.

 

Halbmayr zeichnet ein sehr umfassendes Bild von Langbein: von seiner Politisierung in der Kommunistischen Partei der 1920er und 1930er Jahre, über seine Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg, seiner Zeit in den Lagern bis hin zu seiner politischen Tätigkeit nach dem Krieg. Hierbei gewinnt die Leserschaft einen tiefgehenden Eindruck vom politischen und privaten Menschen Hermann Langbein. Das wohl kontroverseste Kapitel Langbeins politischer Biografie, seine Nähe zu stalinistischen Überzeugungen und seine Mitgliedschaft in der KPÖ bis zu seinem Ausschluss 1956, behandelt Halbmayr mit der dem Thema angemessenen Mischung aus Kritik am Stalinismus und Empathie für den ehemaligen Lagerhäftling, „den sein Glaube an die Partei überleben ließ“ (S. 151).

 

Das Unterkapitel Was bleibt von Hermann Langbein? (S. 295-298) illustriert die weitreichenden Spuren, die Hermann Langbein sowohl in der gesamten österreichischen Gesellschaft als auch im Wirken vieler einzelner Menschen hinterließ. Von Anton Pelinka über Fritz Bauer bis hin zu Gerhard Botz, sie alle sprechen darüber, wie stark Langbein sie beeinflusst und geprägt habe. Durch Menschen wie sie und viele weitere war und ist der gesellschaftliche Einfluss Hermann Langbeins bis heute spür- und merkbar.

 

Brigitte Halbmayrs Langbein-Biografie ist ein ausgezeichnetes Buch, das eben durch seine Differenziertheit, seinen wissenschaftlichen Umgang mit Quellen und seine gute Lesbarkeit überzeugend darlegt, dass Hermann Langbein immer als der Kämpfer gegen Faschismus und für Menschlichkeit, Aufklärung und Gerechtigkeit erinnert werden sollte, der er war.

 

 

Johannes Breit

 

 

Verwaltete Gewalt. Der Tätigkeitsbericht des Verwaltungsführers im Konzentrationslager Mauthausen 1941 bis 1944

 

Bertrand Perz, Mauthausen-Studien Band 8, Bundesministerium für Inneres, Wien 2013

 

„Aus der Aktion ,Altbekleidung Ost‘ treffen Mäntel, Hosen, Röcke und Leibwäsche ein“ (S. 166). Dies wird am 2. Juni 1943 im Tätigkeitsbericht des Verwaltungsführers des Konzentrationslagers Mauthausen vermerkt. Hinter scheinbar trivialen Einträgen wie diesem verbirgt sich jedoch die bürokratische Dimension der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Das vorliegende Werk des Historikers Bertrand Perz arbeitet nun diesen Verwaltungsbericht aus dem Lager Mauthausen auf und betrachtet anhand belanglos wirkender Einträge das Zusammenspiel von Lagerbürokratie und Lageralltag. In dieser kommentierten Quellenpublikation legt er die alltägliche Routine innerhalb der Verwaltungsabläufe und der Lagerorganisation dar und setzt diese durch ausführliche Kommentare in Beziehung zu den unmittelbaren Auswirkungen auf die Existenzbedingungen der Häftlinge.

 

Bei dem zugrundeliegenden Bericht handelt es sich um den Tätigkeitsbericht Nr. 2 – dem einzigen erhaltenen Bericht aus der Verwaltung des Konzentrationslagers Mauthausen –, der sich über den Zeitraum vom 1. Oktober 1941 bis zum 28. Dezember 1944 erstreckt. In diesem Bericht hielt die SS-Verwaltungsabteilung alle für die Gesamtorganisation des Lagers betreffenden Ereignisse in nüchtern-bürokratischem Stil fest. Die Einträge betrafen unter anderem die Zahl der Häftlinge und der Wachmannschaften, den Bau des Lagers, die Lieferung von Lebensmitteln, Kleidung und Reinigungsmitteln, die Eröffnung und Organisation von Außenlagern oder auch die Beschaffung von Zyklon B.

 

Das Buch versteht sich nicht als Gesamtdarstellung der Geschichte des Lagers Mauthausen. Vielmehr soll die kommentierte Ausgabe des Tätigkeitsberichts den Blick auf die strukturelle Gewalt richten, die hinter den verwaltungstechnischen Einträgen steckte. Terror, Hunger, Gewalt und Massensterben – jene Situationen, die im Konzentrationslager an der Tagesordnung waren – werden im Tätigkeitsbericht nicht erwähnt. Trotzdem bildet der Verwaltungsbericht eine wesentliche Quelle für die auf eine effiziente Bürokratie ausgerichtete Organisation und Struktur der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Die kommentierte Ausgabe des Berichts verschafft den LeserInnen einen Eindruck von der systematisch organisierten Lagerverwaltung und deren Einfluss auf das Leben der Häftlinge. Dabei wird auch der Gegensatz deutlich, der zwischen Beschlüssen der Lagerverwaltung und der tatsächlichen Lebenssituation der Häftlinge bestanden hatte.

 

Verwaltete Gewalt ist ein wesentlicher Beitrag zur Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen, insbesondere durch die Einbeziehung des Blickwinkels der SS-Verwaltung. Zum Verständnis der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik innerhalb des Systems der Konzentrationslager ist nämlich eine Betrachtung aus der Perspektive der TäterInnen ebenso notwendig wie eine Auseinandersetzung mit der Perspektive der Opfer. Bertrand Perz’ kommentierter Tätigkeitsbericht ermöglicht es auch einer LeserInnenschaft, die nicht bis ins letzte Detail mit der Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen vertraut ist, die angesprochenen Verbindungen zwischen Opfersituation und TäterInnenperspektive zu vermitteln. Dazu tragen auch der gut strukturierte Aufbau des Buchs und die einfache, klare Sprache des Autors bei.

 

 

Sarah Maria Knoll