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Ausgabe 2/13


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Die "Tragende" von Will Lammert in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (1)

Alle BesucherInnen der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück kennen die Skulptur am Ufer des Schwedtsees – und haben sie eigentlich nie richtig betrachten können, denn sie steht auf einem sieben Meter hohen Sockel. Die 4,60 Meter hohe Frauenfigur, die eine andere zusammengesunkene Frau trägt, ist dem See und der Stadt Fürstenberg zugewandt.

 

Entstehungsgeschichte einer Skulptur

 

Im Jahre 1957 schuf der Bildhauer Will Lammert das 1,46 Meter große Modell für die Skulptur. Der Internationale Freundeskreis Ravensbrück (IFK) hat sich entschieden, einen Abguss dieses Modells für die neue Dauerausstellung herstellen zu lassen und für die Finanzierung dieses kostspieligen Unternehmens Geld zu sammeln. Diesem Vorhaben war bereits die jährliche Benefizveranstaltung des Vereins im Jahr 2012 gewidmet. Die Gründe, warum wir diesem Modell der Skulptur einen so hohen Stellenwert für die Gestaltung der Gedenkstätte beimessen, erschließen sich meines Erachtens aus der Vorgeschichte der Tragenden: Erste konzeptionelle Überlegungen zu einer Gedenkstätte in Ravensbrück im Jahr 1948 sahen die Ausführung eines Turms vor, der „jedem, der von Ravensbrück [gemeint ist der Ortsteil von Fürstenberg, Anm. d. Verf.] kommt, in die Augen fällt“2. Ein Jahr später wurde die Idee eines Turms wieder aufgenommen, der „vor dem Lager am See errichtet werden und von Fürstenberg her sichtbar sein“ sollte. Vor der Lagermauer sollten „Skulpturen von Frauengestalten in Nationaltracht aus achtzehn Nationen aufgestellt werden“3.

 

Die Planungen für eine Gedenkstätte zogen sich jahrelang hin. Wechselnde Kommissionen, Komitees und Planungsgruppen wurden eingesetzt. Staatliche Strukturen der 1949 gegründeten DDR wurden erst geschaffen, andere, wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die für die Planung einer Gedenkstätte wichtige Vorarbeiten geleistet hatte, wurde 1953 aufgelöst. 1954 wurde das Architektenkollektiv für die Gedenkstätte Buchenwald durch das Ministerium für Kultur der DDR beauftragt, auch einen Ideenentwurf für die Gesamtgestaltung des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück als nationale Gedenkstätte vorzulegen.4 Diese Vorstellungen, sowie erste Entwürfe von Will Lammert für ein Mahnmal, fanden breite Zustimmung. 1955 schlug der vier Jahre zuvor aus dem Exil zurückgekehrte Will Lammert vor, die Figuren der achtzehn Nationen hinter der Rednerbühne aufzustellen und auf dem in den See ragenden Platz ein Monument mit einer Frau aufzustellen, die eine andere trägt. Der Standort für dieses Monument war zentraler Bestandteil der Neugestaltung des Areals vor der Lagermauer, denn das ehemalige Lagergelände, das bis 1994 vom sowjetischen Militär genutzt wurde, stand für eine Gedenkstätte nicht zur Verfügung. Diese Konzeption wurde 1957, ein halbes Jahr vor Lammerts Tod, noch einmal umgeworfen: ein hoher Sockel mit der Tragenden mit circa zwanzig Figuren am Fuß des Sockels sollte entstehen, dafür wollte man auf die Figuren am Rednerplatz verzichten. Die Skulpturen sollten in Keramik ausgeführt werden. Wenige Tage nach dem Tod von Will Lammert wurden drei Entscheidungen bei einem Treffen zwischen dem Ministerium für Kultur der DDR, dem Bildhauer und Schüler Lammerts, Fritz Cremer, und der Witwe Lammerts, Hette Lammert, getroffen: die Tragende sollte auf eine Höhe von 4,60 Meter vergrößert werden, auf die Figurengruppe am Sockel wurde verzichtet. Die Aufstellung zweier Einzelfiguren aus der Figurengruppe – Frau mit Tuch und Frau mit abgeschnittenem Haar – wurde beschlossen; diese waren, ebenfalls vergrößert, auf dem Ehrenhof zwischen dem Krematorium und der Lagermauer vorgesehen.

 

Die Gründe für den Verzicht auf die Figurengruppe lassen sich bis heute nicht eindeutig klären. Nur ein Zitat aus einer Sitzung des Kollektivs Buchenwald und Fritz Cremers soll hier aufgeführt werden. Es hieß, die „monumentale Wirkung der Figurengruppe“ solle „nicht durch vereinzelte, verloren stehende Plastiken zersplittert“ 5 werden. Diese Entscheidung rief heftige Proteste hervor. Vertreterinnen der Lagergemeinschaft und des Ravensbrück-Komitees hatten seit 1948 Einfluss auf die Gestaltung des zukünftigen Gedenkstättenareals und insbesondere auf die der Frauenskulptur genommen. Ehemalige Häftlinge diskutierten 1954 zum Beispiel mit Lammert in dessen Atelier verschiedene Ideenskizzen. Danach wurde der Einfluss der ehemaligen Häftlinge auf die Konzeption der Gedenkstätte immer geringer. Einen Monat nach dem Tod von Will Lammert schrieben sie einen Brief an den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, der verantwortlich für den Aufbau der Gedenkstätten war, in dem sie ihre Forderungen an ein Mahnmal wiederholten und um einen Gesprächstermin baten.6 Dieser wurde ihnen gewährt, mit dem Ergebnis, dass der Obelisk ohne Figurengruppe am Sockel ausgeführt wurde, aber dass der Charakter des Frauenlagers durch eine weitere Skulptur, die die Frauen und Kinder des Lagers in den Mittelpunkt rückt, betont werden sollte. Diese Plastik wurde 1965 zum zwanzigsten Jahrestag der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers am Eingang des Lagergeländes aufgestellt. Es ist die Müttergruppe von Fritz Cremer.

 

Das christliche Pietà-Motiv als fragwürdige Assoziation

 

Die letzte Fassung des Modells, die Lammert schuf, die dann auch vergrößert aufgestellt wurde, zeigt eine aufrecht schreitende Frauenfigur, die einen zusammengebrochenen Mithäftling trägt. Dieses Motiv bezieht sich auf ein häufig geschildertes Vorkommnis im Lager: eine Frau trug eine zusammengebrochene Kameradin mit letzter Kraft in die Krankenbaracke. Diese Handlung, die der (jüdischen) Kommunistin Olga Benario zugeschrieben wird,7 hätte Will Lammert „die Möglichkeit einer im Motiv unkomplizierten, allseitigen, bildhaft klar zu erfassenden Darstellung der Leiden, der Solidarität und der kämpferischen Auflehnung“ 8 gegeben.

 

Berichte von der Einweihungsfeier der Gedenkstätte im Jahr 1959 sprechen von einer Mutter, die ihr Kind im Arm trägt oder von einer Frau, die ihren verletzten Sohn trägt. Die Nähe zur Pietà-Figur wurde sofort gesehen: es ist die Darstellung Marias als Mater dolorosa mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus auf dem Schoß. Der Historiker Reinhart Koselleck stellt die Angemessenheit des Pietà-Motivs in anderem Zusammenhang in Frage: Denn die Pietà schließt sowohl die Juden aus wie die Frauen, die beiden größten Gruppen der unschuldig Umgebrachten und Umgekommenen des Zweiten Weltkrieges. […] Und hinter der sichtbar überlebenden Mutter rufen Millionen vernichteter, ermordeter oder vergaster und verschwundener Frauen: Und wer gedenkt unser?9

 

Die Nähe der Tragenden zur Pietà-Figur, die stille Trauer und Schmerz ausdrückt, hat in der DDR Kritik ausgelöst. Im Gegensatz zu den Plastiken von Buchenwald und Sachsenhausen, in denen Motive des kämpferischen Widerstands dominieren, herrsche in Ravensbrück die Aussage von Trauer um die Opfer vor. Im Vergleich zu früheren Fassungen der Tragenden sieht man, dass der für die Pietà-Figur typische Ausdruck von Lammert in der endgültigen Ausführung korrigiert wurde: Das Gesicht zeigt nun einen trotzigen, fast kämpferischen Zug, abgewandt vom Lager blickt sie entschlossen in die Zukunft.

 

Und was geschah mit den noch erhaltenen unvollendeten Figuren, die ursprünglich unter dem Sockel der Tragenden stehen sollten? 1985 wurden dreizehn von ihnen von Mark Lammert, dem Enkel von Will Lammert, nach einer Ausstellungskonzeption von John Heartfield in der Großen Hamburger Strasse in Berlin auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs aufgestellt.10 Es hieß damals Denkmal für die Opfer des Faschismus, heute nur noch Figurengruppe.

 

Wenn man im Internet nach „Lammert Große Hamburger Strasse“ sucht, findet man die Figurengruppe häufig unter „Jüdische Opfer des Faschismus“. Das ist eine bemerkenswerte Umdeutung der ursprünglich beabsichtigten Bedeutung: von der Versinnbildlichung der multinationalen Häftlingsgesellschaft der Frauen hin zu den jüdischen Opfern, die in der ursprünglichen Gedenkstättenkonzeption für Ravensbrück gar nicht erwähnt worden waren. Erst seit 1986 befindet sich ein unauffälliger Stein auf dem Massengrab vor der Lagermauer, der an die jüdische Häftlingsgruppe in Ravensbrück erinnert.

 

Ich gehe davon aus, dass die Aufstellung des Modells der Tragenden auf Augenhöhe den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung die Möglichkeit gibt, das Symbol von Ravensbrück auf neue Weise zu betrachten und zu interpretieren.

 

 

Peter Plieninger

 

Studium der Chemie und Geschichte der Chemischen Industrie, langjähriger Geschäftsführer der Analyse Labor in Berlin GmbH, Vorstandsmitglied von KONTAKTE-KONTAKTbI e.V., Vorsitzender des Internationalen Freundeskreises Ravensbrück (IFK).

 

1 Nach einem Vortrag des Autors anlässlich einer Benefizveranstaltung des Internationalen Freundeskreises Ravensbrück (IFK) am 7. Dezember 2012 in der Botschaft der Republik Österreich in Berlin.

2 Erika Schwarz/Simone Steppan, Die Entstehung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, 1945-1959, in: Insa Eschebach/Sigrid Jakobeit/ Susanne Lanwerd, Hg., Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravensbrück 1945-1995 [Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Band 11], Berlin 1999, 224.

3 Ebd., 226.

4 Ebd., 232.

5 Susanne Lanwerd, Skulpturales Gedenken. Die „Tragende“ des Bildhauers Will Lammert, in: ebd., 45.

6 Vgl. Käte Dost, „Die Tragende“ von Will Lammert. Geschichten zur Geschichte, in: Ravensbrückblätter 36/137 (2010), 19.

7 Daher wurde die Figurengruppe auch als Benariogruppe bezeichnet.

8 Marlies Lammert, Will Lammert Ravensbrück, Berlin 1968, 12.

9 Reinhart Koselleck, Wer darf vergessen werden?, in: Die Zeit 13 (1998), 19; Koselleck bezieht sich auf die Aufstellung der Pietà von Käthe Kollwitz in der Neuen Wache in Berlin.

10 Vgl. Marlies Lammert, Ein Denkmalsprojekt für Berlin. Zur Aufstellung der Plastikgruppe von Will Lammert, in: Karl-Heinz Klingenburg, Hg., Studien zur Berliner Geschichte, Leipzig 1986, 296.