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Ausgabe 3/13


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No|vem|ber|po|gro|me

Mehr als ein Tag im Kalender.

 

Der Tag eines Bundeskanzlers ist eng bemessen. In der Kürze des Tages muss dann oft noch die Widersprüchlichkeit des eigenen Handelns unter einen Hut gebracht werden. Leopold Figl am 9. November 1948 beispielsweise, dessen Terminkalender in seinem Nachlass im Niederösterreichischen Landesarchiv aufbewahrt wird, zeigt nicht nur, dass der Bundeskanzler zwischen 15.50–16.55 zu Hause war, sondern auch, dass an dem Tag wo er um 18.20 Uhr an der der Trauerfeier der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) im Musikvereinssaal teilnahm, von 10.07 bis 13.00 Ministerratssitzung war.

 

Gemeinsam mit dem Ministerratsprotokoll1 und des Bundeskanzlers Gedenkrede2 wird das Widerspruchsbild nachvollziehbar. So wurden zu Mittag sowohl die Fristen der drei Rückstellungsgesetze nicht verlängert (die Entscheidung wurde wenig später revidiert), als auch ein Ansuchen Harald Trobes vom American Joint Distribution Committee abgelehnt. Ziel des Ansuchens war es, den Wiederaufbau der Israelitischen Kultusgemeinde und die ökonomische Reintegration überlebender Jüdinnen und Juden finanziell zu unterstützen. Grundlage sollte eine Anleihe auf das erblose Vermögen sein, das durch die Ermordung ganzer Familien entstanden war und nach bürgerlichem Recht an den Staat überging. In der ministerlichen Diskussion trat die antisemitische Grundhaltung einiger Kabinettsmitglieder zum Vorschein. Etwa schrieb sich Bundesminister Helmer mit seinem Rat, „die Sache [Das Ansuchen von Harald Trobe, Anm. des Autors] in die Länge zu ziehen“3, in die Zitationen des österreichischen Vergangenheitsdiskurses ein.

 

Von den antisemitischen Aussagen wenige Stunden davor und der Ablehnung von Unterstützung durch die Republik wusste wahrscheinlich nur Leopold Figl selbst, als er in den Musikvereinsaal zur Gedenkveranstaltung der IKG Wien kam. Es war der zehnte Jahrestag der Novemberpogrome und Figl sprach als Bundeskanzler zum Auditorium: „Seien Sie überzeugt, dass [sic!] die österreichische Regierung es sich von allem Anfang an zur Aufgabe gesetzt hat, alles daran zu setzen, um den Geist der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und der Moral in unserem Staate wieder zum Durchbruch zu verhelfen.“4

 

Der massive Widerspruch blieb eine Nacht lang unbemerkt. In den Tagen darauf war die Entsetzung groß. Als direkte Reaktion rief die IKG Wien am 18. November zu einer Protestversammlung in den Sophiensälen auf.5 Des Bundeskanzlers Widerspruch vom 9. November 1948 evozierte eine laute, doch kaum gehörte Diskussion: eine politische Entscheidung, einen Gedenktag, eine Rede.

 

Gedenktage haben vielerlei Dimensionen, wodurch Potenziale, so unterschiedlich sie auch sind, zu Tage treten. Sie bieten die Möglichkeit zur persönlichen Trauer und Trauerverarbeitung, können Ausgangspunkt für politische Debatten sein und auch einen Bezugspunkt für eine individuelle wie kollektive Auseinandersetzung mit Geschehenem darstellen. Gedenktage sollen nicht statisch sein. Erinnerung ist ein dynamisches Konzept. Wie Maurice Halbwachs schon in den 1920er Jahre in seinem – heute – stark rezipierten Werk Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (Les cadres sociaux de la mémoire) postuliert, bleibt nur das von der Vergangenheit übrig, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann“6. Drei Jahre nach der Shoah ist das, was soziologisch als Bezugsrahmen geschrieben wird, noch kaum zur Vergangenheit geworden. Doch zeigt sich, dass die Erinnerung an die Novemberpogrome gerade im österreichischen erinnerungspolitischen Kontext seit jeher wenig gehört wurde. Ist die ehrliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen dieser Tage und Nächte doch nicht eine reine Auseinandersetzung mit den Opfern. Vielmehr sind es im Kontext der Plünderungen, Zerstörungen und des Mordes doch die Täter, die zu besprechen sind, ebenso wie die damit verbundende Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Die weit greifende und gesellschaftlich akzeptierte antisemitische Gewalt müsste auf ihre Konditionen und gesellschaftlichen Kontinuitäten über den Mai 1945 hinaus untersucht werden. Hinzu kommt die vergessene Örtlichkeit der Pogrome. Die Fragmente in der Stadt, die Lücken in den Gassen, die eingetretenen Türen sind doch schon längst aufgefüllt, repariert und vergessen worden. Nur wenige Spuren erinnern daran.

 

Stärker im Fokus der Mehrheitsgesellschaft war der März. Ist es doch im Frühjahr, wo sie ihre ‚Anschluss̕-Dichotomie auf die öffentliche Schaubühne stellt. So findet man in der Broschüre 1938–1988. Vom Umgang mit unserer Vergangenheit, die im Auftrag vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport veröffentlicht wurde, kaum einen Hinweis auf die Geschehnisse im November oder den Umgang mit selbigen. Im Umgang mit unserer Vergangenheit waren jene exkludiert, für die die Pogrome einen zentralen Bezugsrahmen darstellten. Für jene, die die zivilisatorische Grenze – sofern es sie gab – erst hinter dem Stacheldraht der Ghettos, Konzentrationslager oder Erschießungsstätten überschritten sahen, hätten die Geschehnisse des Novembers mit ihrem Vergangenheitsbild gebrochen.

 

Es ist kein Geheimnis, dass das Waldheim- Unbehagen in vielerlei Hinsicht eine Veränderung beschleunigt hat. Mit der gesellschaftlichen Debatte auch um Antisemitismus rücken die Novemberpogrome wieder stärker in den Gedenk-Performativismus. Oftmals sind es aber auch aktuelle Anlässe, die Gedenktage zum Vorschein treten lassen, welche zuvor in den Tiefen der Vereins- oder Diplomatiekalender versteckt waren. Etwa der von der UNO deklarierte internationale Holocaust-Gedenktag, der am Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Jänner 1945 angesetzt wurde, hat in Österreich erst 2012 an Bedeutung gewonnen. Zuvor waren es die Jüdische Österreichische HochschülerInnenschaft und die Österreichische HochschülerInnenschaft, die IKG und der Verein GEDENKDIENST, die am Judenplatz an diesem Tag Reden vor einem kleinem, frierenden Publikum vorgetragen haben und individuelle Gedenkakte setzten. Doch mit der vermeintlich zufälligen Terminüberschneidung mit dem Rechtsextremisten-Ball (aka WKR-Ball, heute: FPÖ Akademikerball), kam es zu einer großen, am Heldenplatz situierten, Gedenkveranstaltung vormittags, bei der auch eine Vertreterin der Bundesregierung sprach, und einer Protestveranstaltung abends.

 

Der 9. November ist hingegen kein offizieller Gedenktag. Würde man ihn zu einem machen, würde er eben an jene so tiefe antisemitische Ausprägung in Österreich erinnern. Das ist zu unbequem. Doch seit jeher sind viele Initiativen von Organisationen, Institutionen wie auch Personen des öffentlichen Lebens darum bemüht, unbequem zu sein. Das geht oft viel zu einfach. An dieser Stelle sei besonders in Wien die jährliche Gedenkveranstaltung am Aspangbahnhof – am Jahrestag der Pogrome – zu erwähnen. So angestrengt die Blicke nach zwei Stunden Redebeiträgen auch sein mögen, so zivilgesellschaftlich und paradigmatisch ist der Ablauf dieser Veranstaltungen. Die Motivationen, Ansprüche und Methoden sich mit dem österreichischen Antisemitismus auseinanderzusetzen sind unterschiedlich. Doch finden sich zivilgesellschaftliche Organisationen am Jahrestag der Novemberpogrome zusammen und zeigen ein Abbild dafür, wo und wie wir heute im gesellschaftlichen Diskurs um Antisemitismus stehen.

 

Heuer wird wieder viel erinnert. Schließlich ist der Jahrestag der Novemberpogrome 75 Jahre her. Auf staatlicher Ebene tritt besonders in den vergangenen Jahren das Parlament hervor. In personam Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ist maßgeblich an der Thematisierung der Novemberpogrome engagiert. In diesem Jahr werden nicht nur vom Parlament unzählige Veranstaltungen abgehalten, sondern es wurden auch NGOs und Initiativen aufgerufen, Veranstaltungen zu organisieren. Diese werden vom Parlament, zwar nicht finanziell aber, durch Sichtbarmachung unterstützt – ein Anfang.

 

Sicherlich ist die Quantität von Veranstaltungen in einem so eng bemessenen Zeitrahmen irritierend. Über 130 Veranstaltungen werden österreichweit stattfinden. Beginnend mit zwei im September wird der Großteil (etwa 100) der Veranstaltungen zwischen 1. und 15. November sein und bis hinein in den Dezember fortlaufen.7 Es ist zu hoffen, dass gerade kleine regionale Initiativen gehört werden. Gerade sie sind es, die mit ihrer Sensibilisierungsarbeit auf den lokalen Diskurs Einfluss nehmen und Diskussionen evozieren können. Sie vermögen zu bewirken, dass lokal Täterschaft benannt, Adressen lokalisiert und an Verfolgte erinnert werden. Staatliche Förderung – nicht ausschließlich in PR Hinsicht – könnte hier viel bewegen. Geringe Förderbeträge und eine bundesweite Bewerbungen können lokale Auseinandersetzungen mit der Anlassgeschichte und dem tiefsitzenden Antisemitismus ermöglichen. Sie könnten der Anfangspunkt sein, in dem sie jährlich eine lokale Öffentlichkeit erhalten, die wachsen kann. Der 9. November ist kein offizieller Gedenktag. Wenn er das werden soll, dann muss die bisherige Gedenkkultur nicht überschrieben, sondern gefördert werden. Nicht nur in ‚runden̕ Gedenkjahren, nicht nur ideell.

 

Es ist zu hoffen, dass die Novemberpogrome und die Erinnerung an diese an Bedeutung gewinnen und dass wir die Zeit nutzen, um Debatten über Täterschaft zu führen, Reflexion über das kollektive Gedächtnis anstreben und an die Opfer der Verfolgung zu erinnern. Diese Ereignisse des Novembers 1938 sollten endlich zu einer breiten, nicht ausschließlich Vereins-basierten selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem gesellschaftlichen wie individuellen Gedächtnis führen. Gerade hier haben lokale Initiativen eine große Chance, viel zu bewegen und Einfluss auf lokale soziale Gruppen und Personen zu nehmen. Eine staatliche Förderung des Gedenkens an die Novemberpogrome könnte eine Institutionalisierung der Sichtbarmachung bedeuten. Dadurch wird mehr Breitenwirkung erzielt und das Thema stärker in den Diskurs geführt.

 

Auch diesen November wäre es wieder einmal an der Zeit, über Antisemitismus zu sprechen. Eigentlich ist es immer an der Zeit. Denn die Reflexion über unsere Bezugsrahmen sollte nicht nur in der Schule unternommen werden. Es gehört nicht nur zum guten Ton. Es gehört zu einer funktionierenden aufgeklärten Demokratie, welche die Vergangenheit durch Gedenktage nicht nur in die Länge zieht, sondern die Gegenwart in die Breite und die Tiefe ihrer selbst diskutiert.

 

 

Adalbert Wagner

 

Obmann des Vereins

 

Leistete 2008/09 seinen Gedenkdienst am Vilna Gaon State Jewish Museum. Er arbeitet derzeit für das Jüdische Museum Wien für die neue permanente Ausstellung.

 

Link zur Broschüre:

 

www.parlament.gv.at/gedenken_novemberpogrome

 

Weitere Hinweise auf Novemberpogrome, Gedenktage und Erinnerungskultur für den Unterricht:

 

http://www.politischebildung.com/pdfs/32_printversion.pdf

http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/gedenktage/9.-10.-november

http://www.demokratiezentrum.org/bildung/gedenktage/9-november.html

 

1 Vgl. ÖStA, AdR, 04, MRP, 132. Sitzung, 9. November1948.

2 Vgl. NÖLA, NL Figl, Kt. 112, Terminkalender vom 9. November 1948.

3 In Anlehnung an Helmers Aussage „Ich wäre dafür, daß man die Sache in die Länge zieht.“, BM Helmer im Wortprotokoll der 132. Ministerratssitzung. Vgl. editierter Quellenedition: Robert Knight, „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“. Die Wortprotokolle der Österreichischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden, Wien 2000.

4 NÖLA, NL Figl, Kt. 112, Rede vom 9. November 1948.

5 Der Terminkalender Figls wie auch die Reaktionen der IKG Wien werden demnächst in der neuen permanenten Ausstellung des Jüdischen Museum Wien „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute.“ Zu sehen sein.

6 Maurice Halbwachs, Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (Frankfurt/Main 1985) 390.

7 Die Broschüre wird demnächst auf der Seite des Parlaments veröffentlicht werden. www.parlament.gv.at/gedenken_novemberpogrome