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Ausgabe 3/13


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Rede zur Überreichung des Leon Zelman-Preises

Am 12. Juni 2013 wurde zum ersten Mal der Leon Zelman-Preis für Dialog und Verständigung im Wiener Rathaus verliehen. Die Auszeichnung richtet sich an Projekte oder Organisationen, die gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit eintreten, sich für die Aufarbeitung der österreichischen Vergangenheit engagieren und sich aktiv im Sinne des früheren Leiters des Jewish Welcome Service (JWS) Leon Zelman für Erinnerung einsetzen. Adalbert Wagner, Obmann des Vereins GEDENKDIENST, nahm diesen Preis entgegen und hielt eine Rede, die wir nachstehend abdrucken.

 

Werte Familie Leon Zelmans, sehr geehrter Herr Staatssekretär, sehr geehrter Herr Stadtrat, liebe Heidemarie, lieber Ari, liebe Susanne, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde! Guten Abend.

 

Die, die mich kennen merken schon: heute bin ich nervös. Denn es ist echt eine Herausforderung Worte für diesen Anlass zu finden. Denn es sollen Worte sein, die über zwanzig Jahre zivilgesellschaftliches Engagement des Vereins GEDENKDIENST wiederspiegeln, Worte, die am Geburtstag Leon Zelmans eine Verbindung zwischen seinem Wirken und unserer ehrenamtlichen Arbeit herstellen, Worte, die unsere Ziele und Visionen zum Ausdruck bringen. Und Worte, die den Dank an jene richten, die diesen Weg beschritten haben oder den Verein GEDENKDIENST dabei begleitet haben.

 

Üblich ist es, sich in der Unsicherheit mit einem Zitat über Wasser zu halten. Ich war verlegen, gar eines von Leon Zelman heranzuziehen. Doch möchte ich mich nicht seiner Worte bedienen, um meine Worte ins Trockene zu retten. Ich hätte das Zitat womöglich als Container umfunktioniert, als eine ‚Sammelaussage‘. Wir vom GEDENKDIENST mögen Phrasen nicht sehr. Leere Worthülsen über Erinnerung, über das Gedenken und die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen klingen gut, aber es fehlt ihnen an Resonanz, an Klangkörpern der Reflexion und Nachhaltigkeit. Ich glaube, da haben wir vielleicht etwas mit Leon Zelman gemeinsam. Es ist das Commitment, das ehrliche Interesse, das Rückgrat hinter dem Gesagten, das Engagement mit Ehrlichkeit auszeichnet.

 

Unser Engagement richtet sich besonders in den vergangenen Jahren dahin, Faschismus, Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung aufzuzeigen und zu bekämpfen. Wir sind bestrebt, demokratische Werte sowie Menschen- und Minderheitenrechte zu stärken und junge Menschen zu befähigen, dies selbst zu tun. Mit unserer geschichts- und gesellschaftspolitischen Aufklärungsarbeit versuchen wir einen Weg zu gehen, um an Menschen, die zu Opfern der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gemacht wurden, zu erinnern. Aber auch, um die nationalsozialistische Vergangenheit, ihre Vorgeschichte und Kontinuitäten in der österreichischen Gesellschaft und Politik kritisch zu betrachten und diesen, wenn nötig, auch entgegenzutreten.

 

Dass wir von der Jury diese Auszeichnung zugesprochen bekommen haben, freut uns insbesondere wegen des ideellen Zuspruches, dass der Verein GEDENKDIENST die Arbeit von Leon Zelman fortsetzt, dass wir in seinem Sinne arbeiten. Aber dass wir dies tun können, ist keine Selbstverständlichkeit.

 

Als ich selbst 2009 in Vilnius Gedenkdienst geleistet habe, ließ es sich nicht vermeiden, mir über die finanzielle Situation des Vereins Gedanken zu machen. Doch niemals hätte ich mir damals vorstellen können, dass Obmänner anscheinend gefühlte 100-mal pro Jahr um die Finanzierung zittern müssen. Der Leon Zelman-Preis, die dazu gehörende finanzielle Unterstützung ist ein bedeutender Moment in unserer Vereinsgeschichte. Ich glaube, ich spreche für all unsere AktivistInnen und FunktionärInnen, wenn ich dafür danke, den Preis erhalten zu haben. Er motiviert uns und hilft ganz banal, weiterzumachen. Doch unsere Motivation durch diesen Preis liegt vor allem in der ideellen Anerkennung unserer kontinuierlichen inhaltlichen Arbeit. Wir werden auch die nächsten zwanzig Jahre nicht aufhören zu erinnern, zu gedenken und jungen Menschen diese Fähigkeiten weiterzugeben. Doch die Unsicherheiten, mit denen wir von Jahr zu Jahr zu kämpfen haben, sind trotzdem wirklich traurig und das muss sich endlich ändern.

 

Wenn wir eine Auszeichnung, besonders für unsere Bildungsarbeit, erhalten, ist es mir ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass wir diese immer nur in einem zweijährigen Förderradius machen können. Wir erhalten keinerlei Subventionierung, die unsere tägliche Arbeit unterstützt. Aber mit dem zugesprochenen Preisgeld wären nun beispielsweise die nächsten beiden Ausgaben unserer Zeitung gesichert. Preise sind aber nicht dazu da, Probleme zu lösen, heute werden wir uns einfach nur freuen und feiern. Aber ab morgen denken wir wieder über die für unsere inhaltliche Arbeit zur Gänze notwendigen Förderanträge nach. Jeder Antrag ist eine Zitterpartie. Schaffen wir es, sechs bis acht verschiedene FördergeberInnen davon zu überzeugen, unsere Ideen zu unterstützen? Werden wir auch im kommenden Jahr wieder mit Jugendlichen arbeiten können? Dass erinnerungspolitisches Engagement und historisch-politische Aufklärungsarbeit auf so dünnen Beinen stehen, ist Anlass für mich, gerade jenen heute Anwesenden zu danken, die in diesem Bereich hinter uns stehen und uns unterstützen, die vielmehr BefürworterInnen als AdressatInnen von Förderansuchen sind: Zukunftsfonds der Republik Österreich, Nationalfonds der Republik Österreich, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, die Stadt Wien (MA 7) und Österreichischen HochschülerInnenschaft.

 

Aber ist es nicht bald einmal an der Zeit, die Arbeit wie wir sie leisten, grundlegend abzusichern? Langjährige Perspektiven zu schaffen und die Herausforderungen gestärkter zu stemmen und unseren Bildungsauftrag nicht auf schnorren aufzubauen? Meinen Appell vor einem Publikum wie dem heutigen zu artikulieren, das so stark hinter uns steht, scheint vielleicht verfehlt. Hingegen möchte ich auch in der Dankesrede ehrliche Worte finden. Denn vielleicht findet mein Appell einen Klangkörper der es schafft, uns nicht nur von Jahr zu Jahr ins trockene zu retten, sondern uns unsinkbar macht.

 

Doch wäre es uns nur schwer möglich, und unsere Grundsätze verfehlend, wenn wir unsere Bildungsarbeit leisten würden, ohne einen starken Pfeiler in der Wissenschaft zu suchen. Mit wissenschaftlichen Tagungen, Formaten zur Förderung von JungwissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen, Publikationen und Vortragsveranstaltungen versuchen wir, wissenschaftliche Diskurse auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so unsere Arbeit stetig weiterzuentwickeln.

 

An dieser Stelle möchte ich dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), dem Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien), der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) danken.

 

Der Verein GEDENKDIENST stand schon oft auf wackeligen und trotzdem starken Beinen. Gerade letztes Jahr mussten wir wieder erfahren, wie sehr wir der Willkür von politischen AkteurInnen ausgesetzt sind und wie schnell Teilen unserer Arbeit ein Riegel vorgeschoben werden kann. Doch durch eine starke Allianz von politischen EntscheidungsträgerInnen konnte dies im Vorjahr verhindert werden. Es ist also dennoch ein gutes Gefühl zu sehen, wie sehr sich gerade in den letzten Jahren immer mehr PolitikerInnen nicht nur neben Gedenkdienstleistende und GEDENKDIENST bei Veranstaltungen stellten, sondern immer häufiger hinter sie, hinter uns. In der Stadt Wien finden wir genau bei diesen Fragen immer eine starke Partnerin. So hoffe ich auch, dass wenn schon im Bund keine finanzielle Möglichkeit geschaffen wird, Frauen Gedenkdienst zu ermöglichen, auch hier die Stadt Wien einspringen wird und ihren Willen zeigt, zumindest Wienerinnen die Möglichkeit zu geben, Gedenkdienst zu leisten. Denn gerade in Wien ist es möglich, dass die Zivilgesellschaft und die Stadt zusammenarbeiten. Man denke an die notwendige Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Ringes oder an die Veranstaltung des Fest der Freude am 8. Mai 2013 und die vielen weiteren Aktionen, die gegen rechtsextreme Ideologie und Politik, die besonders von Seiten der FPÖ verbrochen werden, auftreten.

 

Diese drei Pfeiler, die Bildungsarbeit, die Wissenschaft und das geschichtspolitische Engagement, sind es, welche die Arbeit des GEDENKDIENST ausmachen. Wir verstehen uns als mehr als eine Ausbildungsstätte für zivildienstpflichtige junge Männer, wir sind eine Plattform, die diese drei Pfeiler stetig aufs Neue zusammenführt, ihre Arbeit reflektiert und keine Angst vor neuen Schritten hat.

 

Danke für die Auszeichnung, danke an den Jewish Welcome Service, danke jetzt schon an die mutigen UnterstützerInnen der nächsten Zeit, die mit uns neue Visionen umsetzen. Der größte Dank geht an meine lieben KollegInnen des Vereins GEDENKDIENST, die diese schwere Arbeit großteils ehrenamtlich auf sich nehmen – dieser Preis gehört uns allen!

 

 

Adalbert Wagner

 

Obmann des Verein GEDENKDIENST