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Ausgabe 3/13


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Dokumentarfilme über NS-TäterInnen in der Vermittlungsarbeit

Ein Beispiel aus der Praxis

 

Im Zuge des ersten Vorbereitungsseminars innerhalb der Ausbildung des kommenden Jahrgangs Gedenkdienstleistender wurde ein Filmworkshop abgehalten, der sich mit unterschiedlichen Darstellungsmöglichkeiten von NS-Tätern in zwei Dokumentarfilmen aus Österreich beschäftigt. Weniger die Inhalte der Filme, sondern die formale Dimension, das Arrangieren von Bild und Ton und die dadurch entstehende Inszenierung, soll anhand kurzer Sequenzen sichtbar gemacht werden. Ziel ist es nicht die Vergangenheit zu erzählen, sondern deren Repräsentationsformen in der Gegenwart zu thematisieren. Dieses didaktische Vorhaben ist für uns Neuland und soll hier als Versuch beschrieben werden, als work in progress, welcher überdacht und weiterentwickelt werden muss, um künftig eingesetzt werden zu können. Im Folgenden soll nun der angewandte methodische Ansatz beschrieben werden, um anschließend von der Praxis zu berichten. Aus diesen Beobachtungen sollen auf allgemeine Prinzipien für eine Verwendung im pädagogischen Bereich geschlossen werden.

 

In Hafners Paradies von Günter Schwaiger (2008)1 besucht die Filmcrew den ehemaligen Angehörigen der Waffen- SS Paul Hafner in Spanien, begleitet ihn durch seinen Alltag und befragt ihn unter anderem hinsichtlich seiner Vergangenheit als Wachmann in mehreren Konzentrationslagern. Dann bin ich ja ein Mörder von Politikwissenschaftler Walter Manoschek (2012)2 geht den Verbrechen, die in der letzten Phase des NS-Regimes im burgenländischen Deutsch-Schützen stattgefunden haben, nach und untersucht die Verwicklung des bis dahin auch juristisch unbehelligten ehemaligen SS-Mannes Adolf Storms. Storms wird, ebenso wie andere Zeitzeugen, vom Filmemacher besucht und interviewt.

 

Die einander auf den ersten Blick thematisch nahestehenden Filme unterscheiden sich hinsichtlich formaler Aspekte wesentlich voneinander. So ist etwa der Interviewer bei Hafners Paradies unsichtbar und befragt Paul Hafner als Stimme aus dem Off, während Walter Manoschek in vielen seiner Interviews als Gesprächspartner sichtbar ist. Ebenso unterschiedlich ist der Einsatz filmischer Mittel in den zwei Dokumentationen. So wird Paul Hafner und seine Umgebung mithilfe musikalischer Untermalung, schneller Schnitte und farblich nachträglich bearbeiteter Sequenzen dargestellt – eine Stilisierung, die so weit geht, dass der Gefilmte in einer Szene zu Musik von Wagner im Mittelmeer baden geht und in einer anderen in einer surrealistisch anmutenden violett verfärbten Landschaft den Hitlergruß ausführt.

 

Die ausgeprägten formalen Merkmale zu erkennen und zu versuchen, die dahinterstehenden unterschiedlichen Ansätze des Dokumentarfilms zu erklären, bilden die Basis des Workshops. Darüber hinaus entstanden jedoch im Laufe der Konzipierung weitere Fragen an das Publikum, die zur Diskussion anregen. Was sind mögliche Ziele eines Dokumentarfilms? Verlangt ein solcher Film nach Objektivität oder nach einem wissenschaftlichen Imperativ auf der Suche nach einer neuen Erkenntnis? Was kann und was muss von einer zeitgenössischen Darstellung von NS-TäterInnen erwartet werden, gerade in dieser letzten Phase, in der auch sie noch für Oral-History zur Verfügung stehen? Welche Schlüsse können daraus über die Darstellung des NS-Regimes und der NS-TäterInnen durch Filmschaffende gezogen werden, auch da diese in der heutigen Zeit das Bild des NS-Regimes stark mitprägen.

 

Konzept des Workshops

 

Der Workshop besteht im Wesentlichen aus zwei Diskussionsrunden, die jeweils durch einen Input angeregt werden sollen. In einem ersten Schritt wird den TeilnehmerInnen jeweils eine Transkription einer ausgewählten Szene aus Hafners Paradies ausgehändigt, mit dem Auftrag, sich diesen Text durchzulesen und zu versuchen, den Text und dessen Herkunft einzuordnen. Nach der Lektüre und einer gemeinsamen Einordnung werden Hintergrundinformationen zu dem Dokumentarfilm und seiner Entstehung gegeben und eventuelle inhaltliche Fragen diskutiert. Im Anschluss an diese kurze Besprechung wird die entsprechende Szene gemeinsam angesehen. Beim Sichten soll darauf geachtet werden, wie die eben gelesenen Inhalte in der Dokumentation dargestellt werden. Es geht darum herauszufinden mit welchen Bildern, bzw. mit welchem Ton das Gesagte unterlegt wird und wie die Inhalte inszeniert werden.

 

Nach dem Ansehen der Szene wird die Gruppe gebeten, im Sesselkreis die gewonnenen Eindrücke gemeinsam zu diskutieren. In dieser ersten Diskussionsrunde soll es vor allem darum gehen, die formalen Elemente, derer sich dieser Dokumentarfilm bedient, herauszuarbeiten und zu identifizieren. Dabei soll darüber gesprochen werden, wie der Text als Text und wie der Text durch die audio-visuelle Darstellung im Film wirkt. In dieser Runde soll auch diskutiert werden, wie die Person Hafner in der Dokumentation dargestellt wird, in welchem Ausmaß die Szene inszeniert wurde und vor allem welcher Mittel man sich bei der filmischen Umsetzung bedient.

 

Ein weiterer Input in die Diskussion ist ein Zitat, das sich auf der DVD-Hülle befindet: „… eine bestürzende Reise in die Abgründe des Bösen.“ (Neue Zürcher Zeitung)3 Was kann durch die Darstellung des NS-Täters gewonnen und inwieweit kann Hafner als Repräsentant für die Verbrechen der NS-Regimes herangezogen werden? Es ist wesentlich, der Gruppe bewusst zu machen, dass es sich bei diesem Film um eine Darstellung eines NS-Täters aus einer heutigen und subjektiven Sicht handelt. Im Fokus der Diskussion soll das Bild stehen, das dieser Film von Hafner zeichnet und welcher Stilmittel und Dramaturgie man sich hierfür bedient.

 

Es besteht an dieser Stelle auch die Möglichkeit die Frage aufzuwerfen, welche Ansprüche die Gruppe an Dokumentarfilme im Allgemeinen hat, ob es hier Regeln, Qualitätsmerkmale und Charakteristika gibt.

 

Der zweite Teil des Workshops beginnt, indem der Gruppe einen Ausschnitt aus Dann bin ich ja ein Mörder vorgespielt wird, auch hier mit dem Auftrag, auf die Darstellung des Täters, die Inszenierung und die Dramaturgie des Filmes zu achten. Dabei soll auch auf mögliche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zu der anfangs gezeigten Szene von Hafners Paradies geachtet werden. In einer abschließenden Diskussion sollen die Unterschiede in der Gestaltung der beiden Dokumentarfilme herausgearbeitet werden. Bei der Moderation dieser Diskussion soll besonders darauf geachtet werden, vor allem die formalen Unterschiede der beiden Dokumentarfilme zu besprechen – aber auch, welche Motive hinter der Darstellung dieser NS-Täter stehen können.

 

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

 

Bei der Konzeption des Workshops lagen das Herausstreichen der unterschiedlichen Stilelemente der Dokumentationen und deren Auswirkung auf die Zuseherinnen im Fokus. Doch um in unserer mit einer Stunde sehr knapp bemessenen Zeit diese Quellenkritik vornehmen zu können, muss der Inhalt der Filme zwangsläufig in den Hintergrund rücken.

 

Bei der Durchführung hat sich herausgestellt, dass die TeilnehmerInnen eine andere Erwartungshaltung hatten als wir. Bereits in der ersten Diskussionsrunde war es vielen ein Bedürfnis, im Wesentlichen über die inhaltliche Dimension des Ausschnitts zu sprechen. Das mag auch daran gelegen haben, dass SchülerInnen im Schulalltag meistens nur darauf vorbereitet werden, die Inhalte einer Quelle erklären zu können und nicht deren Struktur. Dieses Bedürfnis haben wir bei der Konzeption jedoch unterschätzt. Trotzdem haben wir diesem Anspruch während des Workshops Rechnung getragen und den Inhalt diskutiert.

 

Daraus hat sich ergeben, dass ein knapper inhaltlicher Input notwendig ist, um dem Verlangen nach inhaltlicher Diskussion gerecht zu werden. Im nächsten Schritt ist es nun möglich sich nur auf die Inszenierung zu konzentrieren.

 

Darüber hinaus könnte man das gemeinsame Anschauen der Filmausschnitte auch mit einem Arbeitsauftrag verbinden. Eine Gruppe soll auf den Inhalt, die andere auf die Form der Darstellung achten. In einer Diskussionsrunde besteht anschließend die Möglichkeit die Widersprüche und die Gemeinsamkeiten zwischen beiden festzustellen.

 

Neben einem inhaltlichen Input zu den Filmen und zur Thematik, mit der sie sich beschäftigen, und der Fokussierung einer Gruppe auf den Inhalt und einer anderen auf die Darstellung, ist es auch unerlässlich, bereits zu Beginn den Sinn und Zweck dieses Workshops herauszustreichen. Dieser Workshop hat keine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Person Hafner oder den Verbrechen, die in der letzten Phase des NS-Regimes in Deutsch-Schützen begangen worden sind zur Aufgabe. Vielmehr wollten wir aufzeigen, dass auch NS-Täter medial verschieden dargestellt werden und dass es sich dabei um eine Auseinandersetzung aus heutiger Sicht handelt. Es ist kein Zufall, dass eine Schweinefarm zu sehen ist, während Hafner über Sozialdarwinismus spricht. Die Filmschaffenden treffen bei jeder Entscheidung bezüglich Ton und Bild eine bewusste Entscheidung und verfolgen damit die Absicht, bei den Zuseherinnen und Zusehern eine Reaktion zu provozieren.

 

Es geht darum, auf diese möglichen Absichten und die Konzepte der Filmemacher Innen aufmerksam zu machen und diese gemeinsam zu diskutieren – auch um die eigenen TäterInnen-Bilder zu hinterfragen. Denn nur ein bewusstes Sehen hilft zu erkennen, wie von verschiedenen filmischen Darstellungen auf unterschiedliche Perspektiven von NS-Verbrechen und die damit in Zusammenhang stehenden TäterInnen geschlossen werden kann. Diese impliziten Aussagen zu dechiffrieren und daraus allgemeine Deutungen konkurrierender Geschichts- und Gesellschaftsbilder abzulesen sind Ziele unseres Vorhabens.

 

 

Alexander Cortés,

 

leistete 2009/10 Gedenkdienst an der Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt, ist seit 2011 Mitglied im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST und studiert derzeit Geschichte, Deutsch und Russisch (Lehramt) an der Universität Wien.

 

 

Sassan Esmailzadeh,

 

leistete 2011/12 Gedenkdienst am Anne Frank Zentrum Berlin, ist seit 2012 Mitglied im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST und studiert Deutsch und Geschichte (Lehramt) an der Universität Wien.

 

 

Nadine Tauchner,

 

leistete 2011/12 Gedenkdienst im Vilna Gaon State Jewish Museum in Vilnius, seit 2012 im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST tätig und studiert Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

 

1 Günter Schwaiger, Hafners Paradies, edition filmladen, Österreich/Spanien 2008, 72 min.

2 Walter Manoschek, Dann bin ich ja ein Mörder, Österreich 2012, 68 min.

3 Cover: Günter Schwaiger, Hafners Paradies, edition filmladen, Österreich/Spanien 2008, 72 min.