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Ausgabe 3/13


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vor.gelesen|rezensionen

Gedächtnis-Verlust?

Geschichtsvermittlung und –didaktik in der Mediengesellschaft

 

Linda Erker/Klaus Kienesberger/Erich Vogl/Fritz Hausjell (Hg.), (Öffentlichkeit und Geschichte 6) Herbert von Halm Verlag, Köln 2013.

 

Kollektives Gedächtnis, so Peter Ludes, sei nur die eine Seite der Medaille – die kollektive Vernachlässigung, das Fehlen, die andere. Linda Erker, Klaus Kienesberger, Erich Vogl und Fritz Hausjell stellen genau diesen Aspekt zur Diskussion. Zwar hat sich mittlerweile ein common sense über die Notwendigkeit historischpolitischer Bildung etabliert, VermittlerInnen stehen jedoch zunehmend vor dem Problem des Wegfallens der Erlebnisgeneration.

 

Wie mit diesem generationellen Bruch umzugehen ist und wie die Erinnerung an den Holocaust nicht bewahrend als „symbolisches Vermächtnis“, sondern vielmehr als fragende Haltung übermittelt werden kann, untersuchen die Beiträge in Gedächtnis- Verlust? Geschichtsvermittlung und -didaktik in der Medienwelt. Der Band entstand durch die Zusammenarbeit des Verein GEDENKDIENST sowie des Arbeitskreises für Historische Kommunikationsforschung (AHK) und ist das Ergebnis einer gleichnamigen Tagung im März 2011.

 

Oliver Rathkolb und Moshe Zuckermann stecken in ihren einführenden Artikeln die Wirkweisen des kollektiven Gedächtnisses ab. Zuckermanns Beschreibung von strategischer Erinnerungspolitik setzt sich mit der Ebene der staatlichen Instrumentalisierung des Shoah-Gedächtnisses auseinander. An diese Positionsbestimmungen anschließend behandeln die folgenden Artikel die Vermittlung an Gedenkstätten, deren Besuch, so Verena Haug und Wolfgang Meseth, nur schwer von den Routinen des Unterrichts getrennt werden könne.

 

Vital ist der Ort an sich, den Till Hilmar als „diskursiv“ skizziert. Während Angelika Meyer die Relevanz der Kategorie Gender in Ravensbrück und Bert Pampel allgemeiner die Bedeutung von Gedenkstättenbesuchen untersucht, sondieren Lukas Meissel und Klaus Kienesberger die Herausforderungen der Bildungsarbeit zum antifaschistischen Widerstand, wobei sie die Möglichkeit einer Vermittlung über massenmedial verbreitete Bilder aufzeigen. Den ersten Block zum Thema Geschichtsdidaktik abschließend analysiert Ines Garnitschnig den Ort des Holocaust in der Migrationsgesellschaft.

 

Der zweite Teil des Bandes folgt einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive. Hier sind es vor allem die ZeitzeugInnen, deren Erinnerungen bewahrt werden sollen. Während Erich Vogl und Wolfgang Duchkowitsch ein österreichisches ZeitzeugInnenprojekt vorstellen, berichtet Barbara von der Lühe über ein ähnliches Vorhaben an der TU Berlin. Horst Pöttker und Eva Maria Gajek fokussieren auf Geschichtsvermittlung durch Massenmedien, einerseits auf geschichtsjournalistische Arbeiten, andererseits auf TV-Dokumentationen. Die Grenzen des filmisch Repräsentierbaren sind Thema von Gaby Fallböcks Aufsatz, während Fritz Hausjell abschließend die Publikationsreihen NachRichten und Zeitungszeugen vorstellt.

 

Wenn auch das Potenzial der assoziationsreichen Metapher des „Gedächtnis-Verlustes“ vielleicht etwas stärker als roter Faden durch die einzelnen Beiträge hätte fungieren können, so kann der vorliegende Band als wichtige Standortbestimmung in interdisziplinären Auseinandersetzungen verstanden werden. Geschichtsvermittlung ist nicht nur Sache historisch-politischer BildungsarbeiterInnen, sondern passiert ebenso in TV und Zeitung, ein synthetischer Blick auf beide Vermittlungssysteme ist daher unabdingbar.

 

Ina Markova

 

 

Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938. Vermessung eines Forschungsfeldes

 

Florian Wenninger/Lucile Dreidemy (Hg.), Böhlau, Wien u.a. 2013.

 

Österreich in den 1920er und 1930er Jahren sei ein Lehrstück für autoritäre Transformationsprozesse von Gesellschaften, so die Herausgeberin und der Herausgeber im Vorwort des vorliegenden Werkes. Das inhaltliche Anliegen des Buches ist es, diese Prozesse auf ihren unterschiedlichen Ebenen zu analysieren. Wenninger und Dreidemy zielen dabei weniger auf die Beförderung großer neuer Forschungserkenntnisse ab, sondern streben vielmehr die Vermessung eines Forschungsfeldes an. Die Notwendigkeit für diesen Überblick begründen sie unter anderem mit der Öffnung neuer Archivbestände in den vergangenen Jahren sowie in der Vielzahl unveröffentlichter Hochschulschriften, die meist nur Angehörigen des österreichischen Wissenschaftsbetriebes direkt zugänglich sind. So werden in themenspezifischen Aufsätzen der Forschungsstand besprochen, Methoden und Ansätze diskutiert, Quellen vorgestellt und Forschungsdesiderate benannt.

 

Im ersten Kapitel werden Aufsätze zu Parteien angeboten. Hans Schafranek widmet sich den illegalen NationalsozialistInnen, während Johannes Thaler den weitgehend unerforschten Legitimismus in Österreich bespricht. Georg-Hans Schmit erforscht das christlichsoziale Lager und leitet mit seinem Artikel das Kapitel zum katholischen Milieu ein. In der Rubrik Wirtschafts- und Interessenpolitik finden sich allgemeine Anmerkungen zur austrofaschistischen Wirtschaftspolitik wie in einem Beitrag von Gerhard Senft, oder spezifischere wie in Brigitte Pellars Beitrag zu Arbeiterkammern und der staatlich eingesetzten ‚Einheitsgewerkschaft̕.

 

Gabriella Hauch schreibt im Kapitel Politik und Gesellschaft unter anderem über die wissenschaftlich generell nützliche Kategorie Geschlecht, die besonders geeignet sei, einen per Eigendefinition „vergeschlechtlichten“ Staat zu analysieren.

 

Im Kapitel Rechts- und Verwaltungsgeschichte erfährt man zum Beispiel von Hannes Leidinger und Verena Moritz mehr zum „Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz“, welches Dollfuß zum Staatsumbau nutzte. Dimensionen organisierter Gewalt werden in der Rubrik Militärgeschichte besprochen, während im letzten Kapitel Dieter A. Binder das Forschungsfeld Außenpolitik aus seiner Isolation holt und die wichtige Rolle von inneren Vorgängen in einem Staat für seine außenpolitische Agitation betont.

 

Wenninger und Dreidemy haben es mit der Vorlage dieses Buches geschafft, ein breites Forschungsfeld gebündelt zusammen zu fassen. Alle Aufsätze können als fundierte Nachschlagewerke ihrer Themenbereiche bezeichnet werden. Der Band richtet sich an ein Klientel, welches zu diesem Abschnitt der österreichischen Zeitgeschichte arbeitet, wie die Herausgeberin und der Herausgeber schreiben. Personen ohne Vorwissen zur Thematik werden hingegen Verständnisschwierigkeiten haben, da die diversen Themenbereiche sehr konzise dargestellt sind und Fachbegriffe oftmals ohne Erläuterungen verwendet werden. Trotz des breiten Themenspektrums weist der Sammelband blinde Flecken auf. Wie in seinem Vorwort angemerkt sind sozial-, kultur- und ideengeschichtliche Fragestellungen unterrepräsentiert. Darüber hinaus wäre eine gezielte Diskussion zur Begriffsgeschichte bzw. theoretischen Einordnung der Jahre 1933 bis 1938 wünschenswert gewesen, vor allem da dies im gesamten Sammelband (implizit) angesprochen wird.

 

Generell jedoch besticht der Band durch seinen engagierten Ansatz und dessen gelungene Umsetzung.

 

Magdalena Neumüller

 

 

Mauthausen revisited

 

Helene Miklas/Helga Amesberger/Sonja Danner/Christian Gmeiner (Hg.), Schriften der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien, Krems Band 6, Lit-Verlag Wien 2012.

 

Bilder spielen eine herausragende Rolle für Gedächtnis und Erinnerung, und in Bezug auf das visuelle Erbe des Nationalsozialismus haben wir es heute mit einem vielfach vermittelten „medialen Gedächtnis“ 1 zu tun. Für diesen Befund ist die Publikation Mauthausen revisited ein erhellendes Beispiel. Sie dokumentiert ein Projekt einer Wiener Schule, im Rahmen dessen SchülerInnen gebeten wurden, ihren Besuch in Mauthausen fotografisch zu dokumentieren. Das Buch nähert sich mit sozialwissenschaftlichen Methoden den fotografischen Produkten und arbeitet ihre persönliche und bedeutungsschwangere Dimension heraus.

 

Dem Fotoprojekt liegt die Frage zugrunde, auf welche Weise die Bedeutung des Ortes, seiner Geschichte und Nachgeschichte von jungen BesucherInnen sowohl kognitiv als auch emotional wahrgenommen und artikuliert werden. Der Zugang über das fotografische Bild ist dabei vielversprechend. Es sind vor allem zwei Aspekte des Mediums, die besondere Aufmerksamkeit verdienen: Erstens ist die AutorInnenschaft des Fotografierens eine Form der aktiven Aneignung von Geschichte an Orten, an denen in der Regel das passive Zuhören bei Rundgängen dominiert. Zweitens sind Fotografien gedächtnisbildend, sie funktionieren also als Speicherfolie für eine Vielzahl an individuellen Erfahrungen beim Besuch.

 

„Leere architektonische Objekte mit den Bildern befüllen, die man unweigerlich sieht“, so formuliert eine Schülerin ihr Motiv, an diesem Ort zu fotografieren. Darin drückt sich die ästhetische Kraft der Gedenkstätte als Notwendigkeitszusammenhang aus: Das Reagieren auf Ort und Geschichte wird durch die Bildpraxis erst ermöglicht und eröffnet einen Umgang mit eigenen Gefühlen. Die ästhetische Aneignung des Ortes ist grundsätzlich bedeutungsoffen. Trotzdem haben es die AutorInnen geschafft, den insgesamt 113 untersuchten Bildern (und den dazugehörigen Interviews) eine Systematik abzugewinnen. Sie unterscheiden zwischen fotografischen Motiven wie „Leben im KZ und Vernichtung“, „Erinnern und Gedenken“, „Entzug der Freiheit“, GedenkstättenbesucherInnen“ und „täuschende Landschaftsidylle“. Sie fragen darüber hinaus, zu welchen Zwecken symbolische Strategien seitens der SchülerInnen eingesetzt werden und achten auf familiäre Bezüge. Letzteres erweist sich in der Analyse von Bildpraktiken als schwierig, da diese meist unbewusste Prozesse zum Ausdruck bringen.

 

Im „medialen Gedächtnis“ werden Dispositive und Erwartungen verhandelt: Wie die AutorInnen feststellen, drückt sich in diesen Bildern die Vorbereitung auf den Besuch mit dem thematischen Schwerpunkt Erinnerungskultur besonders deutlich aus. Wir bringen an diese Orte Wissen und Aufmerksamkeitsbezüge mit, die wir dort bestätigen, verstärken, modifizieren, aber in den seltensten Fällen revidieren2. Solche Prozesse können in Bildpraktiken an Gedenkstätten präzise und im Sinne der BesucherInnen analysiert werden, deshalb sind derartige Arbeiten für die Gedenkstättenarbeit von besonders großem Wert.

 

 

Till Hilmar

 

1 Tobias Ebbrecht, Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis. Filmische Narrationen des Holocaust, Bielefeld 2011.

2 Vgl. Bert Pampel, „Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist“. Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher, Frankfurt am Main 2007.