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Ausgabe 4/13


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Die Wehrmacht und die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Kretas

Wer heute als TouristIn nach Kreta fährt, sucht meist Erholung an Stränden, genießt Sonne und Meer. Kulturell Interessierte können die Ausgrabungen und Rekonstruktionen minoischer Paläste bewundern oder griechisch-orthodoxe Klöster besichtigen. Nur den wenigsten deutschsprachigen UrlauberInnen ist bewusst, dass zwar nicht ‚unsere Mütter’, aber so mancher ‚unserer Väter’ oder sonstiger männlicher Verwandter in Uniformröcken der Wehrmacht zwischen 1941 und 1945 in Kreta ihre Spuren hinterlassen haben. Sie hatten Anteil an der Bombardierung der Hafenstädte und der Luftlandeoperation, bei der Tausende von ihnen starben. Sie beteiligten sich aber nicht nur an Auseinandersetzungen mit dem militärischen Gegner, sondern sie bekämpften auch (vermeintliche oder wirkliche) Partisanen, töteten ZivilistInnen und brandschatzten Ortschaften als ‚Sühnemaßnahmen’. Darüber hinaus nahmen sie an der Vernichtung der jüdischen Gemeinde teil.

 

Als die Wehrmacht im Mai/Juni 1941 Kreta besetzte, blickte die jüdische Gemeinde in Kreta auf eine Kontinuität von mehr als 2.000 Jahren zurück. Schon in der hellenistischen Periode zwischen dem 3. und dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung hatte sich in Kreta eine jüdische Gemeinde gebildet und während der Zeit des Imperium Romanum stetig verbreitet. Kontakte bestanden mit anderen jüdische Gemeinden des Mittelmeerraumes. So war eine Frau aus einer angesehenen jüdischen Familie aus (West-)Kreta mit Titus Flavius Josephus (Yosef ben Matityahu), Autor des Jüdischen Krieges verheiratet. Die jüdisch-griechischen Gemeinden, als Romanioten bezeichnet, entwickelten sich auf Kreta unter Oströmischer bzw. Byzantinischer Herrschaft, bevor die Insel um 1200 von der Republik Venedig regiert wurde. In das Spätmittelalter datiert sowohl die romaniotischen Synagoge Etz Hayyim in Chania wie auch die Errichtung eines eigenen Judenviertels.

 

Kurz nach der militärischen Besetzung der Insel im August 1941 versuchte die Feldkommandantur in Chania, welche als Dienststelle der Wehrmacht die vollziehende Gewalt über griechische ZivilistInnen ausübte, Jüdinnen und Juden zu registrieren. Angeordnet wurde „die listenmäßige Erfassung aller Personen jüdischer Rassenzugehörigkeit (ohne Unterschied der Religionszugehörigkeit).“1 Da sich die angebliche ‚Rassezugehörigkeit’ ohne Bezug auf die Religion von Personen wohl nicht erheben ließ, musste sich die Geheime Feldpolizei (GFP) im Februar 1943 mit einer vom griechischen Bürgermeister übergebenen Aufstellung der in Chania lebenden Angehörigen der jüdischen Gemeinde begnügen.

 

Organisation der Deportationen griechischer Jüdinnen und Juden

 

In Griechenland lebten 1940 laut der Volkszählung 67.600 Personen mosaischen Glaubens, ungefähr 50.000 von ihnen in Saloniki; dazu kamen noch etwa 2.000 Jüdinnen und Juden der ägäischen Inselgruppe des Dodekanes, die unter italienischer Verwaltung stand. Die Deportationen von Jüdinnen und Juden aus Griechenland wurden in drei regional und zeitlich abgrenzbaren Phasen durchgeführt:

 

Bulgarische Besatzungskräfte nahmen Anfang März 1943 im Nordosten Griechenlands, im östlichen Mazedonien und Thrakien, mehr als 4.000 jüdische BewohnerInnen von Kavalla, Komotini, Drama sowie Serres fest und brachten sie zur bulgarischen Stadt Lom an der Donau. Von Lom wurden diese mit Schiffen, u.a. von der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft (DDSG) nach Wien und unter der Bewachung von Wiener Ordnungspolizisten mit Eisenbahnzügen zum Vernichtungslager Treblinka transportiert.

 

Zwischen dem 15. März und 9. Mai1943 wurde der Großteil der sefardischjüdischen Gemeinde Salonikis aus der unter Wehrmachtsverwaltung stehenden Zone Nordgriechenlands mit sechszehn Eisenbahnzügen in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

 

Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 und der Übernahme dieser Okkupationszonen durch die Wehrmachtsbehörden wurden Deportationen vom griechischen Festland und den Inseln im März, April, Juni und August 1944 durchgeführt, darunter jene von Korfu und Kreta, die näher analysiert werden.

 

Die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Salonikis 1943 organisierten SS-Angehörige unter der Leitung der SS-Hauptsturmführer Alois Brunner und Dieter Wisliceny. Die Deportationen 1944 aus Athen, Korfu und Rhodos führte Anton Burger durch. Es drängt sich die Frage auf, wie eine kleine Gruppe von SS-Männern mehr als 50.000 Personen identifizieren, enteignen, zusammentreiben und vom südöstlichsten Staat Europas in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportieren konnte?

 

Wie in anderen Teilen des besetzten Europas war die SS auf die Kooperation deutscher Zivil- oder Militärverwaltungen und/oder regionaler Kollaborateure angewiesen. Im Fall von Griechenland muss die Bedeutung der Wehrmacht hervorgehoben werden, die als Besatzungsbehörde über die vollziehende Gewalt verfügte und als Wehrmachtsbefehlshaber im Südosten die höchste Autorität für die Zivilbevölkerung war. Diese Funktion übte das Armeeoberkommando 12 (AOK 12) bzw. ab Anfang 1943 die Heeresgruppe E unter General Alexander Löhr aus. Für die Zusammenarbeit mit der SS war die Stabsabteilung Ic/AO zuständig.

 

Mitte Mai 1944 ging eine offizielle Anfrage der SS-Dienststelle in Athen beim Stab der Heeresgruppe E wegen der Verhaftungen von Jüdinnen und Juden ein. Die Heeresgruppe E reagierte umgehend, indem sie ein Fernschreiben an die untergeordneten Dienststellen, darunter an den Wehrmachtskommandant der Festung Kreta, richtete: Die SS-Dienststelle habe um „Gestellung von Schiffstransportraum für beschleunigten Abtransport von 350 Juden von Kreta und 1600 Juden von Corfu“2 gebeten. Dem Ansuchen wurde zugestimmt; die Bewachungsmannschaften sollten von den regional zuständigen Armeekommandanten gestellt werden.

 

Die Weisungen der Heeresgruppe E zur Deportation der jüdischen Männer, Frauen und Kinder wurden auf Kreta wesentlich rascher verwirklicht als auf Korfu. In Kreta lag die Organisation der Verhaftungen und der Transporte ausschließlich in den Händen von Wehrmachtsformationen. Die Razzia in Chania im Mai 1944 führten die GFP Gruppe 611 und Angehörige der Feldgendarmerie durch. Am Morgen des 21. Mai wurden Straßen abgeriegelt, in denen Jüdinnen und Juden wohnten. Sie wurden zum Verlassen ihrer Wohnungen gezwungen und zu bereitstehenden Lastkraftwagen der Wehrmacht getrieben.

 

Die in Chania verhafteten Männer, Frauen und Kinder wurden in ein Gefängnis gebracht und wenige Tage später nach Iraklion weitertransportiert. Gemeinsam mit einigen in IrakIion festgenommenen jüdischen Familien und anderen nichtjüdischen Gefangenen sollten sie Anfang Juni mit einem Schiff zum Festland gebracht werden, von wo sie gemeinsam mit den aus Korfu verschleppten Jüdinnen und Juden mit der Bahn in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert werden sollten. Am 8. Juni 1944 lief der Dampfer Tanais mit 492 Zivilgefangenen und vierzehn Begleitern mit Kurs auf Piräus aus. Gemäß dem Kriegstagebuch des Seetransportchef Ägäis wurde das Schiff am 9. Juni durch einen U-Boot Torpedo versenkt. Obwohl es überlebende Schiffbrüchige gab, muss angenommen werden, dass alle jüdischen Deportierten aus Kreta ertranken. Unter dem Datum des 16. Juni findet sich im Kriegstagebuch der Eintrag, dass vom Dampfer Tanais „37 Deutsche und 14 Ausländer“3 gerettet wurden.

 

Angehörige der jüdischen Gemeinde Korfus wurden nach Verzögerungen konzentriert und unter der Bewachung Anton Burgers mit Fähren zum Festland in das KZ Chaidari bei Athen gebracht. Sie wurden am 21. Juli 1944 mit einem Zug in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Ohne die Unterstützung der Wehrmacht hätten Anton Burger und die wenigen in Griechenland stationierten SS-Männer nur einen Bruchteil dieser Opfer erfassen und deportieren können. Wehrmachtseinheiten halfen der SS bei der Konzentrierung, Beraubung, Bewachung und beim Abtransport. In Ioannina, auf Kreta und auf Kos führten sie diese Schritte eigenständig durch, ohne Anwesenheit eines einzigen SS-Mannes. Die Zusammenarbeit funktionierte nicht immer reibungslos, aber wenn einzelne Offiziere wie Oberst Jäger (Korfu) oder General Kleemann (Rhodos) Bedenken gegen die Deportation von Jüdinnen und Juden aus ihrem Befehlsbereich vorbrachten, wurden sie von den übergeordneten Stäben angewiesen, bei den von der SS geforderten Schritten mitzuwirken. Sie reagierten ohne grundsätzliche Einwände – Widerspruch wurde nicht geäußert. Ebenso blieben Möglichkeiten dilatorischer Maßnahmen, die auch für rangniedrige Stabsoffiziere bei der Gruppe Ic/AO, insbesondere im Juli 1944 (kurz vor dem Abzug der Heeresgruppe E aus Griechenland) vorhanden waren, ungenutzt. Stärker noch als bei der Vernichtung der jüdischen Gemeinde Salonikis im Jahr 1943 waren 1944 Dienststellen der Wehrmacht mitverantwortlich für die Deportation von ungefähr 9.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus Griechenland.

 

Nach der Befreiung Kretas gab es keine jüdische Gemeinde mehr. Die wenigen Überlebenden, die am Tag der Razzia nicht in Chania gewesen waren, hatten alle Angehörigen verloren und mussten ihr Leben neu beginnen. Die Synagoge verfiel, nachdem sie ab den Mai 1944 geplündert worden war. Erst 1995 begannen die Arbeiten an der Rekonstruktion der Etz Hayyim Synagoge in Chania. Sie dient mittlerweile unter anderem als Anlaufpunkt für überlebende Jüdinnen und Juden aus Kreta und ihren über die ganze Welt verstreuten Nachkommen. Seit 2013 entsendet der Verein GEDENKDIENST Gedenkdienstleistende nach Chania zur Unterstützung der vielfältigen Aktivitäten.

 

 

Hans Safrian

 

Zeithistoriker, lehrt an der Universität Wien

 

 

1 Feldkommandantur 606, Tgb. Ic 781/41, Chania, 4. August 1941; dankenswerterweise stellte Hagen Fleischer eine Kopie des Dokumentes zur Verfügung.

2 Kriegstagebuch der Heeresgruppe E, Eintragung 12. Mai 1944, Abtransport von Juden, National Archives and Records Administrations (NAW), T 311/177/47.

3 Kriegstagebuch des Seetransportchefs Ägäis vom 1. bis 30. Juni 1944, Bundesarchiv Berlin (BArch), Militärarchiv (MA), RM 35 III/193, 14.