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Ausgabe 4/13


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Wie wird auf Kreta der Wehrmachtssoldaten und der Ermordung von ZivilistInnen im Zuge von Vergeltungsmaßnahmen erinnert?

Am 20. Mai 1941 begann auf der Insel Kreta im Zuge der ‚Operation Merkur‘ die Invasion der Wehrmacht. Die geplante Besetzung Kretas verlief für die Wehrmachtssoldaten nicht nach militärischer Planung, da die alliierten Truppen, bestehend aus griechischen, britischen, neuseeländischen und australischen Soldaten, und die kretische Bevölkerung Widerstand leisteten. Bereits am ersten Tag der Landung wurden etwa 2.000 Fallschirmjäger durch das Abwehrfeuer der Alliierten schwer verletzt oder getötet. Im Zuge der Kampfhandlungen um die Einnahme der Insel musste die Wehrmacht hohe Verluste hinnehmen. Die BewohnerInnen Kretas sahen sich schon bald nach der Invasion der Wehrmacht mit der Besatzungsherrschaft und deren verbrecherischen Maßnahmen zur Absicherung der Macht konfrontiert. Bereits kurz nach der Landung der Truppen begannen die ersten Vergeltungsmaßnahmen. Die so genannten ‚Sühnemaßnahmen‘ für ermordete Soldaten wurden von Wehrmachtsformationen durchgeführt. Sie ermordeten ZivilistInnen und zerstörten deren Dörfer auf der Insel. Aufgrund ihrer Teilhabe an Vergeltungsmaßnahmen auf Kreta lässt sich das Bild von einer ‚sauberen’ und an Kriegsverbrechen unbeteiligten Wehrmacht widerlegen.

 

Ziel dieses Artikels ist es, verschiedenen Formen des Erinnerns auf Kreta nachzugehen und meine, durch eine Exkursion an der Universität Wien gewonnenen Eindrücke, zu vermitteln.

 

Deutscher Soldatenfriedhof in Maleme

 

Ein Beispiel für das Erinnern an die gefallenen Angehörigen der Wehrmacht auf Kreta lässt sich in Maleme finden. Der Soldatenfriedhof befindet sich nur wenige Kilometer von Kondomari entfernt, einem Ort wo Vergeltungsmaßnahmen an ZivilistInnen von Wehrmachtssoldaten durchgeführt wurden. Der gepflegte Friedhof liegt auf einer Anhöhe etwa einen Kilometer vom Küstendorf Maleme entfernt und bietet einen schönen Ausblick auf das Meer.

 

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist gemäß einem Abkommen von 1965 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Königlichen Griechischen Regierung für die Instandhaltung und Pflege des Ortes zuständig. Bereits 1960 begann er mit der Umbettung der gefallenen Wehrmachtssoldaten, die in 62 Feldgräbern bzw. provisorischen Gräberanlagen begraben waren und ihre letzte Ruhestätte auf diesem Soldatenfriedhof fanden.1 Unabhängig von ihrem militärischen Rang haben hier alle Soldaten ein gleichartiges Grab. Einer von ihnen ist Bruno Bräuer, ein 1947 in Athen verurteilter und hingerichteter Kriegsverbrecher. Bevor man den Soldatenfriedhof über Stufen betritt, kann eine kleine Ausstellung besucht werden. Hier kommt es insbesondere zur Thematisierung der Schicksale einzelner Wehrmachtssoldaten und wenig zu einer Kontextualisierung ihrer Beteiligung an Kriegsverbrechen auf Kreta.

 

Der Volksbund sieht seine Tätigkeit, wie auf einer am Eingang des Friedhofes angebrachten Tafel zur Friedhofsordnung entnommen werden kann, folgendermaßen:

 

6. Gedenkveranstaltungen auf dieser Kriegsgräberstätte haben der Versöhnung über den Gräbern zu dienen und bedürfen der vorherigen Genehmigung durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die Veranstalter verpflichten sich, die Würde des Ortes zu wahren, insbesondere seinen Charakter als Mahnmal zum Frieden.“2

 

Es gilt die Frage zu stellen, wie Versöhnung stattfinden und der Soldatenfriedhof als friedenstiftendes Zeichen verstanden werden soll, wenn die Opfer von Vergeltungsmaßnahmen kaum thematisiert werden.

 

Gedenkort für Vergeltungsmaßnahmen an ZivilistInnen in Kondomari und Kandanos

 

Ein wesentlicher Beleg für die von der Wehrmacht verübten Kriegsverbrechen an der Bevölkerung Kretas, ist eine Anordnung vom 31. Mai 1941 von General Kurt Student, Kommandierender General des 11. Fliegerkorps der 7. Fallschirmdivision und Leiter der Luftlandung auf Kreta. Die Vergeltungsmaßnahmen wurden als Reaktion auf die fälschlichen Anschuldigungen durchgeführt, dass die kretische Bevölkerung Wehrmachtssoldaten getötet, massakriert und deren Leichen geschändet hätte.

 

Der Befehl sah folgende Vergeltungsmaßnahmen vor: „1.) Erschießungen 2.) Kontributionen 3.) Niederbrennen von Ortschaften (vorher Sicherstellung aller Barmittel, die restlos den Angehögen [sic!] zugute kommen sollen), 4.) Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete.“3

 

Student befahl, dass die Repressalien rasch und direkt von jenen Truppen der Wehrmacht durchgeführt werden sollten, welche im Zuge der Landung auf Kreta die höchsten Verluste erlitten hatten.

 

Nur drei Tage nach dieser Anordnung, am 2. Juni 1941, überfielen Angehörige des 2. Fallschirmjägerbataillons das Dorf Kondomari an der Nordküste Kretas und ermordeten die dort ansässige männliche Bevölkerung im wehrfähigen Alter. Bei diesem Massaker wurden etwa 60 Männer in einem Olivenhain erschossen und ihr Dorf zerstört. Leutnant Franz-Peter Weixler war seit Beginn der Invasion der Wehrmacht auf Kreta als Kriegsberichterstatter tätig. Er fotografierte trotz Verbot dieses Massaker und verfasste 1945 einen Bericht über diese Vergeltungsmaßnahme. Beides wurde den Alliierten im Sommer 1945 zur Verfügung gestellt.4 Das Dorf wurde nach Kriegsende wieder aufgebaut und heute erinnert eine Gedenktafel mit den Fotos von Weixler sowie Ehrengräber für die ermordete Bevölkerung an das Verbrechen.

 

Am 3. Juni 1941 fand im Dorf Kandanos die zweite direkte Vergeltungsmaßnahme gegen die Bevölkerung als ‚Sühne’ für die angebliche Soldatentötungen statt. Ältere Frauen und Männer wurden von Wehrmachtssoldaten ermordet und sie zerstörten das Dorf. General Student untersagte der Bevölkerung den Wiederaufbau des Dorfes und ließ dies sowie eine Begründung für die Repressalien an drei Tafeln am Ortseingang niederschreiben. Repliken dieser Tafeln sind heute Teil der Gedenkstätte in Kandanos.

 

Zwei Formen des Gedenkens in Floria

 

Heute erinnern auf Kreta verschiedene Gedenkstätten an die Ereignisse von 1941. Es wird nicht nur der Opfer von Vergeltungsmaßnahmen, sondern auch der gefallenen Wehrmachtssoldaten gedacht. In diesem Kontext fehlt oft die Auseinandersetzung mit der Rolle der Wehrmacht und ihren Kriegsverbrechen.

 

Als Bespiel sei hierfür das kleine Dorf Floria angeführt, das nur wenige Kilometer von Kandanos entfernt liegt. Dort gibt es zwei Denkmäler, die in Sichtweite voneinander an gegenüberliegenden Straßenseiten liegen. Eines erinnert an vierzehn Angehörige der Wehrmacht (3. Kompanie des Gebirgspionierbatallion 95), deren Tod als Begründung für die Vergeltungsmaßnahme in Kandanos herangezogen wurde. Das andere an die Opfer aus dem Ort Floria.

 

Das Denkmal mit der Inschrift „Gefallen für Großdeutschland am 23.5.1941“ wurde bereits 1941 gebaut und befindet sich auch heute noch auf einer kleinen Anhöhe entlang der Straße. Um die Erhaltung kümmert sich unter anderen die Gebirgsjägerkameradschaft Oberfranken. Das zweite Denkmal wurde nach 1945 am Straßenrand errichtet.

 

Besonders spannend ist, dass in einer nahgelegenen Taverne eine Informationsmappe zum Gedenkort aufliegt. In dieser wird über die Geschichte beider Denkmäler und abgehaltene Gedenkveranstaltungen sowie Gedenkreisen in deutscher und griechischer Sprache berichtet. Ziel der Gedenkstätte soll die Erinnerung an die Opfer des Krieges sein, so die Beschreibung. Bei näherer Betrachtung der Texte wird jedoch ersichtlich, dass vor allem die gefallenen Wehrmachtssoldaten als Opfer definiert werden. Dass hier auch Vergeltungsmaßnahmen erwähnt werden, ist eine Ausnahme – es war in diesem Kontext schlichtweg nicht möglich, diese auszublenden oder zu ignorieren. Inhaltlich wird anführt, dass diese Taten längst überwunden seien und nun eine Phase der Versöhnung eingetreten sei. Dem gilt es zu widersprechen. Nicht nur, dass die historische Aufarbeitung der Vergeltungsmaßnahmen auf Kreta in Österreich und Deutschland fehlt, stehen bei den thematisierten Gedenkfeiern neben dem Erinnern an die kretischen Opfer und die Mahnung des Friedens doch vor allem die gefallenen Wehrmachtssoldaten im Vordergrund. Wie auch in Maleme soll dieser Gedenkort als Versöhnung und als friedensstiftendes Zeichen verstanden werden. Abermals gilt es die Frage zu stellen, wie Versöhnung stattfinden soll, wenn die Repressalien gegen ZivilistInnen durch Angehörige der Wehrmacht kaum thematisiert werden. Welche Formen öffentlichen Gedenkens und Erinnerns findet an diesem Gedenkort statt?

 

Auf Kreta finden Erinnern und Gedenken an die gefallenen Wehrmachtssoldaten und der Opfer in der Zivilbevölkerung oft nicht nur separat voneinander statt, sondern auch in anderen Formen. Die Erinnerung an die Soldaten wird in einem wesentlich ehrwürdigeren Rahmen ausgedrückt als jene an die kretische Bevölkerung. Zudem werden sie auf die selbe Ebene wie die kretischen Opfer gestellt; die begangenen Kriegsverbrechen bleiben unerwähnt. Diese Diskrepanz gilt es aufzuzeigen und zu hinterfragen. Kriegsverbrechen der Wehrmacht sind ein Bestandteil der nationalsozialistischen Besatzungszeit auf Kreta und denn sie müssen Teil der historischen Auseinandersetzung sein.

 

 

Sarah Knoll

 

studiert am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien; Redakteurin GEDENKDIENST; sie nahm an einer Exkursion der Universität Wien nach Kreta teil

 

 

1 Vgl. http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/maleme.html (03.11.2013).

2 Tafel am Eingang des Deutschen Soldatenfriedhofes in Maleme über die Friedhofsordnung.

3 BA-MA, RH 28-5-4b, Bl. 412f, Gen.Kdo. XI. Fliegerkorps, Kom.Gen., 31. Mai 1941 und vgl. Marlen von Xylander, Die Deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta 1941-1945, Freiburg 1989, 31.

4 Siehe dazu: Vol XII Section 25.02 (Weixler Information German) In: Donovan Nuremberg Trial Collection, online unter http://library2.lawschool.cornell.edu/ donovan/show.asp?query=Weixler (03.11.2013).