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Ausgabe 4/13


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Eichmanns Ende - Liebe, Verrat, Tod

Ähnlich einem Märchen liest sich der Kommentar der Tageszeitung Bild über das Dokudrama Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod von Robert Ley, welcher zwei Tage nach der ARD-Ausstrahlung am 27. Juli im Jahr 2010 veröffentlicht wurde: „So unfassbar diese Sätze klingen, so unglaublich ist die Geschichte von der Ergreifung des Schergen! Nicht seine Interviews haben zur Ergreifung geführt – nein, es war die Liebe!“1 Mit den Interviews sind hier die Tonbandaufnahmen Eichmanns gemeint, die das Zwiegespräch zwischen Adolf Eichmann und dem niederländischen Nationalsozialisten, SS-Mann und Journalisten Willem Sassen dokumentieren. Die Liebesgeschichte, die den dramaturgischen Rahmen in der filmischen Erzählung ausmacht, ist die Geschichte von Klaus, dem Sohn Eichmanns, und Silvia, der Tochter des deutsch jüdischen Holocaust-Überlebenden Einwanderers Lothar Hermann. Um den ,Schergen‘ laut Bild zu ergreifen setzt Silvia in Eichmanns Ende alleinig die ,Liebe‘ als Waffe im Kampf gegen das ,Böse‘ ein und hintergeht ihren Geliebten Klaus, um damit ihrem Vater Lothar Hermann dazu zu verhelfen, Adolf Eichmann an den israelischen Geheimdienst Mossad auszuliefern.

 

Nach Aussagen von Angehörigen hat es jedoch solch eine Liebesbeziehung nie gegeben. Lediglich Bekannte sollten sie gewesen sein, die im selben Stadtviertel gewohnt haben; und dabei Silvia nicht in der Blüte ihrer Pubertät auf Klaus traf, so wie es im Film dargestellt wird, sondern im Alter von zwölf Jahren Klaus zufällig in einem Kino kennenlernte.2

 

Das Dokumentarische im Fiktiven

 

Zu schön bettet sich jedoch die tragische Liebesgeschichte als dramaturgisches Element in die Gesamthandlung ein, als das sie von den Autoren weggelassen werden könnte. Verblüffende Parallelen weist die Geschichte somit zu dem klassischen biblischen Motiv der Judith auf. Die als Verkörperung von Mut, Entschlossenheit, aufopferungsvoller Vaterlandsliebe, die unbewaffnet in das Lager des nebukadnezischen Feldherrn Holofernes eindringt und ihn mit seinem eigenen Schwert entwaffnet und damit das israelische Volk befreit. Mit diesen narrativen Elementen wie der Liebe, dem Verrat und schließlich dem Tod Eichmanns, wird vor allem ein Drama à la Hollywood geschaffen – historische Begebenheiten zum Teil abgewandelt, verdreht oder gar gänzlich hinzugedichtet. In dem Filmgenre Dokudrama verbirgt sich zwar zum einen das Wort Drama, welches für Unterhaltung, Emotion und Attraktion steht, allerdings steht der zweite Begriff ,Doku‘ für das Versprechen von Information, Bildung und Authentizität.

 

Herzstück des Dokudramas Eichmanns Ende machen die Interviewpassagen zwischen Eichmann und Sassen aus, die nach dem NDR-Geschichtsredakteur Alexander von Sallwitz „sämtlich aus den Tonbandmitschnitten der Original Interviews aus den 50er Jahren“ stammen, welche „also kein Werk eines Drehbuchautors“ seien.3 Die NDR-Redakteurin Patricia Slesinger betont in der Tageszeitung (taz) online, dass Ley die Dialoge geradezu ,puristisch‘ umsetzen ließ, jedes „aber, jedes äh aus den Originaldokumenten sei in dem Filmdialogen berücksichtigt worden!“.4 Genauer handelt es sich dabei um Ausschnitte aus einem Gesamtmaterial von 73 Tonbändern die in den Jahren 1956−1957 von Sassen erstellt worden sind. Anhand von Untertiteln wird den ZuschauerInnen zwar verdeutlicht, welche Stellen aus den Originaldokumenten jeweils zitiert werden – allerdings werden diese mittels der (filmischen) Montage in einen neuen Sinnkontext zusammengesetzt, wobei unklar bleibt, wie diese Tonbandaufnahmen im Gesamtkontext eingebettet werden und vor allem auf welchen Grundlagen die Gespräche vor, zwischen und nach den Aufnahmen beruhen.

 

Die dokumentarischen (Audio)Aufnahmen und fiktive Szenen und Aussagen verketten sich so nur all zu leicht in einen undurchsichtigen Knoten und den ZuschauerInnen wird es zunehmend erschwert zwischen historisch belegten Tatsachen und nachträglichen Hinzudichtungen zu unterscheiden. Das Erkennen der enthaltenen fiktiven Elemente, insbesondere bei den interpretatorisch aufgefüllten Leerstellen ist jedoch wichtig für die Rezeptionshaltung der ZuschauerInnen.

 

Authentizität

 

Das Dokudrama Eichmanns Ende wurde vom deutschen Feuilleton überwiegend mit Lob versehen, wobei Wörter wie ,facettenreich‘, ,formal‘ und ,historisch psychologisch präzise‘ fielen. Die an dem Film beteiligten NDR-Redakteure, die sich in diesen Kritiken zu Wort melden, behaupten, dass sie das Genre des Dokudramas nicht nur bereichert sondern auch „das authentischste dokumentarische Dokudrama bisher“ vorgelegt haben – so Sallwitz in der taz.5 Letztlich kann jedoch hier nicht von einer Revolution des Dokudramas gesprochen werden. Auch hier wird sogenannte Realität im Film sowie auch in anderen semidokumentarischen Dokumentationen stark von Fiktionen im Sinne des Dramaturgischen überlagert. Nach wie vor bleibt die Uneindeutigkeit auch bei Leys Aufnahmen bestehen, wann Dokument und Fiktion sich überlappen.

 

Dokudramas haben jedoch ein Potenzial, Geschichte erlebbar zu machen, einen multiperspektivischen Blick auf historische Geschehnisse zu werfen und eine Erfahrungsdimension zu schaffen, die andere Mediendarstellungen so nicht haben. Umso wichtiger erscheint es hier jedoch sich kritisch mit filmischen Verfahren auseinanderzusetzen und wenn diese visuell oder textuell sichtbar zu machen.

 

 

Klaudija Sabo

 

ist Doktorandin und Lehrbeauftragte am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien; ihre jüngste Publikation befasst sich mit dokumentarischen Strategien – (herausgegeben mit Aylin Basaran und Julia Köhne): Zooming in and out. Produktionen des Politischen im neueren deutschsprachigen Dokumentarfilm, Mandelbaum 2013

 

 

1 Britta Frischemeyer, Maximillian Kiewel, Enttarnte die Liebe des Sohnes das Nazi-Monster, in: http://www.bild.de/politik/2010/ard/enttarnte-die-liebe-dasnazi-monster-13421228.bild.html.de (05.11.2013).

2 Vgl. Gaby Weber, Der Held aus Quirnbach. Die späte Ehrung des Lothar Hermann, in Deutschlandfunk, 26.02.2013 um 19.15-20.00 Uhr, in: http://www.gabyweber.com/dwnld/aktuelles/quirnbach.pdf, S. 7-9 (04.11.2013).

3 „Absolut echt, authentisch und Wort für Wort belegt“, in: http://www.ndr.de/kultur/kino_und_film/eichmannsende126.html (10.07.2013).

4 René Martens, Bekenntnisse eines Schreibtischtäters, in: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=fl&dig=2010%2F07%2F24%2Fa0038 (05.11.2013).

5 Vgl. Ebd.