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Ausgabe 4/13


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Leserbrief aus Argentinien

Der Verein GEDENKDIENST möchte einen Brief an die Redaktion offenlegen. Im März 2013 zeigten und diskutierten wir im Zuge der Tagung Eichmann nach Jerusalem. Hintergründe, Be-Deutungen und Folgen des Prozesses in kleinem Kreis den Film Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod. Es ist ein Dokudrama aus dem Jahr 2010, das von der Festnahme Eichmanns und der angeblichen Liebesbeziehung zwischen Klaus, dem Sohn Adolf Eichmanns, und Silvia Hermann, Tochter eines deutschen Emigranten in Argentien, handelt. Der Tagungsbericht wurde in der vergangenen Ausgabe (3/13) von Adina Seeger publiziert, der Film wird im Rahmen dieser Nummer von Klaudija Sabo kritisch besprochen. Liliana Hermann, Großnichte von Lothar Hermann, meldete sich im Herbst 2013 bei den OrganisatorInnen der Tagung und schilderte ihre Sicht der Geschehnisse rund um die Festnahme Eichmanns. Sie betonte, dass der Film die Geschichte rund um Lothar und Silvia Hermann unkorrekt wiedergebe und das Gedenken an ihre Familie respektive an das Engagement ihres Großonkels schmälere und verfälsche. Auch die Historikerin Gaby Weber meldete sich bei der Redaktion und übermittelte uns ihre Rechercheergebnisse.1 Sie publizierte in einem Radiobeitrag und einem Buch, dass man Lothar Hermann nach dem Hinweis auf Eichmanns Aufenthaltsort bestrafte, anstatt ihm für den Hinweis zu danken. Beide Frauen leben in Argentinien, hier treten sie öffentlich für die Ehrung Lothar Hermanns und gegen die gängige Geschichtserzählung auf, die ihrem Empfinden nach zahlreiche Unwahrheiten beinhaltet. Die Zeitung publiziert den Brief Liliana Hermann, um die Diskussion den kritischen LeserInnen nicht vorzuenthalten und um Frau Hermann die Möglichkeit zu bieten, ihren Standpunkt öffentlich zu vertreten.

 

In enger Rücksprache mit Liliana Hermann wurde dieser Beitrag von Linda Erker, Mitglied des Organisationsteams der Tagung Eichmann nach Jerusalem, betreut und aus dem Spanischen übersetzt.

 

 

Linda Erker

 

Historikerin und stv. Obfrau des Vereins GEDENKDIENST

 

1 Ein Hörbeitrag: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/02/26/dlf_20130226_1915_fac5782e.mp3 (01.11.2013). Gaby Weber, Eichmann wurde noch gebraucht: Der Massenmörder und der Kalte Krieg, Berlin 2012.

 

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

mein Name ist Liliana Hermann und ich bin die Großnichte von Lothar Hermann. In diesem Schreiben wende ich mich an Sie mit einer Richtigstellung meiner in der Öffentlichkeit fälschlich tradierten Familiengeschichte. Ich mache dies, um die historische Wahrheit über die Ergreifung Adolf Eichmanns in Argentinien bekannt zu machen. Mein Anliegen habe ich bereits in unterschiedlichen argentinischen, deutschen und israelischen (jüdischen) Organisationen einbringen können. Die Arbeit meines Großonkels Lothar Hermann sowie meine weitere Recherche wurden erst am 13. August 2012 durch den Staat Israel geehrt. Die Presse entschied sich allerdings, all diese Bemühungen nie bekannt zu machen, womit sie offenkundig eigene Interessen verfolgte.

 

Vor kurzem habe ich von der Tagung Eichmann nach Jerusalem. Hintergründe, Be-Deutungen und Folgen des Prozesses, organisiert vom Verein GEDENKDIENST, erfahren. Im Rahmen dieses Symposiums wurde auch der Film Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod gezeigt, in dem es auch um meine Familie geht. Konkret wird hier meine Tante Silvia als die Freundin des Sohnes des ehemaligen SS-Obersturmbannführers dargestellt. Ich möchte hier deutlich gegen diesen Film Stellung beziehen, denn ich finde, dass dieser Film aus kommerziellen Gründen die historische Wahrheit verfälscht. Die Chronologie des Filmes ist unzureichend, fehlerhaft und folgt der Erzählversion von Isser Harel (ehemaliger Chef des israelischen Nachrichtendienstes Mossad), für die es keine historischen Beweise gibt. Ich erachte es für wichtig zu betonen, dass er im Unterschied zu mir keine Belege vorweisen kann, was jedoch sehr wichtig wäre, um solche Behauptungen aufzustellen.

 

Ich habe mich an die Verantwortlichen des Fernsehsenders NDR gewendet und um Offenlegung ihrer Recherchen, respektive ihrer Auskunftspersonen, gebeten. Leider ohne Erfolg, ihre Quellen möchten sie weiterhin „vertraulich“ behandeln. Ich frage mich, ob die Familie Hermann denn gar keine Rechte hat und solche Behauptungen ungehindert aufgestellt werden dürfen. Mir scheint, dass die Medien die Macht haben, jede Art von Geschichten und Gerüchten zu erfinden, ohne sich nachträglich bei den Betroffenen dafür zu entschuldigen.

 

Ich möchte hier noch einmal klarstellen, dass meine Tante Silvia KEINE Liebesbeziehung mit Klaus Eichmann führte. Sie war im Jahr 1954, als sie in der Nachbarschaft der Familie Eichmann lebte und bevor sie in diesem Jahr nach Coronel Suárez zog, 12, Klaus Eichmann 18 Jahre alt. Sie kannte Klaus aus der Nachbarschaft, beide lebten in Olivos (in der Provinz Buenos Aires). In Olivos lebten viele (ehemalige) Nazi-Verbrecher, ohne ihre Identität verstecken zu müssen, unter ihnen auch Josef Mengele. Das war alles andere als ein Geheimnis, auch die argentinische jüdische Gemeinde wusste davon. Lothar war der Einzige, der den Mut aufbrachte, dies zur Anzeige zu bringen – so auch im Fall Eichmann. Eichmann durfte nicht ungestraft bleiben, und so meldete Lothar ihn bereits 1954 der Delegación de Asociaciones Israelitas Argentina (DAIA) und später auch der Israelischen Botschaft in Buenos Aires, die kein Interesse an dem Verbleib der Nazi-Verbrecher zeigten. Aufgrund dieser Interventionen musste Lothar und seine Familie 1954 sogar nach Coronel Suárez (ebenfalls in der Provinz Buenos Aires) fliehen, von wo aus er sich schlussendlich mit Fritz Bauer und Tuviah Friedmann in Kontakt setzte.

 

Ich möchte mich für die Möglichkeit bedanken, meinen Standpunkt über die Geschichte der Familie Hermann hier vertreten zu können. Ich schätze das Engagement der Verantwortlichen der Tagung Eichmann nach Jerusalem; es ist wichtig, dass der oben genannte Film kritisch besprochen wird, man sich bewusst wird, wie einfach es ist die historische Wahrheit zu verdrehen und man sich stets eigenständig eine Meinung bilden muss, in dem man diesen Film hinterfragt.

 

Für mich ist es sehr wichtig, dass auch aus dem fernen Wien die Arbeit meines Großonkels eine Wertschätzung erfährt. Er war es, der die justizielle Verfolg des Verbrechers Adolf Eichmann initiierte. Danke für die Ehrung der Arbeit Lothars, ich hoffe, dass in Zukunft unser Engagement gewürdigt wird und mein Großonkel den Platz in der Geschichte erhält, den er verdient. Er hat Adolf Eichmann entdeckt, angezeigt, verfolgt und war eine Schlüsselfigur für seine Ergreifung. Aber dafür wurde er sein Leben lang nur bestraft. Die damals dafür verantwortlichen Personen leben heute nicht mehr, die Gesellschaft hat aber das Recht die Wahrheit über Lothar Hermann zu erfahren, um sich ein eigenes Urteil über das Geschehene zu bilden.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Liliana Hermann

 

www.lotharhermann.com.ar / Twitter: @her_lily Facebook: Lothar hermann la persona que descubrio a Eichmann en Argentina.