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Ausgabe 4/13


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vor.gelesen|rezensionen

Einmal Palästina und zurück.

Ein jüdischer Lebensweg

Karl Pfeifer, Edition Steinbauer, Wien 2013

 

Karl Pfeifer, 1928 in Baden bei Wien geboren, wuchs als Sohn einer gutbürgerlichen jüdischen Familie auf. Nach dem ‚Anschluss’ Österreichs 1938 flohen er und seine Eltern mit gefälschten Pässen nach Ungarn. Sein um fünfzehn Jahre älterer Bruder, Erwin, war bereits 1935 nach Palästina ausgewandert. In Budapest schloss sich Karl der zionistisch- sozialistischen Jugendbewegung Schomer Hazair an. In dieser Gruppe stößt er auf Gleichgesinnte, die sich nicht als Ungarn empfanden, an keinen Gott glaubten und die den Kampf um einen souveränen israelischen Staat als vordringlichstes Ziel verfolgten. Durch eine Reihe antijüdischer Gesetze, die 1938 auf Druck der Rechtsextremen erlassenen wurden, verschlechterte sich auch die Situation der jüdischen Bevölkerung Ungarns. Von der Angst getrieben, dass sich die Lage noch weiter verschlechtern könnte, versuchten viele das Land zu verlassen. Die Jugendbewegung Schomer Hazair war bestrebt, so viele jungen Menschen wie möglich die Alia nach Palästina zu ermöglichen. Trotz der Besorgnis seiner Verwandten, trat auch Karl Pfeifer am 5. Jänner 1943 die abenteuerliche und nicht ungefährliche Reise nach Erez Israel an. Nach seiner Ankunft in Palästina lebte er für drei Jahre im Kibbuz. In seinem Buch schreibt er: „Wir sahen darin (im Leben im Kibbuz) eine ideale sozialistische Lebensform, in der jeder nach seiner Fähigkeit arbeitete und nach seinen Bedürfnissen und den wirtschaftlichen Möglichkeiten versorgt wurde“ (S. 57). 1946 meldete er sich freiwillig im Palmach, jener Einsatztruppe, die Anfang der 1940er Jahre durch die jüdische Verteidigungsorganisation Hagana gegründet wurde. Nach einer militärischen Ausbildung kämpfte er für die Unabhängigkeit des neu gegründeten Staates Israel. Nach dem Waffenstillstand von 1949 verließ er den Palmach und verdiente sich mit Gelegenheitsjobs seinen Lebensunterhalt. Im August 1950 konnte er auf Einladung seiner noch in Europa lebenden Verwandten in die Schweiz reisen um dort die Hotelfachschule zu besuchen.

 

Einmal Palästina und zurück ist die beeindruckende Erzählung eines Mannes, der im Alter von 14 Jahren seine Familie und die gewohnte Umgebung zurücklässt um in Palästina ein neues Leben zu beginnen. Pfeifer gewährt den LeserInnen einen Einblick in das Leben und die Arbeit im Kibbuz. Seine persönlichen, subjektiven Erlebnisse im Kampf um die israelische Unabhängigkeit stellt er stets in einen größeren historischen Kontext (ergänzend dazu befindet sich im Anhang des Buches ein Literaturverzeichnis) und erschließt somit viele Hintergrundinformationen, die zu einem besseren Verständnis der politischen Situation in Palästina zur damaligen Zeit beitragen. Zudem hinterfragt er seine damaligen Entscheidungen und Meinungen sehr kritisch und beurteilt sie aus heutiger Perspektive.

 

Die VerfasserInnen des Geleitworts zu diesem Buch – Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger – schreiben: „Dieses Buch ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil viele Angehörige unserer Generation heute gar nicht mehr wissen, dass es die zionistische Linke war, die den Aufbau Israel vorangetrieben hatte und sich der überwiegende Teil jener Männer und Frauen, die diesen Staat gründeten als fortschrittliche Sozialisten und teilweise sogar Kommunisten verstanden hatten, die sich selbst im Kampf mit dem britischen Imperialismus sahen“ (S. 9). Dieser Meinung kann vor dem Hintergrund, dass dieses Buch ausführlich die politische Motivation und die Bestrebungen der Gründungsgeneration behandelt, voll und ganz zugestimmt werden.

 

Isabella Riedl

 

 

Die Anfänge der Wiener SS

Christiane Rothländer, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2012.

 

Die Aktivitäten der SS in Österreich begannen nicht mit dem sogenannten ‚Anschluss‘. Die erste Initiative zur Gründung einer österreichischen SS kam bereits im Jahr 1929 von SA-Männern. Wiener SS-Angehörige waren maßgeblich an der Politik der NSDAP in Österreich vor 1938 beteiligt. Auch die terroristischen Aktivitäten und Anschläge von Nationalsozialisten in den 1930er Jahren wurden zu einem Gutteil von österreichischen SS-Angehörigen geplant und durchgeführt.

 

Die Geschichte der SS in Österreich, insbesondere ihre Gründungszeit, stellte lange Jahre ein Forschungsdesiderat dar. Christiane Rothländer legt nun mit ihrer ausführlichen, 653 Seiten umfassenden Arbeit, eine erstmalige Studie zu diesem bislang wenig beachteten Aspekt der Geschichte des Nationalsozialismus vor. Rothländers Forschung ist aber nicht nur für die NS-Geschichte Österreichs ein Novum, sondern auch Pionierarbeit in Bezug auf die Gründungsphase der SS im Allgemeinen. Trotz der Vielzahl an verstreuten Quellen ist es der Autorin gelungen, eine Gesamtdarstellung für die ersten Jahre der SS in Wien darzulegen.

 

Die Arbeit ist nicht nur eine Beschreibung einer NS-Parteigliederung, sondern analysiert die Wiener SS im Kontext der Ersten Republik und der Zeit des Austrofaschismus. So geht die Autorin etwa auf Bündnisversuche zwischen Heimwehr und NSDAP sowie die tendenziell mit dem Nationalsozialismus sympathisierende österreichische Justiz ein. Aufbauend auf einer Analyse von biografischen Netzwerken zeichnet Rothländer die Sozialstruktur der Wiener SS sowie ihrer Organisation und Entwicklung nach. Personenbezogene Dokumente bilden dabei die Basis ihrer Untersuchung. Die Mitglieder der Wiener SS werden sowohl anhand von ausgewählten Einzelbiografien beschrieben als auch statistisch erfasst. Die Autorin belegt, dass die SS in Wien Zulauf vor allem von radikalen Studenten und Angehörigen kleinbürgerlicher und proletarischer Schichten erhielt und dass es der SS in den ersten Jahren nur bedingt gelang, eine militärische Struktur aufzubauen, da nur wenige (ehemalige) Militärs beitraten. Die ab 1932 zunehmende Militarisierung der Wiener SS ging schließlich mit terroristischen Aktivitäten einher, die in der starken Beteiligung Wiener SS-Angehöriger am nationalsozialistischen ‚Juliputsch 1934’ mündeten. Viele österreichische SS-Männer flohen nach dem gescheiterten Aufstand nach Deutschland und kehrten erst in den Tagen des ‚Anschlusses‘ nach Wien zurück.

 

Christiane Rothländer gelingt es, den Forschungsstand zur Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich erheblich zu erweitern. Ihre Studie verknüpft klar strukturiert soziale wie ökonomische Aspekte der Wiener SS mit einer Analyse der individuellen Akteure in ihrem politischen Kontext. Die vielfach auf personenbezogenen Dokumenten aufbauende Studie ermöglicht die personelle Entwicklung und Zusammensetzung nachzuvollziehen. Insbesondere die kurzen Biografien von Angehörigen des Führungskorps personalisieren die Geschichte der Wiener SS. Rothländers Grundlagenarbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Tätergeschichte und es ist zu hoffen, dass die Arbeit zu weiteren Forschungen zu österreichischen Tätern und Täterinnen anregt.

 

Lukas Meissel