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Ausgabe 1/14


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'Wien' erinnert sich

„Die Republik Österreich erinnert sich 2005 an 60 Jahre Kriegsende, an 50 Jahre Staatsvertrag – wir möchten uns mit Ihnen an die Zeit 8. Mai 1945 bis 15. Mai 1955 erinnern.” Damit rief die Friedensgemeinde Erlauf ihre BürgerInnen dazu auf, eigene Erinnerungen mittels E-Mail, Fax oder Brief an das Gemeindeamt zu senden – so würde „ein Stück Vergangenheit belebt“1, die Geschichte Erlaufs zwischen 1945 und 1955 – unter dem Motto Erlauf und Erlaufer erinnern sich... – neu geschrieben. Innerhalb von 10 Jahren, bis 2005, wollte man fertig sein. Bereits 2004 kam dann das Buch Erlauf erinnert sich... bei Revolver Publishing heraus, um dem Desiderat folgend neben einer Zusammenschau der für Erlauf entstandenen Kunstprojekte auch einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Erinnerungskulturen und Kunst im öffentlichen Raum eine Plattform zu bieten.

 

Den Beinamen Friedensgemeinde trägt der heute 1.080 EinwohnerInnen zählende Ort im Mostviertel, da er am 8. Mai 1945 Schauplatz des Zusammentreffens der US-amerikanischen und sowjetischen Truppen war – mit anschließendem Friedensschluss und Ende des Zweiten Weltkriegs für Österreich. Dies hatte diverse Initiativen dazu angeregt, Spuren lokaler Geschichte und Kulturen des Gedenkens zu reflektieren. Neben dem Buch entstand bereits 1995 ein zweiteiliges Friedensdenkmal am Erlaufer Hauptplatz – eine Skulpturengruppe des Künstlers Oleg Komov und ein zum Himmel gerichteter Laserstrahl als Teil der Arbeit Jenny Holzers. Und auch Straßen wurden temporär umbenannt. Der Gemeinde verschaffte das unter anderem von der niederösterreichischen Landesregierung geförderte Projekt zudem eine beachtliche Web-Präsenz.

 

Die Auseinandersetzung mit Formen und Inhalten kollektiven Erinnerns und Vergessens hat seit mittlerweile drei Jahrzehnten Konjunktur. Auf Maurice Halbwachs grundlegenden Arbeiten aus den 1920er-Jahren aufbauend wurden Erinnerung und Gedächtnis in den frühen 1980er-Jahren zu zentralen Forschungsthemen unterschiedlichster wissenschaftlicher Felder. Neben diesen theoretischen Auseinandersetzungen führte der Gedächtnis-Boom mit einiger Verzögerung zu einem praxeologischen turn, im Zuge dessen Gedächtniskulturen hinterfragt, Einschreibungen in den Gedächtnisspeicher im Sinne einer Enthierarchisierung des Zugriffs zunehmend als partizipative Prozesse verstanden und Mitsprache eingefordert wurde.

 

Die Erlaufer Initiativen (1995–2005) sind somit in einem allgemeinen und auch international beobachtbaren Trend der Zunahme, nicht nur an Erinnerungsinhalten Interessierter, sondern für deren aktive Mitgestaltung und Alterierung engagierter Initiativen zu verstehen. Ein aktuelles Beispiel stellt die Initiative zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals am Wiener Luegerplatz in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus dar. Das dazugehörige Handbuch versammelt Aufsätze einiger früher theoretischer WegbereiterInnen des heute lebendigen Feldes und macht klar, dass sich die Initiative als „handlungsorientierter Beitrag zum Denk- und Mahnmaldiskurs”2 versteht. Losgetreten wurde die Auseinandersetzung mit der historisch höchst problematischen Figur Karl Lueger, Wiener Bürgermeister und offen antisemitischer Demagoge, unter anderem durch die bereits Jahrzehnte andauernde Debatte um die Umbenennung von nach Lueger benannten Verkehrsflächen. Die 2012 schließlich erfolgte Umbenennung des prominent gelegenen Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring wurde in den unterschiedlichen politischen Lagern nicht nur erwartungsgemäß kontroversiell diskutiert, sie markiert gewissermaßen auch den Beginn einer Phase der Neukonzeption des Mediums ‚Straßenname‘. Dass die Umbenennung (im Gegensatz auch zu den Kunstprojekte gebliebenen Fällen in Erlauf) tatsächlich durchgeführt wurde, stellt im Lichte der Umbenennungsstatistik der Zweiten Republik einen absoluten Ausnahmefall dar. Dass die Wahl schließlich auf Universitätsring fiel, ist aus historischer Perspektive die zweite Überraschung. Typischer für Wien wäre die, auch in Erwägung gezogene, personenbezogene Benennung gewesen. Weniger überraschend ist hingegen, dass man sich für die neutralste aller Alternativen entschied – und einem politischen Bekenntnis, etwa zu Republik3, Demokratie oder der europäischen Gemeinschaft aus dem Weg ging.

 

Und tatsächlich wurden in den Gedächtnisspeicher der Stadt Wien auf Ebene der Straßenbenennungen traditionell primär Personen und nur selten ereignisgeschichtliche Zäsuren eingeschrieben. Generell finden sich daher nur wenige der häufig zitierten ‚Meilensteine‘ der österreichischen Geschichte, wie sie in Schulbüchern oder Lexika nicht fehlen dürfen, auch in Verkehrsflächenbenennungen wieder.4 Darüber hinaus waren Straßennamen über lange Zeit, im Gegensatz etwa zu den Bestrebungen jüngerer Projekte wie jenem in der Gemeinde Erlauf, primär Medien hegemonialer Geschichtsdiskurse.

 

Mit dem Ostarrichi-Park (9. Bezirk) – um in Folge nur einige Benennungen herauszugreifen – wird in der Landesgeschichte früh angesetzt, nämlich bei der bekannten Schenkungsurkunde über 30 Königshufen Land in Neuhofen an der Ybbs im Gebiet, das im Volksmund Ostarrichi genannt wird. Die Benennung des Parks gegenüber dem Landesgericht erfolgte zum Jubiläum 1996. Weitaus älter sind Benennungen anlässlich der nächsten zwei Etappen der Landesgeschichte. Die Babenbergerstraße (1. Bezirk) erinnert seit 1863 an die Markgrafen (von 976 bis 1246) bzw. Herzöge der Babenberger (ab 1156) von Österreich. Ein Jahr zuvor wurde die unweit davon entfernt liegende, lediglich durch die Hofburg getrennte, Obere Bräunerstraße in Habsburgergasse umbenannt. Nach einem zeitlichen Sprung finden wir seit 1914 im 16. Bezirk den Kongressplatz und Kongresspark, an den Wiener Kongress von 1814/15 erinnernd. Märzstraße und Märzpark informieren seit 1899, dass hier die Opfer der Revolution von 1848 bestattet wurden.

 

Im 20. Jahrhundert rücken Verweise auf politische Zäsuren – und das ist typisch für die historische Repräsentation Wiens – zugunsten der Betonung von Wiens Charakter als Weltkulturstadt in den Hintergrund. Den Zerfall der Monarchie bzw. die Ausrufung der Republik finden wir, obwohl diesbezügliche Anregungen aus der Bevölkerung belegt sind, heute nicht direkt wieder. Beim genaueren Hinsehen entpuppt sich hingegen der Freiheitsplatz (21. Bezirk, 1920) als „Erinnerung an die Ausrufung der Republik Österreich 1918“5. Auch der heutige Albertina-Platz war bis zu einer Anordnung des Bürgermeisters Richard Schmitz im Jahr 1934, der Rooseveltplatz, und von 1945–1946 wurde dieser in Freiheitsplatz umbenannt.6

 

Der Bürgerkrieg 1934 wird jedoch erst seit 1985, als es unter Bürgermeister Helmut Zilk und Kulturstadtrat Franz Mrkvicka zur Umbenennung des Heiligenstädter Platzes in 12. Februar-Platz (19. Bezirk) kam, erinnert. „Generalstreik und Aufstandsversuch des Republikanischen Schutzbundes, des bewaffneten Armes der Sozialdemokratischen Partei, gegen das Regime; blutig niedergeschlagen, führte zum Verbot der Sozialdemokratie und ihrer Organisationen“7, liest man im damals von der Kulturabteilung verfassten Erläuterungstext.

 

Nicht erinnert wird an Weltkriege und Diktaturphasen, Austrofaschismus und das NS-Regime. Mehr noch überrascht, dass zu Staatsvertrag und der Ausrufung der Zweiten Republik keine Spuren vorhanden sind. Hinter dem heutigen Mexikoplatz (2. Bezirk) verbirgt sich weitgehend unbemerkt eine Danksagung an das einzige Land, das gegen den ‚Anschluss‘ Österreichs 1938 protestiert hat.8 Der Europaplatz (7./15. Bezirk) verweist nicht etwa auf Österreichs EU-Beitritt – er diente 1958 lediglich der „Unterstreichung des von Bürgermeister Franz Jonas propagierten Europagedankens“.9

 

Benennungen, mit denen heute BesucherInnen der Stadt in Berührung kommen, sind Ergebnis eines historisch gewachsenen, seit der Revolution 1848 vergangenheitspolitisch manipulierten Corpus an gezielt gesetzten Verweisen auf Erinnerungswerte. Der Stadtplan wird als Gedächtnisstütze zu einem Auslöser von Erinnerungen, der die ‚Geister der Vergangenheit‘ˌ für einen Augenblick ‚aufblitzen‘ lässt und die Vergangenheit lesbar macht.10 Gerade im internationalen Vergleich sind in Wien Marker prominenter historischer Ereignisse in der Semiosphäre der Stadt selten – ganz anders etwa in Paris oder Rom, wo etwa die Republik nicht nur in zahlreichen Straßenbenennungen, sondern auch in den alltagspraxeolgisch dynamischeren Metro-Stationen gefeiert wird. Einerseits ist die Liste der von Bezirken oder Interessensvertretungen bei der Kulturabteilung der Stadt Wien in Vorschlag gebrachten Persönlichkeiten für eine zukünftige Ehrung lang, andererseits hat aber die Einschreibung von Geschichtsdaten in Österreich wenig Tradition. Wenn sie durchgeführt wurden, dann zumeist von Seiten neuer Machthaber direkt nach einem Umbruch.

 

In der Museumskultur der letzten Jahre werden so genannte Co-Curating-Strategien, also die Inklusion von persönlichen Zugängen und Erinnerungen in Ausstellungen, immer beliebter, eine Tendenz, an welche die Gemeinde Erlauf mit ihrem Erinnerungsprojekt anschließt. Und auch in zahlreichen deutschen Städten (wie etwa Münster, Mainz, Berlin usw.) ist der steigende Einfluss öffentlicher Debatten und Initiativen auf einen kritischen Umgang mit Straßenbenennungen bemerkbar. Die Stadt Wien hat die Neubenennung des Lueger-Rings keiner öffentlichen Debatte unterzogen und eine Mitsprache ‚von unten‘ hätte, wie in den historischen Quellen deutlich wird, in den letzten 100 Jahren auch eine Ausnahme dargestellt. Dennoch sind Demokratisierungs- und Pluralisierungsbestrebungen, vor allem was Neubenennungen betrifft, auszumachen. Der 1994 benannte Platz der Opfer der Deportation (3. Bezirk) markiert eine jüngere Tendenz der Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit sowie eine Aufmerksamkeit für marginalisierte gesellschaftliche Gruppen jenseits dominanter Geschichtsnarrative. Der Universitätsring könnte somit als weiterer Indikator einer kritischen Revision gedeutet werden, nicht nur was die Problematisierung glorifizierender personenbezogener Benennungen, sondern ganz allgemein die über Benennungen entscheidenden Verfahren – im Sinne einer Öffnung – betrifft.11 Grundlage einer informierten und zeitgemäßen Neukonzeption von Benennungen könnte und müsste heute daher die intensive Auseinandersetzung mit den alltagsweltlichen, praxeologischen Aspekten, den Mikropolitiken dieser zentralen vergangenheitspolitischen Medien sein, um den competing neighborhood realities12 urbaner Kultur gerecht zu werden.

 

Birgit Nemec

Historikerin und Kulturwissenschaftlerin. Prae-doc am Max-Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin, Fellow im Doktoratskolleg The sciences in historical, cultural and philosophical contexts der Universität Wien. Forschungsprojekte, Publikationen und Vorträge zu Stadtgeschichte, Gedächtnispolitik und Visuellen und Materiellen Kulturen der Wissenschaften. Diplomarbeit zu Straßennamen als Medien von Vergangenheitspolitik, Wien 1910–2010, Wien 2008. Mitarbeiterin im Projekt Wiener Straßennamen seit 1860 als politische Erinnerungsorte des Vereins zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte.

 

Fußnoten

1 www.friedensgemeinde.at (24.01.2014).

2 luegerplatz.com (25.01.2014).

3 Und dies, obwohl es 1934 zu einer zweifachen Umbenennung des Rings des 12. November (Tag der Ausrufung der Republik; vgl. Entschließung des Bürgermeisters, 27.04.1934. Wiener Rathaus-Korrespondenz, 28.12.1934) kam, infolge dessen dieser zu einem Teil in Dr.-Ignaz-Seipel-Ring, zu einem anderen Teil in Dr.-Karl-Lueger-Ring umgetauft wurde. Die Demokratiebezeugung wich damals also zwei Vertretern des christlichsozialen Lagers.

4 Quelle der Erläuterungstexte ist, wenn nicht anders angegeben www.wien.gv.at/strassenlexikon/internet/ (15.09.2014) sowie Peter Autengruber, Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung–Herkunft–frühere Bezeichnungen, Wien u.a. 2010.

5 Vgl. ebd.

6 Rathauskorrespondenz, 28.12.1934 sowie MA 350- A 21- 1 (MA 7- 1719/46), Wiener Stadt- und Landesarchiv; Amtsblatt 1946 (17,3).

7 Quelle der Erläuterungstexte ist, wenn nicht anders angegeben www.wien.gv.at/strassenlexikon/internet/ (15.09.2014) sowie Peter Autengruber, Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung–Herkunft–frühere Bezeichnungen, Wien u.a. 2010.

8 Bis zu einer Anordnung des Bürgermeisters Richard Schmitz 1934 hieß die Verkehrsfläche interessanter Weise Volkswehrplatz, benannt 1919.

9 Quelle der Erläuterungstexte ist, wenn nicht anders angegeben www.wien.gv.at/strassenlexikon/internet/ (15.09.2014) sowie Peter Autengruber, Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung–Herkunft–frühere Bezeichnungen, Wien u.a. 2010.

10 Marc Augé, Ein Ethnologe in der Metro, Frankfurt am Main 1988, 7-9.

11 Vgl. auch: Stadt Wien, Hg., Erinnern für die Zukunft. Wien und seine Gedächtniskultur. www.wien.gv.at/kultur/abteilung/pdf/gedaechtniskultur.pdf (30.01.2014).

12 John Czaplicka/J. Blair A. Ruble/Lauren Crabtree, Hg., Composing urban history and the constitution of civic identities. Washington D.C 2003.