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Ausgabe 1/14


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„Hier wurden Wunden aufgerissen, die nicht verheilt sind, sondern nur vernarbt“.

Franz Kuttner, ehemaliger Bürgermeister der 1.200-Seelen Gemeinde Erlauf in Niederösterreich, war im Amt, als 2000 und 2002 das zweiteilige Kunstprojekt Erlauf erinnert sich ... durchgeführt wurde. Im Gespräch mit GEDENKDIENST skizziert er die aufgeregten Reaktionen mancher BewohnerInnen anlässlich temporärer Straßenumbenennungen zu Ehren von Verfolgten sowie WiderstandskämpferInnen und lässt die Kunst- und Erinnerungsprojekte generell Revue passieren. Das Interview führte Ina Markova.

 

 

Ina Markova: Erlauf selbst bezeichnet sich als Friedensgemeinde. Es ist tatsächlich der Ort, an dem 1945 ein US-amerikanischer und ein sowjetischer General mit ihrem Handschlag symbolisch den Sieg über NS-Deutschland besiegelten. Inwieweit spielt dies eine Rolle im kollektiven Gedächtnis der Gemeinde und ihrer BewohnerInnen?

 

Franz Kuttner: Nachdem das ein historisches Faktum ist, das bekannt ist und gepflegt wird, weiß das ein jeder und ist auch ein bisschen froh und stolz darüber.

 

Stehen diese künstlerischen Projekte von 2000 und 2002 in einem Zusammenhang mit dieser Selbstbezeichnung als Friedensgemeinde oder hat das einen anderen Hintergrund?

 

Eigentlich schon. 1995 wurden ja die Friedensdenkmäler, die von Oleg Komov und Jenny Holzer geschaffen wurden, enthüllt. Diese Denkmäler sind in sehr enger Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich entstanden – daraus haben sich dann weiterführende Projekte ergeben.

 

Wie kam es eigentlich konkret zur Idee, die Projekte Erlauf erinnert sich ... durchzuführen?

 

Das Land Niederösterreich ist bereit für zeitgenössische Kunst relativ viel Geld auszugeben. Zur Umsetzung braucht das Land aber Partner, also etwa Gemeinden, die das ermöglichen beziehungsweise zulassen. Ein Großteil der Gemeinden und der Bürgermeister wehrt sich aber dagegen oder hat Angst vor zeitgenössischer Kunst, wenn ich das ganz vereinfachend sagen darf.

 

Inwieweit war die Gemeinde in den Prozess eingebunden? Konnten Sie etwa bei der Ausgestaltung oder der Auswahl der künstlerischen Projekte mitreden?

 

Wir durften eigentlich nicht mitreden. Es hat eine Kuratorin gegeben, die die Entscheidung getroffen hat.

 

Wie waren die Reaktionen der Bevölkerung?

 

Die Reaktionen waren schon ziemlich aufgeregt – das ist aber für niemanden überraschend. Es ist sehr einfach, Kunstprojekte, die man nicht oder nur am Rande versteht, als unnötig darzustellen.

 

Im Ausstellungskatalog wird etwa vermerkt, dass ein teilnehmender Künstler, Werner Kaligofsky, seine temporären Straßenumbenennungsaktionen an zwei Adressen nicht durchführen konnte, da die HausbesitzerInnen protestiert hatten.

 

Diesbezüglich sind die Wogen schon hochgegangen, weil ja das gesellschaftliche Verständnis bezüglich des Umgangs mit den schlimmen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs lange darin bestand, dass man darüber nicht mehr reden und nichts mehr hören wollte. Und plötzlich kommt einer daher und reißt alte Wunden auf beziehungsweise stellt einen Widerstandskämpfer in den Vordergrund. Einen, der in der Erinnerung eines Großteils der älteren Bevölkerung als einer wahrgenommen wird, der sich vor dem Krieg gedrückt hat, um nicht zu Schaden zu kommen. Hier wurden Wunden aufgerissen, die nicht verheilt sind, sondern nur vernarbt.

 

Interessant wäre auch ein Einblick in die politischen Debatten um das Projekt: Hat es Konflikte auf dieser Ebene, etwa im Gemeinderat, gegeben?

 

Sicher hat es die gegeben. Meine ParteikollegInnen und ich haben diese Kritik ertragen, in dem Bewusstsein, dass diese ohnehin widerlegt wird. Die anderen Parteien haben hier natürlich eine Chance gewittert, sich gegen die Mehrheit stellen zu können. Das politische Glück in diesen Dingen bestand darin, dass 1995, 2000 und 2005 im März Gemeinderatswahlen stattgefunden haben, diese künstlerischen Ereignisse aber erst jeweils zwei Monate später. Die Grundsatzentscheidungen sind aber immer mit großer Mehrheit zustande gekommen, obwohl eigentlich niemand – auch ich als Bürgermeister nicht – gewusst hat, wie die Projekte konkret gestaltet sein werden.

 

Um wieder auf die Straßenumbenennungen zurückzukommen: 2013 wurde etwa in Wien ein Bericht einer HistorikerInnenkommission veröffentlicht, der Wiener Straßennamen und deren NamensgeberInnen untersucht. Wie sehen Sie Straßenumbenennungen? Hat es Überlegungen gegeben, die temporären Umbenennungen Werner Kaligofskys zu verstetigen?

 

Nein, hat es nicht gegeben, vielleicht auch deshalb, weil die Straßennamen erst zu Beginn meiner Amtszeit eingeführt wurden, vorher gab es nur eine Nummerierung. Diese Straßennamen haben wird dann gemeinsam festgelegt, unter dem Grundsatz, dass keine Personennamen verwendet werden. Bis heute gibt es in Erlauf keine Straße, die nach einer Person benannt ist.

 

Wenn nun aber, wie etwa in Wien, festgestellt wird, dass die Straße oder der Platz nach einer Person mit NS-Vergangenheit benannt ist, wären Sie dann prinzipiell für eine Umbenennung oder dagegen?

 

Als Privatperson schlagen da zwei Herzen in meiner Brust. Ich möchte als Franz Kuttner nicht in einer Straße wohnen, die nach irgendwem benannt ist, den ich nicht gekannt habe, von dem ich nicht weiß, was er an Gutem oder an weniger Gutem getan hat. Wenn man aber beginnt, hier Korrekturen vorzunehmen, dann ist das ein nie enden wollender Prozess. Denn welchem politischen Funktionär kann man nicht nach einigen Jahrzehnten eine Fehlentscheidung vorwerfen?

 

Als Privatperson würden Sie also nicht in nach Personen benannten Straßen wohnen wollen, aber als Politiker sehen Sie Probleme, die Umbenennungen mit sich bringen – kann man das so zusammenfassen?

 

Ich halte es generell für einen Unsinn, Straßen oder Plätze nach irgendwelchen Politikern zu nennen. Ich kann mir etwa vorstellen, dass es einen Schiller-Platz oder eine Grillparzerstraße gibt, aber wer kann in 100 Jahren mit Namen wie Kreisky, Figl, Raab oder Vranitzky etwas anfangen?

 

Um wieder auf Erlauf zurückzukommen: Hat das Projekt Langzeitauswirkungen auf die Gemeinde gehabt?

 

Es war und es ist eine wichtige Erfahrung, dass man solche Dinge ‚durchstehen‘ kann, dass man sich ohne Weiteres auch Themen widmen kann, die etwas wehtun oder widersprüchlich sind. Es ist auch ein eigenes Museum in Planung, das auf längere Zeit auf diese Ausstellungen und auf den Ort Erlauf hinweisen soll. Es geht vor allem darum, diese temporären Kunstwerke zu sichern und sie herzuzeigen, damit sie nicht im Depot verschwinden. Es sind auch Möglichkeiten für Workshops und ähnliches vorgesehen.

 

Im Rückblick: Würden Sie das Projekt Erlauf erinnert sich ... als Erfolg bezeichnen? Würden Sie anderen Gemeinden und anderen BürgermeisterInnen dazu raten, sich auch auf eine derartige Weise mit der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen?

 

Ich kann für mich sagen, dass die Beschäftigung mit Kunst und Kultur meine Zeit als Bürgermeister und auch mein Leben bereichert hat, weil ich hier Einblicke in Abläufe bekommen habe, die mir als Privatperson nicht bekannt waren. Ich bin als Kind in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Kunst und Kultur war da außerhalb meines Horizontes angesiedelt. Ich war aber immer neugierig darauf, was hinter diesem Horizont angesiedelt war. Ich würde grundsätzlich jedem empfehlen, sich mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen – obwohl das nicht einfach ist, obwohl man sich damit angreifbar macht. In Erlauf formiert sich jetzt wieder auch schon politischer Widerstand gegen das Museum.

 

 

Franz Kuttner war von 1985 bis 2009 Bürgermeister der niederösterreichischen Gemeinde Erlauf. Gemeinsam mit seiner Frau führte er lange einen landwirtschaftlichen Handels- und Verarbeitungsbetrieb, in dem sie beide – trotz Pensionierung – immer noch aushelfen.

 

Ina Markova ist Projektmitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien und beschäftigt sich in ihrer Dissertation vor allem mit der österreichischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit auf visueller Ebene