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Ausgabe 1/14


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vor.gelesen | Rezensionen

„Zur Nachkriegskarriere eines Namens“ – Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders

Bettina Stangneth, Arche Verlag, Hamburg 2011

 

Wer war eigentlich dieser Adolf Eichmann, den Hannah Arendt in ihrem viel diskutierten Bericht über die Banalität des Bösen beschrieb? Arendt, die als Reporterin des New Yorker den Eichmannprozess in Jerusalem verfolgte, schildert einen eher einfältigen Mann, der nicht denken könne und weder aus antisemitischer Überzeugung noch bestialischem Antrieb folgend die Jüdinnen und Juden Europas in die Vernichtungslager geschickt habe. Er schien die Erwartungen der Weltöffentlichkeit an das ‚absolut Böse‘ nicht recht zu erfüllen. Doch war der Mann auf der Anklagebank hinter den dicken Brillengläsern und mit der ermüdenden Ausdrucksweise genau das, banal und ein unbedeutendes Rädchen im Getriebe der Mordmaschinerie? Bettina Stangneth geht dieser Frage nach. Anders als der Titel vermuten lässt, ist das Buch keineswegs nur ein Vorwort oder eine Hinführung zu Arendt. Es ist vielmehr eine Art Dialog, der auch den Widerspruch nicht nur zu Arendts Interpretationen und Deutungsversuchen sucht.

 

Über die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung Eichmanns in Jerusalem fragt Stangneth nach dessen Selbstbild. Sie rekonstruiert seinen Karriereweg, schildert Flucht und Lebensrealität im argentinischen Exil, fragt warum der Massenmörder so unbehelligt lebte. Dabei zeichnet sie das Bild eines karrierebewussten, umtriebigen, eitlen Mannes, der zwar der Bürokrat hinter den Massenverbrechen war, aber keineswegs der unbekannte Schreibtischtäter. Neben der Darstellung Eichmanns geht Stangneth der Frage nach, was die Geheimdienste über den Biedermann in Argentinien wussten. Wer waren seine Unterstützer? Wie verflochten war Eichmann mit dem Netz alter NationalsozialistInnen? Wer hatte Angst, dass Eichmann auspacken könnte? Als Gegenstück zur Selbstdarstellung Eichmanns vor Gericht als dienstbeflissenen, doch unideologischen Beamten, verbindet Stangneth die Aussagen von und über Eichmann zu einer schlüssigen Charakterstudie eines überzeugten Antisemiten, der sich um sein Lebenswerk und seine Geltung in der Geschichte gebracht sah. Fast scheint er sich nach seiner Enttarnung gesehnt zu haben. Und wie aus den bis heute nur teilweise einsehbaren Geheimdienstakten ersichtlich wird, wussten die klandestin arbeitenden BeamtInnen – nicht nur deutscher Behörden – recht gut über das Schicksal des Massenmörders bescheid. So erscheinen der Prozess, die Bemühungen des Mossad, Wiesenthals und Bauers, die schließlich zur Festnahme führten auch Endpunkt einer teils scheinheiligen Verfolgung zu sein.

 

Diese Verwicklungen zeichnet die Autorin spannend nach, auch wenn sich der/die LeserIn etwas mühen muss, vor dem ausgebreiteten Quellenmaterial nicht zu kapitulieren. Die Lektüre der lesbaren 656 Seiten (Hardcover) führt anschaulich durch die zahlreichen über Eichmann verbreiteten, nicht nur wissenschaftlichen Beiträge, Diskussionen, Theorien und Mythen und bietet einen Einblick in die Vermarktung des Massenmörders vor und nach dem Prozess und schlägt so einen Bogen „Zur Nachkriegskarriere eines Namens“ (S. 91 ff.).

 

Ramona Bräu

Diktatorpuppe zerstört, Schaden gering. Kunst und Geschichtspolitik im Postnazismus

Lisa Bolyos/Katharina Morawek (Hg.), Mandelbaum Verlag, Wien 2012

 

„Die zentrale Frage dieses Buches ist die nach künstlerischen und kulturellen Politikformen, die in jene ungestörten gesellschaftlichen Zufriedenheiten einschreiten, die sich mit Beendigung des nationalsozialistischen Regimes, aber nach einem unvollständigen Bruch mit seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen eingestellt haben“ (S. 10).

 

So stimmen die Herausgeberinnen im Vorwort auf das Vorhaben ihrer Publikation ein. Auf rund 350 Seiten finden sich dazu zahlreiche, meist sehr kurze Beiträge, die von über 50 künstlerischen Beispielen zu geschichtspolitischen Interventionen (Gedenkstätten, Aktionen im öffentlichen Raum, Filme, Musik, Literatur und bildende Kunst) umrahmt werden. Sie dienen dazu, den Kontext der insgesamt neun Kapitel zu illustrieren und zu erweitern. Diese – oft in der Absicht Kontinuitäten aufzuzeigen – behandeln, geordnet nach thematischen Gesichtspunkten, ein breites Spektrum: Raubkunst, den Umgang mit TäterInnen, die Aneignung und Diskriminierung ‚des Fremden‘ durch Kunst, etwa Romantisierung und Abwertung von Roma in der Musik, weiters Zwangssterilisation und Euthanasie oder Zwangsarbeit und die Erinnerung daran. Ein Kapitel verhandelt den Begriff ‚Heimat‘ kritisch; der Auseinandersetzung mit Darstellung und Verarbeitung des Nationalsozialismus in Komödien und Kabarett ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Zur Sprache kommen auch die fehlende Thematisierung von schwarzen Opfern des Nationalsozialismus und Leerstellen in der (österreichischen) Gedenklandschaft. Im letzten Kapitel, gleichsam auch als Aufforderung zu lesen, wird anhand verschiedener Beispiele unter anderem der kontraproduktive Charakter von Gedenkkonkurrenzen aufgezeigt.

 

Die Stärke dieses Sammelbands liegt darin, ein breites Spektrum an Themen auf 350 Seiten unterzubringen. Die Kürze der Beiträge nimmt man dabei gerne in Kauf, erlangt man dadurch doch einen Überblick über viele Facetten der Frage, wie Kunst und Geschichtspolitik interagieren können. Hervorzuheben ist auch die schöne Gestaltung des Buchs.

 

Über das Theater – insbesondere hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Täterinnen und Tätern – hätte man sich mehr gewünscht. Im Kapitel über ‚Heimat‘ fehlt eine Auseinandersetzung mit traditioneller Kleidung, Stichwort Tracht, also der politischen Besetzung von Stoffen.1 Zudem erweist sich die gewählte Struktur des Bands als ungeschickt: Eine Aufteilung nach einzelnen Kunst- und Agitationsformen statt nach Themen hätte wohl klarere Erkenntnisse hinsichtlich der Frage, was einzelne Medien in Bezug auf nationalsozialistische Geschichtspolitik bisher leisten konnten, hervorgebracht. Dabei wirkt auch bezeichnend, dass man vergeblich die Herstellung eines Zusammenhangs der Kapitel untereinander mit entsprechenden Schlussfolgerungen sucht. Und damit fehlt nicht zuletzt auch die explizite Erörterung der Frage, was Kunst in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus überhaupt kann und soll.

 

Es bleibt, den Herausgeberinnen zu dieser spannenden Zusammenstellung zu gratulieren. Dass die explizite Auseinandersetzung mit der Frage, was Kunst als geschichtspolitisches Mittel kann, ausbleibt, ist bedauerlich. „Wieso also die Kunst bemühen?“, fragen die Herausgeberinnen im Vorwort (S. 15) – dies bleibt weitestgehend der Deutung der LeserInnen überlassen.

 

Adina Seeger

 

1 Vgl. dazu etwa den Dokumentarfilm Stoff der Heimat von Othmar Schmiderer (A 2011), www.stoffderheimat.at/de (16.01.2014).