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Ausgabe 2/14


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Leserbrief aus Israel. Impressionen von Österreich

Mein Name ist Michael Springer, und ich komme aus einem interessanten Umfeld. Mit Österreich verband ich vor einigen Jahren die üblichen Stereotype – jetzt, seit ich mich mit der Geschichte meiner Familie auseinandergesetzt und viele Österreicher kennengelernt habe muss ich sagen, dass sich meine Einstellung wesentlich verändert hat.

 

Vor fünf Jahren sah ich das Beste, was Österreich zu bieten hat: wunderbare Landschaften und gutherzige Menschen. Das war vermutlich kein Zufall – immerhin wurde die Reise großteils vom österreichischen Staat bezahlt, so wurden auch die besten ,Botschafter‘ und die schönste Umgebung ausgesucht. Ich verstand, wieso meine Familie sich für viele Jahre hier niedergelassen hatte und fühlte mich zu 100 Prozent österreichisch.

 

Dieser zehntägige Besuch war tatsächlich erst der Anfang meiner Reise, ich lernte Unglaubliches über die Geschichte meiner Familie und ich denke, dass ich gerade erst die Oberfläche angekratzt habe. Das Beste an dieser Reise war, lebenslange Freundschaften einzugehen und meine Wurzeln kennenzulernen. Ich werde mit Hingabe diese Familiengeschichte an die nächsten Generationen weitergeben. Wenn wir dies aber beiseite lassen, muss ich sagen, dass ich Österreich im Jahr 2014 als ein schwieriges und raues Land empfunden habe, voll mit Bürokratie und sehr geringem, echten Willen, jenen, die von dem einst glorifizierten jüdischen Erbe übrigblieben, Gerechtigkeit zu gewähren.

 

Ich gebe zu, dass ich einem gewissen Maß an finanzieller Kompensation nachgehe. Jeder/jede HistorikerIn wird Ihnen sagen können, dass meine Familie, so wie wahrscheinlich jede andere jüdische Familie in Österreich, während der Zeit des Zweiten Weltkrieges schwer gelitten hat (und das nicht nur finanziell). Meiner Ansicht nach hat Österreich seinen Beitrag zu jener dunklen Zeit in der Menschheitsgeschichte geleistet und ist nicht das Opfer, für das es sich ausgab. Es macht mich traurig, dass sich seither noch nicht genug geändert hat. Meine Urgroßmutter Valentine kämpfte viele Jahre lang mit dem Staat, um einen kleinen Teil ihres Besitztums wiederzuerlangen. Die letzten fünf Jahre habe ich meine Anstrengungen in einen zähen Kampf mit den Behörden gesteckt, um acht kleine Kunstwerke zurückzubekommen, die Valentine dem Heeresgeschichtlichen Museum Wien als Leihgabe gegeben hatte. Ich frage mich zudem, wo sich der Rest ihrer Kunstsammlung befindet. Die jüdische Gemeinde und meine österreichischen Freunde unterstützen mich sehr. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass die Behörden mit uns ein Spiel spielen. Sie benötigten ungefähr drei Jahre, um überhaupt Einsicht in unsere Ansprüche zu nehmen. Jedes Mal unbegründete Verzögerungen. Nach einer Menge Enttäuschungen wurde endlich zu unseren Gunsten entschieden. Dann begann die endlose Bürokratie, die bis heute anhält – fünf Jahre seit dem Beginn meiner Reise. Ich habe das Gefühl, dass Österreich keinen Deut an Gerechtigkeit erreichen will. Österreich will nur Zeit schinden und jene, die für Gerechtigkeit kämpfen, zur Verzweiflung bringen.

 

Ein weiteres gutes Beispiel stellen die Fristen dar, die der österreichische Staat zum Rückfordern von Immobilien gesetzt hatte. Es stellte sich heraus, dass meine Familie fünf bebaute Liegenschaften in Österreich besaß. Wir fanden heraus, dass zumindest eines gewalttätig geraubt wurde. Bedauerlicherweise können wir darauf keine Ansprüche stellen, da die Frist für die Restitution von Immobilien vor einigen Jahren abgelaufen ist. Eine Möglichkeit dies anzufechten, besteht nicht. Dieses Aufstellen von Fristen und endlosen Hürden ist für mich das Gegenteil von Gerechtigkeit.

 

Ich hoffe und glaube daran, dass wir zumindest ein relatives Maß an Gerechtigkeit erlangen können. Das ist nicht nur mir wichtig, das sollte auch allen ÖstereicherInnen wichtig sein.

 

Michael Springer

1983 in Israel geboren, ist der Urenkel von Valentine Springer (geb. Rothschild), lebt heute in Jerusalem.

Übersetzung aus dem Englischen von Paul Kuglitsch