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Ausgabe 2/14


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Leserbrief von Michael Springer: Kontexte

Familie Springer

 

Betreffend die von Michael Springer thematisierten Auseinandersetzungen um die Rückgabe von Kunstgütern ist bezüglich der Familienverhältnisse folgendes festzuhalten: Valentine Springer wurde am 25. Mai 1886 als einzige Tochter und als eines von sieben Kindern von Albert und Bettina Rothschild in Wien geboren. Sie war eine in vierter Generation geborene Nachfahrin von Mayer Amschel Rotschild (1744–1812), der in Frankfurt am Main zunächst mit Münzen und Antiquitäten gehandelt hatte und 1789 ins Bankgeschäft einstieg. Ihr Urgroßvater, Salomon Mayer von Rothschild (1774–1855), eröffnete 1821 eine Bank in Wien, aus der unter Leitung seines Sohnes, Anselm Salomon von Rothschild (1803–1874), im Jahr 1855 die bis 2002 existierende Creditanstalt wurde. 1911 heiratete Valentine den Bankier Baron Sigismund von Springer (1875–1928), der nach einem längerem Aufenthalt in London ab 1912 u.a. Generalrat der Anglo-Oesterreichischen Bank und Verwaltungsrat der Oesterreichischen Immobiliarbank war und nach der Fusionierung der Anglo-Oesterreichischen Bank mit der Österreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe im Jahr 1926 in den Verwaltungsrat der Anglo-International Bank Ltd., London, wechselte. Während des Nationalsozialismus waren beide Teile von Valentine Springers Familie von Enteignungen betroffen, so auch ihre Brüder Alphonse und Louis Rothschild. Fritz Dworschak wurde eigens für die Verwaltung des Eigentums der Familie Rothschild eingesetzt und bekleidete den Posten des Unterbevollmächtigten für die Bewachung der Sammlung beider Rothschilds. Parallel dazu wurde er im August 1938 zum Direktor des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM). Auch Valentine Springer selbst war von den Enteignungen betroffen. Unter der Leitung von Dworschak erhielt das KHM die Gemäldegalerie von Valentine Springer. Diese sogenannten ,Zuweisungen‘ der Gemälde erfolgten zum Teil kostenlos, manchmal, so auch im Fall von Valentine Springer, wurde ein geringer Kostenbeitrag gezahlt.

 

Roman Birke

Zeithistoriker, Universitätsassistent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien am Forschungsschwerpunkt Wissen–Macht–Geschlecht; Dissertation zu menschenrechtlichem framing globaler Bevölkerungspolitiken nach 1945.

 

 

Michael Springers Spurensuche

 

Über das Jugendprojekt Spurensuche – Back to the Roots des damaligen Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend (BMWFJ) habe ich 2009 Michael Springer kennengelernt. Er bewarb sich über die österreichische Botschaft erfolgreich um einen von neun Projekt-Plätzen für israelische Jugendliche, um die Spuren seiner 1938 aus Österreich vertriebenen Familie nachzuverfolgen. Sein Ziel war es, etwas über die unbekannte Geschichte und das Heimatland seiner Großeltern zu erfahren. Als er in Wien ankam, hatte er nicht viel mehr als den Namen und ein paar Erzählungen seines Großvaters im Gepäck. Was dann folgte war für uns der Beginn einer Freundschaft, aber vor allem eine Konfrontation mit der Vergangenheit, die Michael Springer und seine Familie knapp 70 Jahre nach dem ‚Anschluß‘ in unerwarteter Weise wieder an Österreich binden sollte.

 

Die Grundidee des damals jährlich durchgeführten Projektes war sehr simpel: Israelische Jugendliche sollten auf sechs junge ÖsterreicherInnen treffen, mit ihnen gemeinsam die Geschichten ihrer vertriebenen und teils ermordeten Familien recherchieren, diese so gut es geht in zehn Tagen freilegen und wieder mit nach Israel nehmen. Das Projekt wurde dann aber intensiver und emotionaler als erwartet, vieles war ursprünglich gar nicht Teil des Projektdesigns. Wir fanden erschreckende Kontinuitäten, Leerstellen die seit 1938 nie wieder gefüllt wurden, absolutes Vergessen und unerwartete Erinnerungen vor. So viele Fragen der israelischen TeilnehmerInnen zeigten uns, wie viel uns trennt oder auch verbindet:

 

Dieser Platz ist nach meinem vertrieben Opa benannt, warum wissen wir das gar nicht? Warum sieht dein Zuckerstreuer genauso aus wie der, den Opa mit aus Österreich mitgenommen hat, meine Familie tut so als wäre er einzigartig? Du nennst deine Großmutter auch Omama oder Urli? Hier kann man immer noch Möbel kaufen? Das alles gehörte mal meiner Familie, ob die Leute da drinnen das wissen? Mein Familienname ist auf dieser Erinnerungstafel für vertriebene SchülerInnnen, davon muss ich ein Foto machen. Man merkt nicht mehr, dass meine Familie hier in der dritten Generationen wohnte, als hätte es sie nie gegeben, traurig. Am Flughafen hat man mich angegrantelt, dass ich einen österreichischen Pass habe und kein Deutsch spreche. Euer Apfelstrudel schmeckt nicht so gut wie der bei uns in Haifa.

 

Ohne es zunächst zu wissen, blieb die Springer-Familie auch nach 1945 eng mit Österreich verbunden. Über seine ‚Spurensuche‘ ist Michael Springer erst auf die Hintergründe der eigenen Geschichte(n) gestoßen. Seit über fünf Jahren versucht er nun mit Hilfe von FreundInnen, KollegInnen und der Israelitischen Kulturgemeinde Wien (IKG Wien) das entzogene Vermögen seiner Familie restituiert zu bekommen.

 

Das Projekt Spurensuche – Back to the Roots gibt es nicht mehr. Es war sicherlich noch verbesserungswürdig, aber ganz grundsätzlich was es ein Zeichen der Bereitschaft und Annäherung gegenüber NachfahrInnen von Vertriebenen in Israel, dennoch wurde es aus Kostengründen kommentarlos von österreichischer Seite eingestellt.

 

Einmal im Jahr treffen sich ehemalige israelische SpurensucherInnen und Michael Springer meldet sich stets mit demselben Wunsch wieder: der Wiederaufnahme des Projektes.

 

Der unerwartete Fund seiner Suche ist einzigartig, doch das sind alle Geschichten von vertriebenen ÖsterreicherInnen die beispielweise in Israel eine neue Heimat finden mussten.

 

Linda Erker

Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und stv. Obfrau des Vereins GEDENKDIENST.

 

 

Provenienzforschung und der Restitutionsfall von Valentine Springer

 

In der Sitzung vom 3. Mai 2013 gab der Kunstrückgabebeirat seine Empfehlung über die Rückgabe einiger Kunstgegenstände von Valentine Springer bekannt. Der Beirat wurde gemäß §3 des Bundesgesetzes über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen (auch Kunstrückgabegesetz; BGBl. 181/1998) eingerichtet. Er überprüft die Dossiers, welche im Auftrag der Kommission für Provienzforschung von ProvenienzforscherInnen der Bundesmuseen und staatlichen Sammlungen erstellt werden, beurteilt den Sachverhalt nach den gesetzlichen Vorgaben und richtet seine Empfehlungen an die/den jeweils zuständige/n BundesministerIn. Diese Empfehlungen sind öffentlich zugänglich.1

 

Der Beirat sprach sich im Mai 2013 für die Restitution des Bildnisses der Diana, Lady Milner von Sir Thomas Lawrence, das sich im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) befand, an die Nachkommen Valentine Springers, aus. Da Valentine Springer britische Staatsbürgerin war und nach dem ‚Anschluß‘ aus Österreich flüchten musste, wurde ihr Vermögen während der NS-Zeit unter ‚Feindvermögenverwaltung‘ (im Grundbuch blieb das Immobilienvermögen in ihrem Eigentum) gestellt. Das Bild von Lawrence wurde mit einigen anderen im Jahr 1941 unter besagter ‚Feindvermögensverwaltung‘ an das KHM verkauft, ein vom Beirat als nichtig betrachtetes Rechtsgeschäft. 1947 wurden sieben der acht Gemälde an Valentine Springer zurückgegeben. Das Lawrence-Gemälde blieb aber im Rahmen eines Rückstellungsvergleichs im Eigentum des Bundes und somit im KHM. Nach 1945 wurde über einige Gemälde und Kunstgegenstände ein Ausfuhrverbot (gemäß Gesetz, betreffend das Verbot der Ausfuhr und der Veräußerung von Gegenständen von geschichtlicher, künstlerischer oder kultureller Bedeutung; StGBl. 90/1918) verhängt. Das instrumentalisierte Ausfuhrverbotsgesetz gab dem Bund eine vorteilhafte Verhandlungsbasis und einen Spielraum, um Kunstgegenstände nicht zu übereignen. Mit dem Kunstrückgabegesetz von 1998 wurde dieses Schlupfloch aufgehoben, das Gemälde 2013 an die Erben Valentine Springers restituiert und im Juni 2014 im Dorotheum versteigert.2

 

Die anderen sieben Kunstobjekte aus der Albertina, dem Kunsthistorischen Museum Wien, dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst (MAK) und dem Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) befanden sich nach 1945 wieder im Besitz von Valentine Springer und gelangten in Folge von Widmungen in das Eigentum des Bundes. Ob diese Widmungen im Zusammenhang mit dem Ausfuhrverbotsgesetz in Bundeseigentum übergingen, bleibt laut Beirat offen für weitere Entwicklungen. Weitere sieben Portraits erhielt das HGM 1951 als Dauerleihgabe von Valentine Springer. Da die Dauerleihgabe keinen Eigentumserwerb des Bundes darstellt, empfahl der Beirat, die Erben Springers darüber zu informieren.

 

Nicht nur in Österreichischen Bundesmuseen und Sammlung lassen sich Objekte aus dem einstigen Besitz Valentine Springers wiederfinden. Das Jüdische Museum Wien der Stadt Wien (JMW) thematisiert in der 2013 eröffneten neuen Dauerausstellung Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute die Provenienzforschung am Museum. Auf einer Ausstellungstafel wird die Schwierigkeit der Rekonstruierung von Provenienzen der bestehenden Sammlung aufgezeigt. Mit Provenienzforschung in pogress. Das Fotokonvolut Springer-Rothschild können sich BesucherInnen in der Ausstellung über den derzeitigen Stand in diesem Fall informieren. Das Konvolut mit 136 Fotografien wurde 1992/1993 vom Verlag Brandstätter angekauft, der es wiederrum vom Züricher Antiquar und Kunstsammler Hans Billiger erworben hatte. Unter den Fotos lassen sich neben Schnappschüssen auch Souvenirfotografien und Porträts finden. Auch wenn nach dem derzeitigen Stand der Recherchen nicht geklärt werden konnte, wie das Fotokonvolut in den Schweizer Kunsthandel gelangt war, ob es enteignet oder ob es in das Exil mitgenommen wurde, konnte es mit Valentine Springer in Verbindung gebracht werden. Die Provenienzforschung im Jüdischen Museum Wien geht den offenen Fragen nach, um die rechtmäßigen EigentümerInnen zu verifizieren und dieses Konvolut zu restituieren.3

 

Fritz Kainz

leistete 2013/2014 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C.; studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien und ist Redaktionsmitglied der Zeitung GEDENKDIENST.

 

Paul Kuglitsch

geboren am 10.05.1994 in Wien, leistete 2012/2013 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C.; ist seit 2014 Mitglied im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST und Redaktionsmitglied der Zeitung GEDENKDIENST; studiert Geschichte und Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

 

Fußnoten

 

1 Vgl. www.provenienzforschung.at (08.12.2014)

2 Vgl. www.dorotheum.com/auktion-detail/auktion-10661-alte-meister/lot-1714795-sir-thomas-lawrence-nachahmer.html (08.12.2014).

3 Vgl. Werner Hanak-Lettner, Danielle Spera (Hg. im Auftrag des Jüdischen Museums Wien), Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute (Ausstellungskatalog der permanenten Ausstellung, ab 19.11.2013) Wien 2013, 50-56.