AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/14


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

vor.gelesen | Rezensionen

Bertrand Perz, Das Projekt „Quarz“. Der Bau einer unterirdischen Fabrik durch Häftlinge des KZ Melk für die Steyr-Daimler-Puch AG 1944–1945

Studien Verlag, Innsbruck–Wien–Bozen 2014

 

In der Neuauflage seines 1991 herausgegebenen Buchs Das Projekt ,Quarz‘ setzt sich der Historiker Bertrand Perz mit einem immer noch wenig bekannten Ort der Zwangsarbeit und des massenhaften Sterbens während der NS-Zeit in Österreich auseinander. Zwischen April 1944 und April 1945 mussten 15.000 KZ-Häftlinge des Mauthausen-Außenlagers Melk unter dem Tarnnamen ,Quarzʻ eine unterirdische Stollenanlage zur Rüstungsproduktion für die Steyr-Daimler-Puch-Werke anlegen. Rund 5.000 der Ausgebeuteten überlebten dies nicht.

 

Der Verdienst der Studie ist es, neben den menschlichen Schicksalen besonders auf die politischen und ökonomischen Interessen hinter dem Bau zu fokussieren. Intensiv wird etwa die enge Verzahnung von Zwangsarbeit und NS-Arbeitsmarktpolitik diskutiert. Darüber hinaus wird die wirtschaftliche Entwicklung schon zu Kriegszeiten, aber auch über 1945 hinaus, im engen Zusammenhang mit rüstungs- und militärwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, analysiert. Auch noch 2014 stellt die Frage nach dem Wechselverhältnis zwischen Politik und Wirtschaft oftmals eine Leerstelle in der Forschung dar, was die Neuauflage des vergriffenen Werks überaus wichtig macht.

 

Unter Berücksichtigung neuer Quellen – so wurde im Jahr 2000 durch Zufall das Totenbuch des Werks gefunden – beschreibt Perz anfangs allgemein die Entwicklung des Steyr-Daimler-Puch-Konzerns sowie anschließend die rüstungswirtschaftliche Entwicklung ab 1943. Diese durch Dezentralisierung und Verbunkerung geprägte Phase wurde durch die alliierte Lufthoheit hervorgerufen und sollte die bereits existenten Interessenkonflikte zwischen Betrieben und staatlichen AkteurInnen verstärken.

 

Zentrale Kapitel widmet Perz den Häftlingen, ihrem ,Lageralltagʻ sowie der zu leistenden Zwangsarbeit für den Stollenbau. Mit zahlreichen, zum Teil langen, Auszügen aus ZeitzeugInneninterviews, Tagebuchnotizen oder Erinnerungsberichten zeichnet Perz ein klares Bild von Lagerhierarchie und -verwaltung sowie vom Umgang der Häftlinge miteinander, die in einer national sowie durch die NS-Kategorisierungen sehr differenzierten Häftlingsgesellschaft leben mussten. In Unterkapiteln beschäftigt sich der Autor unter anderem mit Flucht(-versuchen) aus dem KZ Melk, Selbstmorden und Todesraten, die er mit Statistiken dokumentiert. Perz stellt fest, dass vor allem der Verschleiß an Kleidung bei den am Stollenbau eingesetzten Häftlingen sehr hoch war, sodass aufgrund der schlechten Versorgung mit Bekleidung zur Jahreswende 1944/1945 „ein Großteil der Häftlinge trotz Kälte und Schnee ohne Socken oder Fußlappen zur Arbeit gehen musste“ (S. 390). Daraus resultierende Erfrierungen und Krankheiten der Häftlinge führten zu Verzögerungen beim Stollenbau. Zudem wurden am 8. Juli 1944 bei einem alliierten Luftangriff auf das KZ Melk über 400 Häftlinge getötet oder verwundet, was eine umgehende Neuanforderung von arbeitsfähigen Gefangenen aus dem KZ Mauthausen notwendig machte.

 

Im Juni 1944 wurde zwischen der Firma Quarz und der Kommandantur des KZ Mauthausen ein Vertrag über die ,Vermietungʻ der Häftlinge abgeschlossen. Diese wurden an die am Bau beteiligten Firmen zu vier bis sechs RM pro Häftling und Tag ,weitervermietetʻ. Da es zu diesem Zeitpunkt keine zivilen Arbeitskräfte oder Kriegsgefangene mehr gab, sicherte der Häflingseinsatz den Baufirmen den wirtschaftlichen Weiterbestand. Die Mehrzahl der Häftlinge war direkt beim Bau der Stollenanlage eingesetzt. Im Februar 1945 ereignete sich während der Nachtschicht ein Brand im Stollen, bei dem zahlreiche Häftlinge ums Leben kamen. Auch durch die Analyse neuer Dokumente konnte Perz nicht zweifelsfrei feststellen, ob es sich um einen Sabotageakt des Arbeitskommandos handelte (S. 452).

 

In einem weiteren ausführlichen Kapitel beschäftigt sich der Autor mit Krankheit und Tod im KZ Melk, insbesondere geht er auf die Folgen der Schwerarbeit der Häftlige in den Stollen ein. Den Berichten des Lagerarztes Dr. Josef Sora und den wenigen überlieferten Krankenstatistiken entnimmt Perz, dass Lungenerkrankungen, Tuberkulose sowie Arbeitsunfälle die Hauptgründe für Behandlungen waren. Ab Herbst 1944 kam es unter Sanitätsdienstgrad SS-Unterscharführer Gottlieb Muzikant zu Misshandlungen und Tötungen im Krankenrevier (S. 476).

 

Im letzten Teil des Buches zeichnet Perz die zu Ostern 1945 beginnende Auflösung des Lagers und Evakuierung der Häftlinge in die Konzentrationslager Mauthausen und Ebensee nach, bei der zahlreiche Gefangene bei den Transporten und auf ,Todesmärschenʻ ihr Leben verloren.

 

Für die Neuauflage des Buches geht Perz zum Schluss auf die Nachgeschichte des Ortes ein. In einem knapp gehaltenen Kapitel thematisiert er die Nachnutzung des Lagers durch die Rote Armee sowie die Sprengungen der Stollen. Erst im Jahr 1948 wurde die Firma Quarz über ein Konkursverfahren liquidiert. Im Folgenden wird die Errichtung einer Gedenkstätte beim KZ-Krematoriumsgebäude sowie eine durch den Autor mitkonzipierte Dauerausstellung über die Geschichte des Lagers, die im Jahr 1992 eröffnet wurde, thematisiert. Gerade die Debatte um die Errichtung einer Gedenkstätte zur Erinnerung an die zahlreichen verstorbenen Häftlingen, die Zwangsarbeit im Rahmen des Projekt ,Quarzʻ leisten mussten, stellt ein zentrales Themenfeld der geschichtspolitischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit dar, das in nachfolgenden Forschungsarbeiten stärker beleuchtet werden sollte. Ein erster Schritt zur intensiveren Darstellung der Geschichte der Außenlager des KZ Mauthausen wurde bereits in der im Jahr 2013 eröffneten Dauerausstellung der Gedenkstätte vorgenommen.

 

Diese wichtige Studie präsentiert eine große Vielfalt von Erinnerungsberichten, aus denen sich zahlreiche Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Tätigkeiten und Arbeitsweisen der Firma Quarz in Zusammenarbeit mit dem KZ Melk ableiten lassen.

 

Ina Markova, Agnes Meisinger

 

 

Vergiss nie, dass du ein jüdisches Kind bist. Der Kindertransport nach England 1938/39

Anna Wexberg-Kubesch, Mandelbaum Verlag, Wien 2013

 

Die Novemberpogrome 1938 waren ein weiterer, dramatischer Schritt im Zuge der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik gegenüber Jüdinnen und Juden und führten zu einer Radikalisierung der antisemitischen Einstellung breiter Bevölkerungsschichten. Menschen, die als Jüdinnen und Juden kategorisiert wurden, mussten in zunehmendem Maße um ihr Leben fürchten. Der Druck auszuwandern wuchs enorm, doch gelang nur Wenigen die Ausreise, weil die bürokratischen Hürden oft unüberwindbar waren. Um wenigstens Kindern aus jüdischen Familien ein Entkommen aus der Gefahr zu ermöglichen, wurde der sogenannte Kindertransport nach England organisiert. In der Zeit zwischen November 1938 und dem Kriegsbeginn Anfang September 1939 konnten auf diese Weise rund 10.000 Kinder aus jüdischen Familien dem NS-Regime entkommen.

 

Anna Wexberg-Kubesch beleuchtet in ihrem jüngsten Buch die Geschichte des Kindertransports nach England aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive. Sie kombiniert Methoden der Psychologie und der Geschichtswissenschaft. Auf Basis von Interviews und Biografien von Überlebenden untersucht sie die erlebten Traumata und die verschiedensten Reaktionen auf diese. Dabei wird sie angetrieben von der Frage, „[w]ie es innerpsychisch funktionieren kann, daran nicht zu zerbrechen oder schwer krank zu werden oder einfach nicht mehr leben zu können oder zu wollen.“ (S. 9) Die Überlebenden, deren Geschichten sie untersucht, werden dabei nicht als PatientInnen und ihre Geschichten nicht als Krankengeschichten verstanden. Der Autorin geht es vielmehr darum, die Handlungsmacht dieser Kinder im Hinblick auf die Erhaltung beziehungsweise Wiedererlangung ihrer psychischen Gesundheit zu erforschen, angesichts derart dramatischer Angriffe auf ihr Leben und ihre Existenz. Dazu nimmt sie die Lebensgeschichten dieser Menschen bis ins hohe Alter in den Blick und weist dabei auf blinde Flecken in beiden Arbeitsfeldern hin. Die Psychotherapie müsse auch die historische und gesellschaftspolitische Ebene einer Traumatisierung einbeziehen und dürfe diese nicht nur individualisiert betrachten und Themen wie Krieg, Rassismus und Gewalt vermeiden (S. 22). Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft hingegen sei es, die historischen und politischen Zusammenhänge zu erforschen und unangenehme Kapitel der Geschichte einer Gesellschaft aufzuarbeiten, um Traumata nicht zu tradieren: „Wo es keine Täter gibt, kann es auch keine Opfer geben.“ (S. 28) Die in Österreich erst spät einsetzende Aufarbeitung der NS-Verbrechen habe lange Zeit auch die Aufarbeitung individueller Traumata verhindert.

 

Anna Wexberg-Kubesch gelingt der Spagat zwischen den Disziplinen. HistorikerInnen eröffnet sie neue Perspektiven für ihre Arbeit mit einem Kapitel der österreichischen Geschichte, das vielen Menschen großes Leid gebracht hat, und macht gleichzeitig aufmerksam auf ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. PsychotherapeutInnen bietet sie einen neuen Ansatz, um Traumata von Menschen, die durch gesellschaftliche Ereignisse ausgelöst wurden, besser verstehen zu können.

 

Johann Kirchknopf