AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/14


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Sportgeschichte(n) schreiben

Der Verein GEDENKDIENST veranstaltet jedes Semester die öffentliche Vortragsreihe Geh Denken!, in deren Rahmen wissenschaftliche Vorträge, Diskussionen und ZeitzeugInnengespräche stattfinden. Ziel der Reihe ist es, ausgehend von der Geschichte des Nationalsozialismus, die Beschäftigung mit Vergangenheitspolitik und Gedächtniskultur anzuregen. Im Sommersemester wurde mit dem Schwerpunkt Sportgeschichte(n) ein Fokus auf ein Themengebiet der österreichischen Zeitgeschichte gelegt, das bis dato nur marginal behandelt wurde. Im Mittelpunkt standen die Geschichten dreier traditionsreicher österreichischer Sportvereine des Österreichischen Gebirgsvereins, des Wiener Eislauf-Vereins und der SC Hakoah Wien.

 

Vor dem Hintergrund der Umstrukturierung des Sport- und Vereinswesens nach dem ‚Anschluß‘ Österreichs an das Deutsche Reich und der Auflösung bzw. Überführung österreichischer Sportvereine in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen behandelten die Vortragenden einen Zeitabschnitt, der in den Chroniken zahlreicher Vereine weitgehend ausgeblendet wurde. Zudem pflegten einige dieser Vereine Opfermythen, die sich mitunter bis heute halten. Thematisiert wurden in den Vorträgen u.a. der Ausschluss jüdischer AthletInnen nach NS-Definition sowie die Verstrickung der Sportvereine und/oder ihrer Funktionäre im NS-System. In einem Vortrag wurde der Mythos um den Fußballer Matthias Sindelar beleuchtet, dessen Rolle als Profiteur im NS-System bisher ausgeblendet wurde.

 

Sieht man sich die Entwicklung und Tendenzen des Forschungsfeldes Sportgeschichte, einer Subdisziplin der Sportwissenschaften, in Österreich an, waren es in den Anfangsjahren vor allem ereignisgeschichtliche Fragestellungen, die von SporthistorikerInnen behandelt und dokumentiert wurden. Heute stehen Fragen im Zentrum der Forschung, die gesellschaftliche, politische und ökonomische Kontexte mit einbeziehen und reflektieren. Sportgeschichte etablierte sich in den 1980er-Jahren im akademischen Bereich als „eine Handvoll Idealisten die gesellschaftliche Relevanz des Sports erkannte und dieses Fach mit großem persönlichen Interesse und Engagement be- und vorantrieb“, wie der Sporthistoriker Rudolf Müllner vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien in einem Gespräch mit der Autorin erzählt.1

 

Aufgrund der fortschreitenden Globalisierung, Ökonomisierung und Medialisierung des Sports ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte notwendig geworden. Sportgeschichtliche Perspektivierungen haben gegenwärtig in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften Hochkonjunktur, da Sport als Gesellschafts- und Alltagsphänomen nicht mehr zu ignorieren ist und die ökonomischen und politischen Auswirkungen etwa von Sportgroßveranstaltungen nicht mehr nur ein Nebenprodukt sind. In den letzten Jahren rückte Sportgeschichte auch verstärkt in den Blickpunkt zeithistorischer Forschung, der Bedeutungsgewinn von sporthistorischen Perspektiven ist in der akademischen Forschung und Lehre deutlich erkennbar. Nicht zu übersehen ist, dass die in Österreich betriebene Sport(zeit)geschichtsforschung besonders fussballlastig ist, wobei der Output im internationalen Vergleich als qualitativ hochwertig bezeichnet werden kann. Allmählich findet aber auch die Geschichte des alpinen Skisports mehr Beachtung, auch Hochschulsport und internationale Sportgroßveranstaltungen mit österreichischer Beteiligung werden vor dem Hintergrund politischer und historischer Rahmenbedingungen untersucht. Das rezente Forschungsinteresse in Österreich gilt insbesondere der Rolle des Sports während der NS-Zeit sowie den (Dis-)Kontinuitäten der Sportorganisation und -ausübung des Nationalsozialismus in den unmittelbaren Nachkriegsjahren.

 

Wie der Kulturwissenschaftler und Historiker Matthias Marschik in den Vorbemerkungen seines im Jahr 2008 erschienenen Buches über die Geschichte des Sports im nationalsozialistischen Österreich feststellt, hat hierzulande die (populäre) Vereinshistoriografie bereits die Geschichtsschreibung überholt.2 Mittlerweile gehen (Sport-)Vereine, Großunternehmen und staatliche Institutionen dazu über, im Eigeninteresse Auftragsarbeiten an HistorikerInnen oder HistorikerInnenkommissionen zu vergeben, um ihre NS-Vergangenheit professionell erforschen zu lassen. Die Ergebnisse zeigen, dass Studien dieser Art einen wichtigen und nachhaltigen Beitrag zur Zeitgeschichtsforschung und österreichischen Sporthistoriografie leisten.

 

Ein Beispiel aktueller Forschung im Bereich der österreichischen Sport(zeit)geschichte stellt die Geschichte des Wiener Eislauf-Vereins (WEV) dar, die derzeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien der wissenschaftlichen Aufarbeitung unterzogen wird. Der WEV, der am Wiener Heumarkt beheimatet ist, hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1867 als feste Einrichtung in Wiens Sport- und Gesellschaftsleben etabliert. Mit zeitweise knapp 10.000 Mitgliedern (1929) und zahlreichen Erfolgen von VereinsathletInnen bei internationalen Wettbewerben im Eislaufsport ist der WEV einer der ältesten, größten und auch erfolgreichsten Sportvereine weltweit. Da es derzeit keine für die breite Öffentlichkeit zugängliche Darstellung der Vereinshistorie gibt, entschied der Vorstand anlässlich des bevorstehenden 150-jährigen Jubiläums im Jahr 2017, die Geschichte wissenschaftlich rekonstruieren und aufarbeiten zu lassen. Zwar publizierte der Verein im Eigenverlag in den Jahren 1906, 1937 und 1967 drei Chroniken3, diese sind jedoch mittlerweile nur mehr vereinzelt in kleinen Bibliotheken oder Privatarchiven vorhanden und daher für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Geschichtsschreibung endet mit der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Vereins aus dem Jahr 1967. Offenkundig ist, dass ein geschichtlicher Gesamtüberblick fehlt, der einen historisch kontextualisierten Bogen vom 19. ins 21. Jahrhundert spannt. Auffällig ist auch, dass in der bisherigen Darstellung eine große Lücke klafft, die es zu schließen gilt: Für die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft liegen keine veröffentlichten Informationen über die Aktivitäten des WEV vor. Das am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien beheimatete Forschungsprojekt will diese Leerstelle besonders in Hinblick auf die ab dem Jahr 1938 aufgrund antisemitischer Gesetze ausgeschlossenen und vertriebenen Vereinsmitglieder schließen.

 

Vorläufige Recherchen inner- und außerhalb des Vereins zeigen, dass sich der WEV während der NS-Zeit in einem Spannungsfeld zwischen Überlebenskampf und Triumph bewegte. Einerseits kämpfte der Verein um wirtschaftliches Überleben, andererseits feierten zahlreiche WEV-AthletInnen sportliche Erfolge sowohl auf dem Gebiet der so genannten ,Ostmarkʻ als auch auf Reichsebene. Nach dem ,Anschlußʻ und der Überleitung des Vereins in das NS-System wurde auf Grundlage der neuen Einheitssatzung der Verwaltungsausschuss des WEV durch einen Vereinsführer (SA-Brigadeführer Heribert Seidler) und einen ,kommissarischen Verwalter‘ (Adolf Eder), der als Geschäftsführer fungierte, ersetzt. Eder sollte auch ein zentraler Akteur in der Nachkriegsgeschichte des WEV werden. Im Tätigkeitsbericht des Vereins aus dem Jahr 1938 wird die stark ideologisierte Position des Verwaltungsausschuss vor der ,Gleichschaltung‘ auf Funktionärsebene zum ,Anschluß‘ wiedergegeben:

 

„Es ist ein Überquellen heißer Gefühle der Siegerfüllung aus der Seele der Kämpfer, es ist überströmender Dank und Befreiungs- und Erlösungsjubel aus dem tiefsten Inneren der Dulder, der Gequälten, der einst Verzagten. [...] Wir, der Verwaltungsausschuß des Wiener Eislauf-Vereines, geloben in diesem feierlichen Augenblicke, daß wir mit voller Kraft den nationalsozialistischen Sportideen dienen wollen, auf welchem Platze immer uns die neue Führung des Gaues 17 und der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen bei der Neugestaltung des gesamten Sportwesens stellen möge.“4

 

Der Mitgliederstand des WEV sank von der Saison 1936/37 auf 1937/38 drastisch – die Zahl schrumpfte innerhalb eines Jahres von 5.515 auf 2.764.5 Ab dem Jahr 1939 hatte der Verein aufgrund dessen mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Rechnungsprüfungsamt der Stadt Wien führte im Juni 1939 eine Untersuchung durch und stellte im Rechnungsbericht fest, dass „durch das Ausscheiden der Juden aus dem Verein fast die Hälfte der bisherigen Mitglieder weggefallen sind.“6 Die finanziellen Einbußen im Bereich der Mitgliedsbeiträge sowie der Rückgang der Tageseinnahmen aufgrund des Ausschlusses ,nicht arischer‘ BesucherInnen führten zu einem beträchtlichen Budgetloch. Obwohl der Verein eine „Spende von rund RM 50.000, aus den Mitteln des Arisierungsfonds“ (Vermögensverkehrsstelle) zugewiesen bekam, war er ab Mitte des Jahres nahezu zahlungsunfähig.7 Wäre da nicht der ,große Förderer‘ des Wiener Sportes, Stadtrat und Gausportführer Thomas Kozich, gewesen. Er unterstützte einige Subventionsansuchen des Vereins, um die Aufrechterhaltung des Eislauf- und Sportbetriebes zu ermöglichen und die „weltberühmte Wiener Kunstlaufschule zu erhalten.“8

 

Den wirtschaftlichen Sorgen gegenüber standen sportliche Erfolge. Der Eiskunstläufer Edi Rada konnte die Gaumeisterschaften im Eiskunstlauf in den Jahren zwischen 1939 und 1942 für sich entscheiden. Zudem wurde er 1943 Deutscher Reichsmeister, 1939 und 1941 zweimal Zweiter. Bei den Damen war es die Eiskunstläuferin Eva Pawlik, die 1941 als 14-Jährige Reichssiegerin im Juniorenlaufen wurde, 1942 gewann sie mit ihrem späteren Ehemann Rudi Seeliger im Paarlauf die ,Ostmark‘-Meisterschaft. Im Übrigen blieb Pawlik auch nach dem Zweiten Weltkrieg höchst erfolgreich, sie gewann die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Davos 1948 und wurde 1949 Europameisterin. Danach tourte sie mit der Wiener Eisrevue, war Schauspielerin und erste Sportkommentatorin des deutschsprachigen Fernsehens. Im Eisschnelllauf war der WEV-Athlet Karl Wazulek in der ,Ostmark‘ unschlagbar und wurde 1940 und 1941 Deutscher Schnelllaufmeister. Nachdem 1939 die Eishockey-Mannschaft des EK Engelmann den deutschen Meistertitel erringen konnte, folgte 1940 der WEV als zweites Team aus Wien. Die Eishockeyspieler gewannen das Finale gegen den Berliner SC, das am Vereinsplatz am Heumarkt ausgetragen wurde. Zudem wurden die Eissportmeisterschaften der Wiener Hitlerjugend am Vereinsplatz veranstaltet. Auch einige Schaulaufen, u.a. für die Wehrmacht, und Kostümfeste fanden bis ins Jahr 1944 statt.

 

Von der Saison 1943/44 auf 1944/45 sank die Mitgliederzahl aufgrund des fortgeschrittenen Krieges auf den Rekordtiefststand von 1.015 Personen, der Platz konnte nur an 36 Tagen geöffnet werden.9 Adolf Eder musste den Betrieb im Winter 1944 einstellen. Nach Kriegsende übte er den Posten des Generalsekretärs des WEV aus und war viele Jahre Geschäftsführer der Wiener Eisrevue, die zum Kassen- und Exportschlager wurde und dem Verein vor allem in den 1950er und 1960er Jahren ein Millionenpublikum bescherte, bevor er im Jahr 1958 zum ersten Direktor der Wiener Stadthalle berufen wurde.

 

Natürlich fokussiert das Forschungsprojekt auch auf andere Zeitabschnitte in der Vereinsgeschichte, wie etwa die Gründungsphase in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, den Eissport-Boom in der Ersten Republik oder den ,Neustart‘ des Vereins nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Jubiläumsjahr 2017 soll ein Buch zur Geschichte des WEV präsentiert werden.

 

In den vergangenen Jahren ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sporthistorischen Themen in Österreich deutlich vertieft worden, was sich in der Anzahl akademischer Abschlussarbeiten, der Zunahme von Tagungen und Workshops im inner- und außeruniversitären Bereich sowie in der musealen Verhandlung sporthistorischer Aspekte widerspiegelt. Quer durchs Land gibt es eine Reihe von profilierten ForscherInnen, die nicht nur regionale Einzelthemen behandeln, sondern Zusammenhänge zwischen Sport, Politik, Gesellschaft und Region verknüpfen. Auch Sportgroßveranstaltungen und die transnationalen Dimensionen des Sports während der Zeit des Kalten Krieges rücken sukzessive in den Fokus geschichtswissenschaftlicher Forschung. Rudolf Müllner merkt an, dass eine junge ForscherInnengeneration aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen bereit ist, Themen der Sportgeschichte aufzugreifen. Noch nicht bereit sind hingegen große österreichische Sportvereine und -verbände, wie das Österreichische Olympische Comité oder der Österreichische Skiverband, die vor der Aufarbeitung der eigenen NS-Vergangenheit bis dato zurückscheuen. Auch gibt es dringend aufzugreifende Desiderate etwa im Bereich der Frauensportgeschichte sowie der Geschichte des Sports in der Zweiten Republik. Allerdings und trotz geringer Ressourcen im akademischen Bereich wird die Disziplin, wie Müllner feststellt, „breiter, weiter, mehr und jünger.“10 Als Forschungsstandort ist Österreich, was die Quantität und Qualität sporthistorischer Forschung anbelangt, international hoch anerkannt. Um den Austausch zwischen den arrivierten WissenschaftlerInnen und dem ,Nachwuchs‘ – wie man im Sportjargon sagt – zu intensivieren, gründete Müllner im vergangenen Jahr die Kommunikationsplattform NetzwerkSportHist, die zum Ziel hat, die sporthistorische Reflexionskompetenz in Österreich zu stärken sowie Synergien herzustellen, um daraus in Zukunft Projekte zur Erforschung der österreichischen Sportgeschichte zu entwickeln.11

 

Agnes Meisinger

Zeithistorikerin, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Geschichte des Wiener Eislauf-Vereins am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

Fußnoten

 

1 Ich bedanke mich bei ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Rudolf Müllner für das Gespräch am 11. Juni 2014.

2 Vgl. Matthias Marschik, Sportdiktatur. Bewegungskulturen im nationalsozialistischen Österreich, Wien 2008, 9.

3 Vgl. Franz Bieberhofer, Chronik des Wiener Eislaufvereins. Verfaßt zur Feier seines 40jährigen Bestandes, Verlag des Wiener Eislaufvereines, Wien 1906; Vgl. Wiener Eislauf-Verein, 70 Jahre Wiener Eislauf-Verein, Wien 1937; Vgl. Franz Heinlein, 100 Jahre Wiener Eislaufverein, Eigenverlag des Wiener Eislauf-Vereins, Wien 1967.

4 Wiener Eislauf-Verein, Tätigkeitsbericht des Wiener Eislauf-Vereines 1937/38, Wien 1938, 6-7.

5 Vgl. Ebd., 10.

6 Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), Archiv der Republik (AdR), Bürckel Materie.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Vgl. Heinlein, 100 Jahre, 126.

10 Gespräch mit ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Rudolf Müllner am 11. Juni 2014.

11 Vgl. https://institut-schmelz.univie.ac.at/abt-bildung-unterricht-und-bewegungskultur/geschichte-und-kultur/netzwerksporthist/ (16.07.2014).