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Ausgabe 3/14


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Mein Jahr als Gedenkdienstleistender in Terezín

Mein Jahr als Gedenkdienstleistender in Terezín

 

Als ich erfuhr, dass ich für ein Jahr nach Tschechien an die Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt gehen werde, hatte ich zuerst einmal gemischte Gefühle.

 

Einerseits freute ich mich natürlich auf die bevorstehende Herausforderung und auf die Chance, eine anspruchsvolle Arbeit leisten zu können, aber andererseits hatte ich trotzdem verschiedenste Ängste: ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Sprache, weg von dem gewohnten Umfeld und vor allem die tägliche Arbeit an dem Ort eines ehemaligen Ghettos. Gespannt wartete ich auf Mitte August 2013 als ich mit meiner Arbeit und dem Ort Terezín vertraut wurde. Zu Beginn war ich sehr skeptisch, wie der Umgang mit den ArbeitskollegInnen und vor allem mit den ZeitzeugInnen sein würde. Wie werde ich das Erlebte bewältigen?

 

In meiner Arbeit in der Gedenkstätte bin ich gemeinsam mit einer deutschen Freiwilligen der Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der pädagogischen Abteilung tätig. Wir sind für den deutschsprachigen Bereich zuständig. Unsere Aufgabe ist die Betreuung von Gruppen. Wir planen und organisieren ihren Besuch an der Gedenkstätte und stehen mit den GruppenleiterInnen ständig in Kontakt. Unsere Aufgabengebiete umfassen das Buchen der Unterkünfte, das Organisieren des Essens in der Gedenkstätte oder anderen Restaurants in Terezín, die Planung des Tagesablaufs sowie der Tagesausflüge nach Prag und vieles mehr. Eine weitere Aufgabe ist die Kontaktaufnahme mit ZeitzeugInnen, die vor den Gruppen über ihr Leben im Ghetto während der NS-Zeit sprechen. Dies hat mich vor allem zu Beginn viel Überwindung gekostet, da ich großen Respekt vor diesen Personen habe, diese nicht kannte und mit ihnen nur per Telefon oder Email Kontakt aufnehmen konnte. Obwohl sich das vielleicht nicht besonders schwierig anhört, erfordert es in der Situation schon, über sich hinauszuwachsen. Es freut mich, dass ich mittlerweile zu einigen Überlebenden ein gutes Verhältnis aufgebaut habe und eine gewisse Vertrautheit zwischen uns vorhanden ist. Manche haben mir auch das Manuskript ihres Buches zum Lesen anvertraut, damit ich ihnen Feedback gebe, was mich besonders freut. Ich schätze dies sehr und bin ein klein wenig stolz, zu den ersten Personen zu gehören, die dieses Manuskript lesen dürfen. Mit ZeitzeugInnen rede ich auch über ganz alltägliche Probleme, lache gemeinsam mit ihnen oder spreche über die Gruppen.

 

Seit 1992 entsendet der Verein GEDENKDIENST junge Leute an die Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt. Somit sind die MitarbeiterInnen daran gewöhnt, dass jedes Jahr Gedenkdienstleistende an die Gedenkstätte kommen, sie schätzen unsere Arbeit und Anwesenheit sehr. Sie sehen mich als Arbeitskollegen und vor allem respektieren sie mich. Sie erleichtern den Gedenkdienstleistenden gerade am Anfang den Einstieg in die Arbeit und helfen in den verschiedensten Situationen, sowohl beruflich als auch privat.

 

Die Arbeit an einer Gedenkstätte und die ständige Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist ohne Zweifel belastend. Durch inhaltliche Vorbereitung geht man gleich mit einer anderen Einstellung an das Thema und die Arbeit heran, baut Selbstschutz auf und entwickelt im Laufe der Zeit einen ,Gedenkstättenhumor‘, der auf Außenstehende vielleicht befremdlich wirkt. Ich finde dies allerdings sehr wichtig und notwendig, auch wenn es vielleicht morbid klingt. Vor allem am Anfang ist es nicht leicht, mit dem historischen Schrecken umzugehen und es wäre unerträglich, sich stets nur mit den vor Ort verübten Verbrechen auseinanderzusetzen. So hart es auch klingt, mit gewissen Schutzmechanismen ausgestattet kann eine solche Tätigkeit, finde ich, einfacher bewältigt werden. Eine mentale Trennung von Arbeit und Freizeit ist immens wichtig.

 

Von vielen Menschen werde ich natürlich auch immer auf mein Tschechisch angesprochen. Ich muss gestehen, dass ich nur ein paar Phrasen und Einzelwörter beherrsche. Da ich vor allem deutschsprachige Gruppen betreue, die ArbeitskollegInnen entweder Deutsch oder Englisch sprechen bzw. es die Freiwilligen-WG gibt, ist man nicht darauf angewiesen, die Sprache zu lernen. Schnell verfällt man in ein Muster der Bequemlichkeit und schafft es, sich mit den wenigen Brocken Tschechisch gut durch das Leben zu schlagen. Ich finde es natürlich sehr schade, dass ich die Sprache nicht beherrsche. Doch gerade anfangs ist man mit einigen Situationen überfordert und dann ist es eine Erleichterung mit bruchstückhaften Sprachkenntnissen durchs Lebens vor Ort kommen zu können.

 

Nun sitze ich in meinem Wohnzimmer und bin schockiert darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Die ersten meiner FreundInnen sind schon zurück nach Hause gefahren oder reden immer häufiger von ihrer Abreise. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich meine Zeit hier dem Ende zuneigt. Meiner Meinung nach lernt man sich in so einem Jahr selbst besser kennen und schätzt mache Dinge viel mehr bzw. ändert vielleicht die eine oder andere Einstellung. In diesem Jahr habe ich eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Arbeit und viel Verantwortung übernommen. Dies ist zwar nicht immer leicht und die Zusammenarbeit mit manchen TeilnehmerInnen ist oft fordernd, aber dies bringt eine Arbeit im pädagogischen Bereich mit sich. Es ist auf jeden Fall schön zu sehen, dass die Arbeit sinnvoll ist und auch in der Gedenkstätte sehr geschätzt wird. Ich kann die Arbeit an der Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt wirklich nur weiterempfehlen.

 

Bei der Entscheidung, für welche Stelle man sich bewirbt, sollte man sich nicht von einer Stadt oder dem Land beeinflussen lassen, da es in erster Linie um die jeweils spezifische Arbeit geht. Vor einer Stellenbewerbung in Gedenkstätten sollte man sich überlegen, in welchem der drei angebotenen Bereiche (Betreuung von Überlebenden, pädagogische und historisch-wissenschaftliche Arbeit) man tätig sein möchte. Jede Stelle und jede Stadt haben ihre Vor- und Nachteile und was man schlussendlich aus der jeweiligen Situation macht, ist von einem/einer selbst abhängig. Rückblickend bin ich der Meinung, dass mir das Jahr in der Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt viel gebracht hat und ich viele Erfahrungen, Erlebnisse und neue Freundschaften mitnehme. Ab Herbst 2014 werde ich an der Universität Wien Deutsch und Geschichte auf Lehramt studieren. Ich glaube, dass mir meine Tätigkeit im pädagogischen Bereich während des Gedenkdiensts und die bisherige Zusammenarbeit mit vielen unterschiedlichen Menschen im Studium und später als Lehrer nützen wird und freue mich auf die neue Herausforderung.

 

Christian Hanl Leistet derzeit Gedenkdienst an der

Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt.