AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/14


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Gedenkdienst vorbei – Was bleibt übrig?

Fast ein Jahr ist es nun schon her, dass ich Gedenkdienst geleistet habe und doch gibt es Vieles, das mich immer wieder mit dem Thema und der Zeit in Verbindung bringt sowie an Ereignisse in meinem Leben erinnert, die sonst wohl nie geschehen wären. So auch am 9. Mai 2014 als ich bei der Verlegung des Gedenksteins für Wilhelm Wolf Waltuch dabei sein konnte – eines meiner bisher eindrucksvollsten und schönsten Erlebnisse.

 

Im August 2012 habe ich Gedenkdienst an der Jugendbegegnungsstätte Terezín/ Theresienstadt begonnen. Ich hatte das Glück, dass ich das Jahr zusammen mit Niklas Lämmel, Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), verbringen konnte. Wir sind beide relativ am Anfang unseres Auslandsjahres von einer Kollegin der Gedenkstätte auf Einritzungen in einem der Festungstore aufmerksam gemacht worden. Diese Einritzungen stammen wahrscheinlich größtenteils aus der Ghettozeit und enthalten auch einige Namen, die teils nur noch schwer bis gar nicht mehr lesbar sind. Es gelang uns einige der Namen zu entziffern und wir durchsuchten diverse verfügbare Datenbanken nach ihnen. Bei dem Namen Waltuch Wilhelm fanden wir einen sehr eindeutigen Treffer: Wilhelm Wolf Waltuch wohnhaft in Wien, der 1942 nach Theresienstadt und im Oktober 1944 mit einem der letzten Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.1 Niklas hat über diese Entdeckung und die Bedeutung für uns im November 2012 einen Artikel auf seinem Blog veröffentlicht.2

 

In den Weihnachtsferien 2012 wurde dann auf dem Blog ein kurzer Kommentar zum Artikel von einem Freund der Enkelin von Wilhelm Wolf Waltuch geschrieben: Die Enkelin hätte Interesse an dem Foto der Einritzungen und würde gerne mehr darüber erfahren. Plötzlich hatten wir Kontakt zu Waltuchs NachfahrInnen und die Einritzung wurde für uns lebendiger denn je. Ein paar Wochen später hat uns die Enkelin Kay Sharpe, die heute in Großbritannien lebt, ein kleines Fotoalbum geschickt. Auf einmal hatten wir Bilder der Familie Waltuch in unseren Händen. Aus einer Einritzung in einem Stein wurde für uns eine persönliche Verbindung, die uns zeigte, dass jedes einzelne Opfer ein Mensch mit einer eigenen Geschichte und Familie war und nicht nur eine Zahl oder einfach Einer von Vielen.

 

Die Verlegung des Gedenksteines

 

Die Familie von Niklas hat über den Wiener Verein Steine der Erinnerung an jüdische Opfer des Holocausts,3 die Verlegung eines Gedenksteins am letzten freiwilligen Wohnort der Familie Waltuch in Wien, in der Favoritenstraße 12, initiiert. Vor der Verlegung hatten wir erfahren, dass die Enkelin Kay Sharpe und ein großer Teil ihrer Familie auch nach Wien kommen würden. Einerseits freuten wir uns, die Nachfahren von Waltuch nun wirklich auch persönlich kennenzulernen, anderseits waren wir im Vorfeld auch nervös. Uns schwirrten viele Fragen im Kopf: Wie wird die Verlegung werden? Wie werden das Treffen und das Kennenlernen sein? Über was werden wir reden? Wie werden sie uns begegnen? Niklas ist mit seiner Familie aus Minden (Nordrhein-Westfalen) und ich samt meiner Familie aus Graz nach Wien angereist. Am Tag der Verlegung haben wir uns dann zusammen im Alois-Drasche-Park in Wien getroffen, wo alle Stationen der Verlegung vorgestellt wurden und wir Kay Sharpe sowie zwölf ihrer Verwandten kennengelernt haben. Die Verlegung führte uns über die Blechturmgasse 18 in die Radeckgasse 5, weiter in die Favoritenstraße 12, dann in die Argentinierstraße 20 und in die Heumühlgasse 16. Nachdem alle Stationen der Verlegung mit beeindruckenden und berührenden Geschichten und angenehm passender Musikbegleitung begangen worden waren, gingen wir mit Kays Familie in einem typischen Wiener Gasthaus essen. Die Begegnung mit Kay und ihrer Familie war für uns sehr emotional – vor allem die Gespräche über Wilhelm Wolf Waltuch sowie Erzählungen von Niklas und mir über unsere Arbeit in der Jugendbegegnungsstätte Terezín/Theresienstadt. Ansonsten haben wir über alltägliche Themen wie Politik, Arbeit, Essen, Unterschiede zwischen Großbritannien und Österreich, Teekultur, Reisen und vieles mehr gesprochen.

 

Am nächsten Tag haben wir noch mit Kay etwas Zeit verbracht. Wilhelm Wolf Waltuch besaß vor dem ,Anschluss‘ ein Kino in Wien und diesen Ort haben wir gemeinsam besucht. In dem Gebäude des ehemaligen Kinos befindet sich heute ein großes Sportgeschäft. Vorort haben wir uns versucht vorzustellen, wie es damals wohl ausgesehen hat. Bei der Verabschiedung wurden wir auch noch herzlichst eingeladen, Kay und ihre Familie in Großbritannien zu besuchen.

 

Auch in Graz lassen mich das Thema Holocaust und das Gedenkdienstjahr nicht los. Ich bin Mitglied im Verein für Gedenkkultur in Graz4 geworden, welcher die Verlegung von Stolpersteinen in Graz organisiert und Führungen zu den Gedenksteinen anbietet. Vor kurzem hat die zweite Stolpersteinverlegung in Graz stattgefunden, bei der ich auch ein wenig mitgeholfen habe. In Zukunft werde ich wohl über den Verein, auch dank meiner pädagogischen Erfahrung während des Gedenkdiensts, am Vermittlungsprogramm mitarbeiten und selber Rundgänge in Graz machen.

 

Jakob Fahrner

Gedenkdienstleistender 2012/13 an der Jugendbegegnungsstätte in Terezín/Theresienstadt, seit dem Wintersemester 2013 Studium der Informatik an der Technischen Universität Graz.

 

Fußnoten

 

1 Vgl. www2.holocaust.cz/en/victims/PERSON.ITI.1010296 (30.07.2014).

2 Vgl. niklasintschechien.blogsport.de/2012/11/08/fluesternde-steine/ (30.07.2014).

3 Vgl. steinedererinnerung.net (30.07.2014).

4 Vgl. www.stolpersteine-graz.at (30.07.2014).