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Ausgabe 3/14


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vor.gelesen | Rezensionen

Geschichtspolitiken und Fernsehen. Repräsentationen des Nationalsozialismus im frühen österreichischen TV (1955–1970)

Renée Winter, Histoire, Band 46, Transcript Verlag, Bielefeld 2014

 

Renée Winters hervorragende Studie setzt sich mit televisuellen Repräsentationen des Nationalsozialismus im österreichischen Rundfunk auseinander. Ihr chronologischer Schwerpunkt liegt auf den Jahren zwischen 1955 und 1970, also auf der unmittelbaren Zeit nach Aufnahme des Versuchsbetriebs des ORF. Ausgehend von geschichtspolitischen, medientheoretischen und geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen fokussiert sie auf die entscheidende Phase der Ausbildung eines Bilderkanons zur NS-Zeit. Gerade die Untersuchung dieser frühen, von Ausverhandlungsprozessen geprägten Periode, ermöglicht einen Blick auf Strategien der Konstruktion von Geschichtsbildern und auf die geschichtspolitischen AkteurInnen selbst.

 

Es ist besonders dieses Wechselverhältnis zwischen dem Fernsehen als Ort der Ausverhandlungen und dem Fernsehen als geschichtspolitischem Akteur, die das Buch strukturiert (S. 25) und eine Analyse der diskursiven Verortung des Fernsehens an sich und des Geschichtsfernsehens im Speziellen erlaubt. Die geschichtspolitischen Handlungsfelder der Sendeanstalt waren vor allem auch durch politische Bedürfnisse geprägt, die an das Fernsehen herangetragen wurden: nation building, Bildungsauftrag und Demokratisierung der StaatsbürgerInnen sollten in den 1950er bis 1970er-Jahren auch televisuell erfolgen.

 

Den größten Teil nimmt die empirische Studie selbst ein: Winter diagnostiziert anhand vieler Beispiel eben kein Schweigen zur NS-Vergangenheit, sondern vielmehr ein „vielstimmiges Sprechen unter bestimmten politischen und medialen Bedingungen und Machtverhältnissen“ (S. 84). Aufschlussreich ist, wie stark der österreichische Blick auf die eigene Vergangenheit teilweise auch durch Reaktionen aus oder veränderte Bilderwelten im Ausland beeinflusst war. Als Beispiele seien hier nur die NBC-Produktion An Austrian Affair zur Borodajkewycz-Affäre sowie die Übernahme vieler durch den west-deutschen Bildband Der gelbe Stern popularisierter Bilder ins österreichische Geschichtsfernsehen erwähnt.

 

Winter nimmt marginalisierte Vergangenheitsnarrative in den Blick und zeigt anhand von Sendungen wie Der Österreichische Widerstand auf, wie dehnbar das Feld des Zeig- und Sagbaren beschaffen war. Wenngleich eine polyphone Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit konstatiert werden kann, lassen sich doch auch immer stärker zu Tage tretende exkulpatorische Strategien benennen. Hierbei handelt es sich neben der prinzipiellen televisuellen Konstruktion eines österreichischen Opferkollektivs um prägnante visuelle Viktimisierungsstrategien, die dabei gleichzeitig die NS-Vernichtungspolitik nicht thematisiert hätten (S. 281f).

 

Geschichtspolitiken und Fernsehen gibt einen fundierten Blick in österreichische televisuelle Ausverhandlungsprozesse von Vergangenheit. Renée Winter analysiert Grenzen des Zeigbaren, aber auch sehr wohl existente Möglichkeiten des Brechens mit diesen geschichtspolitischen Schranken. Gerade der Fokus auf die frühe Zeit des österreichischen Fernsehens eröffnet teilweise unbekannte visuelle Welten.

 

Ina Markova

 

 

Rechtfertigungen des Unrechts. Das Rechtsdenken im Nationalsozialismus in Originaltexten

Herlinde Pauer-Studer/Julian Fink (Hg.), Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

 

Wie entwickelte sich das Rechtsdenken nach dem Ende der Weimarer Republik und was waren die (rechts-)normativen Grundlagen des Nationalsozialismus? Dieser Frage gehen Herlinde Pauer-Studer und Julian Fink in der vorliegenden Quellenedition nach. Dabei untersuchen sie aus der Perspektive der politischen Philosophie und der Rechtsphilosophie, welche Überlegungen NS-Juristen als „Rechtfertigungen des Unrechts“ anstellten. Die Publikation erschien im Rahmen des ERC-Projekts Distortions of Normativity.1

 

Der Großteil der Originaltexte stammt aus den Jahren 1933 bis 1939 und beleuchtet zahlreiche rechtswissenschaftliche Fächer wie Rechtsphilosophie, Allgemeine Staatslehre, Verfassungsrecht, Strafrecht und Polizeirecht. Zentral sei dabei, „dass [die Texte] sich aus etablierten Traditionen rechtstheoretischen Denkens entwickeln und auch auf Konzepte der klassischen politischen Philosophie zurückgreifen, um den normativen Aufbau des NS-Staates zu rechtfertigen“ (S. 128).

 

Zur theoretischen Rahmung verweist Pauer-Studer in ihrer 120-seitigen Einleitung auf die ‚Radbruch-These‘: Gustav Radbruch postulierte in seinem Aufsatz Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht (1946), dass rechtspositivistisches Denken für die ‚Wehrlosigkeit‘ deutscher Juristen gegenüber dem NS-Regime verantwortlich gewesen sei. Pauer-Studer hält dem entgegen, dass NS-Rechtswissenschaftler keineswegs Positivisten waren, also Recht und Moral als getrennte normative Bereiche betrachteten. Im Gegenteil, sie hätten gerade die ‚Ethisierung‘ des Rechts angestrebt, also die Idee eines übergesetzlichen Rechts vertreten und letztlich liberalstaatliche Neutralität gegenüber inneren Beweggründen mit einer moralischen Pflicht zu Rechtsgehorsam ersetzt. Neu ist die Widerlegung der ‚Radbruch-These‘ allerdings nicht und leider fehlt ein Verweis auf den Forschungsstand.2

 

Während sich viele Texte dank der Einleitung gut erschließen lassen, ist bei einigen nicht ersichtlich, warum sie in die Quellensammlung aufgenommen wurden, zumal auch die Auswahlkriterien unklar bleiben. So ist etwa ein Auszug aus Ernst R. Hubers Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches (1939) eine bloße Nacherzählung der politischen Ereignisse (aus NS-Sicht) zwischen 1930 und der Machtübernahme der NSDAP. Seine Bedeutung für das Rechtsdenken bleibt unklar. Ähnlich verhält es sich bei den sogenannten Richterbriefen. Sie legen die Einmischung des Justizministeriums in die Rechtsprechung dar und dienen wohl als Kontrast zu den NS-Schriften, die richterliche Unabhängigkeit befürworten. Allerdings wird nicht erklärt, dass die Richterbriefe interne Mitteilungen des Justizministeriums an die Gerichte waren und ohne entsprechende Kontextualisierung wirken sie unvermittelt und tragen kaum zur Forschungsfrage der Edition bei. Einleitende und quellenkritische Bemerkungen wären daher wünschenswert gewesen. Auch zu den über zwanzig Autoren finden sich bloß einige Zeilen im Anhang. Dieser ist allerdings mit einem hilfreichen Namens- und Sachregister versehen. Thematisch hätten angesichts der nationalsozialistischen Expansionspolitik Perspektiven auf das Völkerrecht interessant sein können.3

 

Insgesamt ist Rechtfertigungen des Unrechts eine interessante Quellensammlung, die durch eine umfangreiche Einleitung und die philosophischen Betrachtungen von Herlinde Pauer-Studer zum Verhältnis von Recht und Moral abgerundet wird. Allerdings erschwert die mangelnde Kontextualisierung die Lektüre der Edition.

 

Philipp Selim

 

1 Eine Beschreibung des Projekts und der Forschungsvorhaben finden sich unter: distortions.univie.ac.at/home/ (08.08.2014).

2 Spätestens seit den 1980er-Jahren scheint die ‚Radbruch-These‘ kaum mehr vertreten zu werden, vgl. Gerhard Luf, Zur Verantwortlichkeit des Rechtspositivismus für ‚gesetzliches Unrecht‘. Überlegungen zur ‚Radbruch-These‘, in: Gerhard Luf, Freiheit als Rechtsprinzip. Rechtsphilosophische Aufsätze (hg. v. Elisabeth Holzleithner/Alexander Somek), Wien 2008, 73-94.

3 Hierzu finden sich nur in zwei Texten knappe Bemerkungen, vgl. S. 267, 351.

 

 

„Storyboards“ der Erinnerung. Eine empirische Fallstudie zu Geschichtsbildern und ästhetischer Wahrnehmung beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Till Hilmar, new academic press, Wien 2014

 

In seiner 2014 publizierten Diplomarbeit beschäftigt sich Till Hilmar empirisch mit der visuellen Wahrnehmung der ehemaligen Lager Auschwitz I und Birkenau. Nachvollzogen anhand der Bildproduktion und Motivwahl von BesucherInnen während des Gedenkstättenbesuchs wird diese zum zentralen Analysefeld der Wirkmächtigkeit und Bezugsfähigkeit ‚kollektiver‘, medialisierter ‚Geschichtsbilder‘. In ihrer Aktualisierung und Reproduktion im individuellen fotografischen Umgang mit dem Ort, den die Studie vornehmlich anhand von Besuchserfahrungen im Rahmen von Studienfahrten des Vereins GEDENKDIENST abbildet, funktionieren sie laut Hilmar ordnend für „bildlich zugespitzte, narrative Verstehensmuster von Geschichte und Erinnerung“ (S. 11).

 

Diese Ausgangslage lässt bereits den kulturwissenschaftlichen Fragehorizont zu ‚Gedächtnis‘, Erinnerung und Geschichte der NS-Verbrechen vermuten, den Hilmar im theoretischen Teil seiner Arbeit aufmacht. Verknüpft mit Ansätzen aus der politischen Kulturforschung und der Wissenssoziologie begründet und reflektiert er so sein methodisches Vorgehen. Dessen Stärke liegt vor allem im Bemühen, die vorausgesetzten sozialen Orientierungsprinzipien der Auseinandersetzung mit historischen Inhalten tatsächlich nachzuzeichnen, in diesem Fall im Bezug auf die Verhandlung von erinnernden Aneignungspraxen, namentlich der konkreten Bildproduktion am historischen Ort. Das Forschungsdesign einer aufeinander folgenden Beobachtung des Gedenkstättenbesuchs, der Aufzeichnung einer Gruppendiskussion über dortiges ‚Fotografieverhalten‘ und der individuellen Befragung einzelner TeilnehmerInnen zu ausgewählten Produkten ihrer fotografischen Annäherung bildet diese Herangehensweise ab.

 

Nicht alle anhand der Interpretation des empirischen Materials gewonnenen Kategorisierungen der Funktionen von Fotografie (S. 130-139) und der „kollektive[n] und dominante[n] Bildgenres vor Ort“ (S. 154-170) müssen im Detail überzeugen, um die Stichhaltigkeit der namensgebenden Konzeptualisierung von BesucherInnenfotografien als ‚Storyboards‘ wahrzunehmen – dieser aus der Filmproduktion entlehnte Begriff bezeichnet bildliche Vorlagen für Schlüsselrollen, die Regieanweisungen schon vor der filmischen Umsetzung visualisieren (S. 180). Die (ästhetische) Rückversicherung über und Festschreibung von bereits mitgebrachten, zumeist abstrakten und universalisierten Deutungsmustern, auf die Hilmar in seiner Analyse fokussiert, umreißt zentrale – und auch in der BesucherInnenforschung bereits aufgeworfene – Problematiken der zeitgenössischen ‚Erinnerungskultur‘ an Gedenkstätten: Wenn gewisse „Bildgenres [...] den Umgang mit dem Ort nicht nur prägen, sondern auch ermöglichen, weil sie die Erfahrungen am Ort strukturieren“ (S. 184) stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten historischen Erkenntnisgewinns gängige Darstellungskonventionen überhaupt zur Verfügung stellen – und wie ein (visueller) Eingriff ins ‚Skript‘ von Seiten der Gedenkstättenpädagogik aussehen könnte (S. 186-188).

 

Magdalena Rest