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Ausgabe 4/14


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Ohne Ansehen der Fluchtgründe. Österreichs erstes Deserteursdenkmal steht in Wien

Am 24. Oktober 2014 wurde mit einem Staatsakt am Wiener Ballhausplatz das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz eröffnet. Die Inauguration markiert einen Meilenstein auf dem Weg zu einer vollständigen gesellschaftlichen Rehabilitierung von Deserteuren und anderen ungehorsamen Soldaten. Gegen sie verhängten Wehrmachtgerichte während des Krieges über 30.000 Todesurteile, davon schätzungsweise 2.500 gegen ÖsterreicherInnen.1

 

Auf der Einweihung sprachen unter anderen Bundespräsident Heinz Fischer, Bundesminister Josef Ostermayer sowie der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, was den staatspolitischen Stellenwert des Anlasses verdeutlicht.2 Medial sorgte die Eröffnung auch international für großes Interesse.3 Besonders beeindruckt hat die BerichterstatterInnen dabei offenbar die Äußerung von Trauer wie auch die Bitte um Verzeihung für die fast 60-jährige Weigerung Österreichs, die Leiden und Leistungen der Verfolgten anzuerkennen. Das Denkmal am Ballhausplatz bringt nun gewissermaßen auf die Straße, was der Nationalrat in seinem Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz im Jahre 2009 formell beschossen hat: Die Deserteure und andere Verfolgte der Wehrmachtjustiz politisch, juristisch und damit auch symbolisch als NS-Opfer anzuerkennen – und zwar ohne Betrachtung der Motive, die den jeweiligen Verweigerungshandlungen zugrunde lagen.

 

Die ersten Kapitel im Buch der Rehabilitierung

 

Am Anfang stand zunächst die Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen. Diese fehlten 55 Jahre nach Kriegsende noch nahezu völlig.4 Die Initiative zur Erforschung der NS-Militärjustiz ging im Jahr 1998 von einer Gruppe Studierender an der Universität Wien aus. Dann ging alles sehr schnell. Mit Unterstützung von Walter Manoschek, der das Seminar leitete, gelang es bereits im Jahr darauf eine Entschließung des Nationalrats zu erreichen, das noch unerschlossene Feld zu erforschen. Nach einem Gesetzesantrag der Grünen 2002 beschloss der Nationalrat drei Jahre später – auf Grundlage des 2003 vorgelegten Forschungsberichts – ein erstes NS-Aufhebungsgesetz, das zwar eine sozialrechtliche Gleichstellung der Deserteure mit anderen Opfern des Nationalsozialismus bedeutete, allerdings noch nicht die pauschale Rehabilitierung brachte.5 Hier schaffte erst das bereits erwähnte Gesetz von 2009 endgültig Abhilfe. Die Verabschiedung erfolgte unter dem unmittelbaren Eindruck der am 1. September 2009 im Wiener Nestroyhof eröffneten Wanderausstellung Was damals Recht war... – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht. Veranstalter war das Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz.

 

Daneben sind aber auch zivilgesellschaftliche Interventionen zu nennen, die den Weg zum Deserteursdenkmal ebneten, wie etwa politische Aktionen einer Gruppe um die ehemalige Grüne Gemeinderätin Friedrun Huemer,6 die Errichtung temporärer Denkmäler durch die Arge Wehrdienstverweigerung und die Wiener Künstlerin (und spätere Grünen Abgeordnete zum Nationalrat) Tanja Windbüchler sowie später auch des AK Denkmalpflege am Heldenplatz.

 

Die Entscheidung für das Denkmal in Wien

 

Im Dezember 2010 kam dann als folgerichtiger nächster Schritt die Entscheidung für das österreichweit erste Deserteursdenkmal durch die rot-grüne Wiener Stadtregierung. Ein Jahr später konstituierte sich in der MA 7 (Kultur) ein Gremium, das die Grundlagen für das Denkmalprojekt erarbeiten sollte. Es ging um die inhaltlichen Eckpunkte in Form eines mission statements, die Auswahl des Denkmalstandortes und Ideen für die erforderliche Vermittlungsarbeit nach Eröffnung. Nach der raschen Verabschiedung des mission statements waren die kommenden Monate geprägt von zähen Auseinandersetzungen um die zentrale Frage, wo das Denkmal künftig stehen sollte. Die Debatte überschnitt sich mit derjenigen über die Zukunft des Gedenkens im Österreichischen Heldendenkmal im Äußeren Burgtor, angestoßen durch den Grünen Bildungssprecher Harald Walser. Dieser hatte darauf aufmerksam gemacht, dass in den Gedenkbüchern in der Krypta auch Mördern und Kriegsverbrechern ein ehrendes Andenken bereitet wurde.7

 

Die Standortfrage

 

In Sachen Deserteursdenkmal hatte sich das Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz zunächst vehement für den Heldenplatz als einzig angemessenen Standort ausgesprochen.8 Nachdem deutlich wurde, dass diese Standortwahl allein aus formalen Gründen eine ‚Hängepartie‘ werden musste, brachte das Personenkomitee den Ballhausplatz ins Spiel.9 Unmittelbar an den Heldenplatz angrenzend und im Besitz der Stadt Wien vereinigte er viele Vorteile auf sich und erfüllte damit alle zuvor definierten Kriterien (Zentralität des Ortes, seine historische Bedeutung sowie die Angemessenheit hinsichtlich den Erfordernissen an einen Gedenkort): die politische Bedeutung des Ortes für das österreichische Militär verschiedener historischer Epochen und die Nähe vor allem zu ‚Heldendenkmal‘ und Weiheraum.

 

Nach der Prüfung von zunächst dreizehn in Frage kommenden Orten erfolgte im Frühjahr 2012 die Reduktion auf fünf (Heldenplatz, Ballhausplatz, Julius-Raab-Platz, Grete Rehor Park, Rossauer Lände), später auf drei (Heldenplatz, Ballhausplatz, Grete Rehor Park). Obwohl schon im Frühjahr 2012 alle Fakten auf dem Tisch lagen und aufgrund der inhaltlichen Argumente fast alles für den Ballhausplatz sprach, schien der Entscheidungsprozess ins Stocken geraten zu sein. Erst im Oktober sah sich das Stadtratsbüro offenbar gedrängt, dem Ballhausplatz zuzustimmen. Mit Entscheidend dürfte dabei das intensive Lobbying des Personenkomitees mit Unterstützung der Wiener sowie der Bundes-Grünen gewesen sein, sekundiert durch die Medien. Hier zeichnete sich bald eine breite Allianz unterschiedlicher AkteurInnen für den Ballhausplatz ab.10 Wichtig war in diesem Zusammenhang wohl auch der große Empfang für Richard Wadani, Ehrenobmann des Personenkomitees, anlässlich seines 90. Geburtstages im Wiener Rathaus. Bürgermeister Häupl verneigte sich auf der Veranstaltung vor dessen Lebensleistung und sendete so ein wichtiges Signal hinsichtlich des vom Personenkomitee stark vertretenen Standorts am Ballhausplatz.

 

Ein weiterer wichtiger Baustein dürfte auch die Anmeldung der alljährlichen Gedenkveranstaltung des Personenkomitees (seit 2002 auf dem ehemaligen Gelände des Militärschießplatzes in Wien-Kagran) am 26. Oktober 2012 am Ballhausplatz gewesen sein. Sie trug die Unterschrift des damaligen Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofes Clemens Jabloner, der Direktorin der Akademie der Bildenden Künste, Eva Blimlinger, des langjährigen SP-Abgeordneten zum Nationalrat und zum EU-Parlament Albrecht Konecny, des ehemaligen Bundessprechers der Grünen Alexander Van der Bellen sowie von Johannes Jarolim, Justizssprecher der SP im Nationalrat. Zwar erfolgte eine Absage, offiziell aufgrund der Platznot am Tag der Leistungsschau des Bundesheeres, die Anfrage dürfte den EntscheidungsträgerInnen jedoch deutlich gemacht haben, wie breit und auch wie namhaft die Unterstützung für den Ballhausplatz geworden war.11

 

Ein X am Ballhausplatz

 

Nach der Verkündung des Standortes durch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Grünen-Klubchef David Ellen sohn, der sich auf Seiten des kleineren Koalitionspartners an erster Stelle für das Denkmalprojekt eingesetzt hatte, organisierte die städtische KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) einen KünstlerInnenwettbewerb. Trotz eines vergleichsweise kleinen Gesamtbudgets von 295.000 Euro konnte schließlich das wohl beste Projekt umgesetzt werden. Der X-förmige Sockel des Berliner Künstlers Olaf Nicolai, auf dem der Schriftzug All Alone aufgebracht wurde, überzeugte sowohl durch seine klare Formensprache als auch durch die inhaltliche Botschaft, die die existenzielle Situation der Deserteure (nicht nur) des Zweiten Weltkrieges auf den Punkt brachte.

 

Trotz der auf den Weg gebrachten historischen Forschungen und Publikationen der letzten eineinhalb Jahrzehnte bleibt noch viel zu tun. So steht eine umfassende Darstellung des Denkmalsprozesses ebenso aus wie eine grundlegende historisch-politische Auseinandersetzung mit dem Gedenken an ungehorsame Soldaten nach Kriegsende. Zudem wird es im Laufe der nächsten Monate darauf ankommen, PassantInnen und Interessierten das Denkmal nahe zu bringen. Wichtig sind die historischen Zusammenhänge: Woran wird erinnert? Warum steht das Denkmal an dem Standort? Eine Homepage (www.deserteursdenkmal.at) ist bereits online, weitere umfassende Maßnahmen zur Vermittlung, Forschung und Dokumentation werden im Laufe der nächsten zwei bis drei Jahren folgen.

 

Magnus Koch

Historiker und Ausstellungsmacher; hat das Denkmalprojekt am Ballhausplatz im Auftrag der Stadt Wien inhaltlich-wissenschaftlich beraten.

 

Fußnoten

 

1 Vgl. Maria Fritsche, Entziehungen. Österreichische Deserteure und Selbstverstümmler in der Deutschen Wehrmacht, Wien 2004, 25.

2 Daneben waren mit Beiträgen vertreten: Der Wehrmachtsdeserteur und Ehrenobmann des Personenkomitees Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz Richard Wadani, der Klubchef der Wiener Grünen David Ellensohn, Walter Manoschek, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien, die Autorin Kathrin Röggla sowie für die Kunst im öffentlichen Raum GmbH (KÖR) deren Geschäftsführerin Martina Taig.

3 Vgl. ausführliche Dokumentation unter www.pk-deserteure.at/wordpress/category/presse/ (20.11.2014).

4 Erste vereinzelte Berichte zumeist über Deserteure finden sich bereits in den 1980er Jahren. Vgl. u.a. Meinrad Pichler, Widerstand und Widersetzlichkeit in der Wehrmacht, in: Johann-August-Malin-Gesellschaft, Hg., Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1939-1945, Bregenz 1985, 143-152. Weiterführende Debatten blieben allerdings aus.

5 Vgl. Walter Manoschek, Österreichische Opfer der NS-Militärjustiz. Auf dem langen Weg zur Rehabilitierung, in: Thomas Geldmacher u.a., Hg., „Da machen wir nicht mehr mit“. Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht, Wien 2010, 31-49. Bzgl. der unmittelbaren Vorgeschichte des 2009er Gesetzes: Hannes Metzler, Folgen einer Ausstellung. Die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure in Österreich, in: Ebd., 50-62.

6 Vgl. www.malmoe.org/preview/artikel/widersprechen/1107/1 (20.11.2014).

7 Vgl. Harald Walser, Die Krypta am Heldenplatz – ein Ort staatlicher Peinlichkeit, in: Die Presse vom 30. April 2013.

8 Ausführlich zu den inhaltlichen Argumenten für den Standort Ballhausplatz: Vgl. Magnus Koch, Deserteure vor dem Kanzleramt, in: Zeitung GEDENKDIENST 1/2013, 4.

9 Hier sind vor allem die vielen am Entscheidungsprozess beteiligten Anlieger und Institutionen zu nennen, die dem Denkmalprojekt wohl nicht alle mit Sympathie begegnet wären. Vgl. demgegenüber den ungemein raschen Entscheidungsprozess beim Denkmal der Exekutive, nachzulesen in: Kuratorium sicheres Österreich, Hg., Gedenkbuch der österreichischen Gendarmerie und Polizei, anlässlich der Enthüllung und Segnung des Denkmals der österreichischen Sicherheitsexekutive auf dem Wiener Heldenplatz am 3. Juni 2002, Wien 2002.

10 Vgl. Richard Wadani, Ich glaube, die wollen kein Denkmal, In: Standard vom 30. September 2012; Peter Daser, Standortsuche für das Deserteursdenkmal, in: Radio Ö1 vom 28. September 2012.

11 Vgl. dazu auch die Wortspendenkampagne auf der Homepage des Personenkomitees unter www.pk-deserteure.at.