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Ausgabe 4/14


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Das Denkmal der deutschen Besatzung in Budapest und zivilgesellschaftliche Interventionen. Auseinandersetzung um ungarische Geschichtspolitik zwischen Trianon, Horthy und Holocaust

In Ungarn lassen sich seit der Fidesz-Regierung Veränderungen in der Geschichts- und Erinnerungspolitik erkennen. Die Soziologin Éva Kovács analysiert in diesem Interview nicht nur die Konstruktion von Geschichtsbildern durch die Regierung, sondern berichtet auch über die Thematisierung vernachlässigter Perspektiven zivilgesellschaftlicher Projekte.

 

GEDENKDIENST: Wenn man die Statements der aktuellen Fidesz-Regierung von Viktor Orbán verfolgt, scheint Geschichte ein wichtiges Mittel der Politik zu sein. Ist ihrer Ansicht nach ein Wandel dieser Erinnerungspolitik im Vergleich zur ersten Orbán-Regierung von 1998 bis 2002 festzustellen?

 

Kovács: Ja, so ein Wandel ist zu konstantieren. Von Anfang an war es der Orbán-Regierung und auch den Konservativen wichtig, Geschichte zur Stärkung einer sozialen und nationalen Identität zu instrumentalisieren. In der ersten Regierungsperiode beruhte diese Identitätsbildung jedoch deutlich stärker auf der Symbolik des nationalen Heldentums und des Golden age [gemeint ist das 19. Jahrhundert in Ungarn, Anm. d. Red.]. Auch wurde die Erinnerung an das Horthy-Regime in der Zwischenkriegszeit wiederbelebt und es entstand eine regelrechte Horthy-Nostalgie. Auf den offiziellen Millenniumsfeiern (2000) wurde die Bedeutung der tausendjährigen christlichen Geschichte Ungarns hervorgehoben und rückte somit in den Vordergrund. So wurde die Stephanskrone des ehemaligen Königsreichs Ungarn vom Ungarischen Nationalmuseum [Magyar Nemzeti Múzeum, Anm. d. Red.] in den Kuppelraum des ungarisches Parlaments gebracht und wird seither dort verwahrt. Ich halte es für eine gefährliche Entwicklung, aber im Vergleich zu heute war die Selbstviktimisierung weniger ausgeprägt und die Opferrolle Ungarns wurde nicht so stark betont. Mit der Eröffnung des Haus des Terrors [Terror Háza Múzeum, Anm. d. Red.] 2002 begann die Institutionalisierung/Musealisierung der doppelte Opferrolle: Ungarn wird sowohl als Opfer des Nationalsozialismus, als auch des Kommunismus stilisiert. Damals stand der Versuch im Vordergrund, ein Branding zu finden, mit dem die Regierung versuchte, sich mittels dieser tausendjährigen christlichen Geschichte als europäischer Staat zu präsentieren.

 

GEDENKDIENST: Welche neuen Momente sind nun mit der seit 2010 im Amt befindlichen Orbán-Regierung hinzugekommen? Hat sich dieser Bezug auf die Vergangenheit geändert?

 

Kovács: In der zweiten Periode der Orbán-Regierung 2010–2014 gab es einige einschneidende Zäsuren. Es wurde das ungarische Grundgesetz erlassen und der Fokus der Identitätsbildung wurde auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, vor allem auf die Zwischenkriegszeit und den Friedensvertrag von Trianon, gelegt. Ab 1990 wurde Trianon in rechtsradikalen Kreisen sehr laut als Propagandamittel verwendet; die Regierung spielte diese Karte nur sehr vorsichtig aus. Der Bezugspunkt veränderte sich nach 2010 insofern, als Trianon nicht mehr nur von den Rechtsradikalen thematisiert wurde, sondern in den Mainstream der Geschichtspolitik rückte. Die geschichtlichen Bezüge wurden als Dreieck konstruiert, indem Ungarn als Opfer des Nationalsozialismus, der Pariser Friedensverträge und des Kommunismus fungiert. Interessant ist, dass die Kombination von Antidemokratismus und Antisemitismus, gegen westliche Länder gerichtete Ideologie oder die skeptische Attitüde dem Modernismus gegenüber bis zu diesem Zeitpunkt nur von der Horthy-Regierung vertreten wurde. Jetzt wird diese Kombination in Schlagwörtern und Slogans, aber auch die Materialisierung der Ideologie, die man an Denkmälern sieht, sichtbar. Früher war dies nur in der Zwischenkriegszeit präsent – in der sogenannten revisionistischen Propaganda. Die aktuelle Regierung spielt mit diesen Elementen und dies zeigt sich auch in Ritualen oder auch in der politischen Positionierung der Persönlichkeit Orbáns. Orbán würde gerne seinen Amtsitz in den Burgpalast in Budapest verlegen. All dies zeigt, dass das Horthy-Regime sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft eine große Attraktivität hat.

 

Sehen Sie einen Unterschied in der Vertiefung der Horthy-Nostalgie, die ganz bewusst geschaffen und als Propagandamittel eingesetzt wurde?

 

Ja, und dass sich ein komplexeres Wertesystem entwickelt hat. In der ersten Orbán-Regierung wurden einzelne Begriff wiederverwendet, um einen Platz im politischen Spektrum zu besetzen. Und jetzt ist es ein ideologisches System, das sich auf die Zwischenkriegszeit stützt. Es ist interessant, dass dieses System in der Zwischenkriegszeit schon so ausgebaut wurde, dass es sehr leicht ist, es wieder aufzunehmen und zu reaktualisieren. In diesem Sinn ist es eine Art von Recycling, das aber sehr erfolgreich ist – auch wenn es sich um eine sehr überholte und gar nicht zeitgenössische Sprache handelt.

 

2014 wurde in vielen europäischen Staaten als Gedenkjahr begangen. Was wurde in Ungarn geschichtspolitisch im Zusammenhang mit dem Erstem Weltkrieg thematisiert?

 

Im Gedenkjahr 2014 wurde in Ungarn der Beginn des Ersten Weltkriegs kaum thematisiert. Es gab zwar interessante Tagungen, aber keine Re-Kanonisierung der historischen und ästhetischen bekannten Repräsentationen des Ersten Weltkriegs. 2014 war in Ungarn das 70. Gedenkjahr des Holocaust. Dieses Jahr – wie man es in den österreichischen Medien regelmäßig folgen konnte – war voll mit politischen Skandalen und peinlichen Diskussionen über die Rolle Ungarns in den Deportationen und der Vernichtung der ungarischen Juden. Endlich, trotz aller Diskussion ist nicht sehr viel geschehen: das geplante Haus des Schicksals ist immer noch nicht umgesetzt und das Besatzungsdenkmal wurde nie offiziell enthüllt.

 

Wie wurde über den Holocaust gesprochen? Können Sie hier Verschiebungen feststellen?

 

Was für mich in diesem Jahr sehr interessant und trotz allen schmerzhaften Kontroversen sehr faszinierend war, dass es noch immer eine Art kommunikatives Gedächtnis gibt, nämlich in der zweiten oder dritten Generation der Überlebenden. Sie wurden aufgrund der heftigen Diskussionen über den Holocaust reaktiviert. Es gibt zum Beispiel eine Facebook-Gruppe mit dem Namen A Holokauszt és a családom (Holocaust und meine Familie, https://www.facebook.com/groups/holokauszt.csaladom/). Seit einem Jahr schreiben hunderte von Personen die Geschichten ihrer Familien und illustrieren diese mit Bildern. Im Sommer gab es sogar Theateraufführungen, die sich darauf bezogen. Als Soziologin ist es für mich sehr spannend, dass Familien, in denen nie über den Holocaust gesprochen wurde, Facebook und Social Media als Kommunikationsformen nutzen, in denen sie sich erinnern können. Dort finden sie auch parallele Geschichten von Bekannten oder Verwandten. Das finde ich sehr interessant, da das eine echte Erinnerungsperformance ist.

 

Hat sich diese Auseinandersetzung über soziale Medien auch in den öffentlichen Raum vor allem in Budapest übertragen?

 

Ja, am Szabadság tér (Platz der Freiheit) wurde neben dem und gegen das Besatzungsdenkmal ein informelles Gegendenkmal Eleven emlékmű (Lebendiges Denkmal) errichtet. MitbürgerInnen brachten kleine Objekte mit, mit denen sie an den Holocaust erinnert haben. Es werden seit einem Jahr regelmäßig eine Art Performance oder Diskussionen veranstaltet. Bis heute gibt es wöchentliche Diskussionsabende. Es ist eine aktive Erinnerungsform, die ganz friedlich ist. Ich denke, wir haben dadurch ein aktives Denkmal in Szabadság Platz, durch das etwas kommuniziert wird und es eine Authentizität gibt, mit der die Beteiligten an etwas erinnern möchten.

 

Gibt es weitere Beispiele, in denen Social Media eine so wichtige Rolle für Erinnerungskultur spielen?

 

Eine andere sehr wichtige zivilgesellschaftliche Intervention war die Csillagos házak 1944–2014 (Gelbe-Sterne-Häuser 1914–2014, www.yellowstarhouses.org). Ursprünglich gab es die 100-évesházak-Initiative (100-jährigen Häuser), in der das Open Society Archive die Budapester BewohnerInnen sensibilisieren wollte. Also hat man mit den heutigen BewohnerInnen eine sogenannte 100-Jahre-Zeremonie veranstaltet, bei denen der 100-jährige Geburtstag eines Hauses gefeiert wurde. Dieses Projekt wurde weiterentwickelt und mit den Csillagos házak 1944–2014 sollte auf die sogenannten Schutzhäuser der jüdischen Bevölkerung in den Jahren 1944 und 1945 aufmerksam gemacht werden. Eine Gruppe von AktivistInnen organisierten am 21. Juni 2014, am Tag des Beginns der Ghettoisierung in Budapest, verschiedene erinnerungspolitische Veranstaltungen. Daran haben tausende Menschen mitgewirkt. Anhand dieser Bespiele wird deutlich, dass unabhängig von der Erinnerungspolitik der Orbán-Regierung ein soziales Potential innerhalb der Gesellschaft vorhanden ist.

 

Das ist mir neu, davon bekommt man zumindest in den deutschsprachigen Medien nicht so viel mit.

 

Ich erzähle es oft, da diese intime, private und sehr schöne Seite meist nicht wahrgenommen wird – vor allem wenn man kein Ungarisch spricht.

 

Ist das eine neue Form der Erinnerung?

 

Ich denke schon, und auch eine neue Form von Zivilgesellschaft.

 

Kamen, Ihrer Meinung nach, solche neuen Formen von Erinnerung auch aufgrund des Besatzungsdenkmals zustande, bei dem Kritikpunkte weitgehend ignoriert wurden und die Regierung sich durchgesetzt hat?

 

Ich denke, dass man einerseits von einer neuen Erinnerungsform sprechen kann und andererseits ist es wichtig zu wissen, dass sich auch Kritik gegen das Denkmal artikuliert hat, auch wenn Einwände ignoriert wurden. GegnerInnen des Denkmals haben vor der Errichtung dagegen demonstriert und sie waren auch dort, als es errichtet wurde, und wurden mit der Polizei konfrontiert. Es ist interessant, dass diese offensive Haltung nicht so mobilisierend war, aber Kontinuitäten im sozialen Gedächtnis festzustellen sind. Es hat eine Bühne entwickelt – bei dem lebendigen Denkmal. Es gibt dort künstlerische Ausstellungen, es wird viel über Rechtsradikalismus diskutiert und es gibt auch literarische Diskussionen, etwa Slam-Poetry. Es entstanden also ganz unterschiedliche Formen der Erinnerung und des politischen Aktivismus.

 

Es war interessant zu beobachten, dass es Konflikte und öffentliche Auseinandersetzungen gab, die dann aber abflauten und sich still in die jetzige Situation transformieren.

 

Ja, das stimmt. Die AktivistInnen konnten leider die Gesellschaft nicht mobilisieren und auch leider nichts gegen die Errichtung dieses Denkmals ausrichten, trotzdem bleiben sie hier. Sie haben gemerkt, dass sie zu wenige Personen sind und nur innerhalb ihrer Subkultur Zuspruch fanden. Aber dieses Auseinandersetzung ist wichtig und in einigen Bereichen findet sie bereits statt. Junge SchriftstellerInnen haben vermehrt über historische Themen geschrieben, in denen auch das 20. Jahrhundert thematisiert wurde. Die Publikationen ließen sich durchaus gut verkaufen und über die Themen wurden in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Für mich hat die derzeitige Situation in Ungarn zwei Seiten der Medaille: Einerseits finde ich es furchtbar zu sehen, was sich politische in Ungarn verändert und welche Maßnahmen die Orbán-Regierung setzt, wie etwa mit dem Besatzungsdenkmal. Andererseits merke ich, dass sich die Gesellschaft wandelt und pulsiert.

 

Wir haben jetzt schon viel über das Denkmal gesprochen. Wo sehen Sie die Kernpunkte der Kritik an diesem? Wieso glauben Sie, dass die Regierung es errichten ließ, obwohl es nicht nur international, sondern auch innerhalb Ungarns Kritik daran gab. Welche Interessen hatte die Regierung, es dennoch durchzusetzen?

 

Meiner Meinung nach liegt die Antwort in einer von der Orbán-Regierung extremen Auslegung der Horthy-Nostalgie. Orbán war seit längerem auf der Suche nach einem Vorbild aus ungarischen historischen Figuren. Obwohl es in der ungarischen Geschichte auch andere ,attraktive‘ Persönlichkeiten (von István Bethlen bis Pál Teleki) gab, entschied sich Orbán jedoch für Miklós Horthy.

 

Im neuen Grundgesetz wird es ganz deutlich, dass sich die Orbán Regierung mit der ungarischen Verantwortung im Holocaust nicht konfrontieren will. Laut dem neuen Grundgesetz hat Ungarn seine Souveränität mit der deutschen Besatzung von 19. März 1944 verloren. Wenn das Grundgesetz anders formuliert worden wäre, dann müsste auch eine ganz neue Diskussion auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene geführt werden: Warum ist Ungarn seit der Zwischenkriegszeit so klein? Was passierte 1920 mit dem Friedensvertrag von Trianon und welche Diskussion gab es bereits davor? Was heißt von Ungarn als Nationalstaat zu sprechen? Was für eine Rolle hat der ungarische Staat nach dem 11. März 1944 in der Deportationen der jüdischen MitbürgerInnen gespielt? Wenn man die Intentionen für das Denkmal historisch identifiziert, so beruft es sich auf einen homogenen und christlich orientierten Nationalstaat, der mit Antisemitismus und Nationalsozialismus nichts zu tun hat. Wenn die Regierung so eine Agenda hat, dann muss dieses Denkmal natürlich verwirklicht werden. Ganz egal, was Angela Merkel oder das internationale Publikum dazu sagt. Wenn die Regierung das Denkmal nicht errichtet hätte, könnte es bedeuten, dass das Grundgesetz falsch ist. Genau hier liegt das Problem: Das Besatzungsdenkmal symbolisiert das Grundgesetz. Meiner Meinung nach war sich die Regierung über die Kritikpunkt bewusst, doch wenn sie es entfernt hätten, wäre eine Diskussion über das Grundgesetz entstanden. Das wäre aber ein deutlicher Geschichtsverlust der Regierung.

 

Eine abschließende Frage habe ich noch: Wie meinen Sie, wird es unter diesen Bedingungen mit dem Haus des Schicksals weitergehen?

 

Aus österreicher Perspektive ist es wichtig zu sehen, dass es in Ungarn eine ziemlich große jüdische Community gibt, die im letzten Jahr politisch sehr aktiv wurde. Betrachtet man die Diskussion über das Haus des Schicksals, so zeigt sich, dass die verschiedenen AkteurInnen in der Diskussion geschichtspolitischer Fragen sehr involviert teilnehmen. Und das macht die Auseinandersetzung spannend und – glücklicherweise – schwer prognostizierbar: Heute sieht es so aus, dass das Gebäude doch nicht als Haus des Schicksals eröffnet wird, sondern unter der Kuratierung unter anderem der jüdischen Gemeinde als ein neues Holocaustmuseum verwirklichen wird. Momentan könnte man sich wieder durchaus vorstellen, dass ein völlig neues innovatives Konzept entstehen wird.

 

Das Interview führte Jutta Fuchshuber im Jänner 2015 unter redaktioneller Mitarbeit von Roman Birke, Lukas Dünser und Regina Fritz.

 

Éva Kovács, 1964 geboren, ist Soziologin, Leiterin des Lehrstuhls für Methodologie und Forschungsgeschichte am Institut für Soziologie an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, seit 2012 Forschungskoordinatorin am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI); ihre Forschungsschwerpunkte sind: Geschichte des Holocaust in Osteuropa, Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, jüdische Identität in Ungarn und der Slowakei.