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Ausgabe 4/14


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Post aus...Jerusalem

Jerusalem, Ende Oktober 2014


Du gehst jetzt wirklich nach Israel? Bei der Lage?, das war die Reaktion Vieler als ich vor mittlerweile 2,5 Monaten meine Reise in Richtung Jerusalem antrat. Ab ins neue Leben, plötzlich erwachsen im Brennpunkt des Nahostkonflikts. Aber schon nach meinen ersten zwei Wochen vor Ort war mir klar, dass selbstständige Leben tausende Kilometer von Zuhause entfernt ist gar nicht so schwer und das Aufeinanderprallen verschiedenster Kulturen habe ich vor allem als eine ungemeine Bereicherung erlebt. Jeden Tag trifft man neue Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen, Meinungen, Narrativen und das in einem Land, das flächenmäßig nicht einmal ein Drittel der Größe Österreichs ausmacht.

 

An meiner Arbeitsstelle Yad Vashem wurde ich sehr herzlich empfangen. Die Gedenkdienstleistenden werden hier geschätzt und genießen großes Ansehen aufgrund ihrer Tätigkeit. Meine KollegInnen und mein Vorgänger führten mich mit großem Engagement in meine Arbeit ein, sodass ich bereits nach wenigen Tagen die ersten selbstständigen Arbeiten übernehmen konnte. Im Laufe der Zeit haben sich meine Tätigkeitsfelder immer wieder erweitert und ich kam in Kontakt mit verschiedenen abwechslungsreichen und interessanten Arbeiten.

 

Hauptsächlich arbeite ich für jene Archivabteilung, die sich mit deutschsprachigen Dokumenten beschäftigt. Dort bin ich gerade mit dem Projekt Pinkas Kehilot Austria beschäftigt. Hier geht es um Dokumente, wie zum Beispiel ZeitzeugInnenberichte, Briefe, Tagebücher, die von dem leider bereits verstorbenen Dr. Herbert Rosenkranz in den 1980er-Jahren für Yad Vashem gesammelt wurden. Ziel des Projekts ist es, alle jüdischen Gemeinden in Österreich, die es vor dem Holocaust gab, zu dokumentieren. Meine Tätigkeit umfasst das Zusammenfassen und Katalogisieren der Dokumente in deutscher Sprache in einem System namens SAPIR. Damit soll der Grundstein für weitere Forschungen gelegt werden.

 

Ein anderes Tätigkeitsfeld ist die Arbeit in der Digitalisierungsabteilung, wo ich Originaldokumente für das digitale Archiv fotografiere. Die dritte regelmäßige Tätigkeit ist das Aushelfen im Lesesaal der Forschungsabteilung und Bibliothek, wo es vor allem Überlebenden, Familien von Opfern oder auch WissenschafterInnen bei ihren Recherchen behilflich bin und auch kurze Übersetzungsarbeiten durchführen.

 

Ein weiterer sehr spannender Aspekt an einem Gedenkdienst in Yad Vashem, ist die Möglichkeit am Programm der International School for Holocaust Studies teilnehmen zu können. Das Programm bietet die Möglichkeit Einblicke und eine Erweiterung des Wissens über verschiedenste Aspekte des Holocaust zu erlangen. Zudem sind Gedenkdienstleistende mit großer Wahrscheinlichkeit bei einem oder mehreren offizielle Besuchen aus Österreich zugegen und nehmen an deren Programm teil. Ich war beim Staatsbesuch von Sozialminister Rudolf Hundstorfer im November 2014 dabei.

 

Alles in Allem kann ich sagen, dass meine Zeit als Gedenkdienstleistender hier jetzt schon die erfahrungsreichste und spannendste Zeit meines bisherigen Lebens ist und ich den verbleibenden zehn Monaten mit großer Vorfreude entgegenblicke.

 

Ari Marhali

leistet derzeit Gedenkdienst in Yad Vashem in Jerusalem.