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Ausgabe 4/14


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vor.gelesen | Rezensionen

Heimat/Front. Geschlechtergeschichte/n des Ersten Weltkriegs in Österreich-Ungarn

Christa Hämmerle, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2014

 

In ihrem 2014 erschienenen Buch beschäftigt sich Christa Hämmerle mit dem Ersten Weltkrieg in Österreich-Ungarn. Die Kategorie Geschlecht steht im Zentrum ihrer Analyse. Dabei geht es ihr sowohl um die Dekonstruktion geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen als auch um die Hinterfragung der Eindeutigkeit von als weiblich und männlich konnotierten Räumen. Um die gesellschaftlichen Auswirkungen des Krieges angemessen begreifen zu können, plädiert sie für eine Aufhebung der Dichotomie zwischen ‚Front‘ und ‚Heimat‘.

 

Das Buch basiert auf bereits von Hämmerle publizierten Beiträgen und ist in sieben Kapitel gegliedert. Anhand des Beispiels des Einsatzes von Krankenschwestern in der Nähe von Kampfschauplätzen verdeutlicht Hämmerle im ersten Kapitel, dass sich die Idee scheinbar getrennter Sphären von Frauen und Männern, ob der veränderten Anforderungen des Krieges, nicht realisieren ließ. Viele Frauen waren durch frontlinenursing direkt mit den Auswirkungen moderner Massenkriege konfrontiert. Durch die Analyse von Feldpostbriefen im zweiten Kapitel zeigt Hämmerle weitere Verflechtungen zwischen ‚Front‘ und ‚Heimat‘ auf und diskutiert die durch den Krieg veränderten Verhältnisse zwischen Frauen und Männern. In den drei folgenden Kapiteln beschäftigt sich Hämmerle mit der Bedeutung der Textilarbeit – sowohl bezahlt in Näh- oder Strickstuben als auch unbezahlt in Schulen oder im Haushalt. Dabei wird deutlich, dass Frauenorganisationen, wie die Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs oder der Bund Österreichischer Frauenvereine, unmittelbar mit Kriegsbeginn versuchten durch Textilarbeiten Unterstützung für das ‚Vaterland‘ zu organisieren und somit zu einem Teil der Kriegsmobilisierung wurden. Abschließend folgen zwei Kapitel, die theoretische Konzepte in den Blick nehmen. Anhand des literarischen OEuvres von Fritz Weber fragt Hämmerle nach hegemonialen Männlichkeitskonstruktionen im Krieg und plädiert dafür, jene historischen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen, die von einer Krise der Männlichkeit in der Ersten Republik ausgehen.

 

Auch wenn den Kapiteln eine gemeinsame Einleitung vorangestellt wurde, hätte der Band von einer besseren Abstimmung der einzelnen Beiträge profitiert. Hin und wieder kommt es zu Wiederholungen (so wird etwa ein Zitat des Schriftstellers Fritz Weber sowohl auf S. 173 als auch S. 183 gleichlautend verwendet) und zum Teil sind Übergänge sehr abrupt. Ebenso hätten gemeinsame einleitende Bemerkungen – etwa zu den drei Kapiteln über Textilarbeit – die nachfolgenden empirischen Untersuchungen besser lesbar gemacht. Eine genauere Diskussion des von Robert/Raewyn Connell eingebrachten Konzepts der hegemonialen Männlichkeit wäre im Kapitel zu Fritz Weber notwendig gewesen – vor allem, da Hämmerle in diesem Buch auf Connell Bezug nimmt, in einer anderen Publikation die Bedeutung seines/ihres Konzeptes für das Militär der Habsburgermonarchie aber in Frage stellt.1

 

Dass diese zentralen Texte der Frauen- und Geschlechtergeschichte des Ersten Weltkriegs und der Habsburgermonarchie nun in einem Band gesammelt vorliegen, ist dennoch zu begrüßen. Insgesamt konnte Hämmerle mit diesem Buch überzeugend darlegen, welche Erkenntnisse durch geschlechterhistorische Forschungen zum Ersten Weltkrieg gewonnen werden können. Trotz der zum Teil sehr unterschiedlichen Themengebiete und Quellenbestände gelingt es Hämmerle gut, Einblicke in die jeweiligen Forschungsfelder zu geben und die Relevanz einer nach der Kategorie Geschlecht fragenden Analyse deutlich zu machen. Das ist umso wichtiger als im Gedenkjahr 2014 vor allem jene Werke zum Ersten Weltkrieg breit rezipiert wurden, die sich auf politik- und kriegsgeschichtliche Fragestellungen konzentrierten und somit vor allem männliche Regierungsmitglieder, Diplomaten und Militärs im Mittelpunkt standen. Ihr Buch zeigt jedoch, dass die gesellschaftliche Totalität der Kriegsführung nicht angemessen verstanden werden kann, wenn nicht auch Geschlechterverhältnisse in den Blick genommen werden. Hämmerle trägt durch diese Publikation nicht nur zu einem besseren Verständnis des Ersten Weltkrieges und der Habsburgermonarchie bei, ihre Überlegungen lassen sich durchaus verallgemeinern. Dass ihre Positionen auch für andere kriegerische Auseinandersetzungen eine Rolle spielen, verdeutlicht etwa ein von Walter Richards 1943 gestaltetes amerikanisches Propagandaplakat. Neben dem Aufruf „Housewives! Save waste fats for explosives!“ ist eine Frauenhand zu sehen, die übergebliebenes Fett symbolisch auf ein Artilleriegeschoß gießt. Besser kann die von Hämmerle betonte Notwendigkeit einer Aufhebung der Dichotomie von ‚Front‘ und ‚Heimat‘ wohl nicht illustriert werden.

 

Roman Birke

 

1 Vgl. Christa Hämmerle, Zur Relevanz des Connell‘schen Konzepts hegemonialer Männlichkeit für „Militär und Männlichkeit/en in der Habsburgermonarchie (1868–1914/1918)“, in: Martin Dinges, Hg., Männer-Macht-Körper. Hegemoniale Männlichkeiten vom Mittelalter bis heute, Frankfurt a. M./New York 2005, 103-121.

 

 

Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen

Jan T. Gross, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012 Aus dem Polnischen von Friedrich Griese unter Mitarbeit von Ulrich Heiße

 

Während des Zweiten Weltkriegs retteten über 6.000 Polen und Polinnen unter Einsatz ihres eigenen Lebens ihre von der nationalsozialistischen Besatzungsmacht als Juden bzw. Jüdinnen definierten Mitbürger- Innen vor der Ermordung durch die Nazis. Dass nach 1945 eine beträchtliche Anzahl an nicht-jüdischen Polen und Polinnen aufgrund ihrer geleisteten Hilfe die Auszeichnung ‚GerechteR unter den Völkern‘ erhielten, ist eine Tatsache, auf die das offizielle Polen in Hinblick auf seine Rolle während des Krieges so oft wie möglich hinweist. Dass allerdings viele dieser RetterInnen nach Ende des Krieges große Bedenken hatten in der Familie, Nachbarschaft und Gemeinde zu erzählen, dass sie jüdischen MitbürgerInnen geholfen haben, findet jedoch kaum Erwähnung. Aus Angst vor den Reaktionen der Umgebung, die bis zur Verfolgung reichen konnten, baten viele RetterInnen sogar jene Menschen, denen sie geholfen hatten, ihre Namen nicht zu veröffentlichen. Der Historiker und Soziologe Jan T. Gross nimmt diesen Umstand als Anlass für seine Studie Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen, die 2012 auch erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist. Gross versucht darin die folgenden Fragen zu beantworten: „Warum wurden Polen, die in einer Zeit tödlicher Gefahr ihren jüdischen Nachbarn halfen, nach dem Krieg in ihren Gemeinden zu gesellschaftlichen Außenseitern? Warum sollte ein abgelegenes Dorf, das während des Krieges ein jüdisches Waisenkind gerettet hatte, diesen Umstand ängstlich verbergen? Woher kommt dieser Antisemitismus ‚nach Auschwitz‘ in Polen?“ (S. 19f.).

 

Am Beginn seines Buches erörtert Gross die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen im Nachkriegspolen, die es ermöglicht haben, dass mehr als 1.500 Menschen judenfeindlichen Ausschreitungen zum Opfer fielen (S. 83). Laut Gross hatten viele Polen und Polinnen in den Nachkriegsjahren Angst – so nicht zufällig der Titel der deutschen Ausgabe –, dass ihre jüdischen NachbarInnen, deren Besitz sie sich angeeignet hatten, zurückkehren und ihr Hab und Gut zurückfordern würden. Vor allem in ländlichen Gegenden wurde heimkehrenden Juden und Jüdinnen unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie hier nicht länger willkommen seien. Sowohl der Verwaltungsapparat als auch die Justiz stellten sich für deren Anliegen taub. Besonders viel Platz widmet Gross dem wohl bekanntesten Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946, an dem er, durch zahlreiche Aussagen von Opfern und ZeugInnen, die Dimension der judenfeindlichen Ausschreitungen deutlich macht. Gross vertritt die These, dass sowohl in Kielce als auch bei anderen Pogromen Akteur- Innen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten beteiligt waren. Die katholische Kirche in Polen schwieg zu den Gewalthandlungen und diskreditierte einzelne Geistliche, die ihre hohe gesellschaftliche Akzeptanz zum Gegensteuern gegen den Antisemitismus nutzen wollten. Ausgehend von der in Polen weit verbreiteten und tief verwurzelten Unterstellung, dass Juden und Jüdinnen allesamt AnhängerInnen des Kommunismus seien, untersucht Gross abschließend diesen „Mythos von der Judenkommune und ihren Zusammenhang mit den politischen Praktiken des kommunistischen Regimes in Polen in der unmittelbaren Nachkriegszeit“ (S. 25).

 

Bezeichnend für dieses Buch sind die vielen AugenzeugInnenberichte und die Schilderung von Einzelschicksalen, an denen Gross stets versucht ‚die große Geschichte‘ zu veranschaulichen. Dieses Vorhaben gelingt ihm nicht vollkommen, da es durch die vielen verschiedenen Personen und Schauplätze oftmals mühsam ist, den Blick auf das Wesentliche zu behalten. Zudem erschweren seine häufigen Verweise auf Beispiele aus den vorherigen Kapiteln das Lesen. Gemäß der Einleitung möchte Gross aber auch, dass die LeserInnen einige Passagen mehrmals lesen müssen, um seine Argumentation vollends zu verstehen.

 

Dass dieses Buch nach der Erstveröffentlichung 2008 innerhalb der polnischen Medienlandschaft und Bevölkerung für Empörung und Debattensorgte, ist vor dem Hintergrund, dass dadurch die polnische Gesellschaft kollektiv in die Pflicht genommen und an dem gängigen Geschichtsbild gerüttelt wurde, verständlich. Positiv zu vermerken ist aber, dass seither sechs Jahre vergangen sind, in denen begonnen wurde, das Thema zu enttabuisieren und in weiterer Folge die Notwendigkeit erkannt wurde die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen erzählen zu müssen.

 

Isabella Riedl