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Ausgabe 1/15


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KZ in der Großstadt. Ein Ausstellungsprojekt über die Außenlager des KZ Mauthausen auf dem Gebiet des nationalsozialistischen ‚Groß-Wien‘

„Besuchen Sie die Seegrotte Hinterbrühl“. Im Gipsbergwerk bei Mödling kann heute wieder auf „Europas größtem unterirdischen See“ mit dem Boot gefahren werden. 1944 haben KZ-Häftlinge dort Jagdflugzeuge der Firma Heinkel gefertigt. Ein von Häftlingen des KZ-Außenlagers Wiener Neudorf errichteter Bunker ist jetzt ein architektonisch eigenwilliges Verwaltungsgebäude des Industriezentrums Niederösterreich-Süd. An der Stelle einer mit KZ-Häftlingen betriebenen Fertigung von U-Boot-Batterien in Floridsdorf ist heute ein großer Baumarkt.

 

Wien und Konzentrationslager – dieser Zusammenhang wird normalerweise nicht hergestellt, obwohl zwischen 1943 und 1945 neben über 120.000 zivilen ausländischen Arbeitskräften1 auch tausende KZ-Häftlinge Zwangsarbeit auf dem Gebiet des nationalsozialistischen ‚Groß-Wien‘ leisten mussten. Tatsächlich war Wien keine Stadt, vor deren Toren ein großes nationalsozialistisches Konzentrationslager errichtet wurde. Das unterscheidet Wien von Städten wie München (KZ Dachau), Berlin (KZ Sachsenhausen), Hamburg (KZ Neuengamme) oder Weimar (KZ Buchenwald). Der wesentliche Grund dafür war, dass im März 1938 die Standortwahl für ein Konzentrationslager auf österreichischem Gebiet auf Mauthausen fiel, nicht zuletzt wegen der dort befindlichen Steinbrüche, die künftig mit KZ-Zwangsarbeit betrieben werden sollten.

 

Ein Zusammenhang mit Wien war hier aber gegeben, befand sich doch der von der SS zunächst gepachtete Steinbruch ‚Wiener Graben‘ im Besitz der Stadt Wien, die von dort einen wesentlichen Teil des Granits für den Bedarf der Stadt bezog. Die neue nationalsozialistische Wiener Stadtregierung überließ der SS bereitwillig den Steinbruch zur Pacht und stimmte Mitte des Krieges dann auch dem Verkauf an die SS zu.

 

Die Ausstellung KZ in der Großstadt soll aber nicht die direkten (und vielfältigen) Verbindungen zwischen Wien und dem KZ Mauthausen zum Thema haben. Die Ausstellung beschäftigt sich vielmehr mit der Tatsache, dass zwischen 1943 und 1945 mehrere Außenlager des KZ Mauthausen über das Stadtgebiet von ‚Groß-Wien‘ verteilt existierten, in denen mindestens männliche, vorwiegend ausländische, vor allem aus Polen, der Sowjetunion, Italien und Jugoslawien stammende KZ-Häftlinge gefangen gehalten wurden, um als Zwangsarbeiter der Kriegswirtschaft zu dienen. Mehrere hundert Häftlinge kamen dabei als Folge von schwerster Arbeit, mangelnder materieller Versorgung, unzureichender Ernährung und Terrorisierung durch das Wachpersonal ums Leben.2

 

Die Einrichtung dieser Lager hing eng mit der spezifischen Entwicklung der Rüstungsindustrie in Österreich zusammen. Nachdem das österreichische Gebiet und insbesondere Ostösterreich bis Mitte des Krieges außerhalb der Reichweite alliierter Flugzeuge lag, wurde dieser Raum von den deutschen Rüstungsverantwortlichen als besonders geeignet für die Errichtung neuer Rüstungsgroßbetriebe angesehen. Wichtigstes Beispiel dafür ist die Errichtung des Hauptwerkes der Flugmotorenwerke Ostmark in Wiener Neudorf ab 1941 (heute Gelände des Industriezentrums Niederösterreich-Süd), als eines der größten Flugzeugmotorenwerke NS-Deutschlands geplant, das mit 20.000 Arbeitskräften, in ihrer überwiegenden Zahl ausländische ZwangsarbeiterInnen, errichtet wurde.

 

Zum anderen führte die vermeintliche Sicherheit vor Luftangriffen zur Verlagerung bestehender Rüstungsbetriebe in den Wiener Raum, wie die Rostocker Ernst Heinkel Flugzeugwerke, die ab Sommer 1942 wesentliche Teile ihrer Produktion nach Schwechat-Heidfeld verlegten (heute Gelände des Flughafens Wien).

 

Die Präsenz dieser Großbetriebe verschärfte die kriegsbedingte Arbeitskräfteknappheit. Die Flugmotorenwerke Ostmark wie die Ernst Heinkel Flugzeugwerke waren die ersten großen Rüstungsunternehmen in ‚Groß-Wien‘, die im Sommer 1943 zur Behebung ihres Arbeitskräftemangels, der insbesondere bei Fachkräften eklatant war, KZ-Häftlinge aus Mauthausen für ihre Produktion anforderten und dafür Außenlager auf ihrem Betriebsgelände einrichteten. In Wiener Neudorf waren in der Folge insgesamt mehr als 4.000 KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt, in Schwechat über 2.600.

 

Nachdem im Sommer 1943 auch österreichisches Gebiet in den alliierten strategischen Luftkrieg einbezogen wurde, waren auch die beiden Betriebe in der Folge Luftangriffen ausgesetzt. Nun ging man dazu über, die Produktion zu dezentralisieren und in unterirdische Räume zu verlegen. Im Fall von Heinkel in Schwechat kamen bei zwei Luftangriffen im Frühjahr 1944 weit über hundert Häftlinge, denen die Luftschutzbunker verwehrt blieben, ums Leben. Diese Angriffe auf Heinkel führten zur Produktionsverlagerung in Brauereikeller in Floridsdorf und Schwechat sowie, nach längerer Adaptierung, in die Seegrotte Hinterbrühl. Damit einher ging auch die Verlegung der Häftlinge aus Schwechat-Heidfeld in diese neuen Produktionsstandorte. Die einzelnen Lagerstandorte unterstanden nun alle dem neu errichteten Außenlager Floridsdorf auf dem Gelände des Floridsdorfer Athletiksport-Clubs (FAC, Hopfengasse). Über 800 Gefangene des Außenlagers Wien-Floridsdorf waren nach Bezug der ausgepumpten und zur unterirdischen Fabrik umgebauten Seegrotte durch Heinkel in einem Barackenlager in der Johannesstraße unweit vom Eingang zur Grotte untergebracht.

 

So wie Heinkel verlegte auch die Akkumulatoren Fabrik AG (AFA-Werke), der führende deutsche Hersteller von U-Boot-Batterien, Teile seiner Produktion nach Wien und nützte dafür das Gelände der Landmaschinenfabrik Hofherr-Schrantz in der Floridsdorfer Shuttleworth-Straße. Von Juli 1944 bis zum 1. April 1945 bestand hier ein Subkommando des Außenlagers Wien Floridsdorf mit ca. 400 Häftlingen.

 

Etwa zur selben Zeit ergriff auch die Österreichische Saurerwerke AG, die Lastkraftwagen für die deutsche Wehrmacht produzierte, die Gelegenheit, neben zivilen ausländischen Arbeitskräften auch Häftlinge aus dem KZ Mauthausen zur Zwangsarbeit zu nutzen. Im Außenlager in Simmering befanden sich mehr als 1.600 Häftlinge.

 

Einen Sonderfall stellte das Außenlager Schönbrunn für die Kraftfahrtechnische Lehranstalt der Waffen-SS in der SS-Kaserne Wien-Schönbrunn (heute Fasangartenkaserne) dar. Hier musste eine kleine Zahl ausgesuchter Spezialisten unter den KZ-Häftlingen dem selbsternannten Naturforscher Viktor Schauberger, der im Auftrag der SS an alternativen Antriebsmethoden arbeitete, assistieren.

 

Mit dem Herannahen der Roten Armee Ende März 1945 löste die SS sämtliche Lager im Wiener Raum auf, fast alle Häftlinge wurden in Fußmärschen Richtung Mauthausen getrieben. Kranke, gehunfähige Häftlinge wurden teilweise unmittelbar vor dem Abmarsch ermordet. Auf den Evakuierungsmärschen selbst töteten die SS-Begleitmannschaften Häftlinge, die das Marschtempo nicht einhalten konnten. Nur im Lager Simmering wurden die Schwerkranken zurückgelassen und wenig später von der sowjetischen Armee befreit.

 

Die Ausstellung stellt die Geschichte der einzelnen Außenlager dar und geht auf den Grund ihrer Einrichtung in Zusammenhang mit Zwangsarbeit und Rüstungsindustrie ein. Sie setzt sich mit den Opfern und Tätern dieser Lager auseinander und widmet sich insbesondere den Existenz- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge, dem Leben und Sterben im Lager. Die Lager werden nicht als isolierte Orte dargestellt, sondern in ihrem regionalen, sozialen und wirtschaftlichen Umfeld. Zugleich soll auch die Geschichte ihrer Rezeption bzw. ihres Vergessens nach 1945, der noch vorhandenen Spuren wie ihrer Memorialisierung gezeigt werden.

 

Die Ausstellung soll aus zwei wesentlichen architektonischen Elementen bestehen, die an zentrale Bauteile der Konzentrationslager anknüpfen: Zum einen ist dies ein Baustellencontainer, der in der funktionellen Tradition der Baracke steht. Der zweite wesentliche Bestandteil sind freistehende, um den Container angeordnete Zaunteile, die als temporäre Eingrenzungsmittel ebenfalls in einem Bezug zu den die Konzentrationslager umgebenden Lagerzäunen stehen sollen.3 Sowohl der Außen- und Innenbereich des Containers, wie auch die Zaunelemente, werden als Ausstellungsfläche genützt. Nach außen markant gestaltet, soll die Ausstellung durch Form und Lichteffekte die Neugier der Passierenden wecken.

 

An diesen zwei architektonischen Hauptelementen orientieren sich in weiterer Folge auch die inhaltliche Struktur und das Narrativ der Ausstellung.

 

Der erste Ausstellungsbereich außerhalb des Containers dient der Darstellung eines ereignisgeschichtlichen Überblicks zu den einzelnen Außenlagerstandorten. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Herstellung eines geografisch-regionalen Bezugs und der Vermittlung der wesentlichen historischen Fakten.

 

Der zweite Ausstellungsteil innerhalb des Containers geht von einem standortübergreifenden komparativen Ansatz aus und dient der Vermittlung von (Querschnitts-)Themen, die – wenn auch in unterschiedlicher Weise – alle Außenlager betreffen. Ebenso soll hier die Vermittlung der Zusammenhänge zur nationalsozialistischen Verfolgungs- und Kriegswirtschaftspolitik erfolgen. Die Ausstellung schließt mit der Darstellung der Nachgeschichte der Außenlager im österreichischen Kontext.

 

Die projektierte Ausstellung richtet sich vor allem an die BewohnerInnen von Wien und Niederösterreich, deren Katastralgemeinden ab 1943 Standort eines Außenlagers des KZ Mauthausen im Gebiet von ‚Groß-Wien‘ wurden. In einem ersten Schritt soll die Ausstellung im Sommer 2016 an einem zentralen Ort in Wien gezeigt werden. Konzeption und mobile Architektur der Ausstellung erlauben es, sie nach dieser ersten Phase an den ehemaligen Standorten der Lager in Niederösterreich und Wien zu zeigen. Damit soll auch eine größere Gruppe unter der anwohnenden Bevölkerung angesprochen werden, die sonst vielleicht nicht den Weg in eine in der Wiener Innenstadt gezeigte Ausstellung wählen würde. Eine weitere wichtige Zielgruppe sind Schulklassen.

 

Bertrand Perz für die Projektgruppe

 

Die Ausstellung wird vom Verein für Gedenken und Geschichtsforschung in österreichischen KZ-Gedenkstätten realisiert. Architektur und Gestaltung: Bernhard Denkinger; wissenschaftliche Projektleitung: Bertrand Perz; wissenschaftliche Mitarbeiter: Roman Fröhlich, Christian Rabl, Robert Vorberg (auch Projektkoordination); Projektgeschäftsführung: Wilhelm Stadler

 

Fußnoten

 

1 Vgl. Robert Bugl/Andreas Grabenschweiger, NS-Zwangsarbeit in Groß-Wien 1939-1945. Zivile ausländische ZwangsarbeiterInnen in der Rüstungsindustrie, Saarbrücken 2009.

2 Zur Geschichte der Außenlager vgl. u.a. Beiträge von Bertrand Perz zu diesen Außenlagern in: Wolfgang Benz/Barbara Distel, Hg., Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 4: Flossenbürg – Mauthausen – Ravensbrück, München 2006; Wien Saurerwerke, 445-448, Wien-Floridsdorf, 448-453, Wien-Floridsdorf (AFA-Werke), 453-455, Wien-Schönbrunn, 455-457, Wien-Schwechat, 457-461, Wiener Neudorf, 461-465; Bertrand Perz, Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen für

die Flugzeugindustrie in Schwechater Kellereien, in: Bundesministerium für Inneres, Hg., KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Mauthausen Memorial 2012, Forschung Dokumentation Information, Wien 2013, 19-30; Roman Fröhlich, Außenlager des KZ Mauthausen in Wien an den Standorten der Ernst Heinkel Aktiengesellschaft, in: ebd., 31-42; Robert Vorberg, „und wir geben hierzu bekannt, dass [...] das Wohnlager bereits seit Kriegsende aufgelöst ist“. Der Einsatz von KZ-Häftlingen in den Österreichischen Saurer Werken, in: Bundesministerium für Inneres, Hg., KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Mauthausen Memorial 2013, Forschung Dokumentation Information, Wien 2014, 31-44; Christian Rabl, Das KZ-Außenlager St. Aegyd am Neuwalde, Wien 2008.

3 Vgl. Axel Doßmann/Jan Wenzel/Kai Wenzel, Architektur auf Zeit. Baracken, Pavillons, Container, Berlin 2006; Klaus Körner, „Front – Lager – Grenze. Zur politischen Ikonographie des Stacheldrahts im 20. Jahrhundert.“, in: Auskunft 21 (2001), 113-140; Olivier Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts – Prärie Schützengraben Lager, Zürich 2003; Reviel Netz, Barbed Wire, An Ecology of Modernity, Middletown 2004.