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Ausgabe 1/15


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Die historische Auseinandersetzung mit NS-Zwangsarbeit in Vorarlberg und ein neues Projekt

Das Thema NS-Zwangsarbeit war selbstverständlich auch in Vorarlberg bis in die jüngste Zeit heftig umstritten. Im Jahre 2012 hat sich allerdings eine entscheidende Veränderung vollzogen: Der Kultur- und Bildungsausschuss des Landes Vorarlberg beschloss am 27. Juni 2012 einstimmig ein Projekt über Zwangsarbeiter/innen unter der Federführung von Michael Kaspar (Heimatmuseum Schruns).

 

Nunmehr ist dieses Projekt abgeschlossen. Als ersten Schritt hat Michael Kasper die Homepage der Illwerke AG überarbeitet. Damit hat eine dreißigjährige Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit ein vorläufiges Ende gefunden. Der Abschnitt Fremdarbeiter und Kriegsgefangene von Hermann Brändle und Kurt Greussing im Band Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933–19451 eröffnete diese Kontroverse um die NS-Zwangsarbeit. Seit 2014 findet sich auf der Illwerke-Homepage nun folgende Information: „Im Jahr 1938 kamen noch erste, mehr oder minder freiwillige Zivilarbeiter aus Österreich und Deutschland auf die Kraftwerksbaustellen im Montafon. Als diese Einheimischen ab 1939 kriegsbedingt mehr und mehr ausfielen, wurden zunehmend Dienstverpflichtete eingestellt. Dabei stieg der Anteil der ausländischen Arbeiter rasch an und betrug bald bis zu 80 Prozent aller Beschäftigten. Insgesamt setzte sich die Arbeiterschaft auf den Baustellen der Illwerke aus Angehörigen von mehr als 20 verschiedenen Nationalitäten zusammen. Die größten Kontingente der ausländischen Belegschaft stellten Zivilarbeiter aus Polen, der Ukraine, der ehemaligen Tschechoslowakei und aus Ex-Jugoslawien. Überdies gab es eine größere Gruppe von Griechen, Italienern, Bulgaren, Ungarn, Franzosen, Niederländern und Belgiern.“2

 

Die genauen Zahlen der NS-Sklavenarbeiter/innen für das Bundesland Vorarlberg herauszufiltern, ist auf Grund der Quellenlage sehr schwierig. Der Zeithistoriker Wolfgang Weber kommt zu folgendem Schluss: „Grundsätzlich erscheint es auf Grundlage des vorhandenen Quellenmaterials nicht möglich, eine faktische Rekonstruktion der NS-Zwangsarbeit in Vorarlberg zu leisten. Die schriftliche Überlieferung ist in Hinblick auf ihre Provenienz und ihre Entstehungsbedingungen zu unterschiedlich, als dass damit eine umfassende Geschichte der NS-Zwangsarbeit in Vorarlberg geschrieben werden könnte. Möglich sind jedoch exemplarische Schwerpunktstudien für einzelne Betriebe, Ortschaften oder Personen, weniger für ganze Wirtschaftszweige.“3 Bei Kriegsende waren rund ein Drittel aller Arbeiter/ innen in Vorarlberg sogenannte ‚Fremdarbeiter/innen‘ und Kriegsgefangene. Als Größenordnung müssen wir eine Zahl von 20.000 annehmen. Fast die Hälfte war auf den Großbaustellen der Illwerke AG im Montafon eingesetzt. Diese Zahl nennt auch Wilfried Längle, der den Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit4 in den Jahren 2000 bis 2005 für das Land Vorarlberg betreute und abwickelte.5

 

Im Vorarlberger Landesarchiv befinden sich die Akten von ca. 600 Personen, die sich ihren Aufenthalt in Vorarlberg bestätigen lassen mussten. Resümierend hielt der Landeskoordinator Längle fest: „Bis zur Einstellung seiner Tätigkeit mit Ende des Jahres 2005 wurden vom Versöhnungsfonds an rund 135.000 ehemalige Zwangsarbeiter/innen Entschädigungen ausgezahlt. An die 4.000 davon dürften seinerzeit in Vorarlberg eingesetzt gewesen sein. Sie leben heute zum überwiegenden Teil in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und hier vor allem in der Ukraine, ferner in Polen, in Frankreich, in Ex-Jugoslawien, in den Niederlanden und in Belgien, weiters in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland; einige aber noch heute hier in Vorarlberg.“6

 

Einen entscheiden Beitrag zur Erforschung der NS-Zwangsarbeit in Vorarlberg leistete seit den 1990er-Jahren Margarethe Ruff mit ihren Oral History-Studien in der Ukraine. Viele Zwangsarbeiter/ innen, die einst in Vorarlberg auf den Baustellen der Illwerke AG, in der Textilindustrie, in der Landwirtschaft oder in Gewerbebetrieben eingesetzt waren, stammen von dort.7 Grundlegend war ihre Arbeit Um die Jugend betrogen.8 1998 wurde auf Initiative von Margarethe Ruff, der Vorarlberger Grünen, des Theaters Kosmos und der Johann-August-Malin-Gesellschaft ein privater Spendenfonds eingerichtet. Die gesammelten Spendengelder wurden persönlich von Margarethe Ruff, Brigitte Flinspach und dem Autors des Artikels in Krementschug, Luhansk und Rowenki an ehemalige Zwangsarbeiter/innen übergeben.9

 

Einen neuen Anlauf die Erforschung der Zwangsarbeiter/innengeschichte in Vorarlberg voran zu treiben, brachte das Projekt Brücken schlagen – ehemalige Zwangsarbeiter(innen) aus der Ukraine zwischen Rückkehr und neuer Heimat. (Region Vorarlberg). Margarethe Ruff und der Autor dieses Artikels suchten dazu in den Jahren 2006 bis 2008 erneut mehrmals ehemalige Zwangsarbeiter/innen in der Ukraine auf.10 Im Juni 2008 besuchten im Rahmen dieses Projektes auch ehemalige Zwangsarbeiter/innen Vorarlberg. Die Stadt Dornbirn war Gastgeberin, und der Besuch wurde vom Stadtarchivar Werner Matt mitorganisiert.11 Ausgehend von den bisherigen Forschungsarbeiten setzte dieses Projekt neue Akzente: Es ging darum aufzuzeigen, was die Erinnerungsarbeit, das Öffentlichmachen des Themas für die Betroffenen, für ihre Nachkommen sowohl in der Ukraine als auch in Österreich bewirkt hatte. Die ehemaligen Zwangsarbeiter/innen, die in ihre ehemalige Heimat zurückkehrten, litten unter ihrer Verschleppung ins „Dritte Reich“ ein Leben lang. Sie wurden nach ihrer Rückkehr in der Sowjetunion als Menschen zweiter Klasse behandelt, weil sie in Feindesland für die Gegner/innen der Sowjetunion gearbeitet hatten. Dass dies zwangsweise geschehen war, spielte dabei keine Rolle.12 Im Rahmen des Projektes wurden ihre Erfahrungen in Vorarlberg, ihre Perspektive als Rückkehr/innen, die Auswirkungen der Zwangsarbeit für die Lebenssituation in der ehemaligen Heimat, die innerfamiliäre Kommunikation über diesen Lebensabschnitt, das Brechen des Schweigens in der Ukraine nach der Wende und das Leben nach der Entschädigung beleuchtet. Das Projekt mündete im Dezember 2008 in einem Fest des Dankes für die ehemaligen Zwangsarbeiter/innen in Rowenki (Ostukraine).13

 

Die bei diesem Projekt gemachten Interviews und Filmaufnahmen waren die Grundlage für die Erstellung von Unterrichtsmaterialien für die Unter- und Oberstufe im Geschichtsunterricht, die beim 13. Zentralen Seminar von erinnern.at von Christof Thöny und Bruno Winkler im November 2015 vorgestellt wurden und nunmehr über deren Homepage zugänglich sind.14 Gleichzeitig wurde die neue Publikation von Margarethe Ruff, Minderjährige Gefangene des Faschismus. Lebensgeschichten polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Vorarlberg.15

 

Die meisten Interviewten sind mittlerweile verstorben. So auch Nikolaus (Niklas) Telitschko (1926–2012). Er verbrachte den Großteil seines Lebens in Bartholomäberg/Innerberg. Geboren wurde er allerdings in Horodyschtsche in der Ukraine. Als Kind erlebte er dort die schreckliche Hungersnot, ein Resultat der stalinistischen Kollektivierung der Landwirtschaft. Im Jahre 1942 kam der damals 16-Jährige, der einzige Sohn der Familie, als jugendlicher Zwangsarbeiter ins sogenannte Aufbaulager Silbertal-Bartholomäberg. Nach Kriegsende blieb er im Land und wurde 1957 österreichischer Staatsbürger. Eine große Enttäuschung erlebte er bei der Pensionierung im Jahre 1985: Obwohl er sein Arbeitsbuch vorlegen konnte, wurden ihm die Jahre von 1942–1947 für seine Pensionsansprüche nicht angerechnet. Die „Aufbaugenossenschaft“ hatte ihn bei der Vorarlberger Gebietskrankenkasse nicht angemeldet. Das Aufbaulager Silbertal-Bartholomäberg wurde nach Kriegsende aufgelöst, einen Rechtsnachfolger gibt es nicht. Die Anmeldung bei der Krankenkassa erfolgte erst 1947. Alle Bemühungen, die Pensionsnachzahlung zu bekommen, scheiterten. Bis zum Lebensende konnte er diese Ungerechtigkeit nicht akzeptieren: „Dass mir ein Teil meiner Pension vorenthalten wird, ist eine Ungerechtigkeit, eine ganz große Ungerechtigkeit, denn schließlich habe ich für dieses Land gearbeitet, und heute will niemand etwas davon wissen, dass ich schon 1942–1945 hier gewesen bin.“16

 

Werner Bundschuh

Historiker, Obmann der Johann-August-Malin-Gesellschaft, Mitarbeiter von erinnern.at.

 

Fußnoten

 

1 Siehe: Hermann Brändle/Kurt Greussnig, Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, in: Johann-August-Malin-Gesellschaft, Hg., Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933–1945 (Beiträge zu Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 5), Bregenz 1985, 161-185.

2 www.illwerke.at/inhalt/at/1565.htm (24.08.2015).

3 Wolfgang Weber, Quod non est in fontes [sic!], non est in mundo? Umfang und Bedeutung der schriftlichen Überlieferung zur Geschichte der Zwangsarbeit in Vorarlberg, in: Scrinium. Zeitschrift des Verban-

des Österreichischer Archivarinnen und Archivare 55 (2001), 579-590, hier 587.

4 Das österreichische Bundesgesetz über den Fonds für freiwillige Leistungen der Republik Österreich an ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeiter des nationalsozialistischen Regimes (Versöhnungsfonds-Gesetz) wurde am 8. August 2000 im Bundesgesetzblatt Nr. 74/2000 veröffentlicht und ist am 27.11.2000 in Kraft getreten. Siehe: Hubert Feichtlbauer, Zwangsarbeit in Österreich 1938-1945. Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit. Späte Anerkennung, Geschichte, Schicksale, Wien 2005.

5 Siehe: Wilfried Längle, Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiter in Vorarlberg – Bericht des Landeskoordinators für Vorarlberg, in: Ulrich Nachbaur/Alois Niederstätter, Hg., Aufbruch in eine neue Zeit. Vorarlberger Almanach zum Jubiläumsjahr 2005, Bregenz 2006, 197-199.

6 Ebd. 199.

7 Eine ausführliche Dokumentation dazu findet sich unter www.malingesellschaft.at/aktuell/weiteres/ zwangsarbeit (24.08.2015).

8 Siehe: Margarethe Ruff, „Um ihre Jugend betrogen“. Ukrainische Zwangsarbeiter/innen in Vorarlberg 1942–1945 (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 13), Bregenz 1996.

9 Siehe: Rede des Obmannes der Johann-August-Malin-Gesellschaft, Werner Bundschuh, gehalten im Rathaus von Luhansk am 7. September 1998 anlässlich einer Spendenübergabe an ehemalige Zwangsarbeiter/innen: www.malingesellschaft.at/aktuell/ weiteres/zwangsarbeit/rede-des-obmannes-der-malin-gesellschaft-gehalten-im-rathaus-von-luhansk-am-7.-september-1998-anlaesslich-einer-spendenubergabe-an-ehemalige-zwangsarbeiter-innen. (24.08.2015).

10 Siehe: Werner Bundschuh/Margarethe Ruff, Projekt „Brücken schlagen – ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine zwischen Rückkehr und neuer Heimat.“ Projektbericht für den Zukunftsfonds der Republik Österreich (2008). Der Forschungsbericht ist nicht veröffentlicht. Teile daraus sind auf der Homepage von www.erinnern.at einsehbar: www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/bundeslaender/vorarlberg/bibliothek/dokumente/ das-projekt-brucken-schlagen-ehemalige-zwangsarbeiter-und-zwangsarbeiterinnen-aus-der-ukraine-zwischen-ruckkehr-und-neuer-heimat-margarethe-ruffund-werner-bundschuh (24.08.2015).

11 Siehe: www.malingesellschaft.at/aktuell/ weiteres/zwangsarbeit/dornbirn-online-24.-juni-2008. Zu den Schwierigkeiten dieser Einladung siehe: http:// www.erinnern.at/bundeslaender/vorarlberg/bibliothek/ dokumente/Schwierigkeiten%20eine%20Zwangsarbeiter-Delegation%20nach%20Dornbirn%20einzuladen. pdf/at_download/file (24.08.2015).

12 Siehe: Pavel Polian, Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im „Dritten Reich“ und ihre Repatriierung, München/Wien 2001.

13 Siehe: www.malingesellschaft.at/aktuell/weiteres/zwangsarbeit/23.12.2008-zuerst-verschleppt-dann-in-der-heimat-bestraft (24.08.2015).

14 Siehe: www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/lernmaterial-unterricht/zwangsarbeit-in-vorarlberg (24.08.2015).

15 Siehe: Margarethe Ruff, Minderjährige Gefangene des Faschismus. Lebensgeschichten polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Vorarlberg. Unter Mitarbeit von Werner Bundschuh, Innsbruck 2014.

16 Biografie zu Nikolaus Telitschko, in: Margarethe Ruff, Minderjährige Gefangene des Faschismus. Lebensgeschichten polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Vorarlberg, Innsbruck 2014, 123-132.