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Ausgabe 1/15


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Die Wiener Flaktürme als Erinnerungs- und Fundorte

Von ehemals sechszehn Flaktürmen sind heute noch zwei Exemplare in Hamburg, eine Ruine in Berlin und alle sechs Bauten in Wien erhalten. Sie sollten in Paaren der Luftverteidigung der Städte dienen: die Gefechtstürme beherbergte die Flakgeschütze, während die Leittürme die alliierten Flugzeuge orteten. In den militärisch nicht genutzten Räumen wurden Schutzbereiche für die Zivilbevölkerung und als für kriegswichtig geltende Betriebe eingerichtet.

 

Der tatsächliche militärische Nutzen der Flaktürme war jedoch deutlich geringer als nach außen demonstriert: Die Flaktürme bewährten sich weder militärisch noch als Luftschutzbauten, ihr Bauaufwand war dabei enorm.1 Dennoch wurde die Errichtung der Wiener Flaktürme von Ende 1942 bis Anfang 1945 fortgesetzt. Architekt Friedrich Tamms entwickelte sogar eine eigene ikonische Gestaltung, die dem Machtanspruch des NS-Regimes und der traditionellen Verteidigungsarchitektur gewidmet war.2

 

Die Umsetzung der Großprojekte in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs, die von Arbeitskräftemangel infolge der massiven Einziehungen zur Wehrmacht, von Baustoffknappheit und Transportproblemen geprägt war, ging auf Kosten von hunderten Zwangsarbeitern aus allen Ländern Europas und der Sowjetunion. Ungeachtet ihres Alters oder ihrer Eignung mussten sie bei der Errichtung der sechs Wiener Flacktürme auf den Baustellen der beiden Firmen Gottlieb Tesch GmbH und Philipp Holzmann AG in Tag- und Nachtschichten arbeiten. In Barackenlagern völlig inadäquat untergebracht, unzureichend ausgestattet und ernährt, Vorwürfen der ,Arbeitsunwilligkeit‘ oder ‚Sabotage‘ ausgesetzt, die Gestapohaft, eine Internierung in einem Arbeitserziehungslager oder die Deportation in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager zur Folge haben konnten, hatte der Zwangsarbeitseinsatz für viele Gruppen einen lebensbedrohenden Charakter.

 

Im Wiener Stadtbild verweist heute indes kein Gebäude mehr auf eines der ehemals 170 ZwangsarbeiterInnenlager in Wien3 und auch die Zwangsarbeiter sind in Wien nicht mehr präsent. Es gibt heute keine mündlich tradierte Geschichte und kein aktives Gedenken. Die Produkte ihrer Zwangsarbeit jedoch, wie die sechs Wiener Flaktürme, sind immer noch unverändert vorhanden. Heute wird den Flaktürmen als Luftschutzbunker für die Bevölkerung ein positiver Nutzen zuerkannt, der für ihre Erbauung jedoch nicht ausschlaggebend war. Der Aspekt der Zwangsarbeit spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Bis heute ist keines der Gebäude als Denkmal ausgewiesen,4 ihre Funktion und Entstehung im Nationalsozialismus wird vor Ort gar nicht oder nur unzureichend thematisiert. Dabei sind die Flaktürme nicht nur materielle Zeitzeugen, sondern bergen auch in ihrem Inneren noch heute Zeugnisse der NS-Vergangenheit.

 

Das Interdisziplinäre Forschungszentrum Architektur und Geschichte (iFAG) widmet sich seit 2008 der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Zeugnisse mit dem Ziel, die Flaktürme als Mahnmale für Zwangsarbeit zu positionieren. WissenchaftlerInnen erforschen die historischen Bezüge zu den damals handelnden Personen und möchten diese erfahrbar machen. Die Abwesenheit jener ZeitzeugInnen, die vom nationalsozialistischen Regime zur Zwangsarbeit gezwungen wurden, führt zu einer späten Erinnerung. Diese Menschen sollen nicht vergessen werden, ihre Geschichten müssen mit den Flaktürmen assoziiert werden können. Mit ExpertInnen der Fachbereiche Architekturgeschichte, Archäologie und Geschichte führt iFAG archäologische Grabungen, bauhistorische Bestandsaufnahmen sowie Archiv- und ZeitzeugInnenrecherchen durch: Der bisherige Forschungsgegenstand waren die ehemaligen Leittürme im Arenbergpark und Augarten.

 

Die beiden Türme im Arenbergpark wurden 1942/43 als erstes Flakturmpaar in Wien errichtet und blicken somit auf die längste Nutzungsdauer zurück. Der Leitturm Arenbergpark stand nach Kriegsende 1945 überwiegend leer. Im Gegensatz zu den übrigen Wiener Flaktürmen sind hier die meisten Gebrauchsspuren der ehemaligen Erbauer und NutzerInnen erhalten geblieben. In systematischen Begehungen nahm iFAG alle authentischen Spuren aus der Zeit der Erbauung und Nutzung des Turms auf und dokumentierte insgesamt 870 Befunde, darunter befanden sich 240 Graffitis von Zwangsarbeitern sowie zivilen und militärischen NutzerInnen des Flakturms, 150 Wandbeschriftungen des Leitsystems, Kalkulationen und Zeichnungen, 430 fixe Einbauten und 50 Teile des losen Mobiliars. Die ehemaligen Raumfunktionen waren oftmals von den Befunden ableitbar. So ließ sich feststellen, dass im Leitturm Arenbergpark nur drei von neun Geschoßen als Luftschutzräume dienten.

 

Soweit möglich wurde eine Unterteilung der Graffitis nach der nationalen Herkunft der Autoren vorgenommen. Ein Drittel dieser konnte bisher nicht eindeutig entziffert werden, ein weiteres Drittel hat deutschen Kontext und stammt von Wehrmachtssoldaten und von Zivilisten, die sich während der Luftangriffe an den Wänden verewigten. Die nächstgrößten Gruppen sind mit jeweils etwa zwanzig Graffitis den französischen und italienischen Zwangsarbeitern zuzuordnen, wobei die Franzosen vermehrt Parolen der Résistance (z.B. „Vive la France“) und die Italiener ihre Vor- und Nachnamen (z.B. Burello Nunzio, Angelo Margherini) festhielten. Als herausragendes Beispiel sei dabei der Schriftzug „Laval au poteau!“ (Laval an den Galgen!) erwähnt, den ein französischer Zwangsarbeiter mit roter Kreide auf die Stahlbetonwand des Hauptstiegenhauses im zweiten Stock schrieb. Dieser Ausspruch der französischen Résistance richtete sich gegen den Ministerpräsidenten der Vichy-Regierung und Verantwortlichen für die Deportation französischer Arbeitskräfte nach Deutschland ab Februar 1942, Pierre Laval. Bemerkenswert erscheint ebenso der von einem italienischen Kriegsgefangenen stammende drastische Wunsch „Milano e poi morire“ (Mailand und dann sterben), mit roter Kreide an den Treppenaufgang im 5. Stock geschrieben. Nach dem Sturz Benito Mussolinis durch Pietro Badoglio im September 1943 waren die italienischen sogenannten ‚Militärinternierten‘ in den deutschen Lagern einer besonders schlechten Behandlung ausgesetzt. Die übrigen lesbaren Graffitis stammen überwiegend von Zwangsarbeitern aus Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens sowie der ehemaligen Tschechoslowakei und Sowjetunion. Diese Daten decken sich auch mit den Herkunftsländern der im Rahmen des Forschungsprojekts ausfindig gemachten Zeitzeugen. Einige Graffitis sind exakt datiert, andere lassen aufgrund ihrer Lage auf Einbauteilen oder unter Putzschichten eindeutig auf ihre Entstehung während der Jahre 1943 bis 1945 schließen.

 

In unmittelbar nach Kriegsende angehäuftem Bauschutt befanden sich zahlreiche Kleinfunde, wie Flaschen, Bruchstücke von Glas- oder Keramikgefäßen, Uniformteile, Gegenstände der Freizeitbeschäftigung und Artikel der Körperhygiene. Zudem konnten Fragmente technischer Gebäudeteile, zahlreiche Dokumente aus dem Verwaltungsbereich der Flakabteilung, amtliche Aufzeichnungen der Luftabwehr, persönliche Briefe und Postkarten, private Fotos sowie Kalender und Lebensmittelmarken gefunden werden. Insgesamt 1.400 Funde, 850 Dokumente und 550 Artefakte, wurden gesichert, gereinigt, archiviert und inventarisiert. Einige Artefakte, Medikamente, Pflegeprodukte und Spiele sowie Dokumente, Druckwaren und Fotografien, können durch die französischen, italienischen, niederländischen, kroatischen, russischen und tschechischen Aufschriften dem persönlichen Besitz der Zwangsarbeiter zugeordnet werden. Der weitaus größte Teil der Dokumente entstammt dem Verwaltungsbereich der Turmflakabteilung. Darunter finden sich auch Dokumente, die den Nachweis über den Einsatz von russischen Kriegsgefangenen aus den Lagern Kaisersteinbruch und Krems-Gneixendorf im Betrieb der Flaktürme bringen. Der Zwangseinsatz als sogenannte ‚Hilfswillige‘ bei der Fliegerabwehr erschwerte oder verunmöglichte vielen russischen Kriegsgefangenen nach ihrer Befreiung die Rückkehr in ihre Heimat.

 

Der Wert dieser Graffitis und Funde liegt im direkten personellen Bezug zum Gebäude und den mit der Geschichte des Gebäudes verbundenen Personengruppen, den Zwangsarbeitern, der Zivilbevölkerung, der Wehrmacht und den ‚Luftwaffenhelfern‘.5 Sie haben eine andere Qualität als Dokumente, die Eingang in Archive genommen haben. Zusammen mit ergänzenden Archivalien und Zeitzeugenberichten liefern uns diese Funde und Befunde ein recht greifbares Bild von den Geschehnissen im Flakturm.

 

Auch im ehemaligen Leitturm im Augarten haben sich bis heute unter einer Brand-, Schmutz- und Schuttschicht zahlreiche Dokumente und Artefakte aus der Zeit seiner Errichtung und Nutzung erhalten. Darunter befinden sich Schriftstücke, die den Einsatz von Zwangsarbeitern auf den Baustellen der Wiener Flaktürme sowie in Rüstungsbetrieben in den Flaktürmen und ihre Unterbringung in Wiener Zwangsarbeiterlagern dokumentieren. In einem weiteren Forschungsprojekt hat iFAG diese Dokumente und Artefakte geborgen und dokumentiert. Darunter befinden sich zahlreiche Lohnlisten und sogenannte ‚Arbeitsbücher für Ausländer‘ mit Namen und Fotos der bei den Flaktürmen Augarten eingesetzten Zwangsarbeiter mit Hinweisen auf ihre Herkunftsländer. Erste Auswertungen dieser Dokumente ergaben persönliche Daten von 450 Zwangsarbeitern aus Italien, Belgien, Frankreich, Serbien, Kroatien, Griechenland, der Ukraine, den Niederlanden sowie dem ,Protektorat Böhmen und Mähren‘. Als Beispiel sei der Fall eines französischen Zwangsarbeiters, Paul C., geboren 1922, genannt, der sich auf den Zeitzeugenaufruf von iFAG meldete. Sein Name scheint in Listen aus dem Leitturm Augarten auf, in denen sein Einsatz als Zimmerer auf der Flakturmbaustelle Augarten sowie seine Unterbringung im ‚Lager Schleuse‘ dokumentiert ist. In Briefen an iFAG berichtet er von zwölfstündigen Tag- und Nachtschichten an fünfeinhalb Tagen die Woche für die Baufirma Gottlieb Tesch auf der Augarten-Baustelle, sowie dem Barackenlager an der Brigittenauer Lände und dem ständigen Hunger.

 

Der Franzose Charles J., der 23-jährig mit dem ‚STO‘6 1943 nach Wien verschickt wurde, arbeitete auf den Flakturmbaustellen Arenbergpark und Stiftskaserne. Er wurde im Oktober 1944 wegen angeblicher widerständiger Betätigung von der Gestapo inhaftiert, gefoltert und in das KZ Dachau deportiert, in dem er schließlich am 29. April 1945 befreit wurde.

 

Das Wissen um den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus vielen Ländern Europas und der ehemaligen Sowjetunion auf den Flakturmbaustellen, im Betrieb der Flaktürme und in Produktionsstätten in den Flaktürmen ist bisher noch wenig verbreitet. Dass nach mehr als 65 Jahren Dokumente und Artefakte in den Flaktürmen gefunden werden, ist ein deutliches Zeichen dafür. Das Bergen dieser Schriftstücke und Objekte bringt das Thema Zwangsarbeit buchstäblich an die Oberfläche und leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses bisher marginalisierten Aspektes der Geschichte der Wiener Flaktürme.

 

Die Funde und Befunde aus den Flaktürmen werden zu Erinnerungsträgern, die eine über die Wissenschaft hinausgehende emotionale Dimension besitzen. Insbesondere die Graffitis an den Innenwänden des Leitturms Arenbergpark und die Dokumente aus dem Leitturm Augarten legen bis heute Zeugnis einer nicht wahrgenommenen Opfergruppe ab. Es gibt keinen Gedenktag, an dem Überlebende oder deren Angehörige an die Stätten der Zwangsarbeit wiederkehren, kein Denkmal, an dem wir ihrer hier gedenken. Eine Kommentierung der Flaktürme als Mahnmale ist längst überfällig, Führungen zu den Graffitis im Leitturm Arenbergpark und der Aufbau eines Flakturm-Archivs könnten die notwendige Vermittlungsarbeit leisten. In Deutschland und Frankreich sind Graffitis von ZwangsarbeiterInnen Bestandteil bedeutender Gedenkstätten, wie etwa dem ehemaligen Gefängnis der Gestapo in Köln, dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin oder dem einstigen Internierungslager Fort Romainville bei Paris.

Wenn wir heute nicht bewusst an die Zwangsarbeiter der Flaktürme erinnern, verweist im Wiener Stadtbild nichts mehr auf sie.

 

Ute Bauer-Wassmann

Interdisziplinäres Forschungszentrum Architektur und Geschichte (iFAG)

 

Fußnoten

 

1 Vgl. AV des „Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion“ vom Dez. 1941, in: Ute Bauer, Erinnerungsort Flakturm. Der ehemalige Leitturm im Wiener Arenbergpark, Wien 2010, 19.

2 Vgl. Ute Bauer, Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer Erinnerungskultur, Wien 2003, 54-64.

3 Vgl. Stefan August Lütgenau, Zwangsarbeit im „Reichsgau“ Wien 1938-1945, 167-186.

4 Mit Ausnahme des ehem. Leitturms im Esterhazypark stehen alle Flaktürme unter Denkmalschutz. 5 Jugendliche der Jahrgänge 1926 bis 1928 wurden zur Fliegerabwehr dienstverpflichtet.

6 ‘Service du Travail Obligatoire‘ Arbeitsdienstverpflichtung von Franzosen der Jahrgänge 1920 bis 1922 für Hitler-Deutschland.