AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/15


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Grüne Wiese oder Erinnerungsort? Wie Vegetation Geschichte(n) sichtbar machen kann

Besuchen wir heute eine KZ-Gedenkstätte, begegnet uns der Ort nicht mehr als ein Konzentrationslager, sondern als ein Areal, verortet in unterschiedlichen Zeitgefügen mit dementsprechend unterschiedlichen Charakteren. Um eine Verwechslung zwischen Vergangenheit und Gegenwart auszuschließen, sollten wir uns die Frage stellen, wie sich der Ort eines ehemaligen NS-Konzentrationslagers in den letzten 70 Jahren verändert hat und uns heute begegnen kann.

 

Über den Umgang mit Konzentrationslagern in der Nachkriegszeit wurde oftmals geschrieben: „Die Natur eroberte sich das Gebiet zurück“ oder „über das Konzentrationslager ist Gras gewachsen.“ Der Ausdruck „über etwas wächst Gras“ wird lexikalisch folgendermaßen beschrieben: „Mit der umgangssprachlichen Redewendung wird ausgedrückt, dass eine unangenehme Sache mit der Zeit vergessen wird.“1 Durchaus gab es in der Nachkriegszeit, vor allem in der BRD, Bestrebungen sich nicht an die nationalsozialistische Zeit und deren Verbrechen zu erinnern. So wurde es in vielen Teilen des Landes für gut befunden, dass Vegetation die baulichen Relikte der Konzentrationslager überwuchs und sie nicht mehr sichtbar waren. Das Verschwinden der historischen Spuren begünstigte das Vergessen der Konzentrationslager. Gedenkstätten versuchen in der heutigen Zeit dem entgegenzuwirken, indem sie ein umfangreiches Angebot an Informationen bieten und die Überreste der Konzentrationslager wieder sichtbar machen. Die Erforschung der Landschaftsstrukturveränderungen kann dabei ein Hilfsmittel sein: Indem Luftbilder des Gedenkstättengeländes in zeitlicher Abfolge interpretiert werden, können die Veränderungen und Umformungen baulicher Relikte eines ehemaligen Konzentrationslagers nachvollzogen werden; denn Gedenkstättengestaltungen gingen und gehen mit einem Landschaftsstrukturwandel einher. Die Landschaftsstruktur, in ihrer Konfiguration und Entwicklung, ist dabei ein Indikator für die Sichtbarkeit baulicher Relikte und der anthropogenen Nutzung des Gebietes. Beide Sachverhalte wirken sich auf die Gestaltung der Gedenkstätte aus.

 

Der folgende Artikel gibt einen Einblick über den Umgang mit dem Gelände des Konzentrationslager Mittelbau-Dora von 1945 bis heute.

 

Das Konzentrationslager Mittelbau-Dora steht paradigmatisch für Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen im durch Josef Goebbels proklamierten ‚Totalen Krieg‘ des Jahres 1943. Vor diesem Hintergrund wurde im Zuge der Untertageverlagerung der V2-Waffenproduktion von der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde nach Mitteldeutschland im August 1943 das KZ Dora als ein Außenlager des KZ Buchenwald gegründet. Dazu wurde ein 120 Hektar großes Gelände erschlossen, das sich je nach Nutzungsart, in drei verschiedene Abschnitte unterteilte: das Industriegelände, das Bewacherlager und das Häftlingslager. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers 1945 wurde es zunächst als Displaced-Persons-Camp weiter genutzt. Bald darauf wurde das Holz der Baracken als Bauholz für die durch Bomben zerstörte, nahegelegene Stadt Nordhausen verwendet. Die Baracken und Steingebäude wurden abgebaut und eine verlassene Brachfläche wurde ungeordnet der Natur überlassen. In den Nachkriegsjahren kümmerten sich nur wenige Menschen, in erster Linie KZ-Überlebende, um den Ort. Erst seit den 1960er-Jahren gibt es auf dem Gelände eine Gedenkstätte. Nachdem zu DDR-Zeiten in weiten Teilen des Areals „Gras über die Sache gewachsen“ war, wird heute versucht, die noch vorhandenen baulichen Relikte wieder freizulegen.2

 

Das Gesamtareal des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora zerfiel nach der Aufgabe des Lagers in seine einzelnen Funktionsbereiche, mit denen jeweils unterschiedlich umgegangen wurde. Nur wenige bauliche Relikte zeugen heute noch vom Lager, vor allem Steingebäude, die als Funktionsbauten genutzt wurden, wie die Küche oder das Desinfektions- und Waschgebäude. Auch blieb das Krematorium als Symbol des nationalsozialistischen KZ-Systems erhalten. Von den Häftlingsunterkünften sind heute lediglich die Betonfundamente vorhanden. In den ersten Jahren wurde die noch übrig gebliebene historische Bausubstanz nicht verändert, sondern nur durch kleine Denkmalanlagen erweitert. Erste Denkmalsetzungen erfolgten vor allem an Orten des Leidens der Häftlinge, wie beispielsweise dem Krematorium oder dem Appellplatz.3 Veränderungen an den historischen Relikten waren in erster Linie aufgrund profaner Nachnutzung vorgesehen, wodurch der Wert der historischen Relikte als Originalsubstanz vermindert wurde. Andere Bereiche, wie das Bewacherlager oder Industriestandorte, wurden in den städtischen Kontext integriert und genutzt. In den von Baracken und Gebäuden befreiten Bereichen wurden beispielsweise Felder angelegt, aus denen später Wiesen- und Weideflächen entstanden. Diese Flächen blieben in der DDR-Gedenkstätte unberücksichtigt. In der Zeit zwischen 1970 und 1990 wurden auch ganz gezielt Bereiche des ehemaligen Konzentrationslagers für die BesucherInnen nicht begehbar gemacht, indem beispielsweise ein Zaun mit rekonstruiertem KZ-Wachturm erbaut wurde und damit einen Großteil des ehemaligen Häftlingslagers ausgrenzte, das sich dahinter befand. Auch das Industriegelände mit dem ehemaligen Lagerbahnhof blieb ausgeschlossen.4 Das Gedenkstättengelände beschränkte sich nur auf die neu gebauten Denkmalsanlagen am ehemaligen Appellplatz und dem ehemaligen Krematorium. Bis in die 1990er-Jahre hinein verschwand dabei ein Großteil der Bauelemente, da sie ungenutzt von Vegetation überwachsen wurden.

 

Auf der Basis der Auswertung von Luftbildern kann festgestellt werden, dass sich die Landschaftsstrukturen veränderten; indem Teile des Gebiets sich selbst überlassen wurden, erfolgte eine natürliche Sukzessionsdynamik, die Flächen (zunächst) verbuschen und (teils) bewalden ließ. Erst Mitte der 1990er-Jahre vergrößerte die Gedenkstätte ihre Areale wieder um Bereiche, in denen historische Spuren noch zu finden waren. In Folge der Erweiterung des Gedenkstättengeländes über die Jahre hinweg, vergrößerte sich jener Bereich, der gepflegt werden musste. Indem man Flächen zuerst entbuschte und daraufhin regelmäßig mähte und frei hielt, wurden Sträucher und Gehölze zurückgedrängt. Dies geschah und geschieht, um bauliche Relikte, die von Vegetation überwachsen sind, freizulegen und sichtbarzumachen. Durch den Anstieg der Bedeutung der baulichen Überreste wird heute versucht, diese Bereiche offen zu halten. In der Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte wird der Fokus zunehmend auf die Konservierung baulicher Relikte gelegt. Mit der sogenannten ‚Spurensicherung‘ sollen die historischen Spuren sichtbar gemacht werden, damit zukünftige Generationen die Geschehnisse nachvollziehen können. Die Gedenkstätte hat aus ihrer Entwicklung gelernt und versucht die vorhandenen Reste, und seien sie auch so trivial wie eine Kläranlage, zu bewahren.

 

Als ein Beispiel für das Verschwinden und Wiederentdecken von baulichen Relikten können die Gleisbetten des ehemaligen Industriestandortes (siehe Bild) in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora betrachtet werden. Sie lagen über Jahre hinweg unterhalb der Grasnarbe verborgen und wurden 2012 im Rahmen von Geländeuntersuchungen wieder freigelegt. Die Flächen werden heute durch eine intensive Mahd regelmäßig gepflegt, sodass sich die Gleisanlagen wieder aus der Rasenfläche abzeichnen. Diese linienförmige, aus originalem Schotter bestehende Struktur wurde zudem ein neuer, durch Trockenheit und Gestein geprägter, kleinräumiger Lebensraum. Der ‚Gewöhnliche Natternkopf‘ (Echium vulgare) konnte sich auf dieser Fläche wieder ansiedeln. Diese Pflanze, die häufig auf Güterbahnhöfen und Brachflächen vorkommt, zeigt uns nach 70 Jahren die Geschichte des Standortes an. Steht man vor der heutigen grünen Wiese und kennt seine Entwicklung nicht, lässt sich nicht erkennen, dass sich an diesem Ort ein großer Industriebahnhof befand. Erst die Vegetation gibt einen Hinweis auf die dort stattgefundene Geschichte.

 

Durch das Freihalten von Flächen, um bauliche Relikte sichtbar zu machen, werden ebenfalls die standorttypischen Biotoptypen der Gipskarstlandschaft, die Halbtrocken- und Trockenrasen, gefördert. Denkmalsschutz und Naturschutz greifen an dieser Stelle eng ineinander. Die Landschaftsstruktur auf dem Gelände ist sehr vielfältig und reicht von Waldstandorten, lichten Gehölzbeständen, Lockergesteinsflächen bis hin zu Offenlandbereichen, die teilweise landwirtschaftlich genutzt werden. Jede Landschaftsstrukturklasse bietet einen spezifischen Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Lebensgemeinschaften. Die Vielfalt der Arten ist bedingt durch die unterschiedlichen Lebensräume, welche die verschiedenen Strukturklassen auf dem Gesamtareal stellen. Die Biodiversität ist für eine Bewertung des Geländes zu berücksichtigen. So geht es nicht nur darum, wie bauliche Relikte wieder sichtbar gemacht werden können, sondern es sollte auch darauf geachtet werden, inwieweit sich bestimmte Maßnahmen auf die Ökologie des Standortes auswirken. Die Bedeutung der vielfältigen Strukturklassen ist daher in zukünftigen Pflegekonzepten zu beachten.

 

Durch den Landschaftsstrukturwandel hat sich das Erscheinungsbild des ehemaligen Konzentrationslagers Mittelbau-Dora deutlich und irreversibel verwandelt. Vernachlässigung, landwirtschaftliche Nutzung, Rekonstruktion und Denkmalsetzungen sind Eingriffe, die getätigt wurden. Die Motive im Umgang mit dem Ort sind vielfältig und zielen auf verschiedene Aussagen ab. Profane Nutzung oder Verfall sind ein Zeichen von Vergessen und befördern die Leugnung der Verbrechen an diesem Ort. Durch Denkmäler und Monumente können sie instrumentalisiert und politisch eingesetzt werden. Alle beschriebenen Prozesse erschweren den Zugang zu der Geschichte des Ortes. Zwischenzeitlich alltäglich genutzte Areale, wie etwa ein Hundesportplatz, Flächen für Schafbeweidungen oder verwilderte Sukzessionsflächen, werden seit den 1990er-Jahren zum Zwecke der Erinnerung wieder umgestaltet. Die GedenkstättenbesucherInnen und vor allem die einheimische Bevölkerung müssen diese Transformation erkennen (können), um den Wechsel von der profanen Nutzung zum Gedenkstättengelände anzunehmen. In der KZGedenkstätte Mittelbau-Dora sind noch heute Menschen anzutreffen, die hier ihren Freizeitaktivitäten, wie etwa Inlineskates fahren, Drachen steigen lassen, den Hund ausführen oder Ostereier suchen, nachgehen. Die Bereitschaft, das Gelände mit seinem ‚Friedhofsstatus‘ zu akzeptieren, ist in einigen Teilen der lokalen Bevölkerung noch nicht vorhanden. Problematisch dabei ist, dass der historische Ort seine Präsenz nicht von selbst behauptet, sondern die BesucherInnen gezielt darauf hingewiesen werden müssen, wo das ehemalige Konzentrationslager lag und sich seine Relikte befinden. Das Sichtbarmachen der Lagerstrukturen ist ein wesentliches Mittel, um dem Ort zu seiner notwendigen Präsenz (zurück) zu verhelfen. Die baulichen Relikte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers können den heutigen Generationen jedoch keine unmittelbare Auskunft (mehr) über die dort geschehenen Verbrechen geben. Sie müssen in einen Gedenkstättenkontext integriert werden, indem beispielsweise Informationstafeln aufgestellt werden.

 

Während Bauarbeiten oder Geländeuntersuchungen kommen immer wieder Relikte des ehemaligen Konzentrationslagers zum Vorschein. Die Gestaltung erfährt einen ständigen Wandel. Im Zuge der Neukonzeption der Gedenkstätte und der damit einhergehenden Umgestaltung des Geländes kann aber nur ein Teil der Lagergeschichte wieder lesbar gemacht werden. Eine vollständige Aufarbeitung ist aufgrund der veränderten Landschaft nicht mehr möglich. Nach wie vor geht die Debatte um eine angemessene Präsentation der Gedenkstätten weiter. Die Spezifik eines jeden Konzentrationslagers fördert dabei die verschiedenen Gestaltungsvariationen.

 

Jenny Linde

2009-2010 Freiwilliges Jahr im Büro des Vereins GEDENKDIENST, freie Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, B.Sc. Umweltmanagement.

 

Fußnoten

 

1 Brockhaus - Die Enzyklopädie. Bd.27 Zitate und Redewendungen. 20., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Leipzig, Mannheim 1996, 697.

2 Vgl. Jens-Christian Wagner, Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943-1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007.

3 Vgl. Jan Thomas Köhler, Wie authentisch ist der authentische Ort?, in: Insa Eschebach/Sigrid Jacobeit/Susanne Lanwerd Hg., Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravensbrück, 1945-1995, Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Band. 11, Berlin 1999.

4 Vgl. Jens-Christian Wagner, Das Verschwinden der Lager. Mittelbau-Dora und seine Außenlager

im deutsch-deutschen Grenzbereich nach 1945, in: Habbo Knoch Hg., Das Erbe der Provinz. Heimatkultur und Geschichtspolitik nach 1945, Göttingen 2001.