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Ausgabe 1/15


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Post aus...Terezìn/Litoměřice

Terezìn/Litoměřice, Juni 2015

 

Der Ort, an dem ich meine Post aus Terezìn/Litoměřice verfasse, befindet sich ziemlich genau in der Mitte zwischen diesen beiden Städten. Ich habe mich auf einen Baum neben dem Fluss Ohře gesetzt und genieße hier die Sonne. Dieser tägliche, ungefähr vier Kilometer weite Fußweg nach Hause hilft mir eine gewisse Distanz zu meiner Arbeit zu schaffen.

 

Im Geiste werde ich jetzt von meinem Platz auf dem Baum aufbrechen und meinen Erzählstandort nach Litoměřice verlegen: Ich wohne in einer WG direkt unter dem Dach mit wunderschönem Blick auf die Altstadt. Mit meinen Mitbewohner*innen koche und diskutiere ich viel.

 

Um dem Bild unserer Wohnung mehr Schattierungen zu geben, will ich noch einen weiteren Teil von ihr beschreiben. Wir nennen ihn liebevoll ,Vorzimmer‘ oder ,Latschenbar‘ und beziehen uns dabei auf die Bar, welche schräg gegenüber unseres Hauses liegt. Es ist ein guter Platz, um mit Tschech*innen in Kontakt zu treten, gemeinsam zu singen und zu feiern.

 

Eine mir sehr wertvolle Freundschaft möchte ich noch erwähnen. Ich treffe mich zweimal wöchentlich mit einem älteren Herrn. Mittwochs bringt er mir Tschechisch bei und wir essen gemeinsam Abend, sprechen über Geschichte und vieles mehr. Sonntags ist er in der WG zu Besuch und ich bringe ihm Kochen bei.

 

Zu meiner Arbeit in der Gedenkstätte Theresienstadt:

 

Ich sitze gemeinsam mit einer Freiwilligen der Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) aus Deutschland in einem Büro. Dort plane ich den Aufenthalt von Gruppen, die das ehemalige Ghetto Theresienstadt besuchen wollen. Hinter dem Verb planen versteckt sich eine Menge Arbeit. Hier nur ein paar meiner Arbeitsschritte mit Gruppen: Kontaktieren von Zeitzeug*innen, Diätvorlieben der Teilnehmer*innen herausfinden, die Koordinierung der Essenszeiten, inhaltliche Programmplanung. Der zweite Teil meiner Arbeit besteht darin, dass im Vorhinein geplante inhaltliche Programm durchzuführen. Ich leite Workshops, führe durch das ehemalige Ghetto und moderiere Zeitzeug*innengespräche, uvm. Mir macht die Arbeit großen Spaß und sie löst in mir das angenehme Gefühl aus, etwas sehr Sinnvolles zu tun.

 

Schade ist, dass so wenig Gruppen aus Österreich kommen, obwohl das ehemalige Ghetto sehr viele Bezüge zu Opfern und Tätern aus Österreich hat: Es haben mehr als 15.000 Österreicher*innen im Ghetto gelitten und alle drei Lagerkommandanten stammten aus Niederösterreich.

 

Liebe*r Leser*in, sehe das bitte als Aufforderung, mich in Terezín zu besuchen!

 

Tim Pauli

Leistet derzeit Gedenkdienst an der Jugendbegegnungsstätte Theresienstadt in Terezín.