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Ausgabe 1/15


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Rede anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner 2015

Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Vor genau 70 Jahren wurde der Lagerkomplex Auschwitz von der Roten Armee befreit. Als Vertreterin des Vereins GEDENKDIENST stehe ich heute gemeinsam mit euch am Wiener Heldenplatz, um jenen Millionen zu gedenken, die zu Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung wurden – ohne ihre Mörder auszublenden.

 

Weil sie Jüdinnen und Juden waren oder dazu gemacht wurden, weil sie Roma/Romnia, Sinti/Sintizzi waren oder dazu gemacht wurden, weil sie Sozialist_innen oder Kommunist_innen waren, dem NS-System aus rassistischen und ideologischen Gründen als unwert erschienen.

 

Gemeinsam stehen wir heute am Wiener Heldenplatz, um ein Zeichen zu setzen, dass Auschwitz nie wieder sei. In unserer historisch-politischen Bildungsarbeit im GEDENKDIENST setzen wir uns kritisch mit der NS-Geschichte, der Vorgeschichte und deren Kontinuitäten in der österreichischen Gesellschaft und Politik auseinander. Dies schließt unausweichlich die Frage danach ein, wer die TäterInnen waren. Wer hat durch Wegschauen oder aktives Handeln, Menschen zu Opfern der Verfolgung und Vernichtung gemacht? Die Mitverantwortung von ÖsterreicherInnen wurde lange verschwiegen und verharmlost – und wird es oft heute noch.

 

Auschwitz ist zum Symbol für die nationalsozialistischen Massenverbrechen und insbesondere für die Verbrechen der Shoah geworden. Auch wenn Auschwitz am Internationalen Holocaust-Gedenktag im Fokus steht:

 

Wir gedenken heute genauso auch jenen Millionen Menschen, die in die Flucht, Emigration oder in den Suizid gezwungen wurden, jenen, die in ihren Heimatorten oder Stetl, in Ghettos, Gefängnissen, durch mobile Tötungseinheiten, durch Massenerschießungen, durch Zwangsarbeit oder in einem der unzähligen anderen Lager von Nationalsozialisten und ihren Kolloborateuren ermordet wurden.

 

Viele dieser Orte und Lager waren im Jänner 1945 noch lange nicht befreit und das Töten dauerte noch an. Wir gedenken der WiderstandskämpferInnen, die sich mutig unter Einsatz ihres Lebens gegen das NS-System gestellt haben, um für die Freiheit, die schließlich auch unsere Freiheit ist, zu kämpfen.

 

Vor 70 Jahren wurden Grundsteine für ein demokratisches, solidarisches und antifaschistisches Miteinander in Europa gelegt. Grundsteine, die eine starke Zivilgesellschaft ermöglichen. Grundsteine, die immer wieder aufs Neue abgesichert und bekräftigt werden müssen.

 

Und, wir werden es nicht zulassen, dass rechte Hetze diese Grundsteine ins Wanken bringt!

 

Gemeinsam stehen wir heute am Wiener Heldenplatz und ich halte ein Versprechen wach. Ein Versprechen, dass wir jüngeren Generationen den Überlebenden geben. Denn um mit Primo Levi zu sprechen, müssen wir „Ver-gangenes begreifen, um Drohendes zu bannen.“

 

Unser Versprechen bedeutet:

 

Dass wir gegen Rassismus und Antisemitismus aufstehen, dass wir Diskriminierungen und Ausgrenzungen aufgrund von Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung, Behinderung oder selbstbestimmter Lebensformen bekämpfen, dass wir historische und gesellschaftspolitische Aufklärungsarbeit zum Nationalsozialismus leisten, dass wir Rechtsextremismus salonunfähig machen, dass wir gegen Geschichtsrevisionismus und die Verharmlosung der NS-Verbrechen auftreten.

 

Dass wir uns mit jenen solidarisieren, die von Krieg, Verfolgung, Hunger und Armut bedroht sind und sich für die Stärkung der Menschenrechte einsetzen.

 

Hierfür heißt es am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Jetzt Zeichen setzen. Den Überlebenden insbesondere, und uns selbst versprechen wir: Wir werden niemals vergessen!

 

Olivia Kaiser-Dolidze

Stv. Obfrau des Vereins GEDENKDIENST