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Ausgabe 2/15


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‚Ignorant Girls‘

Populäre Ikonen in Darstellungen des Nationalsozialismus1

 

Wer heute die Geschlechterverhältnisse des NS-Regimes zum Thema macht, ist schnell mit der Präsenz medialer Ikonen in populären Geschichtsbildern konfrontiert. Dazu zählen Eva Braun und andere Ehefrauen und Geliebte der NS-Elite ebenso wie prominente Repräsentantinnen der Kultur- und Unterhaltungsindustrie, wie Leni Riefenstahl oder Zarah Leander. Häufig im Plural zusammengefasst stehen sie für ein verbreitetes Klischee, das, weit mehr als die Abwesenheit von Frauen im Bild des Nationalsozialismus, zur Herausforderung für eine differenzierte Darstellung der nationalsozialistischen Gesellschaft werden kann. Was dahinter steht, ist ein populäres biografisches Genre, das seit der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Reihe von Konjunkturen erlebt hat und auf einen Markt zielt, in dem sich pornografisches und apologetisches Begehren mit dem Wunsch nach Wissen mischen.

 

Bereits die in Titeln wie Frauen um Hitler, Die Frauen der Nazis oder Hitlers Frauen nahegelegte Existenz einer Gruppe, aus der sich ein ‚Typus‘ gewinnen lassen könnte, hat projektiven Charakter, werden doch unter diesen Überschriften höchst unterschiedliche biografische Wege beschrieben. Welches Interesse aber verbindet sich mit solcher Stereotypisierung und Entindividualisierung von Frauen? Diese Interpretation setzte kurz nach dem Ende des Nationalsozialismus mit der Publikation der gefälschten Tagebücher von Eva Braun, Hitlers Geliebter und Ehefrau der letzten Stunden, ein. Der Verlag machte damit verbundene Verkaufserwartungen deutlich, versprach er in der Publikation doch einen ungeschminkten Einblick in die Privatsphäre des gerade noch von so vielen geliebten Führers, dessen Monstrosität nun – scheinbar plötzlich – sichtbar geworden war. Damit konnte ein breites Feld von Interessen bedient werden, die von der Hoffnung auf einen Blick hinter die Kulissen des Gewaltregimes über die symbolische Inbesitznahme des privaten Territoriums des gestürzten Diktators bis zum Wunsch nach Teilhabe an der Intimität einer idealisierten Figur reichen mochten.

 

Wenn auch die Täuschung dieses frühen Projektes bald aufflog,2 so suchte doch eine Reihe von Folgepublikationen einen ähnlichen Markt. Symptomatisch dafür ist eine im Kontext der Nürnberger Prozesse in einer Wochenillustrierten publizierte Serie Mein Mann – der Kriegsverbrecher über die Ehefrauen der Hauptangeklagten3 ebenso wie eine erste Konjunktur von Buchpublikationen in den 1950er und 1960er-Jahren. Dazu zählte die in mehreren Sprachen vermarktete Eva Braun Biographie des türkisch-amerikanischen Journalisten Nerin E. Gun, der die Geliebte als „erstes und größtes Opfer“ Hitlers darstellte,4 ebenso wie die 1956 erstmals erschienene Autobiografie Henriette von Schirachs, Tochter von Hitlers persönlichem Fotografen Heinrich Hoffmann und Gattin des Reichsjugendführers sowie Gauleiters und Reichsstatthalters Wiens, die eine ganze Reihe von Neuauflagen (zuletzt 2003) erleben sollte.5

 

Schirachs kommerziell erfolgreiches Buch, das die Rechtfertigung der eigenen Biografie mit Geplauder über die NS-Größen und deren privates Leben verband, stand Pate für weitere Publikationsprojekte. Dazu zählten neben Guns Buch zu Eva Braun auch die Erinnerungen von Ausnahmefiguren des Regimes, wie der Fliegerin Hanna Reitsch6 oder der Filmemacherin Leni Riefenstahl.7 Beide konnten aufgrund der Spannung zwischen ihrer Popularität im Nationalsozialismus und dem scheinbaren Kontrast ihrer Lebenswege zu nationalsozialistischen Weiblichkeitsbildern ein besonders breites und politisch heterogenes Publikum ansprechen. So blieb zum einen ihr Status als ehemalige Nutznießerinnen und Propagandistinnen des NS-Regimes bedeutsam für die Rezeption ihrer Werke, zum anderen erfuhren sie auch nach 1945 öffentliche Bewunderung und erlangten zum Teil den Status von Pop-Ikonen. Autobiographie und Biographien publizierten aber auch die Gattinnen ehemaliger zentraler Akteure des NS-Regimes – so u.a. Lina Heydrich, die unter dem anachronistischen Titel Leben mit einem Kriegsverbrecher ihrem 1942 bei einem Attentat getöteten Ehemann Reinhard Heydrich ein Denkmal setzte, der als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes maßgeblich für die Organisation der Deportation und den Massenmord an Jüdinnen und Juden im deutschen Herrschaftsbereich verantwortlich war.8 Die apologetische Intention vieler dieser Werke stützte sich auf spezifische Bilder weiblicher Machtlosigkeit, mit denen die Autobiografinnen ihre persönliche Unschuld begründeten und dann – offen oder implizit – über ihre persönliche Verantwortung hinaus diese auf ihre Männer, auf ihr weiteres persönliches Umfeld, auf das Regime als Ganzes zu erweitern suchten.

 

Paradigmatisch für das Genre wurde eine ganze Reihe von biografischen Texten zu Eva Braun, deren Leben vermutlich nicht zuletzt deshalb zur willkommenen Projektionsfläche werden konnte, weil sie vor dem Ende des NS-Regimes in der Öffentlichkeit vollkommen unbekannt war. Die narrativen Elemente, die dabei immer wieder auftreten, lassen sich an der 2006 publizierten Arbeit der britischen Journalistin Angela Lambert zeigen. So stellt bereits die Behauptung, irgendwie doch die erste Biografie von Eva Braun verfasst zu haben („the first by someone of her own gender“9) eine Kontinuität dar. Nerin E. Gun hatte 1968 den Neuigkeitswert seines Buches damit begründet, dass alles zuvor über Eva Braun publizierte „von haarsträubender Ungenauigkeit“10 sei. Die derzeit neueste Biografie der deutschen Historikerin Heike Görtemaker annonciert sich im Klappentext als erste wissenschaftliche Biographie.11 Eine zweite Gemeinsamkeit mehrerer Publikationen ist die Vorstellung einer besonderen, neuen, intimen, vertrauenswürdigen Zeugin. Bei Lambert ist dies eine Cousine Eva Brauns, die einige Monate mit ihr am Berghof verbracht haben soll. Ein wiederkehrendes Motiv ist auch das Versprechen auf Einblick in Verborgenes, das häufig mit den Chiffren Sexualität und Tod indiziert wird. Signifikant ist aber vor allem die Herstellung von Relevanz über einen monströsen Vergleich, mit dem Lambert ihr Unternehmen begründet: „When an ignorant girl meets any man who takes an interest in her she’s bound to be flattered, but there was more to it than that. [...] Their relationship is worth investigating because his treatment of this one young woman – first enthralling, then dominating and finally destroying her – reflects in microcosm the way he also seduced and destroyed the German people.”12

 

Vor dem Hintergrund dieses Vergleichs gewinnt Lamberts Anliegen, Eva Brauns Ehre zu retten, seine Bedeutung. Sie sei keine Nationalsozialistin gewesen, vielmehr war Lambert „intrigued by her sheer ordinariness – the banality of goodness, if you like.”13

 

Wenn auch nicht alle Biografien diese Position einnehmen, so ist damit doch eine spezifische Relevanzkonstruktion angedeutet. Eva Braun wird inszeniert als paradigmatische Figur zur Darstellung der fatalen Attraktion Hitlers auf große Teile der deutschen Bevölkerung. Diese projektive Konstruktion wird fortgeschrieben in einer Reihe von Biografiesammlungen, die immer wieder auf eine spezifische metaphorische Verflechtung setzen: Die skandalisierten Repräsentantinnen des NS-Regimes, die durchwegs als heimliche oder verschmähte Geliebte Hitlers präsentiert werden, stehen für Deutschland und erscheinen als Exempel für das Verhältnis der Deutschen als Masse, als Volk zu Hitler. Paradigmatisch formuliert hat dies Nerin E. Gun, wenn er meinte, sein Buch stelle eine Frau vor, die Hitler „Vertrauen schenkte wie Millionen Deutsche“ und ihm daher „bis in die Katastrophe“ folgte.14 Der Fernsehhistoriker Guido Knopp drehte das Bild noch ein Stück weiter, wenn er nicht nur die unterschiedlichsten Frauenbiografien unter dem Titel Hitlers Frauen und Marlene zusammenfasste, und damit auch die ausgewiesene Gegnerin des NS-Regimes Marlene Dietrich mit ihrem Vornamen unter die symbolischen Gefährtinnen Hitler einreihte, sondern überdies jeder Folge seiner Dokumentationsserie den gleichen Vorspann einer Hitler zujubelnden Masse voranstellte, aus der die Kamera einzelne Frauen herausgreift, die dann von Bildern der jeweils Porträtierten und Hitler überblendet werden.15 Die simple Botschaft lautet: Das Volk ist Hitler verfallen wie die hysterisierte weibliche Masse, die wiederum repräsentiert ist durch jene, die es in die Nähe der Macht geschafft haben und an denen nun gezeigt werden kann, was die Anziehung ausmachte. Die erfolgreiche Metapher steht im Zentrum eines gewinnträchtigen publizistischen und televisuellen Phänomens: des pornografischen Blicks16 auf das Zentrum des Bösen über den Umweg der verharmlosenden Darstellungen der weiblichen Angehörigen der NS-Machtclique. Was in der Forschung dringend größerer Beachtung bedarf, sind allerdings weniger die Biografien dieser Frauen, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit ihrem projektiv aufgeladenen öffentlichen Nachleben – mit der Geschichte ihrer Biografisierung.

 

Johanna Gehmacher

Historikerin, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, gemeinsam mit Gabriella Hauch Leitung des Schwerpunkts Frauen- und Geschlechtergeschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät.

 

Fußnoten

 

1 Dieser Beitrag fasst einige Thesen eines umfangreicheren Textes zusammen, vgl. Johanna Gehmacher, Im Umfeld der Macht. Populäre Perspektiven auf Frauen der NS-Elite, in: Elke Frietsch/Christina Herkommer, Hg., Nationalsozialismus und Geschlecht. Zur Politisierung und Ästhetisierung von Körper, „Rasse“ und Sexualität im „Dritten Reich“ und nach 1945, Bielefeld 2009, 49–69; dort auch ausführlichere Quellen- und Literaturbelege.

2 Vgl. Marcel Atze, „Unser Hitler“. Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945, Göttingen 2003, 236.

3 Vgl. Gudrun Schwarz, „Eine Frau an seiner Seite“. Ehefrauen in der „SS-Sippengemeinschaft“, Hamburg 1997, 271–276.

4 Nerin E. Gun, Eva Braun-Hitler. Leben und Schicksal, Velbert 1968, 12.

5 Vgl. Henriette von Schirach, Der Preis der Herrlichkeit, Wiesbaden 1956.

6 Vgl. Hanna Reitsch, Das Unzerstörbare in meinem Leben, München 1975.

7 Vgl. Leni Riefenstahl, Memoiren, Hamburg 1987.

8 Vgl. Lina Heydrich, Leben mit einem Kriegsverbrecher, Pfaffenhofen 1976.

9 Angela Lambert, The Lost Life of Eva Braun, London 2006, X.

10 Gun, Eva Braun-Hitler, 9.

11 Vgl. Heike B. Görtemaker, Eva Braun. Leben mit Hitler, München 2010.

12 Lambert, Lost Life, 10.

13 Ebd., IX.

14 Gun, Eva Braun-Hitler, 210.

15 Vgl. Guido Knopp/Alexander Berkel, Hitlers Frauen und Marlene. Rheda-Wiedenbrück u. a. 2001 (Buch zur Videodokumentation).

16 Vgl. zu diesem Konzept: Silke Wenk, Rhetoriken der Pornografisierung. Rahmungen des Blicks auf die NS-Verbrechen, in: Insa Eschebach u. a., Hg., Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt am Main u. a. 2002, 269–294.