AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/15


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Yella Hertzka (1873–1948). (K)eine Frauenbiographie

Yella Hertzka war eine der bedeutendsten österreichischen Frauenrechtlerinnen und Pazifistinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die insbesondere durch den Nationalsozialismus und das mangelnde Interesse des Nachkriegsösterreichs an der Geschichte von Frauen(rechtlerinnen) in Vergessenheit geriet. Zudem gibt es bis heute ein starkes Gefälle zwischen Anzahl und Stellenwert der Biographien von Männern zu jener von Frauen. Wer gilt als biographiewürdig? Wer findet Eingang in ein Archiv? Zu wem werden Dokumente im privaten Rahmen aufbewahrt und wessen Leben hinterlässt keine Spuren, die überdauern? Fragen zur Beschaffenheit des Nachlasses oder der Spuren eines Lebens sind erhellend und hängen eng mit dem sozialen Status, dem Geschlecht und der Relevanz bestimmter Themen in der jeweiligen Gedächtniskultur einer Zeit zusammen. Hierbei fällt auf, dass Dokumente zur Person Yella Hertzka nur zu einem geringen Ausmaß in Österreich, sondern großteils auf verschiedene Länder verstreut, in transnationalen Sammlungen bewahrt wurden.

 

Eine Besonderheit Yella Hertzkas ist einerseits ihre Transnationalität und andererseits die Vielfalt ihrer Tätigkeitsbereiche. Für die biographische Auseinandersetzung mit ihrer Person1 habe ich daher einen Zugang gewählt, der auf den Begriffen ‚Vernetzungen‘ und ‚Handlungsräume‘ basiert. Mit dem Begriff der ‚Vernetzungen‘ fokussiere ich auf Prozesse, die zur Herausbildung von transnationalen Beziehungen einer Protagonistin der internationalen Frauen- und Friedensbewegung geführt haben. Reisen, das wiederholte Sich-Versammeln – etwa auf internationalen Kongressen –, Korrespondenzen, Publikationen oder die Beherbergung von Gästen waren jene Praktiken der Interaktion, mit denen Aktivistinnen internationaler Frauenbewegungen räumliche Distanzen überwanden und ihre Agenden vorantrugen. Gleichzeitig waren diese Handlungsweisen grundlegend für eine personalisierte Form der Politik, einer politics of friendship, wie sie für Frauenbewegungszusammenhänge charakteristisch war.2 Der Begriff der ‚Handlungsräume‘ wiederum dient dazu, Yella Hertzkas Aktivitäten in unterschiedliche, jedoch miteinander verwobene Bereiche einzuordnen. Er soll verdeutlichen, dass Yella Hertzkas Aktivitäten von anderen Personen mitgetragen wurden und dafür personelle Vernetzungen grundlegend waren. Die Auswahl der Handlungsräume – es sind dies ein Frauenklub in Wien, die Gartenbauschule für Frauen in Wien Grinzing, die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, Flucht und Exil und ihre Tätigkeit für den Musikverlag Universal Edition – macht Yella Hertzkas starke Einbindung in Frauenbewegungen deutlich. Während der Frauenklub und die Gartenbauschule für Frauen lokale Initiativen darstellten, die jedoch auf den Dialog mit Frauenrechtlerinnen aus anderen Ländern verweisen, ist die internationale Verständigung Gründungsmoment und zugleich Programmatik der Internationalen Frauenliga. Die Themen Flucht und Exil machen einerseits den Einschnitt deutlich, den die Machtergreifung der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten insbesondere für jüdische Protagonistinnen der liberalen Frauenbewegung bedeutete. Andererseits zeigen sie auch die Notwendigkeit auf, sich im Rahmen eines biographischen Zugangs mit den Bedingungen des Handelns auseinanderzusetzen. Transnationales Agieren kennzeichnet auch den Handlungsraum des Musikverlages Universal Edition, in dem Yella Hertzka in einem von Männern dominierten Umfeld auftrat.

 

Zunächst einige Worte zum Handlungsraum Frauenklub: Die aus der US-amerikanischen Klubtradition stammenden Frauenklubs waren ein länderübergreifendes, urbanes Phänomen. Yella Hertzka war sowohl in der Gründung und Leitung des Wiener Frauenklubs (1900–1902) als auch des Neuen Frauenklubs (1903 bis 1933, als Wiener Frauenklub bis 1938 und von 1949 bis 2005) führend involviert. Zielpublikum beider Frauenklubs waren erwerbstätige bürgerliche Frauen, Studentinnen und Frauenbewegungsaktivistinnen, wobei das Postulat der Bildung als Chiffre für Ein- und Ausschlüsse fungierte. Der Frauenklub in Wien war überkonfessionell ausgerichtet, bot zahlreichen anderen Frauenvereinigungen ein Quartier und war gemäß Olly Schwarz „als Zentrale aller feministischen Bestrebungen“ 3 gedacht. Mit ihrer Politik, Ikonen der Frauenbewegung als Vortragende einzuladen und ausländische Gäste aufzunehmen, trugen gerade Frauenklubs dazu bei, sich als Teil einer internationalen Bewegung zu imaginieren.

 

Hertzkas Gründung der Gartenbauschule für Frauen in Wien Grinzing im Jahr 1913 reiht sich in die Bestrebungen der bürgerlichen Frauenbewegung zur Schaffung von Ausbildungs- und Erwerbsmöglichkeiten für Frauen ein. Darüber hinaus wurde der Gartenbau mit volkwirtschaftlichen Argumenten verknüpft und zur Lösung von Landflucht sowie der landwirtschaftlichen Krise in den industrialisierten Ländern propagiert. Viele Gartenbauschulen wurden Mitte/Ende der 1930er-Jahre als Ausbildungsstätten zur Vorbereitung auf die Auswanderung von Jüdinnen und Juden vorwiegend mit dem Ziel Palästina eingesetzt. Auch Yella Hertzka organisierte nach der nationalsozialistischen Machtergreifung gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien auf dem Gelände ihrer Gartenbauschule sogenannte ‚Umschichtungskurse‘ zur gezielten Fluchthilfe.4

 

Mit Hertzkas Eintreten für den Pazifismus im Gefolge des Haager Frauenkongresses 1915 trat sie einer internationalen Frauenorganisation bei, die sich der Neugestaltung internationaler Politik, Entwürfen einer neuen Weltordnung und Friedensmissionen in vom Krieg bedrohten Ländern annahm. Dem traditionellen Ausschluss von Frauen aus der Politik setzten die Aktivistinnen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) die Überzeugung entgegen, „dass uns Frauen eine ganz besondere Aufgabe zufällt, die Völker zu neuer Lebensgemeinschaft zu führen.“5 Die IFFF war allerdings auch das Projekt einer gebildeten Elite, die in den eigenen Reihen ein hierarchisches Gefälle zwischen jenen Mitgliedern entwickelte, die auf internationaler Ebene der Organisation tätig waren und jenen, die sich eine Teilhabe jenseits lokaler Kontexte nicht in gleicher Weise leisten konnten. So waren etwa Angehörige osteuropäischer Staaten vor allem Zielobjekte einer Erziehung zum Internationalismus. Yella Hertzka war langjähriges Mitglied des internationalen Exekutivkomitees. Sie setzte durch, dass der dritte internationale Kongress der Frauenliga 1921 in Wien stattfand und organisierte 1931 im Zuge der Weltwirtschaftskrise eine ökonomische Konferenz mit internationalen ExpertInnen in Paris.

 

Flucht und Exil im Gefolge der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich bedeuteten für Yella Hertzka zugleich Ausschluss aus ihren bisherigen Handlungsräumen sowie Verlust, Zerstörung und Enteignung: des Frauenklubs, der Gartenbauschule, des Musikverlages Universal Edition sowie des österreichischen Zweiges der IFFF. Yella Hertzka war als Jüdin und Pazifistin im Nationalsozialismus in Lebensgefahr und einem immer dichter werdenden Netz diskriminierender Maßnahmen ausgesetzt. Dabei fällt auf, dass sie – und auch andere Aktivistinnen der IFFF – durch ihr frauenpolitisches Engagement einerseits über ein Wissen und andererseits über persönliche Beziehungen verfügten, die es ihnen ermöglichten, einzelne widerständige Handlungen zu setzen. Durch eine Heirat mit einem tschechischen Cousin entging Yella Hertzka Ende 1938 dem Kennkartenzwang für Jüdinnen und Juden. Sie nahm dessen Staatsbürgerschaft an, mit der sie zu diesem Zeitpunkt noch aus dem Deutschen Reich ausreisen konnte. Über 30.000 jüdische Flüchtlinge aus Österreich, darunter auch Yella Hertzka, fanden vor Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Exil in Großbritannien. Entscheidend für ihre Flucht sowie ihre Existenz als Exilierte waren sowohl ihre transnationalen Kontakte zu Frauenliga-Aktivistinnen als auch ihre Möglichkeit, sich als ausgebildete Gärtnerin eine Arbeitserlaubnis zu verschaffen.

 

Hertzkas Einsatz für den Handlungsraum Universal Edition setzte – abgesehen von der engen Verschränkung privater und geschäftlicher Kontakte im Umfeld eines Musikverlages – mit dem Tod ihres Ehemannes Emil Hertzka, dem langjährigen Direktor der Universal Edition, im Jahre 1932 ein. Trotz ihres Einflusses, den sie bis zur Enteignung im Nationalsozialismus 1938 und in den Nachkriegsjahren auf das zu restituierende Geschäft und Gebahren des Musikverlages ausübte, wurde Yella Hertzka in Historiographien zur Universal Edition bislang vernachlässigt. Ihre erste Tätigkeit für den Verlag fiel in die Zeit des Austrofaschismus, in der die Universal Edition aufgrund ihrer Positionierung als österreichischer Musikverlag zum Zwecke der Kulturpropaganda vom Dollfuß/ Schuschnigg-Regime hohe finanzielle Förderungen erhielt. Hat Yella Hertzka das von den Direktoren des Verlages eingegangene Naheverhältnis zum Dollfuß/ Schuschnigg-Regime mitgetragen? 1934 hatte sie jedenfalls die Regierung gegenüber den internationalen Frauenliga-Aktivistinnen unter der Prämisse verteidigt, „dass alle Mittel im Kampf gegen den Nationalsozialismus recht seien.“6 Nach der NS-Machtübernahme wurden Yella Hertzka und alle anderen ,nicht-arischen‘ AktionärInnen gezwungen, ihre Anteile am Unternehmen zu ,verkaufen‘. 1946 stand sie als öffentliche Verwalterin gemeinsam mit dem von ihr zum Direktor bestellten Alfred Schlee dem Musikverlag vor. Ende November 1946 wurde auf ihr Betreiben das Rückstellungsverfahren zur Universal Edition eingeleitet, dessen Ausgang sie jedoch aufgrund ihres Ablebens 1948 nicht mehr erlebte.

 

In einem Interview mit Christine Basil, die in der von Emil und Yella Hertzka initiierten Künstlerkolonie im Kaasgraben in Wien aufgewachsen war, fallen die Worte: „Sie war also eine außergewöhnliche Frau, in jeder Beziehung [...], also intellektuell und sehr dynamisch, denn alleine, dass sie also Gartenbauschule und mit ihrem Mann zusammen die Universal Edition, also schon allein das ist ja eine tolle Geschichte, [...] in einer Zeit, wo die Frau bestenfalls Ehefrau war, und Schluss!“ Wiederholt charakterisiert sie Yella Hertzka als „eine sehr maskuline Frau, für damalige Verhältnisse“.

 

Ihre Aussagen machen nicht nur deutlich, dass Yella Hertzka für Frauen vorgesehene soziale Normierungen überschritten hat, sondern sie sind auch ein Beispiel dafür, dass derartige Überschreitungen von Frauen mit männlichen Verhaltensmustern und Eigenschaften verbunden wurden und werden. Waren Frauen zur Zeit Hertzkas zu Heirat und Mutterschaft ‚berufen‘, schienen Handlungsräume jenseits der Familie den Männern vorbehalten. Biographien „als Texte von Männern über Männer“7, die männliche Lebensläufe als den Normalfall und als allein biographiewürdig festlegten, hatten einen wesentlichen Anteil daran, derartige Normierungen durchzusetzen. Biographien von Frauen gestalten sich daher zum Teil heute noch als ‚Sonderfälle‘, sei es indem sie außergewöhnliche Lebensläufe verfolgen oder indem sie entlang anderer Paradigmen als dem einer Berufskarriere angeordnet sind. In der kritischen Lektüre von Biographien und in Biographien, die das Modell einer Normalbiographie durchkreuzen, liegt das Potenzial, die soziale Konstruktion von Geschlecht wie auch Differenzen entlang weiterer Kategorien sichtbar zu machen. Eine biographische Auseinandersetzung mit Yella Hertzka und ihren gesellschaftspolitischen und frauenspezifischen Anliegen hält dazu an, Begriffe von Arbeit, Öffentlichkeit und Politik zu überdenken, Differenzen aufgrund von Geschlecht, religiöser Zugehörigkeit oder auch frauenbezogener Lebensweisen zu erörtern und die Konstruktion und Verschränktheit von Biographie und Geschlecht wahrzunehmen.

 

Corinna Oesch

Historikerin, Projektmitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Publikationen: Die Komponistin Maria Hofer (1894–1977). Frauenzusammenhänge und Musik, Strasshof/Wien 2010; Yella Hertzka (1873–1948). Vernetzungen und Handlungsräume in der österreichischen und internationalen Frauenbewegung.

 

Fußnoten

 

1 Vgl. Corinna Oesch, Yella Hertzka (1873–1948). Vernetzungen und Handlungsräume in der österreichischen und internationalen Frauenbewegung, Innsbruck/Wien/Bozen 2014.

2 Vgl. Ulla Wischermann, Frauenbewegungen und Öffentlichkeiten um 1900. Netzwerke, Gegenöffentlichkeiten, Protestinszenierungen, Bd. 4, Frankfurter feministische Texte, Sozialwissenschaften, Königstein/Taunus 2003, 35–41.

3 Olly Schwarz, „Uebersiedlung nach Wien“ (unveröffentlichtes Typoskript), 16. Institut für die Geschichte der Juden in Österreich, Karton 51, Sign. 197 (Olly Schwarz).

4 Jüdisches Nachrichtenblatt, Nr. 59, 25. Juli 1939,

5; Wochenbericht der Israelitischen Kultusgemeinde Wien vom 19. Juli 1938, wiedergegeben in: Götz Aly/Susanne Heim, Hg., Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, B.d. 2, Deutsches Reich 1938–August 1939, München 2009, 227–228. Für diesen Hinweis danke ich Ulrike Krippner.

5 [Lida Gustava Heymann], Bericht über meine Tätigkeit in Wien, 22. Nov. bis 13. Dez. 1923. Archiv der Vereinten Nationen in Genf (UNOG), Women’s International League of Peace and Freedom (WILPF) papers, Reel 55.

6 Zwei österreichische Freunde [Yella Hertzka und Olga Misař] an Emily Greene Balch, Mai 1934. UNOG, WILPF papers, Reel 56.

7 Anne-Kathrin Reulecke, „Die Nase der Lady Hester“. Überlegungen zum Verhältnis von Biographie und Geschlechterdifferenz, in: Hedwig Röckelein, Hg., Biographie als Geschichte, Tübingen 1993, 117–142, hier 119.