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Ausgabe 2/15


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Frauen sichtbar machen

Ein Gespräch mit der Leiterin der Dokumentationsstelle Frauenforschung am Institut für Wissenschaft und Kunst Ilse Korotin über biografiABiografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen.

 

Veronika Duma, Veronika Helfert: Ilse Korotin, Sie sind Leiterin des Projekts biografiA. Welche Idee steckt hinter diesem Projekt und wann wurde es ins Leben gerufen?

 

Ilse Korotin: Das große Thema des Forschungsprojekts biografiA lautet Frauen sichtbar machen – in jeder Epoche, in den unterschiedlichsten Lebenslagen und Tätigkeitsbereichen. Das Projekt startete bereits 1998, als eine Gruppe von Forscherinnen, Dokumentarinnen und Bibliothekarinnen über die Realisierung eines frauenbiografischen Lexikons nachdachte. Es war dies keinesfalls das erste ‚Unternehmen‘ in dieser Richtung: Als Grundstein galt uns das von Erika Weinzierl und Ruth Aspöck geleitete Projekt zur Erstellung eines frauenbiografischen Lexikons aus den 1970er-Jahren. Die Dokumentation lag zwar als fünfbändiger Projektendbericht an insgesamt drei Stellen vor, mangels einer ausreichenden Finanzierung gelangte das von Weinzierl als „umfangreicher Torso“ bezeichnete Konvolut aber nie zur Publikation. Auch Frauenforschung hat eine Geschichte! Wir holten uns von Weinzierl die Erlaubnis, die Dokumentation als einen Grundstein heranzuziehen. Zusätzlich wurden Datensätze des Österreichischen Biographischen Lexikons in die Sammlung aufgenommen und wir bemühten uns auch um weitere Kooperationen: So dokumentierten wir vorhandene Namen, um bei Anfragen an andere Institutionen weiterleiten zu können, z.B. an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), die Exilbibliothek im Literaturhaus, die Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien. Damit bleibt die Eigenständigkeit der anderen Sammlungen gewahrt, biografiA fungiert als Vermittlungsplattform.

 

Welche Informationen können Nutzer_innen in biografiA finden?

 

Die Datenbank umfasst derzeit rund 20.000 biografische Datensätze in unterschiedlicher Ausarbeitungsqualität. Sie reichen von rudimentären Informationen bis hin zu ausführlichen, speziell für biografiA verfassten, Texten mit Werkverzeichnissen. Die geografischen Grenzen wurden in der Datenbank als Österreich in den jeweils historischen Grenzen definiert. Das Kategorienschema der Datenbank wurde nach geschlechtssensiblen Kriterien entwickelt. Grundlegend für die Dokumentation von Frauenleben ist z.B. die Möglichkeit, Namensänderungen recherchierbar zu machen. Neben der Darstellung der Ausbildung ist für uns auch die Herausarbeitung der versteckten Arbeit von Frauen von großem Wert. Also all jene Bereiche, welche nicht über die Daten des offiziellen Lebens erschließbar sind, wie etwa die ehrenamtliche Tätigkeit in Vereinen. Momentan existiert im Internet eine Bestandsliste der ‚aufgenommenen Frauen‘, die in größeren Abständen aktualisiert wird. Die lokale Datenbank steht am Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) in Wien allen InteressentInnen zur Verfügung. Es kann eigenständig recherchiert oder eine Anfrage an das Projektteam gestellt werden.

 

Mit welchen Quellen werden Frauen sichtbar?

 

Mit einem geschlechtersensiblen Blick werden Frauen in unglaublich vielen Bereichen sichtbar. Aber der traditionelle Wissenschaftskanon lässt da immer noch sehr viel offen. Es gibt bezüglich der Quellenlage natürlich Unterschiede, ob zum Mittelalter oder zur Wissenschaftsgeschichte geforscht wird. Bei der Auseinandersetzung mit Wissenschaftsgeschichte könnten in den Universitätsarchiven Studiengänge nachverfolgt, Rigorosenakten und Dokumente zu Berufungsverfahren eingesehen werden. Bei der Sichtung von (historischen) Dissertationen ist es aus feministischer, wissenschaftskritischer Perspektive interessant, welche Literatur verwendet wurde und wie sich Wissenschaftstraditionen bildeten oder Forschungsstränge wieder verloren haben. Bei Forschungen zu Widerstand konnten wir u.a. die Erkennungsdienstliche Kartei der Gestapo aus dem DÖW in die Datenbank integrieren, ebenso wie Prozessakten. biografiA dokumentiert aber die Ergebnisse der jeweiligen Forscherin nur und betreibt kein Archiv, in dem Quellenmaterial aufbewahrt wird.

 

Hat sich die Dokumentationsarbeit in den letzten Jahren verändert?

 

Durch die Einbeziehung der EDV gibt es mittlerweile eine immense Erweiterung der Möglichkeiten, da wir große Datenmengen recherchierbar machen können. Es gab bei biografiA immer die Vorstellung, die eigene Arbeit nicht lediglich auf das Sammeln von Fakten zu beschränken, sondern mit Publikationen, Arbeitskreisen und Tagungen an die Öffentlichkeit zu treten – dies auch schon im Arbeitsprozess, um zur Mitarbeit anzuregen. Wir versuchen in unserer Arbeit die Leitprinzipien der Gründungsphase der Frauenforschung in den 1970er-Jahren – Parteilichkeit und Solidarität, Subjektivität und Betroffenheit – nicht ad acta zu legen, diese aber bei der Erforschung und Dokumentation von ‚weiblichen Biografien‘ theoretisch zu reflektieren. In der Datenbank gibt es z.B. ein eigenes Eintragsfeld, das Platz für die kritische Betrachtung der jeweiligen Biografie ermöglicht. Im Band Wissenschafterinnen in und aus Österreich haben wir die werkbezogene Auseinandersetzung in den Vordergrund gestellt. So sollte verhindert werden, die Interpretation von privaten Lebensumständen für die Beurteilung des wissenschaftlichen Wirkens zu instrumentalisieren. Ich sehe es als einen Vorteil der Frauen- und Geschlechterforschung an, dass diese auf eine große Methodenpluralität verweisen kann, interdisziplinär ausgerichtet ist und einen Fixpunkt in den Theorien der Geschichtswissenschaften bildet.

 

Wissen Sie, wer die Datenbank vor allem benutzt? Wie machen Sie diese einer breiteren Öffentlichkeit bekannt?

 

Nur ein sehr kleiner Anteil unseres Biografienbestandes – etwa 350 Frauen – ist mit Volltext im Internet verfügbar, daher landen alle Anfragen zu Namen, die in der im Internet verfügbaren ‚Liste der aufgenommenen Frauen‘ aufscheinen, direkt bei uns. Wir stellen dann gerne unsere Daten beinahe uneingeschränkt zur Verfügung. Wir bitten dabei auch die ForscherInnen stets um Ergänzung der Daten, was oft geschieht und eine wichtige Quelle ist. Das vorrangigste Element der öffentlichen Präsenz ist sicherlich der Internetauftritt, neben ForscherInnen werden auch sogenannte FamilienforscherInnen auf uns aufmerksam, mit denen sich oftmals ein reger Austausch entwickelt. Zuletzt entstand im Anschluss an Forschungen zum Widerstand einer Familienangehörigen eine sehr engagierte Matura-Arbeit. biografiA ist auch im Internetportal youngscience.at vertreten, wo u.a. Themen für Abschlussarbeiten im Schulbereich präsentiert werden.

 

Welche Forschungsprojekte werden zurzeit im Rahmen von biografiA durchgeführt?

 

Susanne Blumesberger führte Projekte zu unterschiedlichen Aspekten der vorwiegend jüdischen Frauengeschichte durch, zugleich arbeitet sie im Feld der Kinderund Jugendbuchforschung. Ein anderer Fokus liegt im Bereich der Wissenschaftsgeschichte, wo mehrere Projekte durchgeführt wurden: zu Naturwissenschafterinnen mit Brigitte Bischof oder zu Wissenschafterinnen mit Brigitta Keintzel. Ein weiteres Projekt – Frauenbiografische Studien zur österreichischen Wissenschaftsgeschichte – wurde kürzlich unter Mitarbeit von Nastasja Stupnicki abgeschlossen, hierin finden sich auch Wissenschafterinnen, die wesentlich für die Entwicklung und Etablierung der Frauen- und Geschlechterforschung an den Universitäten gewirkt haben – etwa Edith Saurer, Herta Nagl-Docekal oder Eva Kreisky. Ebenso wurde der Bereich Exil und Emigration eröffnet, um Biografien von Frauen aufzunehmen, die aus Österreich flüchten mussten und in den Exilländern wissenschaftlich tätig wurden. Meine jüngsten Forschungen bewegen sich rund um die ForscherInnengruppe um Charlotte Bühler, wo mich die neue Art der Wissenschaftsorganisation und -kommunikation interessiert. Ein Projekt, das wesentliche Elemente von biografiA in sich vereint, ist das Projekt Österreichische Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, an welches kleinere Projekte anschließen, u.a. Austrofaschismus und Rote Hilfe. Einerseits verstecken sich die Leistungen von Frauen oftmals in den Biografien der Männer, dies gilt besonders für den organisierten Widerstand im politischen und militärischen Bereich. Andererseits werden bzw. wurden viele Widerstandsaktivitäten von den Frauen selbst nicht als solche wahrgenommen oder in der Rückschau bagatellisiert.

 

Erforschen Sie auch Täterinnen und wie gehen Sie mit dieser Frage in Ihrer Arbeit um?

 

Es wurde noch kein spezielles Projekt zu dieser Thematik durchgeführt. Wir haben aber im Rahmen unserer Dokumentationsarbeit einige Namen aufgenommen und auch im Lexikon biografiA berücksichtigt. Spontan fallen mir Namen von Am Spiegelgrund tätigen Ärztinnen ein, auch eine KZ-Aufseherin ist in der Datenbank zu finden. Im Bereich Wissenschaftlerinnen wurden Biografien von Frauen aufgenommen, die während des Nationalsozialismus tätig waren. So findet sich im Beitrag über die Psychologin Hildegard Hetzer eine kritische Besprechung ihrer Laufbahn zur Zeit des Nationalsozialismus. Zu erwähnen wäre hier auch die Biografie der Historikerin und überzeugten Nationalsozialistin Hedwig Fleischacker, die gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Hans Uebersberger im Bereich der osteuropäischen Geschichte forschte. Es gibt Forscherinnen und Forschungsbereiche, die nicht auf den ersten Blick ideologisch besetzt sind – Pflanzenphysiologinnen, Biologinnen, Anthropologinnen –, bei denen jedoch die Frage zu stellen ist, wie mit dem stattgefundenen Zuarbeiten zu einem mörderischen, totalitären Regime umzugehen ist.

 

Wie kommt es zu einem Forschungsprojekt?

Vorschläge für Projekte können jederzeit und von allen Interessierten an uns herangetragen werden. Wir überlegen dann gemeinsam, wie eine Finanzierung im Rahmen von biografiA möglich ist.

 

Welche Publikation und welche Projekte sind als nächstes geplant?

In Kürze erscheint das ‚Hauptwerk‘ des Projekts, das Lexikon biografiA in vier Bänden. Für die Druckversion wurde der zeitliche Rahmen mit dem Geburtsjahr 1938 eingeschränkt, da der ‚Anschluss‘ als markanter Einschnitt für die bis dahin erreichten emanzipatorischen Errungenschaften von Frauen erkannt wurde und für viele Frauen tragische Entwicklungen ihres individuellen Lebens bewirkte. Insgesamt wurden 6.367 Biografien aus dem Gesamtbestand für die Printversion ausgewählt und redaktionell bearbeitet. Im Rahmen der Druckförderung durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) werden diese überdies als open access zur Verfügung stehen. Kurz vor Publikation steht der Folgeband des Buches Wissenschaftlerinnen in und aus Österreich. In Druck befindet sich auch der Band Österreichische Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Kurz vor der redaktionellen Fertigstellung ist der Tagungsband Stella Klein-Löw (1904–1986). Erlebtes und Gedachtes.

 

Gibt es Grenzen, an die Sie mit den Forschungen für die Datenbanken stoßen?

Inhaltliche Grenzen sehe ich momentan nicht. Eine angedachte und wichtige Ausweitung in den osteuropäischen Raum könnte an der mangelnden Sprachkompetenz im Bereich der (süd-)osteuropäischen Sprachen Schwierigkeiten hervorrufen. Zum Vergleich: Das Österreichische Biographische Lexikon, welches Biografien aus allen Ländern der Monarchie in ihre Bände aufnimmt, hat AutorInnen in den jeweiligen Ländern zur Verfügung, damit kann biografiA leider nicht aufwarten. Erheblich dramatischer ist allerdings der Bereich der Finanzierung des Projekts, der ziemlich ausgedünnt ist. Momentan sind alle Projekte inhaltlich und finanziell abgeschlossen. Es existiert derzeit lediglich eine geringfügige Anstellung – und ehrenamtliche Tätigkeit.

 

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft des Projekts?

In der Darstellung möglichst vieler individueller Lebensläufe steckt widerständiges Potenzial. Indem unterschiedliche Lebensweisen aufgezeigt werden, verdeutlichen sich Veränderungsmöglichkeiten der eigenen Lebenswelt. Es gibt ein hohes Ausmaß an Engagement von Frauen, sei es im politischen, kulturellen oder wissenschaftlichen Bereich, aber auch an Lebensschicksalen, die wir nach und nach ans Licht bringen. Diese Arbeit hat gesellschaftspolitische Relevanz. Wichtig wäre eine Ausdehnung der Sammlung auf den ost- bzw. südosteuropäischen Raum, wo es traditionell starke Beziehungen speziell zu Wien gibt. Weitere wichtige Bereiche sind Fragen der Erinnerungsliteratur und des Exils. Zwischen biografiA und der FrauenAG der österreichischen Gesellschaft für Exilforschung besteht bereits eine inhaltliche und personelle Verwobenheit, die wir im Rahmen weiterer Zusammenarbeit fortsetzen wollen.

 

Das Gespräch führten Veronika Duma und Veronika Helfert.

 

Veronika Duma

Projektmitarbeiterin am Institut für Geschichte an der Universität Wien, Projekt: Rosa Jochmann – Eine biografische (Re-)Konstruktion aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive.

 

Veronika Helfert

Studium der Geschichte und Deutschen Philologie in Wien und Sevilla, gegenwärtig Universitätsassistentin für Geschichte der Neuzeit und für Frauen- und Geschlechtergeschichte am Institut für Geschichte an der Universität Wien. Dissertationsprojekt Zur Frauen- und Geschlechtergeschichte der Rätebewegung in Österreich im europäischen Kontext, 1917–1924.

 

Ilse Korotin

Studium der Philosophie und Soziologie an der Universität Wien, Leiterin der Dokumentationsstelle Frauenforschung am Institut für Wissenschaft und Kunst sowie des multimodularen Forschungs- und Dokumentationsprojekts biografiA – Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen.

 

Weitere Informationen:

www.iwk.ac.at/staff-members/ilse-korotin

www.biografia.at

www.exilforschung.ac.at/pdocs/frauenag.php

www.frida.at