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Ausgabe 2/15


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vor.gelesen | Rezensionen

Peršman

Lisa Rettl/Gudrun Blohberger, Hg., Wallstein Verlag, Göttingen 2014

 

Vor siebzig Jahren, am 25. April 1945, ermordeten Angehörige eines SS- und Polizeiregiments elf am Peršmanhof lebende Personen, darunter Kinder und alte Menschen. Der im Süden von Kärnten/Koroška liegende Peršmanhof war einer der vielen Rückzugspunkte der dort gegen Wehrmacht und SS kämpfenden PartisanInnenverbände. Das niemals bestrafte Verbrechen auf den Gelände des Peršmanhof stellt den Angelpunkt des umfangreichen Buches und der dazugehörenden Ausstellung am Tatort dar. Gleichzeitig ist er Ausgangspunkt weiterer Ausführungen, nicht zuletzt zur Geschichte der kärntnerslowenischen Minderheit in Kärnten/Koroška, deren Verfolgungsgeschichte vor und während des Nationalsozialismus, und des dortigen Verbrechens als Beispiel nationalsozialistischer Endphaseverbrechen.

 

Das sehr gut lesbare Buch, dessen Texte durchgängig zweisprachig (deutsch und slowenisch) gehalten sind, unterteilt sich in drei Abschnitte. In einem ersten Text wird das Massaker am Peršmanhof in großer Detaildichte dargestellt, unter Einbeziehung zahlreicher Quellen und sorgsamer Abwägung der komplizierten Quellenlage. Der Beitrag von Claudia Kuretsidis- Haider liefert eine umfassende Nachzeichnung der strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Täter nach der Befreiung – und stellt damit das Thema auch in den Kontext der österreichischen Nachkriegsjustiz. Daran schließt ein Beitrag zur militärischen Einheit der Täter an, der über die soziale Zusammensetzung und inneren Verhältnisse aufklärt und darüber hinaus grundsätzliche Überlegungen zur TäterInnenschaft im Nationalsozialismus anstellt. Die Entwicklung des Tatorts zu einem Gedenkort und Museum bis hin zu einem Ort von Vermittlung und Austausch, wird in einem den ersten Teil abschließenden Artikel, der im Besonderen den an österreichischer und Kärntner Vergangenheitspolitik Interessierten ans Herz gelegt sei, beleuchtet. In einem zweiten Teil werden Einblicke in die 2012 neu bzw. wieder eröffnete (und im Juni 2015 mit dem Hans-Maršálek-Preis ausgezeichnete) Ausstellung im Museum gegeben. Die Vermittlung erfolgt durch kurze Beschreibungstexte, Impressionen, Eindrücke und Fotografien von und aus der Ausstellung. Der dritte Abschnitt des Buches stellt die Ausstellungsdokumentation dar. Sämtliche Thementexte der Ausstellungen, samt Bildern und Bildtexten, sind abgedruckt und verdeutlichen den großen Umfang des jetzigen Museums. Allerdings kann trotzdem der räumliche Eindruck der Ausstellung selbst nicht wiedergegeben werden, nicht zuletzt weil die dort dargebotenen Hörbeispiele fehlen. Im Besonderen die Art der Aufbereitung der zahlreichen Bilder und Karten, nebst Biografien und weiteren Erklärungstexten, verweisen auf die wissenschaftliche und inhaltliche Sorgsamkeit der Herausgeberinnen.

 

Das Buch stellt eine ausgezeichnete Ergänzung zur Ausstellung dar, sowohl als ausführliches und inhaltliches Unterfutter, als auch als Dokumentation und Reflexion über die Ausstellung, ihrer Vor- und Entstehungsgeschichte und ihrer Wirkung auf lokaler, regionaler, nationaler und transnationaler Ebene. Der Punkt der Ergänzung soll unterstrichen sein – denn nur eines kann das Buch nicht: einen Besuch des Peršmanhofs ersetzen.

 

Mathias Lichtenwagner

 

 

Wer war Klara aus Šentlipš/St. Philippen? Kärntner Slowenen und Sloweninnen als Opfer der NS-Verfolgung. Ein Gedenkbuch

Brigitte Entner, Drava Verlag, Klagenfurt/Wien – Celovec/Dunaj 2014

 

Die Historikerin Brigitte Entner nimmt in ihrer 2014 veröffentlichten Publikation Wer war Klara aus Šentlipš/St. Philippen? eine von der slowenischen Dichterin Milka Hartman aufgeworfene Frage zum Ausgangspunkt, um sich mit den kärntnerslowenischen Opfern des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. In einer slowenischsprachigen Textsammlung hatte die Lyrikerin bereits 1946/47 gefragt, wer denn diese Klara aus Šentlipš/St. Philippen gewesen sei, die im Lager ums Leben gekommen ist. Klaras Lebensgeschichte steht somit symbolisch für all jene, deren Schicksale bis heute unzulänglich bis gar nicht aufgearbeitet wurden und somit auch aus der Erinnerung und dem Gedenken ausgeschlossen geblieben sind. Die Publikation ist dabei zwischen Gedenkbuch und Dokumentation einzuordnen. Die akribische Recherchearbeit und Spurensuche führte die Historikerin neben Archiven in Österreich und Deutschland auch in zahlreiche Dörfer, Häuser, Höfe, Wohnungen und zu Gesprächen mit Angehörigen und Hinterbliebenen. In der Publikation trägt die Autorin die verschiedensten Geschichten von Menschen zusammen, die den NS-Gräueltaten zum Opfer fielen. So gelang es Entner unter anderem die rund 300 bislang bekannten Namen der Opfer des NS-Terrors in den Reihen der kärntnerslowenischen Minderheit um eine Vielzahl weiterer, lange Zeit verschollener Namen, zu ergänzen. In Form von Kurzbiografien werden nicht nur die Lebensgeschichten rekonstruiert und den Opfern ein Name und, durch ergänzendes fotografisches Material, teilweise auch wieder ein Gesicht gegeben, sondern ihre Schicksale vor allem vor dem Vergessen bewahrt. Darüber hinaus geben die individuellen Leidenswege aber auch einen umfassenden Überblick über die Geschichte der kärntnerslowenischen Minderheit während des Nationalsozialismus indem – historisch kontextualisiert – die Vielzahl von Verfolgungsmaßnahmen, denen Kärntner SlowenInnen ausgesetzt waren, festgemacht werden. Zudem wird in der Forschungsarbeit ein äußerst differenzierter Blick auf die Germanisierungspolitiken der NationalsozialistInnen, die Zwangsaussiedlungen ab 1942, die Funktionsweisen des PartisanInnenwiderstands und den unterschiedlichen Tötungsarten, die von Köpfen bis zur Ermordung durch Gas reichten, geworfen. Damit fügt die Autorin ein facettenreiches Puzzle kärntnerslowenischer Geschichte zusammen.

 

Die Gründe, warum eine derartige Publikation erst 70 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, sind vor allem im österreichischen Umgang mit der Minderheit nach 1945 zu suchen. Gerade durch die von antislawischen und antislowenischen Ressentiments geprägte ‚Gedenkkultur‘ in Kärnten/Koroška, aber auch in Österreich generell wurden den Opferverbänden und Minderheitenorganisationen immer wieder Steine in den Weg gelegt, die ein angemessenes Gedenken an die Opfer verunmöglichten. Die Forschungsarbeit sticht somit auch deswegen hervor, weil es sich um eine erste systematische Untersuchung handelt, die einen umfassenden Überblick über die facettenreiche Bandbreite der 564 inzwischen bekannten Opfer innerhalb der kärntnerslowenischen Minderheit aufzeigt. Wenngleich davon auszugehen ist, dass es sich bei dieser Zahl um keine endgültige handelt, stellt die Publikation doch einen immens wichtigen und längst überfälligen Schritt hin zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte der kärntnerslowenischen Minderheit dar.

 

Judith Goetz